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Krebs kommt als Tsunami auf uns zu
Foto: Bernd Lammel
Interviews

Krebs kommt als Tsunami auf uns zu 

Harte Fakten: Rund 476000 Menschen erkranken jährlich neu an Krebs (Stand 2014). Warum und wie es dazu kommt und wie man die tückische Krankheit erfolgreich behandeln kann, daran arbeitet das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. ΝITROsprach mit dessen wissenschaftlichem Vorstand, Michael Baumann. Er sieht noch viel Nachholbedarf bei der Prävention und den Vorsorgeuntersuchungen und sagt, dass die Zahl von Patienten, die eine Krebserkrankung überleben und Risiken einer Zweiterkrankung oder chronischer Krebserkrankungen haben, enorm steigen wird. „Das ist ein Tsunami, der auf uns zukommt.“

? Sie sind seit 2016 wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) – einer exzellenten Forschungseinrichtung von Weltruf. Wie werden Sie das DKFZ für die Zukunft wissenschaftlich aufstellen, um sein internationales Renommee zu stärken und es für Forscher aus aller Welt attraktiv zu machen?

! Das DKFZ gehört zu den wichtigsten Krebsforschungsinstitutionen der Welt, und unser Ziel ist es, dass es diese herausragende Position behält und weiter ausbaut. Das DKFZ ist insbesondere im Bereich der Grundlagenforschung und der frühen Translationsforschung exzellent aufgestellt, das hat eine international besetzte Gutachterkommission uns in diesem Jahr eindrücklich attestiert. Zukünftig wollen w­ir vermehrt daran arbeiten, dass die Forschungsergebnisse und Entwicklungen schneller im Gesundheitswesen aufgegriffen werden können und beim Patienten ankommen. Das heißt, in der klinischen translationalen Forschung können und müssen wir zulegen. Dazu benötigen wir eine langfristige Förderung, vielfältige Expertisen, hochspezialisierte, vernetzte In­frastrukturen und eine sehr enge Kooperation von Grundlagenforschern und klinisch tätigen Ärzten.

Das müssen wir auf hohem Niveau sicherstellen, sonst kommen die Innovationen leider nicht oder nicht schnell genug bei den Menschen an.

? Wie kann das gelingen?

! Zukunftsweisende Modelle sind zum Beispiel das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) mit derzeit sieben Partnerstandorten und, als besonders schlagkräftige Innovation, das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) mit seinen bisher zwei Standorten in Heidelberg und Dresden. Jeder dieser Standorte wird gemeinsam vom DKFZ mit Partnern in der jeweiligen Hochschulmedizin getragen. Dieses positive Momentum sollte durch einen wissenschaftsgetriebenen Aufbau weiterer Standorte im DKTK und NCT sowie deren Verknüpfung mit den Möglichkeiten des DKFZ nachhaltig verstärkt werden. In der Translationsforschung ist es wichtig, die äußerst komplexen Abläufe durch entsprechende Ergebnisse zu optimieren und die Ergebnisse schneller für den Patienten nutzbar zu machen. Daran wollen wir arbeiten.

Krebsforschung ist eine komplex

? Das DKFZ gehört zu den renommiertesten Instituten der Welt – ein riesiger Anspruch, den Sie erfüllen müssen. Können Sie den wissenschaftlichen und den politischen Anspruch zusammenbringen?

! Damit eine Institution wie das DKFZ fortwährend an der Weltspitze forschen kann, müssen wir uns auch fortwährend weiterentwickeln. Bleiben wir stehen, entwickeln wir keine neuen Projekte und Programme und keine neuen Strukturen, könnten wir unsere Spitzenposition ganz schnell verlieren. Eine so starke Institution wie das DKFZ muss sich in bestimmten Bereichen aber auch vergrößern, um weiter mit den Besten mithalten zu können und es muss sich immer neu fokussieren. Wer langfristig und erfolgreich Krebsforschung betreibt, weiß, dass diese Forschung komplex ist, längere Zeiträume braucht und immer wieder austariert werden muss, um mit einer langfristigen Strategie maßgeblich zur Entwicklung von Therapien für krebskranke Patienten beitragen zu können.

