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Nichts geht mehr! Mitten in der Verkehrsapokalypse
Prof. Dr. Stephan Rammler
Interviews

Nichts geht mehr! Mitten in der Verkehrsapokalypse 

Unbequeme Wahrheiten? Damit hält sich Prof. Dr. Stephan Rammler nicht auf. Er verteilt eine verbale ­Ohrfeige nach der anderen. Kein Wunder, dass er schon Morddrohungen erhalten hat: Der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung hält etwa Andreas Scheuer für ahnungslos, der Verkehrsminister wäre besser Autoverkäufer geworden. Die deutsche Automobilindustrie sei längst abgehängt, die Bahn dem Verfall preisgegeben. Dystopie? Leider nein, sondern knallharter Realismus.

?  Als Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin beschäftigen Sie sich unter anderem mit dem Thema Mobilität. Womit genau?

! Unser Thema sind die großen Fragen der Nachhaltigkeit und der Transformation – also die Frage, wie schaffen wir es, eine erfolgreiche, sozial gerechte, ökonomisch zukunftsfähige und mit der Ökologie im Einklang stehende Gesellschaft zu schaffen. Das ist nicht nur eine rein technologische Frage, sondern eine Frage sozialer Routinen, Gewohnheiten, Wertorientierungen, eine Frage der politischen Regime und der politischen Kultur. Als Zukunftsanalytiker muss man alle Themenfelder trans- und interdisziplinär betrachten, denn es geht neben der Mobilität auch um die Energieversorgung und die Frage der Ressourcen. Wenn wir über die Transformation des Mobilitätsmarktes reden, müssen wir für die Zukunft der Mobilität neue Rahmenbedingungen entwickeln.

?  An Ihrem Institut prognostizieren Sie zukünftigen Entwicklungen?

! Nein, wir sind Analytiker von Optionen zukünftiger Entwicklung. Das ist ein großer Unterschied. Wir sagen nicht, wie die Zukunft sein wird, sondern wie die Zukunft unter bestimmten Annahmen sein könnte. Es sind keine Prognosen und auch keine beliebigen Prospektionen, sondern es sind methodisch hinterlegte wissenschaftlich basierte Szenarien möglicher zukünftiger Entwicklungen. Wir haben kein analytisches Problem, wenn es um die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit oder nachhaltiger Mobilität geht, sondern eher ein politisches und ein gesellschaftspolitisches Problem. Als Zukunftsanalytiker würde ich sagen, wir haben bereits seit einigen Jahrzehnten Zukunftsprobleme – determiniert durch Entscheidungen, die wir als Gesellschaft in der Vergangenheit getroffen haben. Wir müssen über Strukturen, Routinen und Gewohnheiten reden, die das Neue im Entstehen behindern. Und darüber, wie Bewahrung und Erneuerung angesichts der Nachhaltigkeitstransformation in einem klugen Gleichgewicht stehen können.

Jeden Morgen stehen Menschen mit ihren Autos auf der Autobahn

?  Wenn wir von den Entscheidungen der Vergangenheit sprechen: 1886 gilt als das Geburtsjahr des Automobils – es wurde von Carl Benz in Deutschland erfunden. Das Automobil war aber nicht sofort „des Deutschen liebstes Kind“. Wann wurde Deutschland zur Autonation?

!  Nach meiner Interpretation ist die Geburt des deutschen Automobilismus in der Nachkriegszeit zu verorten. Er hat seine Ursprünge im Faschismus und der Idee der Nationalsozialisten, die das Ziel hatten, dass jeder Deutsche ein eigenes Auto besitzen sollte. In der Nachkriegszeit, der Zeit des Wirtschaftswunders, wurde daran angeknüpft – vor allem an die Konsumwünsche der breiten Bevölkerung, die sich sehr stark an Nordamerika orientierte.

?  In den USA war das Auto zu dieser Zeit längst ein Massenprodukt.

!  Nordamerika war bereits seit den 1930er-Jahren eine Gesellschaft der Massenmobilität, der automobilen Massenkultur. Das Auto als Massenprodukt ist im „Fordismus US-amerikanischer Prägung“ begründet und kam in der Übertragung des Konsum-, Politik- und Ökonomiemodells über Westeuropa nach Deutschland. Die Massenmotorisierung wurde als politisch, gesellschaftlich, kulturelles Projekt geschaffen. In den 1950er- und 1960er-Jahren war das Automobil eine höchst innovative Idee – von den schon damals sichtbar werdenden ökologischen Problemen wollte niemand etwas wissen.

