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Günter Wallraff: Die Auflage von BILD galoppiert abwärts
Foto: Bernd Lammel
Boulevard

Günter Wallraff: Die Auflage von BILD galoppiert abwärts 

Günter Wallraff ist einer der bekanntesten und couragiertesten deutschen Publizisten. Millionen lesen seit über vier Jahrzehnten seine Bücher, sehen seine Filme, verfolgen sein politisches Engagement. Investigativer Journalismus, der die dunklen Seiten der gesellschaftlichen Realität aufzudecken versucht, wird im Schwedischen und im Norwegischen inzwischen »wallraffa« genannt. NITRO sprach mit dem Enthüllungsjournalisten und Publizisten Günter Wallraff über Schlagzeilen in BILD, deren schwindende Auflage und warum Politiker die BILD mit Statements und Interviews bedienen.

NITRO:  Wann haben Sie zuletzt die BILD gelesen?

Wallraff: Notgedrungen ein paar Mal in den letzten Wochen. BILD-Herausgeber Kai Diekmann hat nämlich zu meiner Überraschung ein Tischtennis-Turnier gegen mich gebucht. Ich hatte mich beziehungsweise meine Tischtennisbegeisterung für eine Crowdfunding-Aktion zugunsten einer Real-Satire-Sendung im Internet zur Verfügung gestellt.

Systematische Hetze gegen ein ganzes Land

? An welche Schlagzeile der BILD-Zeitung aus den vergangenen Jahren erinnern Sie sich sofort?

! „Ihr Pleitegriechen! Verkauft doch eure Inseln! Und die Akropolis gleich mit!“ Die beispiellose Kampagne gegen die Griechen gipfelte in dieser Überschrift. Es war eine systematische Hetze gegen ein ganzes Land, nicht zuletzt, um von der gezielten Verarmungs- und Privatisierungspolitik durch Schäuble und die sogenannte Troika abzulenken.

Ein Beispiel noch, wie BILD eine regelrechte Hetzjagd und Hysterie auslöste, um einen in Ungnade gefallenen Politiker zum Abschuss vorzubereiten und ihn im Verbund mit Spiegel und anderen Medien zur Strecke brachte: „Vertuschungsverdacht: Wer zahlte Wulffs Sylt-Urlaub?“ So schoss sich BILD auf den ehemaligen Bundespräsidenten ein, weil er als einer der ersten Politiker öffentlich kundtat, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Und ganz aktuell und besonders infam: „Grüner mit Hitler-Droge erwischt!“ Mit der Grundsubstanz von Chrystal Meth mag tatsächlich Hitler sein Hirn zusätzlich vernebelt haben. BILD vernebelt seinen Lesern das Hirn, weil trotz derselben Droge der Grüne Volker Beck natürlich nichts mit Hitler gemein hat.

Rechtsaußen-Journalist wie Ex-BILD-Chef Peter Bartels

? Die Auflage der BILD-Zeitung ist von einst 5,8 auf 1,8 Millionen gerutscht. Ist das für Sie eine gute Nachricht?

! Einerseits, andererseits. Vielleicht kann man es Kai Diekmann als Verdienst anrechnen, dass das Blatt nicht mehr durchgängig gegen Minderheiten hetzt, besonders gegen Ausländer. Teilweise äußert die Zeitung ja sogar Verständnis, wie zum Beispiel im kurzen deutschen Sommer der Flüchtlings-Solidarität. Da wurde wochenlang das AfD-Dumpfbackengeschrei nicht zustimmend abgebildet und auch nicht vorwärtsgeschrieben. Weshalb Rechtsaußen-Journalisten wie Ex-BILD-Chef Peter Bartels Kai Diekmann Verrat an Volkes Meinung vorwerfen. Andererseits ist es schon erfreulich, wenn so ein Blatt an Auflage und Bedeutung verliert, dem der Bundesgerichtshof 1981 in dem damaligen Verbotsverfahren gegen mein Buch „Der Aufmacher“ attestiert hat, es sei eine „Fehlentwicklung“ des Journalismus, „an deren Erörterung die Allgemeinheit wegen der einschneidenden Folgen von Meinungsmanipulationen in hohem Maß interessiert sein“ müsse.

