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Heft 21 Interviews

“Jung und gar nicht naiv”

Tilo Jung erreicht mit seinem YouTube-Kanal Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte, Millionenklicks. Davon träumen die klassischen Medien. Er ist 30 Jahre alt, Mitglied der Bundespressekonferenz und einer der bekanntesten YouTuber in der politischen Berichterstattung Deutschlands. Ohne jede Berührungsangst interviewt er Bundes- und EU-Politiker, Regierungssprecher, Minister, Staatssekretäre, Parteivorsitzende, Diplomaten und bringt viele mit seinen naiven Fragen in Erklärungsnot. Kompromisslos sendet er, was seine Interviewpartner sagen und lehnt Autorisierungen grundsätzlich ab. Die, die mit ihm reden, müssen also wissen, worauf sie sich einlassen.

? Tilo, Du bist im Februar 2013 mit Jung und Naiv – Politik für Desinteressierte auf YouTube gestartet. Sollte Dein Interviewportal aber nicht besser Jung und Provokant heißen?

! Wieso? Ich stelle junge und naive Fragen. Wenn sich jemand provoziert fühlt, ist das sein Problem.

?  Es gibt Journalisten, die bezeichnen Dich als unverfroren, respektlos, penetrant, hartnäckig, unverschämt. Welche dieser ­Jacken ziehst Du Dir an?

! Wahrscheinlich alle. Ich will nicht bequem sein.

?  Was verbindest Du mit der Bezeichnung Qualitätsmedien?

! Wenig. Die Qualitätsmedien sind für mich die alten Medien, die sich einbilden, nur sie böten Qualität. Doch ob jemand Qualität liefert, liegt für mich im Auge des Betrachters. Das muss nicht der Spiegel, die FAZ, das öffentlich-rechtliche Fernsehen oder das Radio sein. Auch wir können unseren Zuschauer Qualitätsjournalismus bieten. In der Regel liefern die, die sich Qualitätsjournalisten nennen, immer mehr Quantitätsjournalismus, den sie als Qualitätsjournalismus verkaufen. Nicht jede neue Information, nicht jedes neues Politikerzitat ist eine Nachricht.

? Was liest, hörst oder siehst Du am Morgen, um Dir einen Überblick über die aktuelle Nachrichtenlage zu verschaffen?

! Ich informiere mich sehr viel über Twitter, lese dort, was die Leute, die ich für relevant halte, twittern. Ab und zu lese ich auch den dpa-Ticker, weil dort vieles über die Arbeit der Bundesregierung gemeldet wird, was für meinen Job wichtig ist. Ich informiere mich nicht über Google-Schlagzeilen oder Nachrichtenplattformen.

? Du bist also nicht an der Meinung anderer Medien interessiert, sondern an relevanten Infos und Fakten?

! Eine Meinung versuche ich mir allein bilden, dafür brauche ich nicht die Meinung der Qualitätsjournalisten.

? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat 2014 im Feuilleton ein ausführliches Interview abgedruckt, das Du mit dem Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald geführt hast. War das für Dich ein Ritterschlag – die FAZ gibt einem YouTuber so eine Plattform?

! Das Interview lief zuerst im Fernsehen auf joiz in gekürzter Fassung. Am nächsten Tag druckte es die FAZ ab. Gleichzeitig haben wir das ungekürzte Gespräch auf Youtube veröffentlicht. Für diese Chance, dass Passagen des Interviews mit Glenn auch in der FAZ zu lesen waren, bin ich Frank Schirrmacher noch heute sehr dankbar.

? Also doch ein Ritterschlag?

! Vielleicht. Ich fand es konsequent, dass die FAZ neue Wege ging, als das Thema Geheimdienste und Glenn Greenwald, der für den Guardian die Snowden-Dokumente aufarbeitet, relevant wurde. Frank Schirrmacher erkannte das und gab uns die Chance, das Interview auch in der FAZ abzudrucken. Ein Ritterschlag war für mich eher die Nominierung zum Deutschen Fernsehpreis. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, umso mehr hat es mich erfreut.

? Du bekamst schon ein Jahr, nachdem Du mit Jung & Naiv gestartet bist, dafür den Grimme Online Award. Wie erklärst Du Dir diese Turbo-Auszeichnung *?

!  Offenbar gibt es immer noch wenige junge Journalisten, die mit Medien anders umgehen. Oder sie trauen sich nicht, neue Wege zu gehen und eigene Ideen umzusetzen. Es fehlt vielen auch an Ausdauer, denn oft kommt der Zuspruch für neue Projekte schleppend. Der schnelle Erfolg ist die Ausnahme. Vielleicht ist der Jury aufgefallen, dass ich mich trotzdem traue.

? Hat Dir der Grimme Online Award Türen geöffnet?

! Nicht wirklich. Ich erwähne den Preis zwar ab und zu in meinen Interviewanfragen und merke auch, dass das manche beeindruckt, aber viele eben nicht.

? Wenn Du in Deinen Interviews Ministern, Parteivorsitzenden und Regierenden – jung und natürlich völlig naiv – auf den Zahn fühlst, kannst Du da jedweden Widerspruch Deinerseits oder Empörung über das Gesagte unterdrücken?

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