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Heft 33 Interviews Politik Top

“Das Versagen der deutschen Integrationspolitik”

Das Versagen der deutschen Integrationspolitik

Seyran Ateş – Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Imamin – lebt seit 50 Jahren in Deutschland und seit zwölf Jahren unter Polizeischutz des LKA Berlin. Bereits 1984 überlebte sie nur knapp einen Anschlag, doch Rückzug und nicht mehr für Menschen- und Frauenrechte zu kämpfen, war und ist für die charismatische mutige Frau keine Option. Mit NITRO sprach Seyran Ateş darüber, was sie antreibt, über Toleranz und Ignoranz, das Versagen der Integrationspolitik, über Fundamentalismus und Parallelgesellschaften.

? Seyran Ateş. Als 2017 die Ibn-Rushd-Goethe Moschee in Berlin eröffnet wurde, ist für Sie ein Traum in Erfüllung gegangen: eine liberale Moschee zu eröffnen. Dort können Frauen mit und ohne Kopftuch, Männer, Muslime, Nichtmuslime, Atheisten, Homosexuelle gemeinsam zum Gebet zusammenkommen. Haben Sie geahnt, wie steinig der Weg zur Eröffnung einer liberalen Moschee sein würde?

!  Ich wusste, dass es nicht einfach sein wird. Ich wusste auch, dass ich sehr viel Hass erleben könnte und dass es Morddrohungen geben könnte, Beschimpfungen und Beleidigungen zunehmen könnten. Aber ich hätte nicht gedacht, dass die türkische Regierung, die Fatwa-Behörde der Al-Azhar Universität und der Iran, also ganze Länder uns angreifen würden. Ich bin seit 1980 politische Aktivistin und wurde 1984 in Berlin angeschossen, als ich in einer Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei gearbeitet habe. Dabei wurde ich schwer verletzt, eine andere Frau hat das Attentat nicht überlebt. Ich kannte also die Gewaltbereitschaft meiner politischen Gegner.

? Sie haben nach einer solch dramatischen Erfahrung weitergemacht, sich weiter für Menschenrechte eingesetzt und speziell für die Rechte von Frauen?

! Natürlich. Ich habe danach eine Anwaltskanzlei gegründet, mich noch stärker für Frauenrechte eingesetzt und einen eigenen Straftatbestand für Zwangsheirat gefordert.

? Das blieb aber nicht ohne Folgen?

!  Nein. In dieser Zeit habe ich sehr viel Hass und Bedrohungen erlebt, sodass ich die Kanzlei 2006 schließen musste.

? Sie konnten nicht mehr als Anwältin arbeiten?

!  Das war nicht mehr möglich, weil ich immer mehr Morddrohungen erhielt. Seit 2006 stehe ich unter Personenschutz durch das Landeskriminalamt Berlin und lebe in einer extremen Situation. Da ich nicht mehr als Anwältin arbeiten konnte, arbeitete ich als Autorin. Nach der Veröffentlichung meines Buches „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ musste ich mich dann ganz aus der Öffentlichkeit zurückziehen, weil es weiterhin Morddrohungen gab. Ich wusste also, was passieren könnte, wenn ich das Vorhaben, eine liberale Moschee zu initiieren und zu eröffnen, in die Tat umsetzen würde.

? Wann entstand ihr Plan zu einer liberalen Moschee?

!  Im Jahr 2009, zum Abschluss der Deutschen Islamkonferenz, wusste ich: Wir brauchen eine liberale Moschee für Menschen, die den Islam zeitgemäß leben wollen.

? Ihnen war klar, dass Sie Gegenwind bekommen würden …

Ja. Veränderungen tun vielen Menschen weh. Vor allem Konservative wollen keine Erneuerungen!

? Gab es für Sie eine neue Erkenntnis, als Sie Ihr Vorhaben öffentlich gemacht haben?

! Überrascht war ich darüber, dass die Türkei unsere Moschee über eine Presseerklärung zu einer Fethullah-Gülen-Moschee erklärt hat. Die Al-Azhar-Universität, die als Autorität für den sunnitischen Islam gilt, äußerte sich ebenfalls ablehnend, und sogar die Fatwa-Behörde veröffentlichte eine Presseerklärung und stellte fest, dass die islamischen Autoritäten eine liberale Moschee nicht akzeptieren.

? Ist es nicht erstaunlich, dass sich der türkische Staat, eine Universität und eine Behörde – also islamische Autoritäten – veranlasst sahen, sich zu einer kleinen liberalen Moschee zu äußern?

! Wären sie Autoritäten und Gelehrte, dann müssten sie sagen: Der Islam ist plural, und auch ein zeitgemäßer Islam hat seine Berechtigung, weil wir alle Brüder und Schwestern sind. Wer sich zum Islam bekennt, mit dem möge Friede sein. Stattdessen haben sie uns sofort angegriffen. Bemerkenswert ist, dass sich ein weiterer Staat – nämlich der Iran – über das islamische Zentrum in Hamburg ablehnend geäußert und über Facebook Stellung gegen uns bezogen hat. Die Ablehnung kam also nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von Ländern – einschließlich anonymer Morddrohungen.

? Wenn Staaten die Gründung einer kleinen säkularen Moschee als Bedrohung sehen, wird Ihr Vorhaben aufgewertet …

! Absolut richtig.

Lesen Sie das gesamte Interview im unserer neuen Ausgabe.

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