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UTOPIE Verkehrswende
WALLRAFF. 80.
Foto: Bernd Lammel
Interviews

WALLRAFF. 80. 

80 Jahre Günter Wallraff – sechs Jahrzehnte Investigativ-Journalismus: Seine Undercover-Recherchen sind legendär und sie sind sein Markenzeichnen. Seit sechs Jahrzehnten deckt Wallraff gesellschaftliche Missstände und Skandale auf. Seine größten Erfolge: Als Redakteur Hans Esser arbeitete er undercover bei BILD und machte deren fragwürdige und teils menschenverachtende Arbeitsweisen öffentlich.

Das dazugehörige Buch „Der Aufmacher“ (1977) ist bis heute ein Millionenbestseller und hat nichts von seiner Aktualität verloren. Sein Buch „Ganz unten“ (1983) ist mit über fünf Millionen Exemplaren das meistverkaufte Sachbuch in Nachkriegsdeutschland – es wurde in 38 Sprachen übersetzt.

Für Journalisten-Generationen war und ist Günter Wallraff nicht nur in Deutschland seit Jahrzehnten ein Vorbild. Schweden setzte dem Undercover-Reporter schon vor 35 Jahren ein sprachliches Denkmal, denn in Schweden spricht man bei investigativen Recherchen von „wallraffen“.

Wir führten mit dem Vollblutjournalisten in den vergangenen 18 Jahren dreimal ein Interview für das Magazin Berliner Journalisten und viermal für das Medienmagazin NITRO. Für dieses achte Gespräch trafen wir Günter Wallraff im Oktober 2022 – kurz nach seinem 80. Geburtstag – in seinem Haus in Köln-Ehrenfeld, um mit ihm über sein bewegtes journalistisches Leben zu sprechen.

? Günter Wallraff, Sie haben am 1. Oktober Ihren 80. Geburtstag gefeiert, das NITRO-Magazin wird 18 Jahre alt und veröffentlichet seine 80. Ausgabe. Im Laufe der 18 Jahre haben wir sieben Interviews mit Ihnen geführt, das achte wollen wir Ihrem runden Geburtstag und unserer 80. Ausgabe widmen. Wie haben Sie Ihren runden Geburtstag gefeiert?

! Alt zu werden ist kein Verdienst, und ich lass’ mich nicht gerne feiern, deshalb habe ich an meinen runden Geburtstagen immer etwas anderes unternommen. Zum 80. wollte ich eigentlich in Moskau sein, um gegen Putins Krieg und Terror in der Ukraine zu demonstrieren. Ich hatte dazu schon das passende T-Shirt gefunden, knallgelb mit zwei verschlungenen Händen in blau und der Aufschrift „Solidarität“. Es stammte von einer Aktion der IG Metall aus den 1990er-Jahren – heute ein Symbol, das perfekt zur Solidarität mit der Ukraine passt. Ich wollte mich mit einem Protestplakat in mehreren Sprachen, Kyrillisch, Englisch, vor den Kreml stellen. Meine Vorbereitungen waren getroffen, wie ich unerkannt über die Grenze nach Russland gekommen wäre, aber im letzten Moment habe ich drauf verzichtet. Die bewundernswerte Journalistin Marina Owsjannikowa, die im laufenden Programm des russischen Staatsfernsehens mit einem Schild gegen den Krieg in der Ukraine protestierte, wurde danach von ukrainischen Organisationen heftig kritisiert, und ihr wurde unter anderem vorgeworfen, sie würde ein zu positives Russlandbild vermitteln. Ich sagte mir: Wenn ich da jetzt noch hinfahre, kann ich mir vorstellen, dass das am Ende missverstanden wird und ich da doch fehl am Platz bin.

? Sie waren nicht in Russland – was haben Sie stattdessen an Ihrem Geburtstag gemacht?

