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Heft 19

“Urteilen Jurys bei Foto-Wettbewerben gerecht?”

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Am Beispiel des DOCMA Award zeigt sein Initiator, Doc Baumann, worauf Veranstalter achten sollten, um eine faire Jurierung zu gewährleisten – und warum gerechte und objektive Beurteilungen dennoch nie möglich sein werden.

Die Frage, ob Blogger Journalisten sind, beschäftigt die Medienwelt nicht erst seit heute. Dabei ist die Antwort eigentlich ganz einfach: Natürlich. Werden sie wie Journalisten behandelt? In der Regel nicht. Woher kommt diese Diskrepanz? Der Versuch einer Analyse.

Sind die Juryentscheidungen zu Fotowettbewerben gerecht, objektiv und fair? Das bezweifeln nicht nur Ausstellungsbesucher und Teilnehmerinnen – auch erfahrene Juroren werden ihnen zumindest teilweise zustimmen: Objektiv sind sie sicherlich nicht, fair in der Regel schon, gerecht – gemessen woran? „Dieses (eventuell: mein) Bild hätte auf den ersten Platz gehört, wie kann man dem nur Rang sieben geben?“ Solche Kommentare hört man auf fast jeder jurierten Ausstellung.
Was kann ein Wettbewerbsveranstalter tun, um die Jurierung so fair, objektiv und gerecht wie möglich zu organisieren? Das Magazin DOCMA richtet seinen Wettbewerb für digitale Bildbearbeitung seit 2003 aus. In diesen Jahren hat sich eine Vorgehensweise herausgebildet und bewährt, die zum Teil aus den unbefriedigenden Erfahrungen der Veranstalter bei anderen Jurys resultiert.

Eingereichte Bilder werden nicht nacheinander (projiziert oder am Monitor) gezeigt, sondern liegen als DIN A3-große Ausdrucke auf Tischen aus und können so nebeneinander betrachtet werden. Das erleichtert Vergleiche und lässt jedem Juror ausreichend Zeit, ein Bild so lange wie gewünscht zu betrachten.
Die Werke sind anonym, selbst der Veranstalter kennt die Namen der Einsender/innen nicht, denen jeweils eine Teilnehmernummer zugeordnet ist, die neben dem Titel unter dem Bild steht. Mehrere Arbeiten eines Einsenders sind durch angehängte Ziffern hinter dieser Nummer kenntlich gemacht.
Es gibt drei Durchgänge. Nach dem ersten bleiben die Bilder übrig, für die mindestens zwei Juroren – es gibt in der Regel etwa 15 – stimmen. Im zweiten Durchgang müssen es fünf sein. Im dritten Durchgang am nächsten Tag schlagen einzelne Juroren ihr Favoritenbild für den ersten Platz vor, andere präsentieren alternative Werke. Man macht sich gegenseitig auf Stärken und Schwächen aufmerksam und entdeckt dabei mitunter Aspekte, die man zuvor nicht gesehen hat (gerade bei digitalen Bildmontagen gibt es viele Details, bei denen Fehler vorkommen, die Betrachter nicht gleich erkennen).
Die Juroren müssen keine Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Bild treffen. Die verbliebenen Werke – in der Regel etwa ein Dutzend – liegen aus. Jeder Juror erhält zehn „Wertmarken“, die beliebig auf diesen Drucken platziert werden dürfen. Die Verteilung ist jedem selbst überlassen: Alle zehn auf den eigenen Favoriten, oder eine hier, drei dort, sieben für einen weiteren Platz. Am Ende wird zusammengezählt; die Menge der vergebenen Punkte bestimmt die Rangfolge.
Nicht alle Einsender werden über einen Kamm geschoren. Beim DOCMA Award gibt es drei Klassen, die gesondert juriert werden, mit der einfachen Klassifizierung Lehrling, Geselle, Meister. Jeder kann sich selbst zuordnen. So hat zwar ein Profi theoretisch bessere Chancen, in der Lehrlings-Klasse auf einen vorderen Platz zu kommen – er muss dann aber damit leben, dass sein Werk in der Ausstellung und Berichterstattung als eben dieser Kategorie zugehörig gekennzeichnet wird.
Die Jury ist möglichst heterogen, um unterschiedliche Bewertungskriterien zu gewährleisten. Beim DOCMA Award setzt sie sich aus der Heftredaktion, den Vertretern der Sponsoren und gegebenenfalls Fachleuten für spezifische Aspekte zusammen.

