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Mit Übermedien über Medien reden
Foto: Bernd Lammel
Interviews

Mit Übermedien über Medien reden 

Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz haben es geschafft: Sie sind seit diesem Jahr ­Medienunternehmer. Ihre Seite Übermedien, den meisten Lesern wohl als „Uebermedien“ bekannt, trägt sich. Ein Redaktionsleiter wurde eingestellt, es gibt einen festen Stamm von freien Mitarbeitern. Medienkritik als Fulltimejob. Ein Interview.

? Kurz nach der Gründung von Übermedien haben wir schon einmal ein Interview mit Euch geführt. Damals hattet Ihr den Wunsch, dass Ihr von der Medienkritik-Website gut leben könnt. Ist Euer Wunsch in Erfüllung gegangen?

! Boris Rosenkranz: Ja. Wir können davon leben. Übermedien ist in den vergangenen – fast – fünf Jahren gewachsen. Wir sind mit der Entwicklung und dem derzeitigen Stand sehr zufrieden.

? Geht es etwas genauer?

! Boris Rosenkranz: Wir konnten Anfang 2020 einen Redaktionsleiter fest einstellen, haben inzwischen fast 5 000 Abonnentinnen und Abonnenten und finanzieren uns gut. Das kann so weitergehen.

Stefan Niggemeier: Es reicht für uns, und wir können dem Redaktionsleiter ein ordentliches Gehalt zahlen. Und: Wir zahlen den freien Mitarbeitern Honorare – von Anfang an.

? Wie viele freie Mitarbeiter schreiben für Übermedien?

! Boris Rosenkranz: Es gibt Autorinnen und Autoren, die häufiger schreiben und die deshalb enger an Übermedien angebunden sind, und es gibt welche, die nur ab und an einen Gastbeitrag schreiben. Seit der Gründung sind es etwa hundert Autorinnen und Autoren gewesen.

Stefan Niggemeier: Ich würde sagen, es ist ein gutes Dutzend Autorinnen und Autoren, die zum festen Stamm gehören.

Boris Rosenkranz: Im Moment schreiben einige feste Kolumnistinnen und Kolumnisten für Übermedien – zum Beispiel Samira El Ouassil und Michalis Pantelouris, der auch lange die Kolumne „Bahnhofskiosk“ geprägt hat. Außerdem gibt es zwei Kollegen, die sich der Podcast-Kritik widmen.

? Fühlt Ihr Euch noch als Journalisten oder schon als Medienunternehmer?

! Stefan Niggemeier: Medienunternehmer sind wir schon mit der Unternehmensgründung von Übermedien geworden – das fühlte sich auch so an, als wir beim Notar saßen, um die GmbH beurkunden zu lassen. Neu ist tatsächlich, dass wir inzwischen auch Arbeitgeber geworden sind, weil wir einen Redaktionsleiter eingestellt haben. Ich hätte mir nie wirklich vorstellen können, dass ich mal Arbeitgeber sein würde! Jürn Kruse ist aus einer Festanstellung bei der taz zu uns gekommen. Ich fand das einen besonderen Moment der Verantwortung.

? Ihr habt nicht eine Minute gezögert und gedacht, das Risiko könnte zu groß werden, wenn Ihr expandiert?

! Stefan Niggemeier: Naja, wir sind ja noch nicht auf dem Weg zu einem Großkonzern. Und dass Übermedien mehr sein soll als ein kleines Hobbyprojekt, stand von Anfang an fest.

Boris Rosenkranz: Knapp fünf Jahre nach der Gründung von Übermedien war es höchste Zeit, dass jemand in unser Team kommt, der uns unterstützt. Aber ich glaube auch, wenn wir beide in uns gehen, sind wir immer noch mehr Journalisten als Unternehmer. Wir denken lieber über gute Texte und Videos nach als über Zahlen.

Stefan Niggemeier: Wir sind noch mitten im Lernprozess. Wir wollen weiter wachsen und wenn möglich weitere Kollegen – und vor allem Kolleginnen! – einstellen. Und wir wollen noch professioneller arbeiten.

Boris Rosenkranz: Und natürlich werden wir auch ein Verlagshaus für Übermedien bauen, weil sich das gerade steuerlich bestimmt gut rechnet.