? Kommen wir zur Volkskrankheit Krebs. Trotz vieler wissenschaftlicher Erfolge auf dem Gebiet der Krebsforschung ist Krebs immer noch eine Krankheit, die sehr häufig zum Tode von Menschen führt.

! Krebserkrankungen sind in allen entwickelten Industrienationen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf Platz zwei – und Krebserkrankungen nehmen aufgrund der demografischen Entwicklung weiter zu. Wir werden in den nächsten 15 bis 20 Jahren weltweit etwa eine Verdopplung von Krebskrankheiten erleben. Auch die Zahl von Patienten, die eine Krebserkrankung überleben und Risiken einer Zweiterkrankung oder chronischer Krebserkrankungen haben, wird enorm steigen. Das ist ein Tsunami, der auf uns zukommt.

Raucherkrebsarten und der Rauchertod sind zurückgegangen

? Klingt dramatisch, und es stellt sich die Frage: Was kann gegen diesen Tsunami getan werden?

! Das Verhindern von Krebserkrankungen braucht Prävention – das ist eine sehr wichtige, aber auch langfristige Strategie. Selbst wenn wir jetzt alle krebsauslösenden Faktoren vermeiden und das Risiko für uns persönlich im Laufe des Lebens einen Tumor zu bekommen zu sinken beginnt, werden wir das statistisch für die Bevölkerung erst in 20, 30 Jahren messen können. Dies liegt daran, dass es Jahre dauert, bis sich Krebs aus der initialen Zellveränderung heraus entwickelt. Wir müssen deshalb Prävention heute mit genügend Nachhaltigkeit und langer Perspektive angehen. Rauchen ist ein sehr gutes Beispiel. Die Raucherkrebsarten und der Rauchertod sind zurückgegangen – in den USA weit stärker als in Deutschland. Warum? Dort sind viel früher effektive Maßnahmen eingeleitet worden, die dazu geführt haben, dass weniger Menschen rauchen. Besonders die Politik muss sich fragen: Was können wir tun, um das Rauchen unattraktiv zu machen, damit man die Zahl der Krebserkrankungen der Lunge und im Übrigen auch eine ganze Reihe weiterer Krebserkrankungen senken kann. Denn nicht nur Krebserkrankungen, auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden durch Rauchen ausgelöst, auch die wird man senken. Deshalb müssen Präventionsmaßnahmen so schnell und effektiv wie möglich überall einsetzen, um in einigen Jahrzehnten Krebserkrankungen zu senken. Den Tsunami, der in den nächsten 15 bis 20 Jahren auf uns zukommt, können wir durch Prävention nicht mehr verhindern, sehr wohl aber sein Fortschreiten danach.

? Das heißt momentan wird nicht genug getan, beziehungsweise die Prävention ist mangelhaft?