Ex-Kanzler Schröder meinte, „ohne BILD, BamS und Glotze“ könne er nicht regieren

? Fast alle Politiker bedienen die BILD mit Statements und Interviews. Wie erklären Sie sich, dass die BILD immer noch so viel Einfluss hat?

! Da ist zum einen das Kalkül, mit Medienpopulismus groß werden zu können. Bestes Beispiel war Ex-Kanzler Schröder, der meinte, „ohne BILD, BamS und Glotze“ könne er nicht regieren. Also regierte er denn auch mit deren Methoden. Die berechtigte Kritik an der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen schoss er zum Beispiel mit dem BILD-typischen Spruch aus dem Weg: „Es gibt kein Recht auf Faulheit.“ Dass er einen BILD-Redakteur zu seinem Pressesprecher machte, wunderte da nicht mehr.

Dann gibt es noch das Kalkül, man müsse sich nur liebedienerisch genug diesem Massenblatt unterwerfen, dann brauche man nicht zu befürchten, dass es einen schlachtet. Mit dieser Illusion dienen sich noch immer viele Politiker dieser Zeitung an. Das Beispiel Wulff sollte ihnen allerdings klarmachen, dass dieseine Täuschung ist.

Hohn- und Hasskampagnen wie gegen die Griechen

! Was macht die BILD-Zeitung heute aus? Von Holzhammer bis subtil – es ist ja alles dabei.

! In der Tat. Die BILD hat ihr Repertoire erweitert. Sie finden heute sogar gute Recherchen in der Zeitung. Das hat wahrscheinlich auch mit dem Auflagen-Absturz zu tun. Die Zeitung überrascht manchmal sogar mit Meinungsvielfalt. Doch zu sehr überraschen darf sie auch nicht, sonst verprellt sie ihr Stammpublikum noch mehr. Auf eines bleibt auf jeden Fall Verlass: Im Wahlkampf wird dem jeweils konservativen Kandidaten mehr Gehör und Zuwendung entgegengebracht. Und Hohn- und Hasskampagnen wie gegen die Griechen gehen eben auch noch. Es geht darum, Sündenböcke zu schaffen und Ersatzschuldige zu finden, auf dass sich die Auflage von ihrer galoppierenden Schwindsucht erholt.

? Gibt es den Wallraff-Hilfsfonds für BILD-Opfer noch?

! Ja, seit nunmehr 30Jahren.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel 

Autor: 

Günter Wallraff,Jahrgang 1942, lebt und arbeitet in Köln. Veröffentlichungen unter anderen: „Wir brauchen dich. Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben“(1966; 1970 unter dem Titel „Industriereportagen“), „13 unerwünschte Reportagen“(1969), „Ihr da oben, wir da unten“(mit Bernd Engelmann), „Unser Faschismus nebenan“(1975), die Dokumentation einer in Athen durchgeführten Protestaktion Wallraffs gegen das griechische Obristenregime. Besonderes Aufsehen erregte Wallraff 1977 mit seinen verdeckten Recherchen innerhalb der Redaktion der BILD-Zeitung(„Der Aufmacher“und weitere Bücher zum Thema). Ebenfalls 1977 veröffentliche Wallraff gemeinsam mit Heinrich Böll das Buch „Berichte zur Gesinnungslage der Nation – Berichte zur Gesinnungslage des Staatsschutzes“. Die Reportage über den menschenverachtenden Handel mit Leiharbeitern, „Ganz unten“(1985), verkaufte sich in Deutschland mehr als fünf Millionen Mal, 38 Übersetzungen kamen auf den Markt, und es war das erfolgreichste Sachbuch der Nachkriegszeit. Große Medien- und Leserresonanz fanden die Reportagen in dem Band „Aus der schönen neuen Welt“(2009, 2012).

Kasten:

Günter Wallraff wurde durch spektakuläre Enthüllungsaktionen bekannt, die er in mehr als 32 Büchern verarbeitete. Die bekanntesten sind: „Berichte zur Gesinnungslage der Nation/Berichte zur Gesinnungslage des Staatsschutzes“, das er gemeinsam mit Heinrich Böll schrieb (1977), „Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war“ (1977),  „Ganz unten“, Beschreibung des Schicksals illegal eingeschleuster Arbeiter (1985), „Aus der schönen neuen Welt“, sein mit fünf Millionen verkauften Exemplaren erfolgreichstes Buch (2009).

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