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Aktuell Heft 35 Interviews Lesenswert

“Die Übernahme”

Die Übernahme - 30 Jahre Mauerfall

Der 9. November 1989 wird als Schicksalsnacht der Deutschen bezeichnet. Mit einer „Revolution“ und mit offenen Grenzen hatte niemand gerechnet. Mit der Deutschen Einheit, nur elf Monate später, noch viel weniger.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat zum Thema 30 Jahre Mauerfall das vielleicht spektakulärste Buch geschrieben. Es enthält harte Fakten und sehr persönliche Erfahrungen. Es ist aber auch ein schonungslos politisches Buch, das viele kontroverse Diskussionen auslösen wird. Denn nach 30 Jahren haben alle, die damals dabei waren, ihre eigene Sicht auf die Ereignisse im Gedächtnis bewahrt. Ν hat mit dem Historiker über die Entwicklung der vergangen 30 Jahre in Ostdeutschland gesprochen. Über die sozialen Folgen, mit denen die Menschen konfrontiert wurden, und wie das Leben vieler Menschen im Jubiläumsjahr aussieht.

? Ilko-Sascha Kowalczuk, Ihr Buch pünktlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls heißt „Die Übernahme“. Warum haben Sie mit dem Buch 30 Jahre gewartet und es nicht schon nach 20 oder 25 Jahren geschrieben?

! Es ist umstritten, ob sich Historiker zu den Ereignissen und Prozessen äußern sollten, die noch jung sind und gewissermaßen noch „qualmen“. Für Zeithistoriker ist ein wenig Abstand ratsam, weil wir alle inmitten dieses Prozesses stehen – ganz egal, ob wir Akteure oder Beobachter waren, Beobachter in der Nähe oder aus der Ferne. Der Standpunkt zum Zeitpunkt, an dem etwas passiert, beeinflusst natürlich auch, wie man später damit umgeht. Ich bin kein Historiker, der sagt, es gibt eine objektive Betrachtung von Geschichte. Setzen Sie zwei Historiker vor einen Stapel gleicher Archivalien und bitten sie, damit eine bestimmte Fragestellung zu bearbeiten. Sie werden zwei unterschiedliche Geschichten erhalten, und unter Umständen haben diese gar nicht viel miteinander zu tun. Daher ist es vernünftig, ein wenig Abstand zum historischen Ereignis, um das es geht, zu gewinnen. Zeitlicher Abstand ist die größte Beruhigungspille auch für Historiker. Aber vor zehn Jahren habe ich ja bereits ein großes Buch, „Endspiel“, über die Revolution von 1989 geschrieben.

? Was war der Auslöser für Ihr neues Buch?

! Vor dem Hintergrund der Entwicklungen in Ostdeutschland, aber auch auf der Welt, dem Aufkommen des demokratiegefährdenden Populismus, erschien es mir notwendig, nun meine Sicht darzulegen, wie der Osten dorthin kam, wo er heute steht.

? Der Titel des Buches lautet „Die Übernahme“. Der Verlag kündigt es an mit: „Wie der Westen sich den Osten einverleibt hat“. Das klingt nach Hinterlassenschaft eines Toten. Schwingt da ein wenig Bitternis mit?

! Überhaupt nicht. Der Titel war ein Vorschlag des Verlags, und ich habe zugestimmt, weil Titel provozieren und Leser finden sollen. Ich bin kein Schriftsteller, der sagt: Ich schreibe schöne Gedichte, egal ob die irgendjemand liest. Ich möchte die Gesellschaft erreichen.

? Der Einstieg ins Buch ist für einen Historiker überraschend persönlich, und der Leser bekommt schon auf den ersten Seiten eine Gänsehaut und ein flaues Gefühl im Magen. Das zieht sich bis zum Ende des ersten Kapitels „Geschichten“ durch, aber auch an anderen Passagen des Buches werden manche Leser erschüttert sein. Warum haben Sie als Historiker diese persönliche Ebene gewählt?

! Als Historiker sehe ich mich in der Tradition angelsächsischer oder französischer Geschichtsschreibung, die lebendig sein will, auch wenn ich über das 12. Jahrhundert schreibe. Ich habe meine Fragen an die Geschichte, und natürlich habe ich einen Standpunkt. Zu dem bin ich durch meine Sozialisation, meine Biografie, meine Erfahrungen gekommen, und genau das soll der Einstieg ins Buch zum Ausdruck bringen. Das sind die ganz unterschiedlich gelagerten Erfahrungen in meiner eigenen Familie – und ich nenne nur zwei Beispiele. Ich könnte bei 15 Familienmitgliedern aus meiner Großfamilie 15 völlig verschiedene Geschichten erzählen, aber ich habe Beispiele gewählt, die mir am nächsten sind, die meines Vaters und des Vaters meiner Frau. Deren interessanten, aber vielfach gebrochenen Biografien stelle ich relativ hart meinen eigenen Ausgangspunkten gegenüber. Viele Jahre habe ich mich für diese Brüche relativ wenig interessiert, denn für mich galt nach dem Mauerfall „nur“: Freiheit, Freiheit, Freiheit. Ich habe versucht, dieses Spannungsfeld durch das Buch zu ziehen, indem ich immer wieder verschiedene Pole in diesem Geschichtsprozess, in dem Prozess der deutschen Einheit aufzeige. All diese Positionen haben ihre eigene Legitimität, weil jede Biografie ihre eigene Legitimität hat. Ob uns das nun passt oder nicht.

? Dadurch bekommt das Buch neben den harten Fakten eine sehr große eine Authentizität. Wie lange habe Sie daran geschrieben?

! Das Buch ist aus mir, aus meinem Kopf und meinem Herzen „herausgesprungen“ und bildlich gesprochen in die Tastatur geflossen. Der Verlag sprach mich im November letzten Jahres an, ob ich dieses Buch schreiben könnte. Im Februar habe ich das Manuskript abgegeben. Daran sieht man, dass mir das Thema eine Herzensangelegenheit war und ist.

? Sie nennen die ­Freiheitsrevolution von 1989/90 einen historischen Wimpernschlag, der manche so ­glücklich gemacht hat, dass sie glaubten, nun würden Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit für immer unverrückbar sein. Wer aus dem Osten hätte denn ahnen können, dass die Demokratie so anstrengend wird? Die Menschen hatten doch nur Erfahrungen in einer Diktatur gemacht.

! Die meisten Menschen haben es nicht erwartet, sie haben es nicht einmal erahnt, wie anstrengend und widersprüchlich Demokratie ist. Das ist eine meiner Grundthesen: Wer hat die Revolution eigentlich gemacht? Bei allen pathetischen Sonntagsreden, die wir ständig hören, steht für mich fest: Fernsehbilder und Fotos lügen oft, denn 70 000 Menschen auf einer Straße sind noch lange keine Mehrheit.

Lesen Sie den ganzen Artikel im aktuellen Heft.

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