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Heft 4-2023 | KI und die Zukunft der Arbeit
Aufnahme! BITTE RUHE!
Foto: Bernd Lammel
100 Jahre Radio

Aufnahme! BITTE RUHE! 

Wenn im Hörspielstudio im Haus des Rundfunks in der Berliner Masurenallee ein Hörspiel produziert wird, leuchtet am Studioeingang seit mehr als 90 Jahren der Schriftzug auf: „BITTE RUHE!“ Das Hörspielstudio, in dem Regisseure und Tonmeister, Schauspieler und Schauspielerinnen schon vor neun Jahrzehnten Hörspiele produzierten, ist bis heute ein Juwel des Hörfunks.

Den historischen Background des Hörspielstudios schätzen auch die Mitglieder der heutigen Hörspielredaktion des rbb. Mit viel Herzblut arbeiten sie an neuen Produktionen und verwandeln in diesem geschichtsträchtigen Studio Geschichten in Hörspiele. In einem Umfeld, das selbst viele spannende Geschichten zu erzählen hat.

Das Studio in der Masurenallee wurde als Hörspielkomplex vom Architekten Hans Poelzig – gespiegelt zum kleinen Sendesaal – geplant und projektiert. Er hatte mit seinem ­Entwurf für das Haus des Rundfunks den Architektenwettbewerb gewonnen und wurde von der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) im Jahr 1927 mit dem Projekt beauftragt, weil die RRG seine Erfahrungen in der Bauakustik am Großen Schauspielhaus wertschätzte. Zudem hatte sich der Architekt bereits beim Konzertsaal Breslau und als Professor der Akustik-Architektur an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg großes Renommee erworben. Am 22. Januar 1931 wurde das Haus des Rundfunks mit dem großen und kleinen Sendesaal und einem seinerzeit hochmodernen Hörfunkstudio eröffnet. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 nutzte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels nicht nur die Sendesäle, sondern auch das Hörspielstudio, das am 30. Oktober 1933 seinen Betrieb aufnahm, um das Volk via Mikrofon mit Nazi­ideologien aufzuhetzen. Die Geschichte des Hörspielkomplexes, in dem zu Beginn Live-Hörspiele produziert wurden, lässt sich bis in die Zeit nach dem ersten Umbau in den Jahren 1934–1936 belegen.

Andreja Andrisević, die in der heutigen Hörspielredaktion die Besetzung verantwortet, sagt: „Im Hörspielstudio im Haus des Rundfunks wurden zwei der berühmtesten deutschen Hörspiele produziert: ‚SOS … rao rao … Foyn – Krassin rettet Italia‘ von Friedrich Wolf. Es ist das erste vollständig erhaltene Hörspiel aus dem Jahr 1929 und beruht auf einem authentischen Fall. ‚SOS … rao rao … Foyn‘ ist der Funk-Notruf des italienischen Luftschiffes Italia, das bei der Überfliegung des Nordpols nahe der Foyn-Inseln abgestürzt ist. Hilfe kommt vom sowjetischen Eisbrecher Krassin. Das Hörspiel ist, wie sein Autor, hochpolitisch.“

Das zweite Hörspiel, „Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ von Alfred Döblin, das parallel zu setzen ist mit „Berlin Alexanderplatz“, spielt 1929/30 in Berlin. „Dieses Stück ist damals zwar produziert, aber aus politischen Gründen gar nicht gesendet worden. Es kamen darin Sätze vor, die dem Aufsichtsgremium zu politisch waren, denn es wurden die Krisen der Weimarer Republik thematisiert“, erklärt Juliane Schmidt, Redakteurin und Dramaturgin, die seit 2005 in der Hörspielredaktion arbeitet. „SOS … rao rao … Foyn“ und „Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ legten quasi den Grundstein für viele erfolgreiche Hörspielproduktionen, die in den vergangenen neun Jahrzehnten im Hörspielstudio produziert wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg besetzte der sowjetische Major Popow am 2. Mai 1945 das Haus des Rundfunks, das sich im alliierten britischen Sektor befand. Bis 1950 gehörte es zu dem von der sowjetischen Besatzungsmacht kontrollierten Berliner Rundfunk. Über die Sektorengrenzen verbrachten die Sowjets alle technischen Einrichtungen aus dem Haus des Rundfunks, die für den Rundfunkbetrieb wichtig waren, um sie im neu gebauten Funkhaus an der Nalepastraße im Osten Berlins einzubauen.

In den 1950er-Jahren wurde im Haus des Rundfunks wieder eine Hörspielredaktion aufgebaut. Man kooperierte mit Theatern und produzierte Theatermitschnitte, die im Radio als Hörspiel gesendet wurden. Nach und nach kamen auch wieder Original-Hörspielproduktionen hinzu. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurden immer mehr und umfangreichere Hörspiele produziert. Es war eine sehr produktionsintensive Zeit fürs Hörspiel. Nach der Fusion von ORB und SFB im Jahr 2003 sank die Zahl wieder.