? Die Medien stecken schon länger in einer großen Krise – besonders die Tageszeitungen, von denen es möglicherweise in vier bis fünf Jahren viele nicht mehr geben wird. Ihr expandiert – geht die Krise an Euch vorbei?

! Stefan Niggemeier: Es ist tatsächlich so, dass die Krise an uns vorbeigeht. Als wir mit Übermedien gestartet sind, haben wir sehr bewusst entschieden, dass wir uns mit Abonnenten finanzieren wollen und nicht mit Werbung. Was wir nicht auf dem Zettel hatten: dass sich diese Entscheidung knapp fünf Jahre später als Glücksfall in der Krise herausstellt. Wir haben keine Werbeeinbrüche, und unsere Abozahlen wachsen – trotz Krise. Unser Geschäftsmodell ist tatsächlich ein Glücksfall.

Boris Rosenkranz: Im Moment sind wir sehr entspannt und sehr optimistisch, aber wir wissen auch nicht, ob das in Zukunft so weitergeht oder ob wir die Wirtschaftskrise nicht doch noch zu spüren bekommen.

Stefan Niggemeier: Es gibt auch bei uns Leser, die ihr Abo kündigen und uns schreiben: „Kann es mir gerade nicht mehr leisten, ich muss sparen.“ Aber das ist nicht erst seit Corona so, so etwas gab es vorher auch. Im Moment spüren wir da keine besondere Kündigungswelle.

? Offenbar gibt es genug Themen, die Eure Leser spannend finden?

! Boris Rosenkranz: Offensichtlich. Beispielweise die große Drosten-BILD-Auseinandersetzung neulich. Die war Thema in fast allen Medien, aber die Leute kommen zu uns, weil sie unsere Meinung dazu interessiert. Und einige bleiben dann und kaufen ein Abo.

? Niggemeier und Rosenkranz haben Übermedien zu einer Marke gemacht?

! Boris Rosenkranz: Auf jeden Fall.

? Die Marke Übermedien ist inzwischen fest etabliert?

! Boris Rosenkranz: Wichtig ist, dass es uns gelungen ist, die Marke Übermedien mit relevanten und spannenden Inhalten zu füllen. Und aus der Marke Übermedien gehen weitere Marken hervor. Die tolle Kollegin Samira El Ouassil zum Beispiel. Sie hat bei uns angefangen, Kolumnen zu schreiben, und ist inzwischen selbst eine sehr starke und sehr gefragte Marke. Schreibt für den Spiegel, wird auf Podien und in Sendungen eingeladen, kürzlich etwa zu Anne Will. Ganz großartig.

Stefan Niggemeier: Wir freuen uns sehr, dass sie die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient. Sie ist klug, schreibt gut und originell und hat Humor!

? Aber jede Marke braucht auch ein wenig Marketing. Seid Ihr dafür offen?

! Stefan Niggemeier: Ein Business-Fachmann würde sicher sagen, dass mehr Marketing gut für uns wäre, und uns vielleicht eine Kampagne empfehlen, auch mehr mit unserer Unabhängigkeit zu werben. Für uns ist immer noch der naheliegendere Gedanke, möglichst viel Energie und Herzblut in unsere Arbeit zu investieren – und dann zu hoffen, dass sich das rumspricht und auszahlt.

? Eure Zielgruppe sind Journalisten oder Medieninteressierte. Gibt es eine Statistik, wer genau eure Leser sind?

! Stefan Niggemeier: Unsere Zielgruppe sind definitiv die kritischen Mediennutzerinnen und -nutzer. Bei einer Umfrage unter unseren Abonnenten kam heraus, dass etwa ein Drittel beruflich etwas mit Medien zu tun hat. Wir freuen uns natürlich, wenn uns die Kolleginnen und Kollegen lesen, aber wir verstehen uns nicht als Branchendienst.

? Wenn Ihr Eure Zielgruppe erweitern wolltet, um noch mehr Leser zu erreichen. Würdet Ihr Euch auch anderen Medien öffnen – zum Beispiel Filmkritiken, um ein breiteres Publikum anzusprechen und die Abozahlen zu steigern?

! Stefan Niggemeier: Film eher nicht, aber andere Medien auf jeden Fall. Wir wollen uns stärker auch dem widmen, was zum Beispiel auf YouTube, TikTok oder Instagram passiert – über YouTube hatten wir am Anfang schon mal eine Kolumne.

