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“Eine Stimme im Exil”

Eine Stimme im Exil

Can Dündar ist Chefredakteur des türkischsprachigen Exilmediums #Özgürüz und schreibt jede Woche in einer Kolumne bei Zeit Online über die Krise in der Türkei. Mit NITRO sprach er über das Exil in Deutschland, die Demokratie in der Türkei, die Identitätskrise der türkischen Community und das Versagen der Deutschen Regierung in der Integrationsfrage.

? Seit Sie im Exil in Deutschland leben, haben Sie mehrere Bücher geschrieben. In ihrem jüngsten Werk mit dem Titel „TUT WAS“ schreiben Sie: „Die Demokratie hat die Hoffnung auf die Zukunft in der Türkei verloren“. Das ist eine düstere Beschreibung der Situation. Gibt es für die Demokratie keine Hoffnung in der Türkei?

! Ich bin in Bezug auf die Demokratie prinzipiell ein hoffnungsvoller Mensch – was die Demokratie in der Türkei angeht, aber auch weltweit. Allerdings ist die Situation im Moment sehr besorgniserregend – in der Türkei und weltweit. Sogar in den USA ist es vermutlich zum ersten Mal so, dass es für die Demokratie wenig Hoffnung gibt. In Europa werden europäischen Werte und Standards mit Füßen getreten. Schauen Sie nach Ungarn oder nach Polen. Die Entwicklung der Demokratie ist in Lateinamerika – konkret in Brasilien – besorgniserregend. Deshalb ist es an der Zeit, dass die Demokraten auf der ganzen Welt zusammenhalten und Widerstand leisten gegen diese Veränderungen. Und das bedeutet: TUT WAS!

? Laut Demokratieindex 2017 lebten nur 4,5 Prozent aller Länder in demokratischen Verhältnissen. In Europa gibt es zum Beispiel in Holland und Frankreich – Polen und Ungarn hatten Sie schon erwähnt – erstarkende populistische Parteien, die eine Gefahr für die Demokratie sind. In Deutschland wird die AfD stärker und in der Türkei, die (noch) ein demokratisches Land ist, unterdrückt Erdoğan die Pressefreiheit und die Menschenrechte. Der Ruf nach einem „starken Mann“ wird lauter und es stellt sich die Frage: Warum?

! Die Menschen haben ein sehr starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz und ihre Angst ist natürlich real. Nehmen wir Frankreich, dort wurden seit 2015 mehrere Terroranschläge verübt. Am 7. Januar gab es einen Terroranschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, am 25. April geschah ein Mord im Pariser Vorort Villjuif und im November starben 130 Menschen bei einem Konzert im Bataclan. Im Juli 2016 wurden 84 Menschen in Nizza getötet, als ein Lastwagen in eine Menschenmenge raste und im Dezember 2016 gab es den Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, der ebenfalls mit einem Lkw verübt wurde. In Istanbul gab es in der Silvesternacht 2016/2017 einen Anschlag auf einen Nachtclub, bei dem 39 Menschen ihr Leben verloren haben. Die Menschen fühlen sich durch solche Anschläge schutzlos. Nach solchen Ereignissen, die sich seit 2015 gehäuft haben, ist der Ruf nach einer starken Regierung, nach stärkeren Gesetzen und nach einem „starken Mann“ einem „Führer“ besonders laut und dafür verzichtet man auf demokratischen Rechte und stimmt schärferen Gesetzen zu, die mehr Sicherheit versprechen.

? In der Türkei gibt es diesen vermeintlich „starken Mann“, aber der konnte den Anschlag auf die Bar in der Silvesternacht auch nicht verhindern. Präsident Erdoğan nutzt seine Macht, um Journalisten, die ihn kritisieren, mundtot zu machen und sie als Terroristen zu bezeichnen. Das hat nichts mit Sicherheit zu tun, das ist auch keinesfalls demokratisch …

! Demokratie sollte auch die Menschen akzeptieren, die nicht an sie glauben. Erdoğan glaubt nicht an Demokratie, davon bin ich überzeugt, aber die Demokratie ist eine Staatsform, in der alle Menschen einen Platz finden, auch die, die sie ablehnen. Täte man das nicht, würde man die Hälfte der Menschen in der Türkei von der Demokratie ausschließen. In Deutschland stellen sich viele die Frage, ob zum Beispiel die AfD einen Platz in einem demokratischen System verdient, obwohl sie ganz offensichtlich nicht an die Demokratie glaubt.

? Der Unterschied zu einem demokratischen Parlament wie dem Deutschen Bundestag und dem türkischen Parlament ist, dass Erdoğan quasi „Alleinherrscher“ ist, er hat keine Konkurrenz, denn es gibt keine Opposition.

! Es gibt keine Opposition, obwohl es vier weitere Parteien im türkischen Parlament gibt. Erdoğan hat allerdings die Bedingungen des Mitspracherechtes so verändert, dass das Parlament und die darin vertretenen Parteien keine Macht haben. Die große Frage aller Demokraten sollte deshalb sein: Sollen wir die Türen schließen vor Menschen, die die Demokratie ablehnen, vor Menschen wie Erdoğan, Putin oder den Mitgliedern der AfD?

Ich habe in meinem Buch versucht, folgendes zu erklären: Gegen Erdoğan, Trump oder Putin allein zu kämpfen ist nicht genug. Es muss in der Frage der Sicherheit eine praktikable Lösung für die Menschen geben – wenn das gelingen könnte, hätten Erdoğan, Putin oder Trump keine Argumente mehr, die die Menschen „verführen“ an sie zu glauben und ihnen zu vertrauen.

Lesen Sie das gesamte Interview im unserer neuen Ausgabe.

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