?  Es war die Zeit des Fortschritts …

!  … ja, der Preis für diesen Fortschritt und für unsere Form von Automobilität war damals schon hoch, aber er wurde in anderen Teilen der Welt gezahlt, zum Beispiel dort wo das Erdöl herkam. Besonders unser Verhalten in den vergangenen 30 Jahren, unsere gewohnte Praxis macht uns also heute Probleme, unser Verhalten zu ändern.

 ? Das Auto gilt als wichtigstes Fortbewegungsmittel der Deutschen. In Deutschland wurde gerade die Marke von 54 Millionen Kraftfahrzeugen geknackt. Stehen wir in Deutschland irgendwann vor einem Mobilitätsinfarkt?

! Wir sind mittendrin. Der Begriff des Infarktes ist vielleicht nicht die richtige Metapher, denn Infarkt bedeutet, es geht etwas kaputt, es funktioniert gar nichts mehr. Das Interessante ist, wie lange Systeme in der Lage sind, sich noch einigermaßen funktionsfähig zu halten. Wenn Sie sagen, eine gelingende sozial gerechte Gesellschaft, unter der Menschen nicht leiden, wäre das Ziel, dann leben wir die Apokalypse schon jetzt – sie ist habituell geworden. Denn die Westeuropäer leben auch auf Kosten von Menschen, die ihr Dasein womöglich schon als Apokalypse erleben. Genauso ist es mit der Mobilität.

 ? Der Verkehrsinfarkt ist längst Realität?

!  Er ist real. Jeden Morgen stehen Menschen mit ihren Autos auf dem Weg zur Arbeit auf der Autobahn. Jeden Sommer bilden sich kilometerlange Staus, weil Menschen in den Urlaub fahren. Der Stau ist Routine geworden, wir haben uns damit arrangiert und Gewohnheiten entwickelt, damit umzugehen. Viele sind nicht glücklich damit, aber Deutschland ist eine Pendlernation. Die Distanzen erhöhen sich, und das führt zu psychischen, körperlichen und sozialen Problemen. Pendeln ist heute zu einem echten Problem für den sozialen Zusammenhalt geworden.

Wir haben ein Automobilsystem und ein Straßenverkehrssystem

 ? Sie selbst pendeln von Berlin nach Braunschweig …

!  Ich pendle seit fast 18 Jahren von Berlin nach Braunschweig und bin viel in Europa unterwegs. Ich fliege nicht, sondern nutze die Bahn – und kann also viele Geschichten über die Dysfunktionalität der Deutschen Bahn erzählen. Bei der Bahn, die eine Alternative zum Auto sein könnte, fallen Tag für Tag viele Züge aus oder sie kommen Stunden später an – deshalb ist die Bahn nur bedingt eine zuverlässige Alternative. Und so haben wir ein Automobilsystem und ein Straßenverkehrssystem, in dem jedes Jahr 2 000 bis 3 000 Menschen sterben, und wir sind bereit, dieses schlechte System zu akzeptieren. Es ist schwer verständlich, dass wir auf den Mond fliegen und das Genom entschlüsseln, aber nicht in der Lage sind, eine funktionierende, umweltverträgliche und vernünftige Mobilität zu schaffen.

?  Für die Mobilität in Ballungszentren und in ländlichen Gebieten müssten aber unterschiedliche Alternativen geschaffen werden, wenn die Menschen aufs Auto verzichten sollen. Muss hier nicht die Politik Angebote machen?

! Es ist ganz wichtig, dass wir zwischen urbaner und ländlicher Mobilität unterscheiden und unterschiedliche Strategien und Geschwindigkeiten für Veränderungen ansetzen. Natürlich ist hier die Politik gefragt, aber die im Moment politisch Verantwortlichen tun eigentlich alles, um den jetzigen Status quo zu erhalten.

?  Die Bundesregierung hat eine zu große Nähe zur Automobilindustrie?

! In meinen Augen haben die verantwortlichen Verkehrspolitiker den Schuss noch nicht gehört. Nicht nur, dass sie alles einfach weiterlaufen lassen. Die ländliche Bevölkerung wird auch noch auf sehr unlautere Art und Weise in Anspruch genommen – quasi als „argumentatives Kanonenfutter“, um die jetzige Verkehrspolitik weiterhin zu rechtfertigen. Natürlich können wir der ländlichen Bevölkerung das Auto nicht von heute auf morgen „wegnehmen“ – aber wir müssen genau deswegen Alternativen schaffen und über zukünftige kluge Mobilitätsmodelle nachdenken. ­Dafür braucht es Politiker, die nicht den alten Strategien der Autoindustrie verhaftet sind, sondern Alternativen zum eigenen Auto schaffen.

