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Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Hasskampagnen sind wettbewerbsorientiert
(c) Universität Bielefeld
Feinbild Journalist

Hasskampagnen sind wettbewerbsorientiert 

Immer öfter beteiligen sich „Normalbürger“ an Übergriffen gegen Journalisten. Das ist eines der Ergebnisse der Studie „Hass im Arbeitsalltag Medienschaffender“, die der Konflikt- und Gewaltforscher Professor Dr. Andreas Zick von der Universität Bielefeld durchgeführt hat und an der sich Hunderte Journalisten beteiligten. NITRO hat mit Professor Zick über dessen Studie gesprochen und unter anderem erfahren, dass zwei Drittel der Befragten mehrfach oder regelmäßig angegriffen wurden. Sie beschreiben in ihren Antworten die ganze Bandbreite der Gewalt – von „einfachen“ Beleidigungen bis hin zu gefährlicher Körperverletzung und expliziten Morddrohungen.

 

? Professor Zick, Sie haben als Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld eine Studie geleitet, in der es um Gewalt gegen Journalisten ging. Wie lange lief die Studie, und wie viele Journalisten haben daran teilgenommen?

! Es handelt bei der Studie „Hass im Arbeitsalltag Medienschaffender“ um eine Reihe aus zwei größeren Online-Befragungen von Medienschaffenden, die wir in Kooperation mit dem Mediendienst Integration und Förderung durch die Freudenberg-Stiftung durchgeführt haben. Die erste Befragung haben wir Ende 2016 durchgeführt. Das war eine Zeit, wo immer noch die gesellschaftliche Debatte um Fragen der Integration und Migration im Kontext der Flüchtlingsdebatte aufgeheizt war. Deutschland war von massiven Hasskampagnen gegen Geflüchtete und ihre Unterstützer geprägt, von Angriffen auf Geflüchtetenunterkünfte, Angriffe auf Amts- und Würdenträger wie auf Journalisten aus etablierten Medien. Es war eine Zeit, in der, wie andere Studien festgestellt haben, Vorurteile gegen Minoritäten, menschenfeindliche, rechtspopulistische wie auch rechtsextreme Einstellungen auch in der Mitte der Gesellschaft zunahmen, obgleich die Immigration rückläufig war. Es war eine Zeit, in der sich das Thema Hate Speech durch die Angriffe vom rechten Rand kaum noch ignorieren ließ, weil zu dem Zeitpunkt ebenso klar war, dass Medien, die rechten Ideologien widersprachen, zu Feinden erklärt wurden.

Die zweite Umfrage haben wir Ende 2019 durchgeführt. Beide Studien waren Online-Umfragen, in denen wir die Stichproben mithilfe von Journalistenverbänden gezogen haben. Die Teilnahme war freiwillig, entsprach den wissenschaftlichen Standards und umfasste geschlossene wie auch offene Fragen. Sie ist nicht repräsentativ, allerdings ist die Zusammensetzung sehr ähnlich der demografischen Zusammensetzung unter Medienschaffenden, soweit wir den Vergleich ziehen konnten.

? Wie viele der von Ihnen befragten Journalisten haben Erfahrungen von Gewalt gemacht beziehungsweise wurden mit Gewalt bedroht?

! Bevor ich Zahlen nenne, eine Vorbemerkung. Wahrscheinlich denken die meisten Leser jetzt sofort an physische Gewalt beziehungsweise Drohungen zu körperlicher Gewalt. Wir haben verschiedene Gewaltfacetten befragt, auch Formen psychischer Gewalt. Wir haben die Befragten angeregt, über alle Arten von hasserfüllten Reaktionen und Angriffen in Form von verbalen Beleidigungen über Anfeindungen bis hin zu Aufrufen zu Gewalt und oder Straftaten, die sie in ihrem Berufsalltag erleben, zu berichten.

Insgesamt berichten in der Studie von 2019 60 Prozent aller Befragten, dass sie in den letzten zwölf Monaten von ihren Lesern, Zuhörern oder Zuschauern angegriffen worden sind. Zwei Drittel der Betroffenen sagten, dass sie mehrfach oder regelmäßig angegriffen wurden. Das waren rund 20 Prozent mehr als in der Stichprobe aus dem Jahr 2017. Darüber hinaus berichten aber auch rund 16 Prozent, dass sie in ihrer Berufslaufbahn schon einmal tatsächlich körperlich angegriffen worden sind oder eine Morddrohung erhalten haben. In den offenen Antworten beschreiben die Betroffenen die ganze Bandbreite von „einfachen“ Beleidigungen bis hin zu gefährlicher Körperverletzung und expliziten Morddrohungen.

