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„Meine Fotos sind teilweise eine Zumutung“
Christoph Bangert
Ausland

„Meine Fotos sind teilweise eine Zumutung“ 

Christoph Bangert studierte Fotodesign an der Fachhochschule Dortmund und unterbrach sein Studium 2002, um mit einem Landrover in sechs Monaten von Buenos Aires nach New York zu fahren. Am International Center of Photography in New York studierte Christoph Bangert Fotojournalismus. Seit 2005 ist er freier Fotograf. Er arbeitete in Palästina, Japan, Darfur, Afghanistan, Indonesien, Pakistan, den USA, im Libanon, Nigeria, Simbabwe und im Irak, wo er den Krieg für die New York Timesdokumentierte.  Seine Reportagen erscheinen außerdem in der Neuen Zürcher Zeitung, im stern und in zahlreichen Buchprojekten. Christoph Bangert gewann 2012 den World Press Photo Award und den POYi (Picture of the Year). NITRO sprach mit dem 37-Jährigen über seine Arbeit in Kriegsgebieten, warum wir seine erschütternden Fotos sehen sollten und seinen journalistischen Anspruch an Kriegsfotografie.

NITRO: Wollten Sie schon immer Kriegsberichterstatter werden?

Christoph Bangert: Nein. Das hat sich während meines Studiums ergeben. Professor Heiner Schmidt von der FH Dortmund hatte einen Studentenaustausch mit einer Fotoschule in Jerusalem organisiert und ich durfte daran teilnehmen. Ich wohnte bei einer israelischen Gastfamilie in Jerusalem und bin tagsüber in den Gazastreifen und ins Westjordanland gefahren, um zu fotografieren. Mein Interesse an dem Konflikt zwischen den Palästinensern und den Israelis wuchs und es war spannend, sich mit der Kamera zwischen den unterschiedlichen Welten zu bewegen. Ich konnte tun, was beide Gruppen nicht können. Die Israelis können nicht nach Gaza und die Palästinenser nicht nach Jerusalem oder Tel Aviv reisen. Nach dieser ersten Erfahrung mit Konflikten ging ich nach New York, um Fotojournalismus zu studieren. Danach ging ich wieder nach Palästina. Ich war 25 Jahre alt und wollte als Fotojournalist arbeiten.

? Hatten Sie Auftraggeber für eine Kriegsreportage?

! Anfangs nicht. Ich bin auf eigene Faust nach Palästina, nach Afghanistan und nach Darfur im Sudan gefahren.

? Wie haben Sie das finanziert?

Ich hatte nur wenig Geld, und allein der Flug verschlang oft 80 Prozent meines Gesamtbudgets. Deshalb war ich mit anderen Kollegen per Anhalter unterwegs und wir versuchten, bei Hilfsorganisationen unterzukommen. Mit den Fotos aus dem Sudan und aus Afghanistan habe ich mich bei den großen Redaktionen vorgestellt und musste viele Ablehnungen verkraften.

?  Schließlich hatten Sie Glück. Die New York Times schickte Sie in den Irak. Wie kam es dazu?

! Das war wirklich ein Glücksfall, denn normalerweise bekommt man als junger Fotograf von der New York Timeskeine oder nur ganz kleine Aufträge. Der Bildredakteurin, der ich meine Fotos zeigte, gefiel meine fotografische Sicht. Sie spürte, dass ich diesen Beruf ernsthaft ausüben will und kein Draufgänger bin, der sich unnötig in Gefahr bringt.  Für diese Chance bin ich der Bildredakteurin sehr dankbar. Einen jungen und relativ unerfahrenen Fotografen in ein Kriegsgebiet zu schicken, war ein großes Wagnis.

? Hatten Sie Angst?

! Obwohl ich vorher schon in Palästina, Afghanistan und Darfur war, merkte ich, dass die Situation im Irak noch viel ernster war. Ich hatte ziemlich Angst und war sehr nervös, denn ich musste ja auch für die New York Timeseinen Job erledigen. Zum Glück war ich nicht der einzige Fotograf, der für die New York Timesgearbeitet hat. Ich lernte den Fotografen Joao Silva kennen, einen Südafrikaner mit portugiesischen Wurzeln, der sehr viel Erfahrung besaß. Er nahm mich unter seine Fittiche und leitete mich an. Bei meinem ersten großen Auftrag einen so erfahrenen Kollegen zu finden, hat mir sehr geholfen, denn von ihm habe ich viel über den Job in einem Kriegsgebiet gelernt.

? Die Fotos aus dem Irak kamen bei der New York Times gut an?

! Ganz offensichtlich, denn die New York Timesdruckte meine Bilder mehrfach auf der Titelseite. Das war für mich ein sensationeller Erfolg und natürlich auch für die Bildredakteurin, die das Risiko eingegangen war, einem jungen Fotografen eine Chance zu geben.

?  Wer sich Ihre Fotos anschaut, fragt sich: Warum begeben Sie sich freiwillig in diese Gefahr?