Bleiben wir beim Rauchen. Glücklicherweise hat sich da schon viel getan. Rauchen ist inzwischen sehr teuer, es gibt Aufklärungskampagnen, und die Tatsache, dass man zum Beispiel in öffentlichen Gebäuden und Restaurants rauchen darf, hat tatsächlich zu einer deutlichen Senkung des Rauchens geführt. Den Erfolg dieser Aktivitäten werden wir aber erst in einigen Jahrzehnten an weiter sinkenden durch das Rauchen hervorgerufenen Krebsarten messen können. Leider sind wir hier noch lange nicht bei null. Es gibt immer noch Kinder und Jugendliche, die rauchen. Deutschland hat zum Beispiel immer noch Außenwerbung für Tabakprodukte, das haben andere europäische Länder schon lange eingestellt. Da hat Deutschland unbedingt Nachholbedarf, und hier muss die Politik aktiv werden, weil gerade Kinder und Jugendliche sehr anfällig für diese Art von Werbung sind. Ein weiteres Beispiel ist die HPV-Impfung. Die Bedeutung des Human Papilloma Virus für die Krebsentwicklung und die Verhinderung durch eine Impfung, wurde von Harald zur Hausen hier am DKFZ erforscht, und dafür erhielt er den Nobelpreis. Trotzdem haben wir in Deutschland keine guten Impfraten – die liegen bei Mädchen und jungen Frauen in der Größenordnung von nur 40 Prozent, bei Jungen nochmals sehr viel niedriger. In England und Australien liegen sie deutlich höher. Das heißt, Kinder und junge Menschen werden in Deutschland nicht ausreichend geimpft und können nach wie vor eine völlig verhinderbare Krebserkrankung wie den Gebärmutterhalskrebs, das Peniskarzinom und andere Tumoren bekommen, obwohl man das heute sicher verhindern könnte. Ein Schritt in die richtige Richtung ist, dass die Impfkommission gerade die HPV-Impfung für Jungen empfohlen hat.

Aufklärung zur Prävention bei Krebserkrankungen

? Wie kann das Impfverhalten geändert werden?

Eine Verbesserung wäre, dass Impfungen zum Beispiel an den Schulen durchgeführt werden, wie das in Australien, England und Norwegen gemacht wird. In Deutschland wurde in Hessen ein entsprechendes Modell erfolgreich getestet. Prävention braucht die Unterstützung der Politiker, um sie effektiv zu machen.

? Wäre es nicht auch die Aufgabe von Ärzten, ausreichend aufzuklären?

Selbstverständlich!

? Fehlt Ärzten die Zeit oder die Einsicht, mehr Aufklärung zu betreiben?

Aufklärung ist immer eine Komponente einer funktionierenden Präventionsstruktur – ob über Ärzte, Lehrer, Medien oder andere Wege. Es ist sicher richtig, dass die Aufklärung zur Prävention bei Krebserkrankungen und anderen Erkrankungen in Deutschland nicht optimal ist, es gibt zum Beispiel keinen umfassend spezialisierten Präventionsarzt.

? Warum nicht?

Das hat mit der Ausbildung von Medizinstudenten an den Universitäten zu tun und mit der Weiterbildung von Fachärzten. Krankenhäuser sind grundsätzlich nicht die primäre Anlaufstation für Prävention, also im Umgang mit Menschen, die noch gar nicht erkrankt sind. Wir sind im DKFZ im Moment dabei, konkrete Pläne für ein Krebspräventionszentrum und die Präventionsausbildung zu entwickeln, möglicherweise zusammen mit einer befreundeten Partnerorganisation, mit der wir derzeit in Gesprächen sind. Das wird sich an Bürger aber auch an Ärzte und andere medizinische oder soziale Berufsgruppen richten, um in diesem Bereich voranzukommen. Ein gut ausgebildeter medizinischer Präventionsspezialist könnte bei der Aufklärung von Krebserkrankungen einen enormen Beitrag leisten.

In der Früherkennung liegt ein großes Potenzial

? Zur Prävention gehören auch Vorsorgeuntersuchungen. Sie sagten der Rhein-Neckar-Zeitungim Februar: „Die moderne Medizin steht der Krebskrankheit heute nicht mehr hilflos gegenüber.“ Wie können wir erreichen, dass sich mehr Menschen an Vorsorgeuntersuchungen beteiligen? Es gibt bei Frauen eine größere Bereitschaft, beispielsweise an den Mammografie-Angeboten teilzunehmen. Wie kann man mehr Menschen dazu bringen, sich zum Beispiel für die Darmkrebsvorsorge zu entscheiden?