! Ich habe 15 Obdachlose in ein Kölner Brauhaus eingeladen. Als 20-Jähriger habe ich über ein halbes Jahr zusammen mit Obdachlosen in skandinavischen Nachtasylen gelebt und später noch einmal in Deutschland für eine Reportage. Angefangen habe ich Heiligabend 2008 in Köln, danach Silvester in Frankfurt, die allerschlimmsten Erfahrungen habe ich in Hannover in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg gemacht. Der Bunker wurde nachts abgeschlossen, und die Menschen, zum Teil Drogenkranke, kamen nicht mehr raus. Wir wurden eingesperrt. Es waren schlimme Zustände, dazu das Ungeziefer. Aber am schlimmsten waren die ständigen Bedrohungen, man lebte in ständiger Angst. Die Veröffentlichung meiner Reportage als Obdachloser in Print und Film führten dazu, dass der Bunker geschlossen wurde und sich dort seitdem das Johanniter-Hilfswerk in einer neuen Einrichtung um die Obdachlosen kümmert.

? Einer der Obdachlosen hat mit Ihrer Hilfe 2017 ein Buch geschrieben.

! Richard Brox, er war 25 Jahre obdachlos. Ich habe ihn ebenfalls zu meinem Geburtstag eingeladen.

? Er ist nicht mehr obdachlos?

! Nein. Das Buch „Kein Dach über dem Leben“ wurde ein Bestseller. Es ist in der 9. Auflage erschienen und es gibt sogar Übersetzungen – erst kürzlich in Taiwan. Außerdem wurde das Buch dort als bestes Dokumentarbuch prämiert.

? Sie haben ihn auf der Straße kennengelernt?

! Ich lernte ihn kennen, weil er eine Art „Hotelführer“ und eine Website für Obdachlose erstellt hatte: „Ohne Wohnung? Was nun?“ Da beschrieb er Heime, in denen es einigermaßen anständig zuging, und andere, um die man lieber einen Bogen machen sollte. Richard hat mich bei meiner eigenen monatelangen Recherche zur Obdachlosigkeit beraten und wohnte lange Zeit bei mir. Er hat es dann geschafft, eine eigene Wohnung zu finden.

? Sie sagten, dass Sie zu runden Geburtstagen nicht feiern, sondern immer etwas anderes machen. Was haben Sie an Ihrem 50. und 60. Geburtstag gemacht?

! In meinem 50. Geburtstag 1992 bin ich nach Rostock-Lichtenhagen gefahren und habe mit ehemaligen vietnamesischen „Vertragsarbeitern“ ein Fest gefeiert, das ich ihnen gewidmet habe, ohne zu sagen, dass ich Geburtstag hatte.

Diese Menschen waren nach den rechtradikalen Übergriffen, bei denen im August 1992 Brandsätze flogen und schaulustige Anwohner applaudierten, traumatisiert. Hochhäuser brannten, und die vietnamesischen Bewohner mussten Angst um ihr Leben haben.

Zu meinem 60. Geburtstag bin ich nach Afghanistan gereist und habe mit dem Geld aus einer Lebensversicherung eine Mädchenschule gestiftet.

? Aufgeben war für Sie nie eine Option. Was treibt Sie nach fast 60 Jahren als Journalist immer noch an?

! Ich bekomme ständig Zuschriften oder Besuche von Menschen, denen gravierendes Unrecht geschieht. Dann bin ich für sie oft so etwas wie eine letzte Instanz. Hier und da erreiche ich etwas und kann jemandem zu seinem Recht verhelfen, aber oft laufe ich mit einem schlechten Gewissen herum.

? Sie haben – auch beim „Team Wallraff“ – immer wieder mit jungen Journalisten gearbeitet. Haben Sie jemanden gefunden, der möglicherweise in Ihre Fußstapfen treten kann?