Zukünftig werden es Autos mit Elektroantrieb sein

?  Das wäre ein erster Schritt …

! Es wäre ein wichtiger Schritt, um die Menschen dazu zu bringen, den Pfad zu wechseln, aber das muss in ländlichen Räumen natürlich behutsam passieren. In urbanen Regionen gibt es bereits alle Ingredienzien, um ein wunderbar funktionierendes urbanes Verkehrssystem zu bauen, in dem das Auto nur noch eine untergeordnete und emissionsfreie Rolle spielt. Zukünftig werden es Autos mit Elektroantrieb sein – ob das batterietechnische Speichermöglichkeiten sind oder Brennstoffzellen, wird die Zukunft zeigen. Wichtig ist aber in erster Linie der politische Wille, etwas zu ändern.

?  Die Politik könnte zum Beispiel damit beginnen, in Deutschland ein Tempolimit einzuführen, und wir hätten sofort bessere CO2-Werte. Dazu hat sich der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer Anfang des Jahres aber mit den Worten positioniert: Überlegungen zu einem Tempolimit seien „gegen jeden Menschenverstand“. Müsste der Minister nicht zukunftsorientierter sein?

!  Da bin ich im Moment leider absolut desillusioniert. Wir erleben seit fast 15 Jahren eine „In-Geiselhaft-Nahme“ der nationalen und ein Stück weit der europäischen Verkehrspolitik durch bayerische Partialinteressen. Niemand hat die bayerische Pendlermaut gebraucht, die brauchte nur der bayerische Ministerpräsident. Die Bayern zeigen in Reinform, wie Sachpolitik regelmäßig zum Vehikel von machtpolitischen Interessen wird. Das ist angesichts der Dringlichkeit nötiger Veränderungen unerträglich. Herr Scheuer will einerseits machtpolitisch nichts falsch machen, und gegenüber den Menschen in den ländlichen Räumen positioniert er sich deswegen mit schlichten und schlechten Argumenten. Andererseits hat er nicht begriffen, dass sich die deutsche Autoindustrie inzwischen in einem desolaten, schlechten Zustand befindet. Warum? Weil über viele Jahre am alten Pfad festgehalten und die Zukunft ausgeblendet wurde. Minister Scheuer sagt: „Wir müssen die deutsche Autoindustrie schützen“, und handelt dann ganz im Sinne der Autokonzerne. Das Tempolimit muss verhindert werden, weil die deutschen Autobahnen Schaubühne deutscher Hochgeschwindigkeitskultur im Automobilbau sind. Er könnte auch sagen: Weil diese Art der Automobilität sich historisch überlebt hat, müssen wir uns gemeinsam auf einen neuen Weg begeben. Und dazu gehören dann auch ein Tempolimit und weitere politische Anreize für kleine und emissionsfreie Fahrzeuge und neue Nutzungsformen des Autos. Das würde die deutsche Autoindustrie mittel- und langfristig zukunftsfest machen.

Der Gesamtumbau unserer Mobilitätswelt ist unausweichlich

?  In keinem anderen Land darf man so schnell fahren wie auf deutschen Autobahnen.

!  Richtig. Es gibt kein Tempolimit in Deutschland, weil wir eine Autoindustrie haben, die Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge baut. Einzusehen, dass ein Tempolimit in jeder Hinsicht, ökologisch, ökonomisch und sicherheitstechnisch der richtige Weg wäre, dafür braucht es nur den gesunden Menschenverstand. Auch wissenschaftlich gibt es da nichts zweifeln. Doch auch wenn ein Tempolimit ein wichtiger erster Schritt wäre – der Gesamtumbau unserer Mobilitätswelt ist unausweichlich. Aber dafür braucht es Politiker, die den Mut haben, sich anzulegen – mit den Autofahrern und der Autoindustrie. Vor allem aber erwarte ich von ihnen belastbare und überzeugende Zukunftskonzepte und das Bemühen, sie den Wähler klug und visionär zu vermitteln.

?  2007 gab es schon einmal eine ähnliche Situation, als das Nichtrauchergesetz eingeführt wurde. Die Tabaklobby und die Raucher liefen Sturm, als in Restaurants und öffentlichen Einrichtungen das Rauchverbot durchgesetzt wurde. Heute ist es völlig normal und niemand diskutiert mehr über das Rauchverbot. Warum sollte sich das Tempolimit nicht ebenfalls durchsetzen lassen?

