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Aktuell Heft 30 Interviews

“Voodoo-Ökonomie”

Voodoo-Ökonomie

Die gesellschaftliche Debatte um Reichtum und Armut in Deutschland wird seit Jahren leidenschaftlich, von einigen sogar erbittert geführt. Die Frage, wer „reich“ ist und wer als „arm“ gilt, lässt sich am besten an Zahlen festmachen. NITROhat mit dem Verteilungsforscher Dr. Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin über Topvermögen, Multimillionäre und die Vermögensungleichheit in Deutschland gesprochen. Außerdem beantwortet er die Frage, warum er beim Thema Reichtumsforschung von Voodoo-Ökonomie spricht.

 

? Dr. Grabka, Sie sind Reichtumsforscher. Auf welchem Gebiet forschen Sie?

! Ich nenne mich nicht Reichtumsforscher, sondern Verteilungsforscher. Aber selbst das ist keine geschützte Berufsbezeichnung, sondern lediglich der Versuch, zu erklären, auf welchem Themengebiet ich arbeite.

? Womit beschäftigt sich ein Verteilungsforscher?

! Mit der Verteilung der Einkommen und Vermögen in Deutschland. Mit den Löhnen und den verfügbaren Haushaltseinkommen – sowohl am unteren Rand, als auch mit der Mittelschicht und wenn es um Topvermögen geht.

? Ist die Erforschung von Topvermögen nicht sehr mühsam? Die wirklich Reichen sind ja nicht durchsichtig und geben sicher nicht unumwunden zu, wieviel sie besitzen. Wie definieren Sie Reichtum?

! Es gibt keine klare Definition. Gemeinsam mit Prof. Dr. Wolfgang Lauterbach von der Uni Potsdam, der ebenfalls auf dem Gebiet der Reichtums- und Vermögensforschung tätig ist, haben wir vom DIW den Versuch einer Definition unternommen, ein Gutachten erstellt und versucht, Hochvermögende in Deutschland zu befragen.

? Hochvermögende – also reiche Menschen?

! Es ist die Frage, wie man den Begriff Reichtum tatsächlich eingrenzt. Daher spreche ich von Hochvermögenden oder Topvermögenden. Selbst in der Soziologie, die sich mit dem Thema der Ungleichheit befasst, findet sich keine allgemein verbindliche Definition, was Reichtum ist, wo Reichtum beginnt, wo der Schwellenwert liegt. Ist Reichtum nur das Vermögen, das ein Mensch besitzt? Ist es sein Einkommen? Ist es beides? Oder hat es ganz andere Dimensionen?

? Welchen Ansatz hatten Sie?

! Im Rahmen des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung* gab es in den letzten Jahren zweimal eine Befragung von Bürgern. Die Menschen sollten die Frage beantworten, was sie unter Reichtum verstehen und wo der Schwellenwert für sie liegt, ab wann sie jemanden für „reich“ halten. Außerdem wurde gefragt, was für sie ein „Vermögen“ ist. Im Ergebnis ordneten die Befragten als Schwellenwert für Vermögen und damit „Reichtum“ Summen zwischen 500 000 und drei bis fünf Millionen Euro ein.

? Wie bewerten Sie Reichtum beziehungsweise Vermögen wissenschaftlich?

! Der Vermögensreichtum ist eine Dimension, bei der Menschen über so viel Vermögen verfügen, dass sie einen durchschnittlichen Lebensunterhalt davon finanzieren können.

? Können Sie das genauer erklären?

! Stellen Sie sich ein Geldvermögen in einer bestimmten Dimension vor, dem man eine durchschnittliche Verzinsung unterstellt – zum Beispiel die durchschnittlichen Veränderungen von Aktien weltweit. Zieht man also den MSCI-Index der letzten rund 50 Jahre heran, erreicht man im Schnitt eine Wertsteigerung von sechs bis sieben Prozent. Wenn man dies als durchschnittlichen Ertrag aus dem Geldvermögen einer Person unterstellt, ergibt das nach Abzug von Steuern etwa einen Schwellenwert von 700 000 Euro. Ab diesem Schwellenwert kann man von Vermögensreichtum sprechen.

Lesen Sie den ganzen Artikel im Heft „Arm und reich“.

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