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Rundfunkbeitrag: Wir zahlen gern, wenn sich die Sender bewegen
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Rundfunkbeitrag: Wir zahlen gern, wenn sich die Sender bewegen 

Von Bernd Gäbler

Der Rundfunkbeitrag wird ab 2021 auf 18,36 Euro monatlich steigen. Dass die Sender etwas daraus machen, ist kaum zu erwarten, denn Trends werden woanders gesetzt. Drei Thesen zur Besserung.

Der Beitrag für die öffentlich-rechtlichen Sender wird von bisher 17,50 auf 18,36 Euro im Monat erhöht werden. Das hat die dafür zuständige KEF in ihrem Bericht vorgeschlagen – die Ministerpräsidenten der Länder haben am 17. Juni 2020 für einen höheren Rundfunkbeitrag gestimmt. Sie hatten das letzte Wort.

Diese Entscheidung hat Murmeltiercharakter. Lange vorher war die Summe bekannt und auch die ersten Reaktionen fielen aus wie immer. Die Sender jammerten, die Summe sei eigentlich zu gering. Alle, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk an den Kragen wollen, hoben zum lautstarken Zetern an. Alle, die gegenteiliger Ansicht waren und sind, es also irgendwie in Ordnung finden, dass sich die bundesdeutsche Gesellschaft ARD, ZDF und Deutschlandradio leistet, können mit der Erhöhung leben. Der Betrag ist bezahlbar und für die Sender ist es allemal genug, was da zusammenkommt.

Aus dieser Haushaltsabgabe werden sich im Zeitraum von 2021 bis 2024 mehr als acht Milliarden Euro jährlich ergeben. Um sich die Dimension vor Augen zu halten: Das ist in der Summe ungefähr doppelt so viel, wie der gesamte deutsche Profifußball der vergangenen Saison umsetzte, und kaum weniger als der Bundesetat für die Entwicklungshilfe.

Die Sender sollten nicht klagen, sondern daraus etwas machen und loslegen. Dazu drei Ideen, wie sie dem Murmeltiereffekt entgegentreten können.

Erstens stünde es ARD, ZDF und Deutschlandradio gut zu Gesicht, etwas bescheidener aufzutreten. Damit ist nicht das Geld gemeint, sondern die Legitimation. Von teuren PR-Beratern und Framing-Experten dazu gedrängt, erklären sie neuerdings, sie seien „der Kitt“ der Gesellschaft (WDR-Intendant Tom Buhrow am 20. Januar 2020 als ADR-Vorsitzender), ihr Auftrag sei es, die Gesellschaft zusammenzuhalten. So kann ein Bundespräsident sprechen. Die Idee aber, dass Medien von oben her eine plurale Gesellschaft homogenisieren könnten, ist verwegen. Daraus resultiert logischerweise immer ein Überhang von Didaktik gegenüber dem Handwerk. Verlässlich zu informieren, den Tatsachen wieder Respekt zu verschaffen, womöglich noch niveauvoll zu unterhalten und gelegentlich auch kulturell Wertvolles zu bieten, das würde als Legitimation völlig ausreichen.

Zweitens sollten sich die Sender ernsthaft die Frage vorlegen: Wann haben wir zuletzt in der Welt der Worte und Bilder einen Trend gesetzt? Als der Tatort erfunden wurde, die Lindenstraße oder die heute show? Die neue Lust an Serien, Podcasts oder Newslettern – nichts davon hat in öffentlich-rechtlichen Sendern seinen Ursprung. Es gibt keinen öffentlich-rechtlichen Rezo und keine feministische Bloggerin.

Innovation ist zuerst eine Frage der Ideen, der Inhalte, dann erst der Technik. Wenn die großen Sender nur noch sich verwaltende Institutionen sind und nicht Inkubatoren, können sie noch eine Zeit lang als solide Rentenkassen mit angeschlossenem Programmangebot weiterexistieren, aber auf Dauer werden sie auf der Strecke bleiben.

Drittens braucht es natürlich einen viel größeren, viel entschiedeneren Aufschlag in der Onlinekommunikation. Für alles Aktuelle könnte die Tagesschau auch im Netz unschlagbar führend sein. Sie ist es aber nicht. ARD und ZDF könnten das tollste Onlinearchiv anbieten. Wer heute nochmal Kommissar Haferkamp sehen will oder das legendäre Gespräch von Günter Gaus mit Hannah Ahrend, muss auf YouTube gehen. Bei ARD oder ZDF schaut er in die Röhre. Sie reden von einer europäischen Plattform, aber bekommen es nicht einmal hin, ihre eigenen Mediatheken zu koordinieren. Sie sind kompliziert, unvollständig und wenig benutzerfreundlich. Schon gar nicht bieten ARD und ZDF im Netz Foren klug moderierte Kanäle der öffentlichen Kommunikation an. Wenn sie sich hier nicht engagieren, verlieren sie die jüngere Generation endgültig.

Es ist also viel zu tun. Das Geld ist da. Wir zahlen gern, wenn die Sender sich bewegen. Jetzt kommt es nicht auf pathetische Worte an – wie die Behauptung, die Gebühr sei eine „Demokratieabgabe“, sondern auf energisches Handeln.

Bernd Gäbler ist ehemaliger Geschäftsführer des Adolf-Grimme­Instituts. Seit 2011 lehrt er als Professor für Journalismus und ­Krisenkommunikation an der FHM Bielefeld.

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