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Marcel Mettelsiefen: Die Kinder von Aleppo
Foto © Bernd Lammel
Auslandsjournalismus

Marcel Mettelsiefen: Die Kinder von Aleppo 

Marcel Mettelsiefen ist Journalist, Filmemacher und Kriegsreporter. Für seine Fotos aus Kriegsgebieten erhielt er den Hansel-Mieth-Preis, den Axel-Springer-Preis, den Edward R. Murrow Award (CNN) und im Jahr 2013 den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preise für seine Berichterstattung aus Syrien. Seit Beginn des Bürgerkrieges bereiste er das Land 15 Mal, um über das Schicksal der Menschen dort zu berichten. Sein Film „Aleppo – Die geteilte Stadt“ war 2014 für den Grimme-Preis nominiert, in diesem Jahr erhielt Mettelsiefen ihn für „Die Kinder von Aleppo“. NITRO sprach mit ihm über seinen gefährlichen Job als Kriegsberichterstatter, über Netzwerke in Syrien und über die Angst, die einen Kriegsreporter begleitet.

? Warum sind Sie Kriegsreporter geworden?

? Nach dem Abitur wollte ich Medizin studieren, habe aber nicht sofort einen Studienplatz bekommen. Um die Zeit zu überbrücken, gründete ich 1999 mit einigen Freunden, die Orientalistik und Islamwissenschaften studierten, das Magazin zenith, das damals wie heute aus dem Nahen Osten und der arabischen Welt berichtet.

Meine erste Fotoreportage führte mich nach Syrien

? Was bietet das Magazin seinen Lesern?

! zenith besteht aus einem weltweiten Netzwerk von Reportern und Fotografen aus Marokko, Israel, Iran und Indonesien sowie Korrespondenten aus Europa, die für eine fundierte Orient-Berichterstattung stehen. Das Interesse daran ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. zenith bietet Analysen, Hintergrundberichte, Interviews, Foto-Reportagen und Illustrationen. Leider konzentrieren sich viele Medien vor allem auf die kriegerischen Konflikte. Die Reporter von zenith sind aber vor Ort, bevor sie beginnen, und begleiten auch den Alltag der Menschen.

? Wo hatten Sie Ihren ersten Einsatz als Fotoreporter?

! Meine erste Fotoreportage führte mich nach Syrien. Ich fuhr vom Bahnhof Haydarpaşa in Istanbul nach Damaskus und fotografierte dort das Land und das Leben der Menschen in Syrien. Ein Jahr später bekam ich bereits Jobs von anderen Auftraggebern. Damals fotografierte ich übrigens noch auf Film mit einer Nikon F 100.

Meine Bilder zeigen die Auswirkungen der Kriege

? Für wen haben Sie fotografiert?

! Im Jahr 2000 begann ich als freier Fotograf zu arbeiten. Ich machte bei Associated Press (AP) in Israel ein dreimonatiges Praktikum. Während dieser Zeit begann die zweite Intifada (A.d.R.: gewaltsamer Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis, der sich von Jerusalem und Israel auf den Gazastreifen und das Westjordanland ausweitete). Ich beschloss zu bleiben und berichtete acht Monate als Fotograf  für AP. Ich erlebte den Krieg in seiner ganzen Brutalität damals zum ersten Mal hautnah. Es war eine sehr prägende Erfahrung, und ich brauchte eine ganze Weile, um das zu verarbeiten.

? Wie schafften Sie das?

! Mir hilft ein gut strukturierter und liebevoller familiärer Background. Ich kehre nach einer Reportage immer wieder zurück in mein eigenes Leben nach Deutschland, und das gibt mir Stabilität und Geborgenheit.

? Mit wem sprechen Sie über Ihre Erlebnisse, wenn Sie nach Hause zurückkehren?

! Mit meiner Familie, mit guten Freunden. Ich war allerdings nie direkt an der Front. Es gibt Kollegen, die sich viel größeren Gefahren aussetzen als ich, um die Schrecken des Krieges festzuhalten. Meine Bilder zeigen die Auswirkungen der Kriege – zerstörte Städte und Dörfer, in denen auf Jahre niemand mehr leben kann, und das unfassbare Leid der Menschen, die keine Perspektive haben. Ich will den Betrachter dieser Fotos aufrütteln, will sie für das Leid, insbesondere das der Kinder in Kriegsgebieten, sensibilisieren.