Boris Rosenkranz: Es wäre gut und wichtig, dort die jüngere Generation anzusprechen, um sie für einen kritischen Blick auf Medien zu begeistern.

Stefan Niggemeier: Umso mehr hat es uns gefreut, dass Rezo uns in seinem Video über die Presse empfohlen hat – ein „Shoutout“!

? Bevor wir zu Rezo kommen: Wer entscheidet bei Euch über die Themen? Gibt es Themenkonferenzen? Entscheidet Ihr oder entscheidet der Redaktionsleiter?

! Boris Rosenkranz: Jeder bringt Themen mit und dann …

Stefan Niggemeier: … reden wir alle drüber. Wir sind nicht hierarchisch und besprechen alle Themen in der Redaktion. In Corona-Zeiten haben wir im Homeoffice tatsächlich jeden Morgen eine Konferenz gemacht und systematischer als sonst diskutiert: Welches Thema müssen wir exakter abklopfen? Welche Themen haben eine hohe Relevanz? Welche Themen könnten uns Abonnenten bringen?

Boris Rosenkranz: Es gibt auch mal ein Thema, das einem von uns ganz besonders am Herzen liegt, weil er sagt: „Hierfür kann ich mich begeistern“ oder: „Darüber ärgere ich mich ganz besonders“. Das können auch Themen sein, die vielleicht nicht so viele Leser finden und die sehr wahrscheinlich auch keine Abos generieren, aber wir machen solche Themen trotzdem, wenn sie uns wichtig sind.

? Es ist ein großer Luxus, wenn man das tun kann.

! Stefan Niggemeier: Ein sehr großer Luxus, und ich habe fast täglich dieses „Luxusgefühl“, wenn ich mir klarmache, welche Freiheiten wir haben, über das zu berichten, was wir für wichtig oder interessant halten.

? Ihr habt es geschafft, unabhängig zu bleiben?

! Stefan Niggemeier: Auf jeden Fall. Wir wollten nicht, dass uns ein Verlag sagt, was wir tun dürfen und was nicht. Unabhängigkeit ist ein Luxus – aber auch absolut fundamental für unsere Arbeit.

? Welche Voraussetzungen muss ein Autor haben, der für Übermedien schreiben möchte?

! Stefan Niggemeier: Erst mal ein interessantes Thema.

Boris Rosenkranz: Und eine Grundkompetenz in „Wie schreibe ich einen Text“.

Stefan Niggemeier: Jede interessierte Autorin oder jeder interessierte Autor kann uns gern Vorschläge schicken. Natürlich hilft ein neugieriger oder kundiger Blick auf die Medien: auf ihre Inhalte und wie sie entstehen.

Boris Rosenkranz: Thematisch sind wir zwar nicht festgelegt, aber die Medienthemen müssen schon eine gewisse Relevanz haben und dürfen nicht zu kleinteilig sein. Wir haben zwar kein niedergeschriebenes, aber schon ein inneres Raster, das wir bei der Entscheidung ansetzen

? Gibt es auch Themen, die Euch von Lesern angeboten werden?

! Boris Rosenkranz: Natürlich. Es gibt Leserinnen und Leser, die schreiben uns, sie seien über irgendeine Sache gestolpert, die wir uns mal ansehen sollen, und dann sind daraus schon oft gute Geschichten geworden.

Stefan Niggemeier: Es gibt aber auch Widerstand und Protest von Lesern, die sagen: „Warum schreibt Ihr das auf Übermedien, helft Ihr damit nicht der falschen Seite?“ Aber wir wollen Medien nicht aus einer bestimmten politischen Position heraus kritisieren. Es soll möglichst vielfältig sein.

? Trotzdem geht es auch um Haltung.

! Stefan Niggemeier: Mit dem Wort Haltung tue ich mich schwer. Oft ist unklar, was damit konkret gemeint ist, und schnell wird es missverstanden. Unter der richtigen „Haltung“ würde ich ganz elementare Dinge verstehen, die ein Journalist mitbringen sollte, wenn er für Übermedien schreiben möchte: neugierig, offen und kritisch zu sein.

? Und mutig? Ihr habt inzwischen ja ­einige „Feinde“.

! Stefan Niggemeier: Natürlich haben wir uns im Laufe der Zeit einige Lieblingsgegner erschrieben. Aber von Mut würde ich da nicht sprechen. Es ist doch einfach die Aufgabe von Journalismus, sich auch mit Leuten anzulegen, und ich habe nicht das Gefühl, dass man dafür bei uns besonders mutig sein muss.