! Es gibt für mich zwei Gründe. Das eine ist der Wunsch, etwas Außergewöhnliches, Abenteuerliches  zu machen. Ich möchte Bilder liefern, die von Bedeutung sind. Als junger Mensch will man ausbrechen aus dem gewohnten, sicheren Umfeld des Zuhauses. Es sind vielleicht sogar ähnliche Gründe, warum junge Männer in den Krieg ziehen. Fotografen und Journalisten sind sich da vielleicht ganz ähnlich. Der zweite Grund ist, dass ich als Journalist dokumentieren will, was in der Welt geschieht, und ich will aus Gebieten berichten, in die nur wenige Menschen kommen. Vor allem aber will ich meinen Job so gut und ehrlich wie möglich machen. Ich denke, dass der Abenteuergedanke mit den Jahren abnimmt, und man ein erfahrener, besserer Journalist wird.

? Müssen Sie als Fotograf in einem Kriegsgebiet die Empathie abschalten, um das ganze Grauen auszuhalten?

! Auf keinen Fall. Ich muss vor allem Mensch bleiben, sonst würde ich verrohen und abstumpfen. Ich achte allerdings zwischen den Einsätzen genau darauf, dass ich mir Auszeiten nehme. Der Wechsel in die Normalität ist enorm wichtig.

? Sie leben zwei Leben. Eines im Frieden und eines im Krieg?

!  Ja, das kann man so sagen. Ich kenne aber auch Kollegen, die nicht mehr die Kraft aufbringen, den Schritt ins Alltagsleben zu Hause zu machen. Die fühlen sich im Ausnahmezustand wohler als im Normalzustand. Ich versuche das zu vermeiden. Für mich gilt: Ich bin zuerst Mensch und dann Fotojournalist. In dieser Reihenfolge.

? Wie oft waren Sie schon an dem Punkt, an dem Sie sich sagten: Ich höre auf.

Oft, vielleicht sogar bei jedem Einsatz. Ich hinterfrage immer: Warum mache ich das? Muss dieser Einsatz sein? Aber ich stelle mir die Frage vor der Reise. Wenn ich unterwegs bin und die Kamera am Auge habe, ist es kein Thema mehr.

? Sie sagten in einem Interview: „Teilweise sind meine Fotos eine Zumutung.“ Mit wem können Sie über Ihren Job sprechen?

! Ich spreche mit meiner Frau darüber. Sie ist Fotografin und Grafikdesignerin, war aber noch nie in einem Kriegsgebiet. Mit ihr mache ich Fotobücher, und dabei sieht sie meine Fotos. Sie macht das Layout und ist dadurch ganz nah am Geschehen, auch wenn sie nicht vor Ort war. Dieser Austausch ist für mich enorm wichtig. Als Fotograf habe ich das große Glück, meine Bilder zeigen zu können. Ich muss keine großen Worte machen, damit die Betrachter einen Eindruck und ein Gefühl dafür bekommen, was in einem Kriegsgebiet geschieht.

? Sie schreiben in Ihrem Buch „War Porn“, dass Sie sich nach Ihrer Rückkehr aus einem Kriegsgebiet an manche Bilder nicht erinnern können, obwohl Sie sie gemacht haben. Wie ist das möglich?

Es ist ein Schutzmechanismus – das Gehirn vergisst diese traumatischen Erlebnisse, löscht sie einfach. Als ich an meinem Buch arbeitete, fand ich viele Fotos, an die ich tatsächlich keine Erinnerung hatte – vielleicht weil die Situation zu grausam oder zu erschütternd war. Manche meiner Bilder sind sicher auch für den Betrachter eine Zumutung.

? Warum meinen Sie dann, dass Sie den Menschen solche Bilder zumuten müssen?

Konflikte und Kriege müssen dokumentiert werden, ich sehe das als meine journalistische Pflicht an, und es sollten dafür auch keine speziellen Regeln gelten. Fußballspiele werden ja auch dokumentiert, und Kriege sind leider ebenfalls etwas sehr Alltägliches – es gibt sie ständig. Nur weil sie im Moment gerade nicht bei uns stattfinden, heißt das nicht, dass wir sie ignorieren dürfen. Ich fahre nicht zu meiner persönlichen Unterhaltung in Kriegsgebiete, sondern erfülle einen journalistischen Auftrag. Mir ist dabei absolut bewusst, dass fotografische Kriegsdokumentationen für manche Menschen schwer auszuhalten sind. Aber der Betrachter in der westlichen Welt sieht sich nur Fotos an. Ich war dabei, habe die Dinge tatsächlich selbst erfahren und sage: Das Ereignis selbst ist viel schlimmer als die Fotos! Und noch viel schlimmer ist es für die Menschen, die das alles erleiden und ertragen müssen. Wir müssen den Mut und die Kraft aufbringen, uns auch extreme Bilder anzusehen. Es geht mir aber nicht um Schockbilder auf dem Titel einer Boulevardzeitung. Das wäre zu einfach. Es geht darum, eine Reflexion beim Betrachter auszulösen. Wenn wir es nicht schaffen, uns das Leid auf Fotos anzusehen, dann schaffen wir es erst recht nicht, uns mit dem Schrecken des tatsächlichen Ereignisses auseinanderzusetzen.