Grundsätzlich gilt früh erkannte Krebsformen können sehr oft geheilt werden und zwar mit Methoden, die wir heute schon haben. Deshalb liegt in der Früherkennung ein großes Potenzial. Um Früherkennungsmaßnahmen zu nutzen, muss man ein Konzept haben und wissenschaftliche Evidenz schaffen. Fest steht: Männer nehmen Vorsorgeuntersuchungen – national und international – oft schlechter an als Frauen. Ganz allgemein müssen Menschen konkret angesprochen werden.

? Haben Sie ein Beispiel?

!  Ja. Bei persönlichen Einladungen zum beispielsweise Mammografie-Screening sind die Beteiligungsraten viel höher, als wenn allgemein bekannt gemacht wird, Frauen können am Mammografie-Screening teilnehmen. Es gibt auch Beispiele, die zeigen, dass man nicht nur Frauen, sondern auch Männer sehr gut zu einer Vorsorgeuntersuchung motivieren kann. In den Niederlanden werden zum Beispiel alle Bürger persönlich zur Darmkrebsvorsorgeuntersuchung eingeladen. Und die Beteiligungsraten sind dort auch bei Männern viel höher als in Deutschland, wo nicht eingeladen wird. Die Menschen müssen persönlich darüber informiert werden, dass Vorsorgeuntersuchung das Ziel haben, Krebs entweder in einer Vorstufe oder in einem ganz, ganz frühen Stadium diagnostiziert wird. Bei der Darmkrebsvorsorge kann mit Hilfe der Endoskopie zum Beispiel ein Polyp entfernt werden, damit Krebs gar nicht erst auftritt. Wird ein Darmkrebs in einem ganz frühen Stadium entdeckt, kann er mit den heute zur Verfügung stehenden Methoden in den allermeisten Fällen geheilt werden – ohne große Nebenwirkungen, ohne große Begleiterscheinung. Die Wissenschaft muss deshalb effektive Methoden entwickeln und pilotieren und dann sehr eng mit Entscheidungsträgern zusammenarbeiten. Wir am DKFZ werden in den kommenden Jahren die Präventionsforschung noch weiter intensivieren und möchten gemeinsam mit den politischen Entscheidungsträgern ein engmaschiges Krebspräventionssystem in Deutschland aufbauen.

Für Patienten die richtige Therapie zur richtigen Zeit finden

? Im Juni wurde von US-Wissenschaftlern aus Chicago eine Studie zur Chemotherapie veröffentlicht. In Zukunft soll man die Chemotherapie bei Brustkrebs vermeiden können. Wie schnell könnte so etwas in Deutschland umgesetzt werden?

!  Hier sind wir beim Thema der personalisierten Medizin angekommen. Wenn wir Tumore nicht verhindern, nicht früh entdecken können, um sie mit den heute vorhandenen Methoden sehr effektiv zu beseitigen, geht es darum, für den einzelnen Patienten die richtige Therapie zur richtigen Zeit zu finden. In der personalisierten Medizin haben wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht, die Biologie von Tumoren bei einzelnen Patienten zu verstehen und mit genetischen Tests voraussagen zu können. Tatsächlich ist die angesprochene Studie der Wissenschaftler aus Chicago schon vor 15 Jahren gestartet. Dort sind bei vielen Patientinnen mit Brustkrebs in einem relativ frühen Stadium Gentests vorgenommen worden. Mittels dieser Gentests waren die Forscher in der Lage zu sagen, ob ein Tumor wenig aggressiv, mittelaggressiv oder besonders aggressiv ist. Anhand der Ergebnisse wurde entschieden, ob man zur Hormontherapie, die alle Patientinnen bekommen haben, die Chemotherapie weggelassen kann. Nach Auswertung aller Ergebnisse wurde klar, man wird zukünftig bei bestimmten Patientinnen aufgrund der biologischen Eigenschaften des Tumors eine Chemotherapie weggelassen können – nämlich dann, wenn der Tumor nicht so aggressiv ist. Diese Untersuchungen zur personalisierten Medizin laufen im Moment an vielen Zentren der Welt und auch beim DKFZ zu einer Reihe von Turmoren sehr intensiv. Wir werden also in Zukunft feinere individuelle Ansätze für die Patienten entwickeln können, um eine maßgeschneiderte Therapie empfehlen zu können. Für die weitere Forschung in diesem Bereich müssen wir uns mit exzellenten Zentren national und weltweit vernetzen und zusammenarbeiten, um schnell die notwendigen großen Patientenkohorten untersuchen zu können.