Der Punkt Fairness ist damit weitgehend gesichert: Anonymität, gleichzeitige Präsentation mit beliebiger Betrachtungsdauer, freie Diskussion, Qualitätsvergleiche nur innerhalb homogener Teilnehmerklassen, heterogene Juryzusammensetzung.
Wie sieht es mit der Gerechtigkeit aus? Eine ästhetische Bewertung ist etwas anderes als die Überprüfung eines wissenschaftlichen Satzes, der logisch und empirisch richtig oder falsch sein kann. Dafür gibt es relativ klare Kriterien. Ein ästhetisches Objekt jedoch ist nicht richtig oder falsch, sondern unter verschiedenen Aspekten überzeugend oder nicht. Die wichtigsten sind ästhetisch-formale, handwerklich-technische sowie bei einem Wettbewerb thematische. Unter dem Gerechtigkeitsaspekt ist es übrigens egal, welche Qualifikation die Juroren mitbringen und wie sie Kriterien gewichten – bedeutsam ist nur, dass sie bei allen Werken in vergleichbarer Weise vorgehen.
Bleibt schließlich der Punkt Objektivität. Nicht nur nach Meinung vieler Ausstellungsbesucher oder Teilnehmer/innen kann ein weit hinten platziertes (oder gar ausgemustertes) Bild Anrecht auf einen Spitzenplatz haben. Fast jeder Juror macht die Erfahrung, dass ein Werk, das sein eindeutiger Favorit war, irgendwann aus dem Rennen fliegt. Das Ergebnis spiegelt die durchschnittliche Bewertung der Jury wider – und jeder kompetente Veranstalter weiß, dass dieses Ergebnis anders aussähe, wenn andere Juroren zusammengesessen hätten (oder sogar, wenn es dieselben an einem anderen Tag mit anderer individueller Grundstimmung gewesen wären). Ist das objektiv? Natürlich nicht – aber unvermeidlich. Es hängt auch nicht von der Sachkunde der Urteilenden ab. Wer an der einen Kunsthochschule abgelehnt wird, wird mitunter an einer anderen aufgenommen. Selbst Juror als eigenständiger Studienabschluss würde den Faktor Objektivität kaum steigern.
Das heißt nicht, dass sich eine Juryentscheidung nicht gut begründen ließe. Nur ließe sich eine andere ebenso begründen.

Zu den DOCMA Awards werden meist um die tausend Werke eingereicht; jeder Teilnehmer kann bis zu fünf Bilder hochladen, im Durchschnitt sind es zwei. Tausend Bilder lassen sich jedoch nicht realistisch in zehn Stunden beurteilen. Daher gibt es eine Vor-Jury aus sechs DOCMA-Mitarbeitern, die allen Bildern null (chancenlos) bis drei (hervorragend) Punkte zuordnet. Damit blieben diesmal rund 280 Werke übrig, die mindestens drei Punkte erreicht hatten. Das konnten drei von einem Juror sein oder auch je einer von dreien.
Wie repräsentativ war diese Vorauswahl? Hätte es nicht doch sein können, dass die Gesamt-Jury ein ausgemustertes Bild gut bewertet hätte? Das ist sehr unwahrscheinlich, denn nur zwei Bilder, die zuvor lediglich fünf oder weniger Punkte (von maximal 18) erreicht hatten, wurden von der Gesamt-Jury mit mehr als einem Punkt (von 170) bewertet, also weniger als ein Prozent. Zum Vergleich: Das höchstbewertete Bild erhielt 38 Punkte. Hohe Bewertungen der Vor-Jury korrespondierten nicht notwendigerweise mit solchen der Gesamt-Jury, wenn es auch Zusammenhänge gab. So war das Punktverhältnis Gesamt-Jury zu Vor-Jury bei den 20 am besten vorjurierten Plätzen 1:0,8, bei den 20 ersten Plätzen der Gesamt-Jury dagegen 1:2,3. Mit anderen Worten: Vergleichsweise wenige der hoch vorjurierten Plätze wurden auch von der Gesamt-Jury hoch eingestuft – aber sehr viele der von der Gesamt-Jury hoch bewerten Plätze waren bereits von der Vor-Jury entsprechend weit vorn platziert worden. Bemerkenswert ist übrigens das Bewertungsprofil der einzelnen Vor-Juroren. Für die 20 Spitzenplätze ihrer Vorauswahl vergaben sie im Durchschnitt zusammen 41 Punkte – die individuelle Spanne reichte jedoch von 22 bis 54.
Was bedeutet das? Es belegt einerseits, dass eine anders zusammengesetzte Jury – auch unter Einbeziehung der Vor-Jury – erwartungsgemäß zu anderen Punkteverteilungen gelangt wäre. Die Gesamt-Jury hat aber andererseits auch einige Bilder, die von der Vor-Jury im Mittelfeld angesiedelt worden waren, weit nach vorn gestellt, und das meist mit den Stimmen der Vor-Juroren. Daraus lässt sich schließen, dass die Präsentationsform (nebeneinander ausgelegte Drucke statt nacheinander am Monitor betrachtete Bilder) eine Rolle spielt. Noch wichtiger aber ist der Diskussionsprozess, der – positiv wie negativ – zu deutlichen Einstellungsänderungen führen kann.

Der DOCMA Award 2015 hatte das Thema „Privatsphäre kaputt – das Leben vor der Kamera“; die Teilnehmer/innen konnten Fotos, unbearbeitet oder bearbeitet, sowie Montagen einsenden. Das reichte von Selfies über nachgestellte Paparazzo-Aufnahmen bis zur kritischen Aufarbeitung allgegenwärtiger Überwachung.
Die besten Werke sind bis zum 25. Oktober im Museum für Kommunikation in Frankfurt/Main zu sehen, danach in Berlin (Ort wird noch bekannt gegeben).

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