? Journalismus scheint sich immer weniger finanzieren zu lassen. Sogar bei Springer werden mehr als 800 Journalisten „freigesetzt“. Die gehen entweder zum Amt oder in die PR. Wie erklärt Ihr Euch die Tatsache, dass nicht mehr Journalisten „vorbeugen“ und zum Beispiel kleine Medienunternehmen gründen, um sich ein zweites Standbein zu schaffen? Dass es mit dem Journalismus bergab geht, war ja schon seit Jahren sichtbar.

! Boris Rosenkranz: Wer über Jahre mit Festgehalt angestellt war, musste kein Risiko eingehen, und viele denken vielleicht: So schlimm wird es schon nicht werden. Natürlich ist es schon auch ein Schritt: einen Blog aufzusetzen, ihn mit Inhalt zu füllen, das kann jeder relativ schnell machen. Aber ein Medienangebot professionell und profitabel zu betreiben, ist etwas völlig anderes. Manche haben nicht den Mut, sich selbstständig zu machen, oder einfach keine Lust. Völlig okay. Als wir damals gründeten, sagten mir die Kollegen: „Dass du etwas Eigenes gründest, das würde ich mir nicht zutrauen.“ Aber warum eigentlich nicht?

Stefan Niggemeier: Klar war es auch für uns riskant zu sagen, wir verlassen die festen Strukturen eines Verlages oder Senders und machen unser eigenes Ding. Nur ist es inzwischen fast risikoreicher, irgendwo festangestellt zu sein und nicht zu wissen: Gibt es meinen Job morgen noch? Und in den vergangen zehn Jahren hat sich das Risiko weiter verschärft. Wer früher eine Festanstellung bei der FAZ hatte, ging davon aus, dass er die bis zur Rente sicher hat. Inzwischen glaube ich, dass selbst bei der FAZ viele Kollegen dieses Gefühl der Sicherheit heute nicht mehr haben.

? Bleiben wir noch bei der Finanzierung des Journalismus. Tichy oder Steingart sind zwei Medienunternehmer, die offenbar mit Journalismus Geld verdienen.

! Boris Rosenkranz: … und Steingart hat jetzt ein Schiff und hoffentlich immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Stefan Niggemeier: Steingart ist ja offenbar ziemlich erfolgreich mit seinen Podcasts und Newslettern. Ich verstehe nicht ganz, warum Leute das lesen oder hören wollen, aber das muss ich ja auch nicht. Ich habe Respekt davor, dass er etwas Eigenes aufbaut. Aber der nötige Mut und das Risiko sind natürlich deutlich kleiner, wenn sich herausstellt, dass sein Medienunternehmen von Springer mitfinanziert wird.

? Es hat ein „Gschmäckle“, wenn man Geld von Springer nimmt?

! Stefan Niggemeier: Vor allem hat es dann nicht die von ihm behauptete Unabhängigkeit. Schlimmer finde ich vor diesem Hintergrund, wie abfällig sich Steingart über werbefinanzierten Journalismus äußert, als disqualifiziere der sich von selbst. Man kann mit gutem Recht über die Probleme der Werbefinanzierung diskutieren, allerdings nicht, wenn man wie er aus einer fremdfinanziellen Luxus-Position kommt. Springer spart bei der „Welt“ und gibt das Geld Steingart. Das finde ich keine gute Position, um anderen vom hohen Ross Vorträge zu halten, wie man unabhängigen Journalismus betreiben muss.

? Auch der Medienunternehmer Tichy scheint Geld mit Journalismus zu verdienen. Immerhin soll die gedruckte Ausgabe von Tichys Einblick eine Auflage von 70000 Exemplaren haben.

! Stefan Niggemeier: Ich weiß nicht, wie viel Geld er damit verdient, aber auch nicht, wie viel das kostet. Zumindest online zahlt er, soweit ich weiß, den Autoren nicht unbedingt Honorare.

Boris Rosenkranz: Behält er das ganze Geld für sich?

Stefan Niggemeier: Ich weiß gar nicht, ob es „das ganze Geld“ gibt. Ist das wirklich ein großes Geschäft? Oder eher ideologisch getrieben? Gut, das schließt sich nicht aus: Es gibt eine Zielgruppe dafür, immer wieder und immer wütender gegen beliebte rechte Feindbilder zu schießen.