Nach meiner Arbeit bei AP war ich 2001 für die dpa in Afghanistan

? Waren Sie nach Ihrem Einsatz für AP in Israel und Palästina auf eigene Faust unterwegs oder hatten Sie andere Auftraggeber?

! Ich bin einige Male als freier Fotograf auf eigene Faust in Kriegsgebiete gefahren und hatte oft auch Auftraggeber. Nach meiner Arbeit bei AP war ich 2001 für die dpa in Afghanistan, 2003 im Irak und 2004 in Haiti. Ab 2008 habe ich zusammen mit Christoph Reuter,  stern-Korrespondent in Kabul, an einem fotografischen Langzeitprojekt gearbeitet. Ein Jahr später veröffentlichten wir das Buch „Kunduz, 4. September 2009. Eine Spurensuche“. Wir recherchierten den Luftangriff im Süden der Stadt Kunduz und ich fotografierte 72 Überlebende, die ihre Angehörigen dabei verloren hatten. Es gab eine begleitende Ausstellung, die im Jahr 2010 in Potsdam und Hamburg und 2011 in München gezeigt wurde. Ein Teil der Bilder ist in der internationalen Wanderausstellung „Freedom to Create“ zu sehen. Nach Syrien bin ich allerdings nie ohne Auftrag gereist.

? Haben Sie Angst, wenn Sie in ein Kriegsgebiet fahren?

! Immer. Die Angst schützt einen davor, zu große Risiken einzugehen. Im Laufe der Jahre bekommt man ein gutes Gespür für gefährliche Situationen.

Seit 2012 berichte ich regelmäßig aus Syrien

? In welchem Land fühlten Sie sich am meisten bedroht?

! Ich habe für den stern, den Spiegelund Geobis 2011 in Ägypten, Libyen, Syrien und Afghanistan fotografiert, und dort war es nicht ungefährlich. Seit 2012 berichte ich regelmäßig aus Syrien, dem zurzeit gefährlichsten Kriegsgebiet für Journalisten. Dort werden beispielsweise Fassbomben, gefüllt mit Metallteilen, abgeworfen, die viele Menschen schwer verletzen oder töten.

? Gibt es in den Krisengebieten Menschen, mit denen Sie zusammenarbeiten?

! Das sind vor allem die Fixer – die kennen sich vor Ort perfekt aus, sind bestens vernetzt und besorgen Journalisten beispielsweise Autos, mit denen sie durch Syrien fahren können.

? Sie vertrauen Fixern Ihr Leben an?

! Ich arbeite mit bestimmten Fixern seit Jahren zusammen, und ohne Vertrauen geht es nicht. Es kommt aber leider immer wieder vor, dass auch Fixer, die schon lange mit Journalisten arbeiten, diese plötzlich für Geld an Kriminelle verraten, die sie entführen und damit hohe Summen erpressen können. Es gibt Kollegen, die sagen: Die größte Bedrohung für Journalisten ist nicht der Beschuss durch Heckenschützen, sondern die Gefahr, entführt zu werden.

Die Gefahr, als westlicher Journalist entführt zu werden, ist sehr groß

? Wie viele Personen gehören zu Ihrem Team, wenn Sie in einem Kriegsgebiet wie Syrien unterwegs sind?

! Als Fotograf bin ich meist mit einem schreibenden Journalisten unterwegs. Ich habe mehr als drei Jahre mit Christoph Reuter, der 2011 vom stern zum Spiegel gewechselt war, über den Krieg in Syrien berichtet. Meist war auch ein Fixer an unserer Seite. Wenn ich als Filmemacher unterwegs bin und ohne Schreiber arbeite, nehme ich meist zwei oder drei syrische Fixer mit. Zum einen, weil ich viel Equipment habe, zum anderen, weil ich mich dann sicherer fühle. Bei meinen letzten Reisen musste ich zusätzlich zu den Fixern drei bewaffnete Sicherheitsleute mitnehmen, weil die Gefahr, als westlicher Journalist entführt zu werden, sehr groß ist.

? Helfen sich die Kriegsberichterstatter untereinander?

! Aber ja, und das ist in Kriegsgebieten auch enorm wichtig. Bei Facebook werden schon seit einiger Zeit Gruppen eingerichtet, über die ein Informationsaustausch zu bestimmten Ländern stattfindet. Das ist sehr hilfreich und spart viel Zeit.

Mehr als zwölf Millionen Syrer sind auf der Flucht

? Was erhoffen sich die Menschen, die Sie vor Ort fotografieren, von Ihrer Arbeit als Kriegsberichterstatter?