! Vor allem wenn man bedenkt, dass auf deutschen Straßen und Autobahnen jedes Jahr mehr Menschen sterben, als deutsche Soldaten in der Nachkriegszeit in Kriegsgebieten gestorben sind. Deutsche Politiker geben vor, Dinge ändern und Probleme lösen zu wollen, aber Politik bedeutet auch, die Gesellschaft auf kluge, behutsame und interessenabwägende Art und Weise zu gestalten, weil Marktwirtschaft immer dysfunktional wird, wenn wir sie nicht sozial einbinden.

Deutschland ist hochgradig abhängig ist von der Autoindustrie

?  Vielleicht könnte es andersherum funktionieren. Wenn die Autokonzerne Druck von Verbrauchern bekommen, weil immer mehr Menschen ein Elek­troauto kaufen wollen, gerät die Autoindustrie unter Druck. Norwegen macht es gerade vor und hat im März mehr Elektroautos verkauft als Autos mit Verbrennungsmotoren. Für letztere muss man eine Luxussteuer zahlen und für E-Autos nicht. Können Sie sich das in Deutschland vorstellen? 

! Vor dem Hintergrund der deutschen Automobilkultur und Autopolitik kann ich mir das im Augenblick schwer vorstellen, aber es ist genau der richtige Weg. Die Skandinavier sind verkehrs- und mobilitätspolitisch sehr viel weiter als wir und haben dafür in der Vergangenheit politisch auch eine Menge getan. Eine Gesellschaft wie unsere, die über Jahrzehnte nicht wahrhaben wollte, dass Deutschland hochgradig abhängig ist von der Autoindustrie – im Sinne einer Monokultur – muss sich nicht wundern, dass wir ins Hintertreffen geraten sind. Eine Industrie, die über viele Jahrzehnte die Augen verschlossen hat, wird sich nicht ganz plötzlich auf sozialverträgliche und volkswirtschaftlich sinnvolle Art und Weise transformieren lassen. Im vergangenen Jahr hat die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie veröffentlicht, an der ich mitgewirkt habe: „Transformation by Design oder by Desaster – die Zukunft der deutschen Autoindustrie“. Darin wurde genau prognostiziert, was gerade mit der deutschen Autoindustrie passiert.

?  Es geht aber nicht nur ums Auto, es geht auch um ein belastbares und tragfähiges Bahnkonzept, um Radverkehr, um vernetzte Mobilitätssysteme.

! Natürlich! Wir brauchen ein gut ausgebautes Bahnsystem. All das hat man schon vor 10, 15, 20 Jahren gewusst und die Voraussetzungen nicht geschaffen, dass eine Verkehrswende heute funktionieren kann. In Deutschland sind die Bahn-Infrastrukturen verfallen, die alternativen Infrastrukturen sind nicht existent, wir haben ein riesiges Investitionsvolumen, es besteht Investitionsstau, und das Mobilitätswachstum ist gigantisch. Das nenne ich Politikversagen. Dramatisch ist auch, dass es so schnell keinen Ausweg aus der Misere gibt.

Die BILD-Zeitung bezeichnet sich gern als „Anwalt des kleinen Mannes“

?  Es gibt aber Politiker, die neue Wege gehen wollen. Die Berliner Verkehrssenatorin versucht umzusteuern und sagt öffentlich, dass sie möchte, dass die Menschen ihre Autos abschaffen. Dafür wurde sie als Autohasserin und grüne Kommunistin bezeichnet. Einige Medien unterstützen die ewig gestrigen Politiker – die BILD-Zeitung hat für ihre Leser sogar ein Manifest für den Diesel erstellt. Warum kommen von dieser Seite so negative Reaktionen?

! Es gibt Medien, die haben nur die Auflage im Blick. Die BILD-Zeitung bezeichnet sich gern als „Anwalt des kleinen Mannes“. Fakt ist aber, auch sie ist nur so lange der Anwalt des kleinen Mannes, wie es ihre Marge erhöht. Politiker, die sich gegen das Auto aussprechen, werden angegriffen und beleidigt. Ich als Wissenschaftler habe da auch Erfahrungen. Neben massiven Beleidigungen habe ich sogar anonyme Morddrohungen erhalten, weil ich den Umgang mit dem Auto und die nach meiner Ansicht falsche Politik kritisiere. Menschen, die sich so verhalten, denen geht es nicht um die richtigen Argumente, die sind von Emotionalität getrieben. In kontroversen und komplexen Zukunftsfragen ist das die unproduktivste Gefühlslage. Politik und Medien sollten diese Gefühlslagen nicht noch verstärken und instrumentalisieren, sondern vermitteln und ausgleichen.