? Kommen wir zu Rezo, der kein Journalist ist, aber ein Geschäftsmodell hat, das immer öfter den Journalismus berührt – er ist ja inzwischen Autor bei der Zeit. Im Mai hat er sich medienwirksam mit dem Qualitätsmedium FAZ angelegt. Könnt Ihr Euch erklären, warum die FAZ auf die Kritik von Rezo zehn Tage später mit einem Antwortvideo regiert hat, das viele für wenig souverän hielten?

! Stefan Niggemeier: Ich würde es nicht so beschreiben. Aus Sicht der FAZ haben die sich total lockergemacht. Die wollten mit Rezo auf Augenhöhe diskutieren und haben das mit einem Video versucht. Früher wäre die klassische Reaktion der FAZ gewesen, einen Rezo komplett zu ignorieren und überhaupt nicht zu antworten. Von daher fand ich es gut, dass sie in die Auseinandersetzung gegangen sind – nur fehlte ihnen natürlich Übung.

? Was erstaunlich ist, weil der Redakteur, der die Antwort an Rezo eingesprochen hat, sehr jung ist.

! Stefan Niggemeier: Im Kern fand ich die Auseinandersetzung wichtig und gut, denn die FAZ versuchte, mit Rezo ins Gespräch zu kommen – mit Rezos Mitteln. Dass Rezo dabei besser aussah in der Produktion von YouTube-Videos ist keine wirkliche Überraschung, aber es kam Bewegung in die Diskussion. Im Nahkampf um einzelne Formulierungen, der in langen Excel-Tabellen geführt wurde, sah dann keiner wirklich gut aus.

? Wir können nicht über Medien reden, ohne auch die öffentlich-rechtlichen Sender zu thematisieren. Das peinlichste Beispiel, wie Journalisten in öffentlich-rechtlichen Sendern ihren Job möglichst nicht machen sollten, ist das Sommerinterview des rbb mit Andreas Kalbitz von der AfD. Es gab von vielen Seiten herbe Kritik, weil sich ein Rechtsextremist in der „Wohlfühlzone“ am See als Opfer des Verfassungsschutzes darstellen konnte. Macht man solche Leute mit solchen „journalistischen Formaten“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen salonfähig?

! Stefan Niggemeier: Ich finde, die grundsätzliche Frage ist schwierig zu beantworten: Sollen die Öffentlich-Rechtlichen, und in diesem Fall der rbb, mit Kalbitz, der ein vom Verfassungsschutz bestätigter Rechtsextremist ist, ein Interview führen? Er ist immerhin auch der Oppositionsführer im Landtag. Aber wenn man die Frage mit „Ja“ beantwortet, muss natürlich das „Wie“ geklärt werden. Dem Sender hätte klar sein müssen, dass ein Interview mit Kalbitz in der Wohlfühloase an einem See unangebracht ist. Ich würde mir wünschen, dass es ein Anlass wäre, diese Formate grundsätzlich zu hinterfragen, nicht nur bei AfD-Politikern. Auch im Hinblick auf die Bundestagwahl im nächsten Jahr.

? Wie stellt Ihr Euch die nächsten Jahre bei Übermedien vor?

! Stefan Niggemeier: Wir wollen wachsen und vielfältiger werden.

Boris Rosenkranz: Auf jeden Fall vielfältiger. 
Wir werden in letzter Zeit öfter gefragt, warum in unserem Team so wenige Frauen sind.

? Warum sind bei Euch so wenige Frauen?

! Boris Rosenkranz: Gute ­Autorinnen und Autoren zu finden, die Medienkritik machen wollen, ist generell nicht so leicht. Wir sind sehr daran interessiert, mehr Autor*innen bei Übermedien zu haben. Deshalb sagen wir bei fast jeder Gelegenheit und gern auch in diesem Interview: Schickt uns Themen, schickt uns Angebote, schreibt für uns!

? Gibt es etwas, was Ihr Euch als Medienunternehmer und Journalisten in den nächsten fünf Jahren wünscht?

! Boris Rosenkranz: Guten Journalismus und dass Übermedien weiter so erfolgreich ist.

Stefan Niggemeier: Allerdings möchte ich das nicht auf fünf Jahre begrenzen.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel

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