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Heft 21 Interviews

“Fotos gegen das Vergessen”

Als der Fotograf Dominic Nahr 16 Jahre alt war war, drückte ihm seine Mutter eine Kamera in die Hand, weil er immer alles vergaß. So sollte er seine Kindheitserinnerungen für sie und sich bewahren. Bilder gegen das Vergessen sind auch heute noch sein Credo. ­Dominic Nahr fotografiert nach dem Erdbeben in Haiti, nach dem Tsunami in Japan. Er reist nach Gaza und Palästina, Somalia, die Zentralafrikanische Republick, Senegal, Sudan, Kongo und während des arabischen Frühlings nach Ägypten. Auf seinen Fotos sind meist das Grauen des Krieges, Elend, Soldaten, Waffen, Tote zu sehen. Oft ist er der Einzige, der in dieser Hölle unterwegs ist und Bilder als Beweise liefert, denn darin sieht er seine dokumentarische Aufgabe: „Wenn es nicht fotografiert wird, dann ist es nicht passiert.“

2013 bekam Dominic Nahr den World Press Photo Award für sein Foto „Sudanesischer Soldat in Öllache“, weil es symbolisiert, was den Krieg zwischen dem Norden und dem Süden des Sudans ausmacht: „Die Soldaten geben ihr Leben für das Öl.“

? Dominik Nahr, Sie sind in der Schweiz geboren, in Hongkong aufgewachsen, haben in Toronto Filmwissenschaft und Fotografie studiert und in vielen Ländern der Welt gelebt. Fühlen Sie sich als Weltbürger?

!  Hongkong, die Stadt, in der ich aufwuchs, ist ein Ort, an dem Menschen aus fast allen Ländern der Welt leben, also eine globale Metropole. Und obwohl ich mich als Europäer unter Chinesen eigentlich immer als Außenseiter fühlte, bin ich dort zum Weltbürger geworden.

? Wann entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für die Fotografie?

!  Als Teenager hatte ich oft Diskussionen mit meiner Mutter. Sie war genervt von meinem schlechten Gedächtnis und ärgerte sich darüber, dass ich ihr nichts über meine Erlebnisse in der Schule oder in den Ferien erzählen konnte. Deshalb schenkte sie mir ihre Kamera, und ich begann ein visuelles Tagebuch zu führen. Diese Art der Fotografie schulte meinen Blick für das Wesentliche. Eines Tages sah ein Freund meines Vaters, der niederländische Fotograf Hubert Van Es, meine Fotos – ein berühmter Fotojournalist, der durch seine Bilder vom Vietnamkrieg weltbekannt wurde. Er fand, ich hätte Talent und einen guten Blick. Er arbeitet damals für die Nachrichtenagentur AP und verschaffte mir ein Praktikum bei der Hongkonger Zeitung South China Morning Post, in der auch meine ersten Fotos erschienen.

? Warum steht der Krieg von Anbeginn im Mittelpunkt Ihrer Fotografie?

!  Ich wollte immer ein Dokumentarist sein. Als ich in einem Geschichtsbuch das Foto eines vom Bürgerkrieg in Nicaragua geschundenen Menschen sah – sein Körper war halbiert – hat mich das zutiefst erschüttert. Und ich bewunderte den Fotografen dafür, dass er dieses Verbrechen für die Welt dokumentiert hatte. Mit der Kamera festzuhalten, was sonst niemand erfahren würde, das wollte ich auch.

?  Seit wann arbeiten Sie als Kriegsfotograf?

! Seit zehn Jahren. Ich bin aber nicht ausschließlich in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs. Ich brauche neben den Kriegsfotografien auch positive Bilder, um meine innere Balance zu halten. Es wäre für mich unerträglich, nur Tod, Zerstörung und Leid zu fotografieren. Es gibt Fotografen, die schaffen das. Ich nicht.

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