? Sind Sie als Fotograf allein in Kriegsgebieten unterwegs?

Ich bin immer mit einem einheimischen Fahrer und/oder einem Übersetzer unterwegs. Wenn ich einen Auftrag von einer Zeitung oder Zeitschrift bekomme, reise ich mit einem schreibenden Kollegen zusammen. Die einheimischen Begleiter sind enorm wichtig und oft die stillen Helden bei einer Reportage.

? Waren Sie schon einmal in Lebensgefahr?

Schon oft. Die größte Gefahr geht von Autobomben und Selbstmordattentätern aus, und leider gibt es immer wieder Entführungen. Deshalb sagte mir ein Kollege bei meinem ersten Einsatz in Bagdad: „Beachte die Regel, nicht länger als eine Stunde an einem Ort zu sein. Nur so kannst du dich gegen spontane Entführungen schützen.“ Einen Schutz gegen geplante Entführungen gibt es allerdings nicht. Die passieren, wenn Einheimische gekauft werden. Bei solchen kriminellen Entführungen geht es um große Summen, die für westliche Journalisten verlangt werden.

? Ist die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus anderen Ländern kollegial?

Der Umgang unter den Kriegsberichterstattern ist sehr kollegial. Man tauscht sich aus und unterstützt sich gegenseitig. Je schwieriger die Situation ist und je weniger Kollegen vor Ort sind, desto besser und kollegialer ist die Zusammenarbeit.

? Kommen Sie mit den Menschen, die sie fotografieren, ins Gespräch?

!Immer.

? Und wie reagieren die Menschen?

Fast immer positiv. Ich fotografiere aber auch niemanden, der nicht fotografiert werden möchte. Ich bitte immer um das Einverständnis und bin oft sehr überrascht, dass Menschen selbst in schwierigen Situationen sagen: Fotografiere, was uns hier gerade passiert. Sie haben die Hoffnung, dass die Welt durch meine Fotos von ihrem Leid erfährt.

? Die Welt erfährt davon, aber Fotos können die Situationen nicht verändern.

Natürlich können Fotos keine Kriege beenden, aber sie können Menschen aufrütteln. Als Journalist bin ich ja nicht als Friedensstifter unterwegs, sondern ich dokumentiere Kriege und Krisen, unter anderem damit hinterher niemand sagen kann, davon haben wir nichts gewusst.

? Gibt es von den Fotos, die Sie in den letzten zehn Jahren im Krieg gemacht haben, eines, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Es gibt einige, die mich emotional immer noch bewegen, aber ein Bild hat mich besonders berührt. Das Foto zeigt einen alten Mann mit schlimmen Verbrennungen, sitzend auf einem pinkfarbenen Tuch auf einem Krankenhausbett. Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als ich den Mann sah, war: Das Foto kannst du nicht machen, das kannst Du nicht aushalten. Ich musste mich zusammenreißen und mich enorm konzentrieren. Dann habe ich mir gesagt, dass ich nicht als Privatperson hier bin, sondern meinen Job machen muss. Besonders schwer fällt es mir auch, wenn es um verletzte oder tote Kinder geht. Aber auch diese Fotos sind wichtig, denn sie zeigen den Krieg auf besonders brutale Weise. Ich muss oft die Zähne zusammenbeißen und mir sagen, dass ich auch das kompromisslos dokumentieren muss. Egal wie schwer es mir fällt.

? Was sind Ihre nächsten Vorhaben?

Ich arbeite an einer Langzeitreportage über Fukushima in Japan. Ich war direkt nach der Katastrophe für den sterndort und mehrfach für die NZZ. Ich fahre regelmäßig nach Fukushima und denke, das Thema wird mich noch die nächsten zehn Jahre beschäftigen.

? Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

! Meine Frau ist Japanerin und ich bin regelmäßig in Japan, um dort unsere Familie und Freunde zu besuchen. So habe ich eine besondere emotionale Bindung zu diesem Land. Die Atomkatastrophe in Fukushima hat Japan enorm verändert und Missstände in der Gesellschaft aufgezeigt. Gleichzeitig hat dieses unfassbare Ereignis aber auch eine Solidarität, menschliche Größe und Selbstlosigkeit hervorgebracht, die uns in Deutschland vielleicht ab und zu fehlt. Die Katastrophe in Fukushima hat globale Auswirkungen und trägt entscheidend zur Abkehr von der Atomenergie bei. Wir sollten aber nicht die Opfer vor Ort vergessen, für die es dort nicht um einen energiepolitischen Wandel, sondern um ihr Leben geht.

? Haben Sie einen Auftrag?

Nur zeitweise, im Grunde ist es eine freie Reportage

? Wie finanzieren Sie das?

Ich konnte Fördergelder beantragen, habe aber auch vor Ort immer wieder Aufträge und kann das gut kombinieren.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel

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