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Heft 25 Lesenswert Medien

“Fake News oder Zeitungsente?”

Die Hysterie um Falschmeldungen erreichte bereits einen ersten Höhepunkt, als der frisch gekürte Präsident Donald Trump einen Journalisten von CNN mit den Worten „You are fake news“ abkanzelte. Die Frage ist: Wie sind korrekte Informationen von Fake News zu unterscheiden? ΝITRO sprach mit Markus Beckedahl, dem Gründer von netzpolitik.org, über das Geschäftsmodell der Lügenküchen, Zeitungsenten in der Qualitätspresse und darüber, wie die Medien auf die Provokationen der AfD überreagieren.


Fake News ist gerade in den Social Networks, in Zeitungen, Zeitschriften und an Stammtischen ein Top-Thema. Angeblich plant das Bundesinnenministerium ein „Abwehrzentrum gegen Desinformation“, das sofort den Namen „Wahrheitsministerium“ erhielt. Was sagen Sie zu solchen Plänen?

Mehr als eine Spiegel-Ankündigung habe ich bisher nicht gehört, deshalb kann ich dazu nur so viel sagen: Das Bundesinnenministerium hat unsere Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz zu diesem „Abwehrzentrum“ abgelehnt. Wir haben dagegen Widerspruch eingelegt und lassen uns überraschen, ob wir auf Auskunft klagen müssen.

Wäre ein solches „Abwehrzentrum“ tatsächlich geplant, steht die Frage im Raum: Wem soll es unterstellt werden?

In der ersten Info, die öffentlich wurde, hieß es, dass das Bundespresseamt zuständig sein soll. Das klang wie: Es wird eine Abteilung für Social-Media-Monitoring eingerichtet – neben der Abteilung, die für den Pressespiegel zuständig ist. Zwei Tage später hieß es, dass der Bundesinnenminister es in seinem Ministerium ansiedeln will. Wie gesagt, wir wissen nur das, was der Spiegel gemeldet hat.

Im Bundesjustizministerium sollen neue Gesetze gegen Fake News geplant werden. Brauchen wir die wirklich?

Zuerst sollten wir mal definieren, worüber wir bei Fake News reden, denn hier wird viel durcheinandergewürfelt. Auf der einen Seite haben wir es mit dem Phänomen zu tun, dass Geschäftemacher im Internet Märchen erzählen und mit Clickbaiting (Klickköder, Anm. d. Red.) Werbeanzeigen generieren, um viel Geld zu verdienen. Ein Geschäftsmodell, das an verschiedene Frauenzeitschriften erinnert, nur jetzt wird es im Netz umgesetzt. Auf der anderen Seite haben wir es mit politisch motivierten Falschinformationen zu tun, die teilweise als Geschäftsmodell aufgebaut und in den USA unter Breitbart bekannt wurden. In Deutschland ist hier vor allem der Kopp-Verlag zu nennen, der solche politisch motivierten Falschinformationen beinahe perfektioniert, aber auch die Deutschen Wirtschaftsnachrichten ähneln diesem Modell. Zusätzlich verbinden viele Politiker das Beispiel von Renate Künast, wenn sie an Fake News denken. Hier wurde einer Politikerin ein falsches Zitat in den Mund gelegt und es ging um gezielte Diffamierung. So wird Stimmung erzeugt und es werden virale Effekte genutzt. Diese Gemengelage wird noch ergänzt durch die Debatte um eine vermeintlich große Gefahr durch Bot-Armeen, und auch russisches Hacking wird gern ins Feld geführt. In Deutschland wird zusätzlich mit den Resten der Hate-Speech-Debatte alles zu einer Fake-News-Debatte gedreht. Es ist also sehr unübersichtlich.

Es gibt aber Menschen, die sich wünschen, dass Fake News in sozialen Netzwerken unterbunden werden. Was sagen Sie denen?

Ich kann mir vorstellen, dass bei einem Teil der Bevölkerung der Wunsch besteht, dass effektiver gegen Phänomene von Falschmeldungen in sozialen Netzwerken vorgegangen wird. Möglicherweise auch, weil ein Teil dieser Menschen sich unsicher fühlt, vielleicht schon mal beim Teilen von Fake News reingefallen ist und sich dann mit dem Thema alleingelassen fühlt. Ich bin aber auch sicher, dass ein Großteil davon ein „Wahrheitsministerium“ ablehnt, denn das könnte staatliche Zensur zur Folge haben.

In den Medien kursierte nach der Meldung über das „Abwehrzentrum gegen Desinformation“ sehr schnell der Begriff „Wahrheitsministerium“. Der Journalist und YouTuber Thilo Jung hat unter seinen Lesern eine Umfrage gestartet, ob sie ein „Wahrheitsministerium“ befürworten würden. Mehr als die Hälfte soll sich dafür ausgesprochen haben. Finden Sie es beunruhigend, dass viele spontan zustimmen würden?

Bei solchen Zahlen wäre ich sehr vorsichtig. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Teil seines popcornfressenden Publikums aus ironischen Gründen einfach auf Ja geklickt hat. Ich halte die Zahl für wenig aussagekräftig.

Es gibt inzwischen die sogenannten Lügenküchen, beispielsweise in Mazedonien, in denen Fake News erfunden und ins Netz gestellt werden. Die sollen angeblich bis zu 5000 Dollar pro Tag verdienen und können sich sehr sicher fühlen, nicht erwischt zu werden. Gibt es wirklich keine Möglichkeit, beispielsweise für Facebook, die Verbreiter von Falschmeldungen zu identifizieren?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Facebook die Möglichkeiten hat, solche Clickbait-Fake-News-Fabriken zu identifizieren und im Algorithmus des Newsfeeds zu benachteiligen.

Warum tun sie es Ihrer Meinung nach nicht?

Der Wille fehlt, weil es sehr fraglich ist, inwiefern solche Geschäftsmodelle nicht legal sein sollten. Ich nannte anfangs schon das Beispiel bestimmter Frauenzeitschriften, die Woche für Woche neue Märchen erfinden über Königshäuser, Prominente oder Sportler. Die verdienen seit Jahrzehnten damit gutes Geld, und nun tun es andere in einem digitalen Äquivalent. Worin besteht der Unterschied? Es geht ums Geschäft!

Werden die „Lügner im Netz“ anders bewertet?

(…)

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