Die Erklärerin
Heft 24, Interviews

Die Erklärerin

„Runter mit dem Koptuch“ – als Ekin Deligöz das vor zehn Jahren gemeinsam mit einigen deutsch-türkischen Politikerinnen von in Deutschland lebenden Musliminnen forderte, war der Aufschrei in der türkischen Community groß. Konservative türkische Zeitungen schmähten die Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen radikale Moslems sprachen Morddrohungen gegen sie aus. Die Politikerin ließ sich davon nicht einschüchtern, sondern vertraute auf die Demokratie in Deutschland, in der Meinungsfreiheit und Pressefreiheit garantiertes Menschenrecht ist. Im Gegensatz zur Türkei, wo Journalisten und Politiker verhaftet werden, wenn sie sich kritisch zu Staatspräsident Erdogan äußern. Mit NITRO sprach Ekin Deligöz über Globalisierung und Migration, Bildung von Kindern und der Chance, die Flüchtlinge in Deutschland brauchen.

NITRO: Frau Deligöz, Sie haben türkische Wurzeln und sind ein gutes Beispiel für gelungene Integration. Sie haben nach dem Abitur studiert, ein Diplom in Verwaltungswissenschaften gemacht und sind seit 18 Jahren Bundestagsabgeordnete. Wie haben Sie das geschafft?

Deligöz: Es klingt alles sehr glatt und sehr rund, aber das war es bei weitem nicht. Ich musste mutig voranschreiten und mich den Herausforderungen immer wieder stellen. Als ich 1979 mit meiner Mutter nach Deutschland kam, gab es in Bayern türkische Schulen mit türkischen Lehrern. Unterrichtet wurde in türkischer Sprache, denn es war nicht vorgesehen, dass türkische Kinder Deutsch lernen. Ich hatte ganze zwei Stunden Deutsch in der Woche, und in dieser Zeit konnte ich die deutsche Sprache beim besten Willen nicht lernen.

NITRO: Sie haben die Sprache trotzdem gelernt und sprechen heute nahezu akzentfrei deutsch.

Deligöz: Ich wurde in meinem Elternhaus intensiv gefördert und gefordert, denn meine Eltern haben sehr früh erkannt, dass die Sprache der Schlüssel für Erfolg ist. Bei uns wurde viel gelesen, viel geredet, viel diskutiert, oft auch kontrovers. Aber es wurde sehr, sehr viel Wert darauf gelegt, dass ich die deutsche Sprache beherrsche. Meine Mutter traute dem türkischen Unterricht nicht: „Bevor du schlechtes Türkisch lernst, lernst du gutes Deutsch an einer deutschen Schule.“ Ich wechselte die Schule und ging mit deutschen Kindern in eine Klasse. Das war der Türöffner für mich und andere türkische Kinder, denn viele Eltern machten es uns nach und schickten ihre Kinder auf deutsche Schulen.

NITRO: Sie hatten offensichtlich sehr fortschrittlich denkende Eltern.

Deligöz: Absolut. Meine Mutter ist Lehrerin, mein Großvater war ebenfalls Lehrer, ich komme aus einem progressiven Haushalt. Was ich besonders geschätzt habe: Meine Mutter forderte nicht ständig, ich müsse die Beste sein. Ich durfte mich ausprobieren und auch mal scheitern. Ich glaube, dieses „Du hast die Freiheit, und wenn du willst, kannst du es schaffen“ hat mich sehr mutig gemacht.

NITRO: Integration kann also nur über die Bildung von Kindern erfolgreich sein?

Deligöz: Natürlich, aber dazu gehört auch, dass die Eltern hinter den Kindern stehen. Wenn wir über Bildung, Integration und Migration reden, ist es wichtig, dass wir immer auch die Familie mitnehmen und die Eltern überzeugen. Denn Elternarbeit ist mindestens genauso wichtig wie eine gute Bildung. Das fängt schon bei der Frage an, ob ein Kind einen Schreibtisch zu Hause hat, ob es Ruhe hat zum Hausaufgaben machen oder ob im Hintergrund permanent der Fernseher läuft.

NITRO: Sie wurden im Elternhaus gefördert, und wie sah es in der Schule aus?

Deligöz: Ich kann Ihnen sagen: Wenn Sie mit meiner Biografie aufsteigen wollen oder überhaupt wahrgenommen werden möchten, erfahren Sie bei jedem Schritt, den Sie gehen, viel mehr Entmutigungen als Motivation. Das war so, als ich in die deutsche Klasse wollte. Da hieß es: Kannst du das überhaupt, schaffst Du das? Es war so, als ich aufs Gymnasium ging. Da wurde mir bis zur achten Klasse immer wieder erklärt, dass ich eigentlich überfordert bin, obwohl meine Noten gut waren. Es war so, als ich in die Politik ging. Da haben mir viele gesagt: Du mit deinem türkischen Namen wirst da nie erfolgreich sein. Sogar als ich in den Haushaltsausschuss wollte, wurde ich gefragt: Kannst du das überhaupt? Ich habe ein Diplom in Verwaltungswissenschaften und mein Studium mit einer sehr guten Note abgeschlossen, und trotzdem wurde immer an mir gezweifelt.

Da bleiben Verletzungen. Sätze wie „Kannst du das überhaupt?“ sind ein Stich ins Herz, und man fragt sich: Herrgott, was soll man denn noch alles beweisen? Es gibt aber eine schöne türkische Weisheit: „Wenn du in der Wüste bist, musst du entweder lernen, ein Kamel zu reiten, oder die Wüste verlassen“. Und ich habe es immer vorgezogen, Kamelreiten zu lernen.

NITRO: Warum traut die Gesellschaft den Migranten so wenig zu?

Deligöz: Es ist einfach in den Köpfen drin. Wer als Migrant vorankommen will, muss auf jeden Fall besser sein als alle anderen. Sie müssen viel mehr arbeiten, um wahrgenommen zu werden. Ich würde mir wünschen, dass man den Migranten mehr zutraut und ihnen die gleichen Chancen gibt. Was die Gesellschaft von Migranten fordert, ist noch nicht in die Kultur des Förderns übergegangen, und auf keinen Fall ist es in einer Kultur des Akzeptierens angekommen.

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Das vollständige Interview lesen Sie in der Prinzausgabe des Medienmagazins NITRO