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“Diyarbakir. 4000 Jahre Kultur vernichtet”

Diyarbakir. 4000 Jahre Kultur vernichtet

Von Elke Dangeleit für www.telepolis.de, Fotos Hinrich Schultze

Die Zerstörung von Städten und Dörfern im Südosten der Türkei hat System und dauert unvermindert an. Besonders dramatisch ist die Zerstörung des 4000 Jahre alten Stadtkerns von Diyarbakir, die einhergeht mit der Vertreibung der kurdischen Bevölkerung.

E in UN-Bericht kritisiert die seit 2015 andauernde systematische Zerstörung von Siedlungen und Städte mit überwiegend kurdischer Bevölkerung. Er wirft der Türkei massive Menschenrechtsverletzungen vor: Folter, Gewalt, Mord und Vertreibung. Rund 355 000 Menschen seien im Südosten vertrieben worden. Durch Enteignungen und städtebauliche Veränderungen wie zum Beispiel in Diyarbakir-Sur erzwingt die Regierung einen ethnischen, sozialen, kulturellen und demografischen Wandel in der Region.

Diyarbakir-Sur 2014: Ein alter Mann sitzt einsam auf einem Hocker und blickt durch eine Lücke in der über 4000 Jahre alten Stadtmauer hinunter auf die weite Ebene mit den Hevsel-Gärten an den Hängen des Tigris-Tals. Innerhalb der Festungsmauer befindet sich die Altstadt, auch Surici oder Sur genannt.

Befand sich die Altstadt, muss man korrekterweise sagen, denn sie existiert fast nicht mehr. Mehr als ein Drittel der Altstadt ist abgerissen, die Bewohner vertrieben. Satellitenaufnahmen zeigen das Ausmaß der Zerstörung. Eine seit 4000 Jahren besiedelte Stadt mit einer spezifischen Kultur geht unter.

Die Altstadt mit ihren engen Gassen, den vielen historischen Gebäuden, Kirchen, Moscheen, Gräbern, Badehäusern und Brunnen und dem bunten multikulturellen Treiben war eine touristische Attraktion und fehlte in keinem Reiseführer. 1988 wurde die Altstadt innerhalb der Stadtmauer unter Denkmalschutz gestellt, darunter 595 Bauwerke.

Im Jahr 2012 beschloss die Kommunalverwaltung einen „Surici-Erhaltungsplan“, der von der türkischen Regierung damals noch unterstützt wurde. Sie beantragte die Aufnahme der „Festung von Diyarbakir und der Kulturlandschaft Hevsel-Gärten“ in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Anfang 2015 wurden die Altstadt und die Gärten aufgenommen. Die Freude war groß unter der Bevölkerung, die mit ihrer Kommunalverwaltung schon 2011 begonnen hatte, die Altstadt behutsam zu erneuern und die heruntergekommen Grünstreifen entlang der Festungsmauer in Parks zu verwandeln.

Doch die Freude währte nur kurz. Nachdem die türkische Regierung die Friedensgespräche mit der PKK für beendet erklärt hatte, begannen Ende Juli die Repressionen gegen die Bevölkerung im kurdischen Südosten der Türkei. Die Jugendlichen in den Städten errichteten Barrikaden und lieferten sich heftige Kämpfe mit der Polizei. Diese verhängte daraufhin eine mehrtägige Ausgangssperre. Auch die Altstadt von Diyarbakir war von Anfang September bis Mitte Oktober 2015 davon betroffen. Bei diesen Auseinandersetzungen starben jedes Mal Menschen, Tausende verließen fluchtartig die Stadt.

Am 2. Dezember 2015 wurde eine Ausgangsperre für den östlichen Teil Suricis verhängt, die bis heute andauert. Das Militär griff die Bevölkerung mit Panzern, Mörsern und anderen schweren Waffen an. Sie bombte sich durch die engen Gassen und nahm keine Rücksicht auf historische Gebäude oder Monumente. Auch die Festungsmauer, die direkter Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes ist, wurde vom Militär und den Spezialeinheiten bewusst beschädigt: Eisenstangen wurden metertief ins Gemäuer einbetoniert, Anbauten angebracht und die kleinen Durchgänge zubetoniert. Am 11. Dezember wurde die Ausgangssperre kurzzeitig für einen Tag ausgesetzt, was zu einer Massenflucht aus dem Ostteil der Altstadt führte.

