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Das Auge von St. Petersburg
Foto © Bernd Lammel
Ausland

Das Auge von St. Petersburg 

Alexander Petrosyan aus St. Petersburg arbeitet seit 1991 für nationale und internationale Magazine professionell als Fotograf. Seine einzigartigen Fotostrecken wurden in Newsweek, GEO, National Geografik, RussianReport, Business St. Petersburg, Money und News veröffentlicht. Für NITRO hat der im ukrainischen Liviv geborene Fotograf sein Archiv geöffnet. Seine Bilder zeigen Fotos aus der russischen Realität von St. Peterburg, 25 Jahre nach dem Ende des Sowjerreiches und dem Fall der Mauer.

Schon als Kind gern fotografiert

NITRO: Alexander, Sie arbeiten seit fast 30 Jahren als Fotograf. Ihre ersten Fotos haben Sie 1986 geschossen. Warum sind Sie Fotograf geworden?

Petrosyan: Sie könnten mich auch fragen: Warum leben Sie? Es ist die Art und Weise der Interaktion mit der Außenwelt. Ich habe schon als Kind gern fotografiert und später mein Hobby zum Beruf gemacht. Beim Fotografieren kann ich meine Gefühle am besten ausdrücken.

? Aber von Gefühlen allein kann man nicht leben.

! Natürlich nicht. Deshalb arbeitete ich nach dem Fotostudium ab 1991 einige Jahre bei einer Leningrader Zeitung und fotografierte Sommerlager, Kindergärten, Schulen und Hochzeiten. Das machte wenig Spaß und ich hatte es bald satt, aber ich verdiente ganz gutes Geld.

Tag für Tag mit der Kamera in St. Petersburg unterwegs

? Sie haben einen einzigartigen Blick für besondere Motive aus dem russischen Alltag. Wie finden Sie Ihre Motive und die besonderen Momente, die Sie mit der Kamera festhalten und die Sie über die Grenzen Russlands bekannt gemacht haben?

Foto: A.Petrosian

Ich könnte natürlich sagen, mich besuchte eine Tages eine Muse oder nach einem elektrischen Schlag öffnete ich ein drittes Auge und sehe nun Motive, die ich vorher nicht gesehen habe. Nein, es ist eigentlich sehr einfach. Ich bin Tag für Tag mit meiner Kamera in den Straßen von St. Petersburg unterwegs und dabei begegnen mir alltägliche, einzigartige oder manchmal unglaubliche oder irreale Motive. Und die halte ich dann mit der Kamera fest. Man braucht aber oft auch viel Geduld, um ein einzigartiges Motiv zu finden.

? Ist Ihr Geheimnis die Geduld, auf den besonderen Moment warten zu können?

Ich arbeite als Fotograf auf der Straße und habe anfangs alles fotografiert, was mir vor den Sucher kam. Doch ich merkte sehr schnell, dass die vielen unnütz geschossenen Bilder meine Festplatten verstopften wie fotografischer Schlamm. Ich trainierte die Geduld und begann zu warten, die Situation zu beobachten, und ich drückte erst auf den Auslöser, als ich dachte, jetzt ist der Moment, ein einzigartiges Motiv zu bekommen.

Die besten Motive finde ich auf Nebenschauplätzen

? Und das klappt immer?

! Natürlich nicht. Es war ein Lernprozess, auf den richtigen Moment zu warten. Ich musste immer wieder versuchen, mich wirklich zu konzentrieren. Es ist mir wichtig, eine Situation vollständig zu erfassen bis zum Ende und auch noch danach. Die besten Motive finde ich auf Nebenschauplätzen. Viele Fotografen machen Fotos auf dem Höhepunkt eines Ereignisses oder halten den Moment fest, den sie für den Höhepunkt halten. Aber viele unglaubliche Motive entstehen vor oder nach einem Ereignis und das interessiert mich.

? Ist das Ihr fotografisches Geheimnis?

! Es gibt dabei kein Geheimnis. Fotografen, die wie ich am gleichen Ort sind, können bestimmte Motiv ebenso sehen wie ich. Sie müssen nur im richtigen Moment den Auslöser drücken …

Vom Fotografen Boris Smelov fasziniert und inspiriert

? … und hätten dann trotzdem ein anderes Foto.

Natürlich. Deshalb ist das Motto auf meinem Foto-Blog ja auch: „Es ist alles ein wenig anders, als es tatsächlich ist.“ Wenn zwei Fotografen nebeneinander fotografieren, machen sie trotzdem verschiedene Bilder. Mich interessiert immer die Mehrdeutigkeit.

Opening of the bridge in the center of St.Petersburg Russia Foto: A. Petrosian

? Sie haben viele Motive von den Dächern von St. Petersburg aus fotografiert. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Stadt von oben zu betrachten?

In den 1960er und 1970er-Jahren hat der Fotograf Boris Smelov, der in Russland als Genie gilt, St. Petersburg von oben fotografiert und seine Fotos haben mich fasziniert und inspiriert. Ich bin bereits in den frühen 2000er-Jahren auf Dächer gestiegen und habe Stadtansichten systematisch von oben fotografiert.

Meine Bilder sind ehrlich, sie zeigen die ungeschminkte Realität

? Sind Sie auf Wohnhäuser gestiegen, um gute Sichten zu finden?

! Auf Häuser, Türme und Glockentürme, Büros und Fabriken. Ich bin an Wasser- und Abflussrohren hinauf geklettert, wenn ich mir von diesem Standpunkt aus die beste Sicht auf St. Petersburg erhoffte. Für mich sind das sehr besondere Momente, wenn ich irgendwo ganz oben stehe. Ich kann dann mit der Stadt quasi allein sein und habe dort oben oft genau die Empfindung, die ich für eine Momentaufnahme brauche.

? Sie haben sich auf Fotos von St. Petersburg spezialisiert. Fotografieren Sie auch in anderen Gegenden Russlands?

Ja, aber selten und wenn, dann fotografiere ich Landschaften und sehr gern Auf- und Untergänge der Sonne. Aber 90 Prozent meiner Bilder sind Fotos aus St. Petersburg und das, obwohl sie meist sehr sozialkritisch sind und nicht nur die Sonnenseiten der Stadt und ihrer Menschen zeigen.

? Meinen Sie, dass Ihre Fotos wegen Ihres kritischen Blicks im Westen so begehrt sind?

! Meine Bilder sind ehrlich. Sie zeigen die ungeschminkte Realität, die die Betrachter oftmals fassungslos macht. Ich dokumentiere, was ich sehe – schonungslos eins zu eins.

Das Interview führte Bernd Lammel

 

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