! Ja, im Ausland habe ich einige Nachfolger. In Italien zum Beispiel Fabrizio Gatti, in Mexiko Lydia Cacho, in Ghana Anas Aremeyaw Anas. Sie haben sich auch durch persönliche Begegnungen von mir inspirieren lassen und mich zum Vorbild genommen. So sind sie auch für mich inzwischen zu Vorbildern geworden. Es gibt auch Jüngere in meinem Team Wallraff bei RTL, bei denen ich sehe, wie ernst sie es angehen und bereit sind, sich dem auch längerfristig aussetzen.

? Dabei sind Sie immer auch an Ihre Grenzen gegangen …

! … und manchmal wohl auch drüber hinaus.

? Es braucht enorm viel Energie, sich zu verwandeln und in eine andere Identität zu schlüpfen?

! Bei mir ist es oft so, dass ich mich mit den neuen Identitäten identifiziere und sogar darin träume.

? ie haben in den vergangen 60 Jahren in vielen Undercover-Rollen gearbeitet, um Missstände aufzudecken. Wie viele Rollen waren es, und was war der erste Einsatz als Undercover-Journalist?

! Ich habe die Rollen nicht gezählt. Und vielleicht war es kein Zufall, dass ich meine erste Fabrikreportage am Fließband bei Ford in Köln machte, wo sich mein Vater in der „Lackhölle“ seine Gesundheit ruiniert hatte. Als ich mich bei Ford bewarb, sagt man mir im Personalbüro: „Sie waren doch am Gymnasium, Sie können sofort im Büro arbeiten, da verdienen Sie mehr. Am Fließband sind doch nur Ausländer.“ Damals waren es noch keine türkischen Migranten, sondern Italiener und Spanier. „Nein“, sagte ich, „ich möchte dort arbeiten, wo mein Vater gearbeitet hat.“

? … und Sie kamen ans Fließband?

! Ich kam ans Fließband und konnte damals die ersten Reportagen noch unter meinem richtigen Namen machen, weil ich noch nicht bekannt war. Ich konnte mich für die Fabrikreportage bei Ford und weiteren Industriereportagen anfangs noch unter meinem eigenen Namen einstellen lassen, unter anderem auch in einem großen Betrieb in Paderborn. Als die Reportagen in Gewerkschaftszeitungen und anderen Zeitschriften unter dem Pseudonym G. Wallmann erschienen, hat der Inhaber eines Werks sich in einem Aushang an die Belegschaft empört: „Halten Sie es nicht für verwerflich, dass ein Günter Wallmann sich unter falschem Namen als Günter Wallraff hier eingeschlichen hat?“ Als ich bekannter wurde, haben sogenannte „Unternehmerwarndienste“ Steckbriefe über mich verbreitet und in Betrieben ausgelegt, in denen von meiner Einstellung dringend abgeraten wurde.

? Das war der Zeitpunkt, ab dem Sie Ihr Aussehen verändern mussten?

! Ich erinnere mich, als ich mich beim Automobilzulieferer Fichtel & Sachs in Schweinfurth bewarb, hatte ich mir zuvor die Haare und den Schnauzbart dunkel gefärbt. Im Personalbüro wurde ich dann gefragt: „Du wo wohnen?“

? Sie waren bald so bekannt, dass Sie immer undercover arbeiten mussten.

! Es wurde zunehmend schwieriger, nicht erkannt zu werden. Der Unternehmerverband BDA gab eine Schrift unter dem Titel „Dichtung als Waffe im Klassenkampf am Beispiel Wallraff“ heraus und verbreitete sie weiträumig. Es gab aber auch Versuche, dass ich die Seiten wechselte.

? Wie sollte das gehen?

! Einer der Verbandssprecher, eine bekannter Unternehmer des BDA, lud bekannte Autoren privat ein, um sich „besser kennenzulernen“, und man gab vor, sich auch mit den Kritikern der Gesellschaft austauschen zu wollen. So ganz nebenbei wurde mir dann angeboten: „Sie könnten doch unter Pseudonym regelmäßig für uns schreiben und dabei das Doppelte und Dreifache wie bei der Gewerkschaftszeitung verdienen.“ Ich habe dankend abgelehnt.

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