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Heft 34 Interviews Lesenswert

“Nichts geht mehr! Mitten in der Verkehrsapokalypse”

Nichts geht mehr! Mitten in der Verkehrsapokalypse

Unbequeme Wahrheiten? Damit hält sich Prof. Dr. Stephan Rammler nicht auf. Er verteilt eine verbale ­Ohrfeige nach der anderen. Kein Wunder, dass er schon Morddrohungen erhalten hat: Der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung hält etwa Andreas Scheuer für ahnungslos, der Verkehrsminister wäre besser Autoverkäufer geworden. Die deutsche Automobilindustrie sei längst abgehängt, die Bahn dem Verfall preisgegeben. Dystopie? Leider nein, sondern knallharter Realismus.

?  Als Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin beschäftigen Sie sich unter anderem mit dem Thema Mobilität. Womit genau?

! Unser Thema sind die großen Fragen der Nachhaltigkeit und der Transformation – also die Frage, wie schaffen wir es, eine erfolgreiche, sozial gerechte, ökonomisch zukunftsfähige und mit der Ökologie im Einklang stehende Gesellschaft zu schaffen. Das ist nicht nur eine rein technologische Frage, sondern eine Frage sozialer Routinen, Gewohnheiten, Wertorientierungen, eine Frage der politischen Regime und der politischen Kultur. Als Zukunftsanalytiker muss man alle Themenfelder trans- und interdisziplinär betrachten, denn es geht neben der Mobilität auch um die Energieversorgung und die Frage der Ressourcen. Wenn wir über die Transformation des Mobilitätsmarktes reden, müssen wir für die Zukunft der Mobilität neue Rahmenbedingungen entwickeln.

?  An Ihrem Institut prognostizieren Sie zukünftigen Entwicklungen?

! Nein, wir sind Analytiker von Optionen zukünftiger Entwicklung. Das ist ein großer Unterschied. Wir sagen nicht, wie die Zukunft sein wird, sondern wie die Zukunft unter bestimmten Annahmen sein könnte. Es sind keine Prognosen und auch keine beliebigen Prospektionen, sondern es sind methodisch hinterlegte wissenschaftlich basierte Szenarien möglicher zukünftiger Entwicklungen. Wir haben kein analytisches Problem, wenn es um die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit oder nachhaltiger Mobilität geht, sondern eher ein politisches und ein gesellschaftspolitisches Problem. Als Zukunftsanalytiker würde ich sagen, wir haben bereits seit einigen Jahrzehnten Zukunftsprobleme – determiniert durch Entscheidungen, die wir als Gesellschaft in der Vergangenheit getroffen haben. Wir müssen über Strukturen, Routinen und Gewohnheiten reden, die das Neue im Entstehen behindern. Und darüber, wie Bewahrung und Erneuerung angesichts der Nachhaltigkeitstransformation in einem klugen Gleichgewicht stehen können.

?  Wenn wir von den Entscheidungen der Vergangenheit sprechen: 1886 gilt als das Geburtsjahr des Automobils – es wurde von Carl Benz in Deutschland erfunden. Das Automobil war aber nicht sofort „des Deutschen liebstes Kind“. Wann wurde Deutschland zur Autonation?

!  Nach meiner Interpretation ist die Geburt des deutschen Automobilismus in der Nachkriegszeit zu verorten. Er hat seine Ursprünge im Faschismus und der Idee der Nationalsozialisten, die das Ziel hatten, dass jeder Deutsche ein eigenes Auto besitzen sollte. In der Nachkriegszeit, der Zeit des Wirtschaftswunders, wurde daran angeknüpft – vor allem an die Konsumwünsche der breiten Bevölkerung, die sich sehr stark an Nordamerika orientierte.

?  In den USA war das Auto zu dieser Zeit längst ein Massenprodukt.

!  Nordamerika war bereits seit den 1930er-Jahren eine Gesellschaft der Massenmobilität, der automobilen Massenkultur. Das Auto als Massenprodukt ist im „Fordismus US-amerikanischer Prägung“ begründet und kam in der Übertragung des Konsum-, Politik- und Ökonomiemodells über Westeuropa nach Deutschland. Die Massenmotorisierung wurde als politisch, gesellschaftlich, kulturelles Projekt geschaffen. In den 1950er- und 1960er-Jahren war das Automobil eine höchst innovative Idee – von den schon damals sichtbar werdenden ökologischen Problemen wollte niemand etwas wissen.

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