Vor den Auseinandersetzungen lebten 57 000 Menschen in den sechs Stadtteilen der Altstadt. Über 22 000 Menschen flohen und verloren über Nacht Haus und Habe. Der Ostteil von Sur wurde danach komplett abgeriegelt. Am 21. März 2016 beschloss die Regierung die Enteignung der gesamten Altstadt einschließlich der Moscheen, Kirchen und anderen Monumenten.

Weltkulturerbe dem Erdboden gleichgemacht

Auf dem Satellitenfoto vom Mai 2016 ist gut zu erkennen, dass mindestens zehn Hektar eng bebautes Gelände dem Erdboden gleichgemacht wurden. 832 Gebäude wurden komplett und 257 Gebäude teilweise zerstört. In den engen Straßenzügen wurden teilweise die Häuser beidseitig abgerissen, damit das Militär und die schweren Baufahrzeuge Zugang zum Stadtteil bekamen.

Seitdem hat keiner mehr Zugang – außer Militär und Bautrupps. Selbst das UNESCO-Kulturstätten-Management von Sur, das bei der von der HDP/BDP regierten Provinzverwaltung angesiedelt war, hat keinen Zugang, um sich ein Bild über den Zustand des Weltkulturerbes zu machen. Die UNESCO hielt sich trotz internationaler Proteste mit Kritik an der Regierung sehr zurück, um keine diplomatischen Konflikte zu riskieren, obwohl es sich in Sur um die systematische und umfangreiche Zerstörung einer eigenen Welterbestätte durch ein Mitglied der UNESCO handelt. Ein einmaliger Vorgang.

Dies berichtet der Mitarbeiter des UNESCO-Kulturstätten-Managements, ­Ercan Ayboga, im Kurdistan Report Nr. 193. Lediglich ein Masterplan für die Zukunft Suricis und ein Bericht bis Ende 2018 werden von der Türkei erwartet. Bis dahin könnte es schon zu spät und die komplette Altstadt und das Tigris-Tal mit den Hevsel-Gärten ­irreparabel zerstört sein. Denn ein weiteres Satellitenfoto aus dem August 2016 zeigte, dass mittlerweile schon 20 Hektar und 1519 Gebäude, darunter 89 denkmalgeschützte Gebäude, völlig zerstört waren. 40 historische Gebäude waren teilweise zerstört, 41 ernsthaft beschädigt.

Das berühmteste historische Gebäude ist die Hasirli-Moschee. Sie ist komplett zerstört worden. Die berühmte Kursunlu-Moschee, das Pasa-Hamam (Badehaus), die größte armenische Kirche, die Surp-Giragos-Kathedrale mit ihren angrenzenden denkmalgeschützten Geschäften und die armenisch-katholische Kirche, alles auch touristische Highlights, sind ebenfalls teilweise zerstört.

Die armenische Surp-Giragos-Kathedrale wurde gerade erst wieder aufwendig von den dort ansässigen Armeniern mit Hilfe der HDP-Provinzverwaltung restauriert. Mit der Wiedereröffnung der ehemals größten armenischen Kirche im Mittleren Osten erhofften sich die Armenier die Wiederbelebung ihrer Religion und Kultur in der Türkei. Die HDP/BDP-Stadtverwaltung unterstützte dieses Anliegen, denn das östliche Stadtviertel von Sur war ursprünglich das armenische Viertel. Die armenische Zeitung Armenian Weekly zeigt in ihrer Ausgabe vom 1. September 2017 das Ausmaß der Zerstörung und die Plünderung im Juli 2017.

Wegen der Enteignungen in der Altstadt ist nicht davon auszugehen, dass die türkische Regierung diese Gebäude wieder originalgetreu aufbaut. Offensichtlich sollen die kurdische, christliche und armenische Geschichte ausgetilgt werden. Verloren geht dabei auch das für Sur charakteristische Handwerk und die Handelsstruktur der Armenier und Assyrer von Surici.

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