Das Hörspielstudio, das in die Jahre gekommen war, wurde 2005 räumlich und technisch modernisiert. Der Hörspielkomplex ist als Haus-in-Haus-Konstruktion von den Umgebungsgeräuschen, die auf der Masurenallee herrschen, abgekoppelt. Mit dem Umbau entstand ein großer Aufnahmeraum mit längerer Nachhallzeit und es wurde eine Treppe mit unterschiedlichen Belägen eingebaut. Der mittelgroße Aufnahmeraum verfügt jetzt über verstellbare Wandelemente, damit die Akustik angepasst werden kann. Um die Tonaufnahmen zu optimieren, entschied man sich für weitere Einbauten wie eine Küche und eine Toilette. Alle Räume besitzen parallele Wände, um Flatterchaos (periodische Folge von Echo) zu verhindern. Ein reflexionsarmer Raum ermöglicht hallfreie Aufnahmen, die in der Produktion für die Nachbildung einer Akustik außerhalb geschlossener Gebäude nötig sind. Im reflexionsarmen Raum erzeugen unterschiedliche Bodenbeläge wie Holzdielen oder Kies realistische Akustiken. Die Räume sind über Studiofenster mit dem Regieraum verbunden. So ist ein perfektes Zusammenspiel der Schauspielerinnen und Schauspieler mit den Toningenieuren und Hörspiel-Regisseuren während er Aufnahme möglich.

Seit acht Jahren leitet Jens Jarisch, der auch „Executive Producer Podcasts“ beim rbb ist, das Podcast-Team. Er arbeitet beim Hörspiel eng mit Juliane Schmidt zusammen. Beide planen zukünftige Hörspielproduktionen und konzentrieren sich aufs Audio, also das Hörerlebnis und eine perfekte Dramaturgie, damit das Publikum zuhören und nicht abschalten will. Jarisch weiß aber, dass die Zukunft auch beim Hörspiel digital sein wird. Früher richtete sich die Ausstrahlung nach dem Sendeplatz, das heißt, jedes Hörspiel war mehr oder weniger 54 Minuten lang, so lang, wie der Sendeplatz war.

Im Digitalen werden Hörspiele vom Publikum anders angenommen als bei einer linearen Sendung. Darauf muss sich das zwanzigköpfige Podcast-Team einstellen. „Wenn wir eine Hörspielproduktion als Podcast ins Netz stellen, landet der zunächst im Nirwana, denn niemand weiß, dass es diesen Podcast mit einem Hörspiel gibt. Man muss ihn vernetzen und sich das Publikum „beschaffen“, durch Cross-Promo, durch Marketing oder andere Podcasts, die sich bereits ein Publikum erobert haben“, sagt der Podcast-Producer. Hinzu käme, dass Hörspiele relevante und spannende Themen an die Hörer transportieren und verschiedene Genres bedienen. Manche mögen Krimis, andere Sound Art, einige mögen die kleinen, feinen Geschichten, wieder andere typische Gassenhauer. „Für alles muss im digitalen Bereich das richtige Publikum gefunden werden. Und deswegen sagen wir: Der Inhalt macht im Podcast nur 50 Prozent der Bedeutung aus, die anderen 50 Prozent sind Distribution“, erklärt Jens Jarisch. Wichtig sei daher auch, das richtige Maß zu finden.

Jarisch: „Wir können mit einer zehnteiligen Serie mit halbstündigen Folgen mehr Erfolg haben, als wenn wir das Gleiche in fünf Folgen à 60 Minuten anbieten. Viele Menschen hören Hörspiele im Auto auf dem Weg zur Arbeit, und dafür sind 30-Minuten-Folgen optimal.“

Im Digitalen stelle sich die Frage, auf welcher Plattform welches Publikum angesprochen werde. Dafür sei die ARD-Audiothek ein gutes Forum. Über ein Drittel der gesamten Nutzung entfiele aufs Hörspiel, also sei das Hörspiel in einer überproportionalen Nutzung in der ARD-Audiothek vertreten. Jens Jarisch sieht die Zukunft optimistisch: „Es fällt uns zunehmend leichter, unser Publikum zu finden. Denn wir wollen uns mit kritischen, hochwertigen und unterhaltsamen Produktionen auf dem deutschen Podcastmarkt behaupten. Mit unserem ‚Pod­cast Update‘ bieten wir zum Beispiel eine kuratierte Auswahl mit dem ein oder anderen Geheimtipp, Newcomer oder Alltime Favorite, und wir hoffen, dass wir damit ein großes Publikum ansprechen können.“

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