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Heft 30 Interviews

“Armut prägt”

Der Sozialwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge hält es für zynisch, wenn zwischen „echter Armut“, wie sie in manchen Entwicklungsländern besteht, und „Armut de luxe“ unterschieden wird – zum Beispiel, wenn in Deutschland von Hartz IV-Empfängern die Rede ist. Er meint, dass Arme in unserem reichen Land stärker ausgegrenzt werden. Trotzdem hält er das bedingungslose Grundeinkommen nicht für den richtigen Weg. Ein Gespräch über Armut und Reichtum, statistische Taschenspielertricks bei der Berechnung der Arbeitslosenquote und über den Konformitätsdruck, den Journalisten erleben.

 

? Sie sind Sozialwissenschaftler, aber in den Medien werden Sie als Armutsforscher bezeichnet. Warum befassen Sie sich wissenschaftlich mit dem Thema „Armut in der Gesellschaft“?

! Mit dem Thema „Armut“ bin ich bereits 1994 in Berührung gekommen. Damals bildete ich an einer Hochschule in Potsdam Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiter aus. Die Studierenden konfrontierten mich mit dem damals besonders in den ostdeutschen Bundesländern wachsenden Problem der Kinderarmut. Wir haben das Thema aufgegriffen und Projekte gestartet. Die Problematik habe ich weiter untersucht, als ich 1998 an die Erziehungswissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln berufen wurde.

? Deutschland ist ein reiches Land, den meisten Deutschen geht es weit besser als 90 Prozent der Weltbevölkerung. Wie definieren Sie Armut?

! Armut hat unterschiedliche Gesichter. Es gibt einerseits die Hungerbäuche von Kindern in der Dritten oder Vierten Welt, andererseits die Armut in den hochentwickelten Industrieländern wie der Bundesrepublik. Um die unterschiedlichen Gesichter von Armut erfassen zu können, unterscheidet man in der Wissenschaft zwischen absoluter und relativer Armut. Absolut arm ist jemand, der seine Grundbedürfnisse nicht befriedigen kann. Wer nicht genug zu essen hat, kein sicheres Trinkwasser, keine den klimatischen Bedingungen angemessene Kleidung, kein Obdach und wer nicht über eine medizinische Grundversorgung verfügt, gilt als absolut arm. Relativ arm ist, wer zwar seine Grundbedürfnisse befriedigen, sich aber vieles von dem nicht leisten kann, was in einem reichen Land wie Deutschland für die meisten Bewohner normal ist. Das gilt für die Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben sowie an Freizeitbeschäftigungen. In Deutschland betrifft das ganz besonders viele Kinder und Jugendliche. Wenn Kinder von den Klassenkameraden ausgelacht werden, weil sie nicht über Dinge verfügen, die alle anderen haben, ist das eine sehr schmerzhafte und prägende Erfahrung. Und relative Armut heißt nicht, dass man das Problem relativieren kann, sondern sie heißt relativ, weil sie in Relation zu dem Wohlstand steht, der Menschen umgibt.

? Was heißt, arm ist nicht gleich arm und es wird nicht differenziert?

! Journalisten machen häufig den Fehler einer undifferenzierten Berichterstattung. Von einigen Kollegen wird so getan, als wäre Armut in einem reichen Land eine Art Armut de luxe oder Jammern auf hohem Niveau.

? Haben Sie ein Beispiel?

! Besonders aufgefallen ist mir diese Art der Berichterstattung bei der Tsunami-Flutkatastrophe. Da hatten einige Berichte den Tenor: Das ist echte Armut, wenn ein Jugendlicher in einer Lehmhütte am Indischen Ozean heranwächst, und die wird dann auch noch von einer solchen Naturkatastrophe weggeschwemmt. Zum Vergleich: Wenn ein Jugendlicher ohne Ausbildungsplatz und Perspektive in einem Hochhaus in Berlin-Gropiusstadt, in Köln-Chorweiler oder in München-Hasenbergl aufwächst, dann heißt es in der Berichterstattung häufig, die Hartz-IV-Bezieher jammerten auf hohem Niveau. Ich finde es zynisch, wenn Journalisten zwischen echter Armut und Armut de luxe unterscheiden. Von Menschen in den Slums von Nairobi behauptet niemand: Die sind selber schuld, weil sie den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen. Bei uns werden Arme sozial ausgegrenzt. Ihnen wird vorgeworfen, für ihre Situation selbst verantwortlich zu sein, und sie werden als Drückeberger, Faulenzer, Sozialschmarotzer oder Hartzer bezeichnet – besonders gern in den Nachmittagssendungen der Privatsender. Wenn aber ein Heranwachsender im tiefsten Winter auf einem Schulhof steht und von Klassenkameraden ausgelacht wird, weil er Sandalen und eine Sommerjacke trägt, dann ist das für ihn schlimmer als die Kälte. Diese reiche Gesellschaft und vor allem auch die Medien sollten die relative Armut genauso ernst nehmen wie die absolute Armut.

? Für Zustände, wie Sie sie gerade beschreiben, ist aber die Politik verantwortlich.

! Ich habe in dem Buch „Armut in einem reichen Land“ untersucht, wie die Politik beziehungsweise die etablierten Parteien, die Medien und die Soziologie als dafür zuständige Wissenschaft mit Armut umgehen. In allen drei Bereichen habe ich festgestellt, dass verharmlost, relativiert und beschönigt wird. Bei etwa 860 000 Wohnungslosen in der Bundesrepublik, 52 000 Obdachlosen und etwa 15,7 Prozent der Bevölkerung, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen (Definition der Europäischen Union), handelt es sich bei der Armut hierzulande um ein sehr drängendes Problem.

Lesen Sie den ganzen Artikel im Heft „Arm und reich“.

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