? Die Forschungsstrukturen müssen dann kompatibel mit internationalen Einrichtungen sein?

Absolut, gerade bei seltenen Tumoren braucht es eine intensive Zusammenarbeit mit anderen Zentren. Das funktioniert in bestimmten Bereichen gut, in anderen müssen wir das deutlich verbessern und weiter ausbauen. Krebsforschung erfordert eine hohe Expertise, translationale Netzwerke mit besonderen Infrastrukturen und internationale Kooperation.

? Gibt es Unterschiede zwischen den europäischen und den US-amerikanischen Einrichtungen?

Nach meiner Beobachtung funktionieren in Europa die Netzwerke oft besser als in Amerika. Die Amerikaner haben sehr viel größere Zentren und mehr Geld für die Forschung. Deshalb brauchen wir die Netzwerke, um konkurrieren zu können. Insgesamt haben die Menschen, für die wir forschen, den berechtigten Anspruch, dass wir international agieren, um für Krebserkrankungen bessere Behandlungen zu entwickeln.

Internationaler Austausch ist unglaublich wichtig

? Viele junge Wissenschaftler und Doktoranden aus Deutschland gehen ins Ausland. Wie könnte man sie dazu bringen, in Deutschland zu bleiben?

Wollen wir das? Internationaler Austausch ist unglaublich wichtig. Das DKFZ hat für eine deutsche Forschungseinrichtung ein hohes Maß an Internationalität. 40 Prozent der Wissenschaftler und Dokoranden am DKFZ kommen aus dem Ausland. Wie die Krebsforschungseinrichtungen in Houston, New York und Boston versuchen wir, die Allerbesten der Welt zu bekommen. Gerade haben wir vier herausragende Forschungsgruppenleiter aus Cambridge nach Heidelberg holen können. Im DKFZ arbeiten Menschen aus mehr als 80 Ländern. Wir haben amerikanische Kollegen, die lieber hier als in den USA arbeiten, Chinesen, die hier ihre Ausbildung absolvieren und dann zurückgehen wollen und viele andere mit anderen Karriereplänen. Und natürlich möchten wir, dass auch die besten deutsche Nachwuchsforscher am DKFZ arbeiten. Wichtig ist aber dabei, dass junge Wissenschaftler in der Welt gearbeitet haben, um neue Eindrücke, andere Herangehensweisen und auch ihre Netzwerke einzubringen. Davon lebt die Qualität unserer Wissenschaft.

? Wissenschaft steht in einem harten Wettbewerb. Ist sie denn in Deutschland gegenüber Amerika ausreichend finanziert?

Nein. Obwohl das DKFZ von Bund und Land großzügig unterstützt wird, halte ich die Finanzierung sowohl für das DKFZ als auch insgesamt für die Wissenschaft in Deutschland für nicht ausreichend. Wir müssen in den nächsten Jahren unbedingt weiter wachsen, wenn wir den Anspruch haben, zur internationalen Spitzengruppe der Wissenschaft zu gehören. Hier müsste zum einen die Grundfinanzierung, die aus Steuermitteln kommt, steigen. Es geht aber auch um Spenden, Stiftungen und Kooperationen mit industriellen Partnern. In den USA ist das Spendenaufkommen an den großen Krebsforschungseinrichtungen 20 bis 30 Mal höher als bei uns. Insbesondere große Spenden, die den schnellen Aufbau einer neuen Forschungsrichtung ermöglichen, sind bei uns selten. Das heißt, unsere Konkurrenten um die internationale Spitzenpositionierung sind mit ganz anderen Mitteln ausgestattet als wir. Eine weitere Möglichkeit, die bei uns stärker erschlossen werden muss, ist der Technologietransfer. Dabei geht es darum, Forschungsergebnisse zu lizenzieren, um hierdurch Gelder für die zukünftige Forschung zu gewinnen. Auch da sind die Amerikaner und zum Beispiel auch Israel uns heute noch sehr weit voraus.