Der Verkehrsminister macht Klientel-Politik

?  Welche Fragen müssen wir lösen, um weniger Autos in den Innenstädten zu haben? 

! Nehmen wir das Beispiel Berlin: Hier muss die Frage beantwortet werden: Wie schaffen wir neue Mobilität, die für die erste und letzte Meile automobile Bausteine anbietet? Das könnte ein Ridesharing-Angebot sein, mit dem die Pendler mit einer Art Taxi zur S-Bahn gefahren und wieder abgeholt werden. Wichtig wäre auch ein kluger und zügiger Ausbau der Fahrradwege. Da können wir gern nach Kopenhagen blicken, dort funktioniert das perfekt, und die Lebensqualität ist sehr schnell sehr viel besser geworden. Unausweichlich und vor allem gerecht wäre auch eine City-Maut. Dann müssten Autofahrer, die freie Fahrt haben wollen, hohe Kosten in Kauf nehmen. Auch bei der Parkraumbewirtschaftung ist noch viel Luft nach oben. Wer mit dem Auto in die Innenstadt will, muss neben der City-Maut hohe Parkgebühren zahlen. Wenn es richtig teuer wird, kommen weniger Autos – aber nur, wenn es Alternativen, wie das bereits erwähnte Ridesharing-Angebot gibt.

?  Bisher wird in der Verkehrsplanung noch immer alles dem Auto untergeordnet. Was sagen Sie zur Aussage von Verkehrsminister Scheuer, dass er in diesem Jahr die „Rekordsumme“ von 200 Millionen Euro für Radfahrwege ausgeben will?

! Da der Verkehrsminister Klientel-Politik macht, kann er nicht mehr als 200 Millionen Euro ausgeben. Das zeigt erneut, welche Abhängigkeiten von der Automobilindustrie bestehen. Jemand wie Herr Scheuer hätte besser Autoverkäufer oder BMW-Mitarbeiter werden sollen. Er erscheint völlig ahnungslos, was die Mobilitätsentwicklung angeht, und ich finde es erstaunlich, nein, ernüchternd, dass Politiker mit so wenig Fachkenntnis Bundesminister werden können.

?  Wagen wir noch einen Ausblick. Wie wird sich die Mobilität in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten entwickeln?

! In eine Sackgasse – wenn wir nicht endlich aufwachen. Die deutsche Autoindustrie könnte ein abhängiges Bündel der chinesischen Mobilitätsmarkt-Entwicklung werden. Die Spaltung zwischen strukturschwachen und urbanen Räumen wird sich vergrößern – also zwischen Räumen, wo sich Eliten mit automatisierter Luftmobilität bewegen und Räumen, in denen die Menschen weiter angehängt werden. Im Bereich der Eisenbahn-Infrastruktur wie der Verkehrsinfrastruktur insgesamt – denken Sie an die vielen sanierungsbedürftigen Brücken und Tunnel – wird ein weiterer Verfall stattfinden, weil wir nicht so schnell investieren können, wie nachgebaut werden müsste. Im Luftverkehr werden wir Engpässe bekommen. Und wir werden nicht nur die Klimaziele verfehlen, wenn es so weitergeht, sondern die ökonomische und soziale Stabilität.

?  Gibt es in der Zukunft nicht auch etwas Positives?

! Ich bin Realist und gehe bei den formulierten Annahmen von den heutigen Rahmenbedingungen und politischen „Mind Sets“ aus. Sollte es einen Regierungswechsel geben und damit eine Kursänderung in der Politik – zum Beispiel eine ernsthafte Debatte über eine CO2-Steuer – so könnte es einen anderen Ausblick geben. Dafür braucht es aber Politiker, die die Dramatik verstehen und gemeinsam mit Unternehmen, Gewerkschaften, Kommunen und Bürgern einen großen Mobilitätszukunftsplan schaffen, durch den eine bessere Zukunft entstehen kann. Die heutigen Realitäten resultieren aus 20 Jahren Stillstand, und wenn wir jetzt nicht die Weichen stellen, werden sich die Konflikte und Fronten verschärfen.

Das Interview führte

Bettina Schellong-Lammel

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