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Deutscher Journalisten Verband: Düstere Aussichten
Foto: Zöre Cakal
Allgemein

Deutscher Journalisten Verband: Düstere Aussichten 

Michael Konken ist seit 2003 Bundesvorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes. 2005 sprach Berliner Journalisten mit ihm über das Selbstverständnis des DJV. 2014 hat sich die Krise des Journalismus deutlich verschärft, die Zukunftsaussichten in diesem Beruf sind alles andere als rosig. NITRO sprach mit Michael Konken über die Rolle des DJV als Gewerkschaft und Berufsverband, öffentlich-rechtliche Sparzwänge und den ausstehenden Umzug von Bonn nach Berlin.

Wer soll wissen, wie der Journalismus in zwanzig Jahren aussieht?

NITRO: Auf dem Bundesverbandstag in Weimar sagten Sie in Ihrer Begrüßungsrede vor 288 Delegierten: „Niemand weiß, wie die Zukunft des Journalismus aussieht.“ Meinten Sie das im Ernst?

Michael Konken: Absolut, keiner weiß, wo es im Moment hingeht. Wir konstatieren bei den Printmedien permanenten Stellenabbau und Auflagenrückgang. Bei den Öffentlich-Rechtlichen herrscht Sparzwang durch die Politik und immer mehr journalistische Stellen werden abgebaut. Ich denke da an das ZDF und die ARD. Wer also soll wissen, wie der Journalismus in zwanzig Jahren aussieht?

? Nicht mal der DJV als größte Organisation von Journalisten in Europa ?

! Dann wären wir ja Hellseher. Warum sollten gerade wir wissen, wo es hingeht? Weder Verleger, noch andere Medienunternehmen noch diverse Thinktanks haben eine konkrete Vorstellung davon, wie die Geschäftsmodelle in Zukunft aussehen und funktionieren. Wenn wir es wüssten, könnten wir damit eine Menge Geld verdienen.

In einigen Landesverbänden gibt es mittlerweile über fünfzig Prozent Freie

? Also kann der DJV nur versuchen, auf die aktuellen Tendenzen zu reagieren?

! Wir können nur die Rahmenbedingungen angleichen und Entwicklungen prognostiziere. Das ist unsere Aufgabe. Denken Sie nur an die wachsende Zahl von Freien. Wir haben in einigen Landesverbänden mittlerweile über fünfzig Prozent Freie und immer mehr feste Stellen werden abgebaut.

? Wie kann der DJV dann ihre Rechte vertreten, denn bei Tarifverhandlungen geht es ja nicht um die ! Wir sind als Berufsverband für die Freien da. So sind wir für sie Netzwerk, beraten sie umfangreich, z.B. bei der Erstellung von Businessplänen und bieten Ihnen Rechtsschutz.Für die Freien hat der DJV mit dem Verlegerverband Vergütungsregeln verhandelt. Da sie aber von den Verlegern ignoriert werden, müssen wir gerichtlich vorgehen, um sie durchzusetzen, denn wir erleben Tag für Tag, dass sich die Einkommen der Freien reduzieren. Eine Umfrage des DJV in diesem Jahr ergab: Der Durchschnittsverdienst der Freien liegt bei 1400 Euro brutto pro Monat. NITRO:Hat denn der DJV durch den Draufblick, den solche Umfragen bieten, die Möglichkeit, die Kollegen auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten?

! Wir bieten Seminare und Fortbildungen an.

? Zum Beispiel?

! In unserem Seminarprogramm finden sich Themenschwerpunkte wie Steuertipps für freie Journalisten, Digitale Workflows fürBildjournalisten oder Verhandlungstraining für freie Journalisten(www.djv.de).

Die Presselandschaft dünnt sich tatsächlich immer mehr aus

? Die Schere zwischen den Freien mit ihren prekären Arbeitsverhältnissen und den Festangestellten in großen Verlagshäusern mit guten Tarifabschlüssen oder den Öffentlich-Rechtlichen Sendern, öffnet sich immer mehr …

! Das stimmt, aber auch beim ZDF sowie bei der ARD werden Stellen  in großer Zahl abgebaut. Davon sind Redakteure, und natürlich auch viele Freie betroffen.