Neue Bildgebungsmethoden bei der Früherkennung von Brustkrebs

?  In Heidelberg entsteht gerade das radiologische Forschungs- und Entwicklungszentrum. Es wird noch dieses Jahr eröffnet, und Sie haben für 2020 den Baubeginn für ein radiopharmazeutisches Entwicklungszentrum angekündigt. Werden in diesen neuen DKFZ-Einrichtungen die Rahmenbedingungen für die Forschung besser sein als bisher?

Deutlich! Nicht nur die Grundlagenforschung bekommt bessere Bedingungen, sondern auch die translational-klinische Forschung. In beiden Forschungszentren werden beide Forschungsbereiche sehr patientenorientiert arbeiten und neue Methoden entwickeln, die sehr schnell beim Patienten ankommen. Neue Bildgebungsmethoden bei der Früherkennung von Brustkrebs, neue Möglichkeiten, zum Beispiel eine Strahlentherapie durchzuführen, neue Möglichkeiten, Medikamente spezifisch für die Strahlenbehandlung von Tumoren zu entwickeln.

? Wie viele Wissenschaftler werden dort arbeiten?

Etwa 300 nationale und internationale Mitarbeiter.

? Kommen wir zu den zahlreichen Auszeichnungen, die Sie erhalten haben. Auf ihrer 100. Jahrestagung im Mai zeichnete die American Radium Society Sie mit der Janeway Gold Medal aus. Die Medaille, die für bedeutende Fortschritte in der Krebstherapie vergeben wird, ist eine der renommiertesten Auszeichnungen in der Radioonkologie, und Sie sind der erste deutsche Wissenschaftler, der diese Auszeichnung erhielt. Ebenfalls in diesem Jahr wurden Sie mit dem Deutschen Krebsforschungspreis ausgezeichnet. 2017 erhielten Sie die Gilbert H. Fletcher Medaille in Gold sowie die Frank Ellis Medaille. Welche Bedeutung haben diese Ehrungen für Sie persönlich und für das DKFZ?

Natürlich ist es für mich persönlich schön und sehr ehrenvoll, wenn ich solche Auszeichnungen für meine Forschungen erhalte. Ich glaube aber, dass die Ausstrahlung des DKFZ auf anderen Parametern beruht, nämlich auf der Gesamtstellung unseres Zentrums in der internationalen Krebsforschungs-Community. Der Fokus liegt für mich nicht so sehr auf der Stellung einzelner Wissenschaftler. Wir können nur dann stark sein, wenn wir eng zusammenarbeiten um große Herausforderungen zu meistern und wir dafür als gesamtes Zentrum international an vorderster Stellen wahrgenommen werden.

? Wo sehen Sie das DKFZ in zehn, 15, 20 Jahren? Was wäre der Idealzustand?

Der Idealzustand wäre, wenn wir im gesamten Bereich der translationalen Krebsforschung von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Forschung zu den absoluten Spitzeninstituten weltweit gehörten. Da kein Zentrum jedoch jemals groß genug sein wird, um das gesamte riesige Gebiet Krebs erforschen zu können, müssen wir gemeinsam mit anderen Zentren dafür sorgen, dass für viele Krebskranke bessere Heilungsmöglichkeiten entwickelt werden, beziehungsweise, dass Krebs gar nicht erst entsteht. Hier ist natürlich auch die Politik gefragt, die der Wissenschaft in Zukunft eine starke Struktur geben muss. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass wir uns international noch viel stärker verknüpfen, weil Krebs eine internationale Bedrohung ist.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel

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