TOP
Aktuell Heft 31

“Krebs kommt als Tsunami auf uns zu”

Krebs kommt als Tsunami auf uns zu

Harte Fakten: Rund 476000 Menschen erkranken jährlich neu an Krebs (Stand 2014). Warum und wie es dazu kommt und wie man die tückische Krankheit erfolgreich behandeln kann, daran arbeitet das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. ΝITROsprach mit dessen wissenschaftlichem Vorstand, Michael Baumann. Er sieht noch viel Nachholbedarf bei der Prävention und den Vorsorgeuntersuchungen und sagt, dass die Zahl von Patienten, die eine Krebserkrankung überleben und Risiken einer Zweiterkrankung oder chronischer Krebserkrankungen haben, enorm steigen wird. „Das ist ein Tsunami, der auf uns zukommt.“

? Sie sind seit 2016 wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) – einer exzellenten Forschungseinrichtung von Weltruf. Wie werden Sie das DKFZ für die Zukunft wissenschaftlich aufstellen, um sein internationales Renommee zu stärken und es für Forscher aus aller Welt attraktiv zu machen?

! Das DKFZ gehört zu den wichtigsten Krebsforschungsinstitutionen der Welt, und unser Ziel ist es, dass es diese herausragende Position behält und weiter ausbaut. Das DKFZ ist insbesondere im Bereich der Grundlagenforschung und der frühen Translationsforschung exzellent aufgestellt, das hat eine international besetzte Gutachterkommission uns in diesem Jahr eindrücklich attestiert. Zukünftig wollen w­ir vermehrt daran arbeiten, dass die Forschungsergebnisse und Entwicklungen schneller im Gesundheitswesen aufgegriffen werden können und beim Patienten ankommen. Das heißt, in der klinischen translationalen Forschung können und müssen wir zulegen. Dazu benötigen wir eine langfristige Förderung, vielfältige Expertisen, hochspezialisierte, vernetzte In­frastrukturen und eine sehr enge Kooperation von Grundlagenforschern und klinisch tätigen Ärzten.

Das müssen wir auf hohem Niveau sicherstellen, sonst kommen die Innovationen leider nicht oder nicht schnell genug bei den Menschen an.

? Wie kann das gelingen?

! Zukunftsweisende Modelle sind zum Beispiel das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) mit derzeit sieben Partnerstandorten und, als besonders schlagkräftige Innovation, das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) mit seinen bisher zwei Standorten in Heidelberg und Dresden. Jeder dieser Standorte wird gemeinsam vom DKFZ mit Partnern in der jeweiligen Hochschulmedizin getragen. Dieses positive Momentum sollte durch einen wissenschaftsgetriebenen Aufbau weiterer Standorte im DKTK und NCT sowie deren Verknüpfung mit den Möglichkeiten des DKFZ nachhaltig verstärkt werden. In der Translationsforschung ist es wichtig, die äußerst komplexen Abläufe durch entsprechende Ergebnisse zu optimieren und die Ergebnisse schneller für den Patienten nutzbar zu machen. Daran wollen wir arbeiten.

? Das DKFZ gehört zu den renommiertesten Instituten der Welt – ein riesiger Anspruch, den Sie erfüllen müssen. Können Sie den wissenschaftlichen und den politischen Anspruch zusammenbringen?

! Damit eine Institution wie das DKFZ fortwährend an der Weltspitze forschen kann, müssen wir uns auch fortwährend weiterentwickeln. Bleiben wir stehen, entwickeln wir keine neuen Projekte und Programme und keine neuen Strukturen, könnten wir unsere Spitzenposition ganz schnell verlieren. Eine so starke Institution wie das DKFZ muss sich in bestimmten Bereichen aber auch vergrößern, um weiter mit den Besten mithalten zu können und es muss sich immer neu fokussieren. Wer langfristig und erfolgreich Krebsforschung betreibt, weiß, dass diese Forschung komplex ist, längere Zeiträume braucht und immer wieder austariert werden muss, um mit einer langfristigen Strategie maßgeblich zur Entwicklung von Therapien für krebskranke Patienten beitragen zu können.

? Kommen wir zur Volkskrankheit Krebs. Trotz vieler wissenschaftlicher Erfolge auf dem Gebiet der Krebsforschung ist Krebs immer noch eine Krankheit, die sehr häufig zum Tode von Menschen führt.

! Krebserkrankungen sind in allen entwickelten Industrienationen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf Platz zwei – und Krebserkrankungen nehmen aufgrund der demografischen Entwicklung weiter zu. Wir werden in den nächsten 15 bis 20 Jahren weltweit etwa eine Verdopplung von Krebskrankheiten erleben. Auch die Zahl von Patienten, die eine Krebserkrankung überleben und Risiken einer Zweiterkrankung oder chronischer Krebserkrankungen haben, wird enorm steigen. Das ist ein Tsunami, der auf uns zukommt.

? Klingt dramatisch, und es stellt sich die Frage: Was kann gegen diesen Tsunami getan werden?

! Das Verhindern von Krebserkrankungen braucht Prävention – das ist eine sehr wichtige, aber auch langfristige Strategie. Selbst wenn wir jetzt alle krebsauslösenden Faktoren vermeiden und das Risiko für uns persönlich im Laufe des Lebens einen Tumor zu bekommen zu sinken beginnt, werden wir das statistisch für die Bevölkerung erst in 20, 30 Jahren messen können. Dies liegt daran, dass es Jahre dauert, bis sich Krebs aus der initialen Zellveränderung heraus entwickelt. Wir müssen deshalb Prävention heute mit genügend Nachhaltigkeit und langer Perspektive angehen. Rauchen ist ein sehr gutes Beispiel. Die Raucherkrebsarten und der Rauchertod sind zurückgegangen – in den USA weit stärker als in Deutschland. Warum? Dort sind viel früher effektive Maßnahmen eingeleitet worden, die dazu geführt haben, dass weniger Menschen rauchen. Besonders die Politik muss sich fragen: Was können wir tun, um das Rauchen unattraktiv zu machen, damit man die Zahl der Krebserkrankungen der Lunge und im Übrigen auch eine ganze Reihe weiterer Krebserkrankungen senken kann. Denn nicht nur Krebserkrankungen, auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden durch Rauchen ausgelöst, auch die wird man senken. Deshalb müssen Präventionsmaßnahmen so schnell und effektiv wie möglich überall einsetzen, um in einigen Jahrzehnten Krebserkrankungen zu senken. Den Tsunami, der in den nächsten 15 bis 20 Jahren auf uns zukommt, können wir durch Prävention nicht mehr verhindern, sehr wohl aber sein Fortschreiten danach.

Lesen Sie das ganze Interview im Heft „Wissen ist Macht“

Tags:    

«
»

Was denkst du?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hinweise zur Verarbeitung Ihrer Angaben und Widerspruchsrechte: Datenschutzerklärung