? Hass und Hetze im Netz, Verbalattacken, Androhung von körperlicher Gewalt und sogar Morddrohungen gehören also zum Alltag vieler Journalisten. Welchen Journalisten haben die meisten Angriffe erfahren: Print- oder Fernsehkollegen oder Fotografen?

! Wir haben nicht direkt zwischen Fotojournalisten und anderen unterschieden. Was wir aber sehen ist, dass bestimmte Merkmale bei Journalisten mit höherer Wahrscheinlichkeit von Gewalt einhergehen: Angegriffen werden Journalisten, die von Demonstrationen oder rechten Aufmärschen berichten. Die absolute Mehrheit der Angreifenden stammt nach Erfahrung der Befragten aus dem ideologischen Spektrum ‚rechts‘. Wer dem kritisch gegenübersteht, weist ein höheres Risiko auf, angegriffen zu werden.

? Werden eher Frauen als Männer angegriffen oder gibt es hier keine Unterschiede?

! Es werden eher Frauen als Männer angegriffen, insbesondere dann, wenn sie prominent oder bekannt sind und/oder sie Themen der Gleichstellung oder Geschlechtergerechtigkeit ansprechen. Es werden Medienschaffende angegriffen, die über die Themen Migration und Integration berichten, und es werden eher Kollegen angegriffen, die schon einmal angegriffen wurden. Es gibt regelrechte Hasskampagnen gegen einzelne Journalisten, die als Prototyp für die gehassten „System- und Lügenmedien“ etikettiert und dann verfolgt werden.

? Von welcher Art von Angriffen haben die Journalisten berichtet?

! Gerade die offenen Fragen, wo die Befragten ohne Vorgaben eintragen konnten, was sie erfahren haben, machen deutlich, dass die ganze Bandbreite von hassgeleiteten Phänomenen vorkommt: Beleidigungen, Beschimpfungen, Verleumdungen, Herabwürdigungen, sexistische wie rassistische Angriffe, direkte wie indirekte Gewaltandrohungen, Bedrohungen des sozialen Umfeldes und einiges mehr.

? Wo finden diese Bedrohungen und Beleidigungen statt?

! Der Großteil kommt per Mail oder über Twitter, aber auch über die Kommentarseite. Einige der Befragten gaben auch an, dass private Kanäle aufgespürt wurden. 30 Prozent der Angegriffenen berichteten, dass sie mindestens einmal von Angesicht zu Angesicht beschimpft und angegriffen wurden. Wir müssen uns die typische Angriffssituation als Äußerung eines tiefen emotionalen wie auch ideologisch motivierten Hasses vorstellen, bei dem die Angreifer sich durch ihre Einbindung in eine imaginierte Gemeinschaft derjenigen, die die Wahrheit wissen, vorstellen. Und es ist eben ein radikalisierter Hass, das heißt, die Angriffe werden als Widerstandsakte wahrgenommen und basieren zum Teil gar nicht mehr auf Themen, die Feindschaft hervorrufen, sondern aus Gruppendynamiken in Hassgruppen. Angegriffen wird auch, um die eigene Hassgemeinschaft zusammenzuhalten. Für die Betroffenen ist das besonders schwer, weil die Quellen nicht ausgemacht werden können.

? Wie hoch war der Anteil von Hass und Hetze im Netz?

! Der Großteil der Angriffe erfolgte digital, vor allem über soziale Netzwerke (60,6 Prozent) und per E-Mail (51,3 Prozent). Allerdings empfiehlt es sich mit Blick auf neuere Forschungsergebnisse die Wechselwirkung von netzbasierter Hassrede und Offline-Hass zu berücksichtigen. Angriffe, die offline oder über klassische Kommunikationswege per Post erfolgen, werden oftmals im Netz vorbereitet. Journalisten, die die Außenberichterstattung über Hassgruppen machen, werden besonders stark angegriffen und aufgesucht. Sie werden meist vorher im Netz identifiziert und dann aufgesucht.

Lesen Sie das ganze Interview im aktuellen Heft.

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