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Aktuell Heft 36 Interviews Top

“Retter der Arten”

Retter der Arten

Im Mai dieses Jahres hat der Weltbiodiversitätsrat nach drei Jahren in Paris seinen Bericht zum Artensterben vorgelegt. Dieser Bericht, der im Auftrag der UN-Organisation IPBES* erstellt wurde und an dem 150 Wissenschaftler aus 50 Ländern beteiligt waren, macht deutlich, dass die Biodiversitätskrise bisher nie dagewesene Dimensionen erreicht hat. Einer der drei verantwortlichen Weltbiodiversitätsräte ist der deutsche Wissenschaftler Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). NITRO hat den Agrarbiologen am Department für Biozönoseforschung des UFZ in Halle besucht und mit ihm über den Zustand der Arten und die internationale Zusammenarbeit bei der Auswertung von 200 000 Publikationen für den Biodiversitätsbericht gesprochen.

? Professor Settele, die Medien bezeichnen Sie als Agrarbiologen und als Agrarökologen? Welche Bezeichnung ist korrekt?

! Beide. Ich habe Agrarbiologie studiert, ein Diplom in Agrarbiologie gemacht, in Agrarwissenschaften promoviert und mich in Agrarökologie habilitiert. An der Universität Halle bin ich Professor für Ökologie und decke somit das ganze Spektrum ab. Mal als Agrarwissenschaftler in der Landwirtschaft, mal als Agrarbiologe oder Agrarökologe oder als Ökologe – das ist dann eher für die Hardcore-Naturwissenschaftler das richtige Etikett.

? Am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung beschäftigen Sie sich mit Biozönoseforschung. Was genau versteht man darunter?  

! Biozönose ist ein sperriges deutsches Wort für das Zusammenspiel von Arten – also Pflanzen und Tieren –, die in der Natur eine Art Gemeinschaft bilden. Im Englischen gibt es dafür die Bezeichnung Community Ecology – Gemeinschaftsökologie. Wörtlich kann man das nicht übersetzen, weil man sofort an Menschen denkt, aber es geht um tierische und pflanzliche Gemeinschaften.

? Sie sind Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats. Wer hat den Weltbiodiversitätsrat ins Leben gerufen?

! Ich bin einer von drei Co-Vorsitzenden des globalen Assessments des Weltbiodiversitätsrats. Das ist eine Initiative der Vereinten Nationen, ebenso wie der Weltklimarat. Der Weltbiodiversitätsrat, exakt Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, kurz IPBES, wurde nur wesentlich später als der Weltklimarat gegründet, nämlich im Jahr 2014.

? Wie kam es dazu, dass die Wahl für den Weltbiodiversitätsrat auf Sie gefallen ist?

! Von 2011 bis 2014 habe ich für den Weltklimarat gearbeitet und war dort koordinierender Leitautor für das Kapitel Ökosysteme beim letzten großen Weltbericht. Auf diese Position hatte ich mich mit einem kritischen Kommentar beworben. Ich argumentierte, dass wir uns nicht nur um das Klima, sondern auch um Arten kümmern müssten. Dieser kritische Kommentar führte dazu, dass die Auswahlkommission auf mich aufmerksam wurde.

? Ein kritischer Kommentar hat Sie zum Leitautor für das Kapitel Ökosysteme gemacht?

! Im Grunde schon. Zusätzlich war die Nominierung einer wissenschaftlichen Einrichtung und natürlich der Regierung notwendig. Im Anschluß daran habe ich dann auch schon für den Weltbiodiversitätsrat gearbeitet – zum Beispiel war ich im Bestäubungs-Assessment involviert. Um als Co-Chair für das globale Assessment in Frage zu kommen kam es zusätzlich auf prozedurale Erfahrungen an – die hatte ich. Und ich war einer der wenigen, der in solche Prozesse schon involviert war. Um aber überhaupt in das Auswahlverfahren zu gelangen, wurde ich von der Bundesregierung und vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung nominiert.

? … und dann fiel die Wahl auf Sie …

! Ja, aber gerechnet hatte ich damit nicht.

? Warum?

! Für männliche Naturwissenschaftler aus Mitteleuropa ist die Chance auf eine solche Position eher gering, weil es davon die meisten Wissenschaftler gibt. Es gibt zu wenige Frauen, es gibt zu viele Europäer und zu viele Amerikaner, dafür aber zu wenige Wissenschaftler aus Afrika, Asien und Südamerika. Am Ende wurden drei Vorsitzende als Weltbiodiversitätsräte der UN ausgewählt: Sandra Díaz aus Argentinien – sie ist in einem Naturwissenschafts-Sozialwissenschafts-Zwischenbereich tätig (Anm. der Red.: Sandra Díaz ist Professorin für Ökologie an der Nationalen Universität von Córdoba). Außerdem Eduardo Sonnewend Brondizio, ein Anthropologe aus Brasilien, der den Amazonas erforscht. Und dann noch ich als Agrarbiologe beziehungsweise Agrarökologe aus Deutschland. Ich war der Dritte im Bunde.

? Als Co-Chair hatten Sie die Aufgabe, Wissenschaftler auszuwählen, die am Biodiversitätsbericht mitgewirkt haben. Wie lange dauerte der Auswahlprozess für das Autorenteam und wie viele Kollegen waren letztlich beteiligt?

! Der Nominierungsprozess dauerte einige Monate. Mindestens genauso wichtig wie das Prozedere selbst war aber, dass die Wissenschaftler, die nominiert wurden, nicht wieder absprangen. Fünf Tage, nachdem ich offiziell zugesagt hatte, verbrachte ich mit 13 weiteren nominierten Kollegen ein Wochenende damit, 450 Lebensläufe auszuwerten und ein Kernteam von Autoren zusammenzustellen. Dabei wurde nicht nur nach fachlicher Expertise entschieden, sondern auch nach Geografie – also von welchem Kontinent kommen die Nominierten, die Gender Balance war wichtig und natürlich die wissenschaftlichen Disziplinen. Es wurden letztlich 150 Wissenschaftler aus 50 Ländern berufen, und die haben alle neben ihrer Arbeit – also ehrenamtlich – am Biodiversitätsbericht mitgewirkt.

? Ehrenamtlich?

! Ja. Den Kollegen, die nicht aus Europa und oder den USA kamen, hat der IPBES immerhin die Reisekosten finanziert. Der IPBES als Organisation hat ein Budget, dessen Hauptressourcen aus Deutschland und Norwegen kamen – es sind die beiden größten Financiers des Weltbiodiversitätsrats. Inzwischen beteiligt sich aber auch die Europäische Union ähnlich stark.

Lesen Sie das ganze Interview in der aktuellen Ausgabe.

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