! Ich bin als Journalist unterwegs, um die Geschichten dieser Menschen zu erzählen. Ich will ihnen mit meinen Filmen eine Stimme und mit meinen Fotos ein Gesicht geben, und viele von ihnen hoffen, dass Menschen aus aller Welt ihnen helfen, wenn sie von ihrem Leid erfahren. Der Bürgerkrieg in Syrien ist die größte humanitäre Krise der heutigen Zeit. Mehr als zwölf Millionen Syrer sind auf der Flucht. Fast vier Millionen syrische Flüchtlinge suchen Schutz in den Nachbarländern Jordanien, Libanon, Türkei und Irak, und immer mehr versuchen, mit einem Flüchtlingsboot nach Europa zu gelangen. In den völlig zerstörten syrischen Städten und Dörfern kann niemand mehr leben, das belegen meine Fotos. Es gibt dort keine Perspektive und keine Hoffnung.

? Denken Sie manchmal daran, nicht mehr als Reporter in den Krieg zu ziehen, andere Themen in den Mittelpunkt Ihrer Arbeit zu stellen?

! Ab und an denkt man natürlich darüber nach, ob man das Risiko erneut auf sich nimmt, und ich merke, dass ich zunehmend auf der Suche nach Themen bin, die außerhalb von Kriegsgebieten liegen. Ich war zum Beispiel schon seit einem Jahr nicht mehr in Syrien, weil es im Moment einfach zu gefährlich ist, von dort zu berichten.

? Woran arbeiten Sie derzeit?

! Ich erzähle die Geschichte einer syrischen Familie, die in Deutschland Asyl erhalten hat. Was mich aber besonders freut: Viele internationale Fernsehsender und Filmverleiher interessieren sich für meinen Film „Die Kinder von Aleppo“ (Children on the Frontline), der in diesem Jahr den Grimme-Preis erhielt. Tausende Jungen und Mädchen sind Opfer des Bürgerkriegs in Syrien. Sie hungern und frieren, sie kämpfen und sterben und wollen doch nur Kinder sein dürfen. Die Doku zeigt den Alltag dieser Kinder im Wahnsinn des Krieges und hilft hoffentlich dabei, das Gewissen der Menschheit aufzurütteln.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel-Lammel

 

Die Kinder von Aleppo  (ZDF/ ARTE/ Channel 4)

Syrien, Aleppo, Sommer 2013. Mehr als 11 000 Kinder sind im Bürgerkrieg zwischen dem Assad-Regime und der Rebellenarmee getötet worden, mehr als eine Million befinden sich auf der Flucht. In der zerstörten Stadt ist es zur militärischen Patt-Situation gekommen. Raketeneinschläge, Panzergeschosse und Scharfschützen bestimmen auch den Alltag der Kinder. Fast zwei Dutzend Mal ist Filmemacher Marcel Mettelsiefen für seine Reportage in die syrische Stadt gereist. In „Die Kinder von Aleppo“ begleitet er zusammen mit Anthony Wonkedas Leben der Familie des Rebellenkommandanten Abu Ali Al-Saliba. Hundert Meter von der Frontlinie entfernt bewohnen Farah, 5, Sara, 8, Helen, 13, und ihr Bruder Mohammed, 14, in einem kriegsversehrten Haus nun die Wohnung Geflohener. Ein Alltag zwischen fürsorglichen Männern, die zum Angreifen nach nebenan gehen wie andere zur Arbeit, in einer Familie, in denen Mutter und Vater zivilgesellschaftliche Werte in Ehren zu halten suchen. Die Kinder, die in zerstörten Häusern auf Entdeckungsreise gehen und Wiederaufbau spielen, leben ein höchst gefährliches, gleichzeitig behütetes Leben. Freimütig, ausgelassen geradezu, lassen sie Mettelsiefen an ihrem Zeitvertreib, an ihren Wünschen und (Alb-)Träumen teilhaben. Aboude, 12, dagegen wirkt wie vor der Zeit gealtert. Als Vorsänger bei Demonstrationen hat es der Junge zu lokalem Ruhm gebracht. In Worten und Körpersprache aber ist zu sehen, dass er stets mit dem Schlimmsten rechnet. Seit der IS auf dem Vormarsch ist, spielt sich auch für die Kinder von Aleppo das Kriegsgeschehen an zwei Fronten ab. Entführung, Folter und Tod sind allgegenwärtig.

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