?  Wie ist das zu erklären? Das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem lässt sich Deutschland einiges kosten. Im Jahr 2013 zahlten die Bürger 7,681 Milliarden Euro an die Rundfunkanstalten von ARD und ZDF. Und die Einnahmen der Öffentlich-Rechtlichen liegen weit vor den Erlösen, die Privatsender jedes Jahr durch Werbung machen.

! Weil die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) das so vorgegeben hat. Es ist ja bekannt, dass die KEF die Gebühren verteilt und damit gerade den Öffentlich-Rechtlichen im Personalbereich strikte Sparziele  vorgeben.

? Kommen wir noch einmal zurück zu den Printmedien. Es geht ja das Gerücht um in Deutschland und Europa, das bald gar keine Tageszeitung mehr erscheint.

! Die Presselandschaft dünnt sich tatsächlich immer mehr aus. Wir sehen das gerade in Nordrhein-Westfalen und im Norden, wo Lokalzeitungen vom Kiosk verschwinden, weil immer weniger Menschen die Lokalnachrichten auf Papier lesen.  Aber, ich bin sicher, dass es auch künftig Zeitungen geben wird.

Gedanken zur künftigen Finanzierung des Journalismus machen

? Gibt es da für Journalisten überhaupt noch eine Chance, in diesem Job zu überleben?

! Journalismus hat auch weiterhin eine Zukunft. Ziel muss es sein, auch künftig dafür zu kämpfen, dass die Honorare und Gehälter im Journalismus leistungsgerecht sind. Heißt aber auch: andere müssen endlich erkennen, dass eine leistungsgerechte Bezahlung die Existenzbasis des Journalismus ist. Der DJV-Verbandstag  hat beispielsweise einen Antrag zur besseren Förderung des Lokaljournalismus abstimmt, in dem als einer von vielen Punkten sogar eine mögliche Förderung von Verlagen in Erwägung gezogen wird. Das war natürlich provokativ gemeint. Richtig ist aber, dass wir uns detaillierte Gedanken zur künftigen Finanzierung des Journalismus machen müssen. Die ist  bitter nötig. Das heißt, wie können wir es – staatsfern – über gewisse Stiftungen, Crowdfunding oder über die Verringerung der Umsatzsteuer schaffen, dass Journalisten wieder von ihrer Arbeit leben können. Nur stehen wir damit allein auf weiter Flur und auch die Zeit läuft uns davon.

? Die Chefredakteurin der Berliner Zeitung sagte uns in einem Interview, dass Tageszeitungen bald ein Luxusprodukt sein werden. Und auf dem Verbandstag 2014 in Weimar wurde darüber diskutiert, ob es nicht gut sei, eine öffentlich-rechtliche Tageszeitung zu fördern?

! Ich bin strikt gegen eine öffentlich-rechtliche Zeitung, die durch den Staat finanziert wird, denn dann gibt es keine Pressefreiheit mehr.

Es besteht die Gefahr, dass sich PR und Journalismus  immer mehr verquicken

? Sie haben auf dem Verbandstag in Weimar beklagt, dass der Journalismus durchdrungen ist von PR: „Das öffentliche Meinungsbild wird von Firmenzeitschriften, Corporate-Media-Zeitschriften bestimmt.“

! Wir müssen aufpassen, dass uns Unternehmenszeitschriften nicht den Part des Journalismus abnehmen. Ich denke da beispielsweise an die Deutsche Bahn. Sie macht mit ihrem Journal PR für ihr Unternehmen Bahn, bietet daneben aber jedem Fahrgast auch gute journalistische Inhalte. Und damit besteht die Gefahr, dass sich PR und Journalismus  immer mehr verquicken.

? Die Journalisten aber auch eine gute Möglichkeit bietet, Geld zu verdienen.

! Völlig richtig. Aber solche Entwicklungen nehmen uns die öffentliche Meinungsbildung ab, und das darf nicht sein.

? Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) bereitet derzeit ein Gesetz vor, das verhindern soll, dass Spartengewerkschaften streiken dürfen. Die Kanzlerin selbst hat Arbeitgebern und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ihr Wort gegeben, dass die Tarifeinheit schon bald wieder in jedem Unternehmen gewährleistet werden soll. Das besagt: Alle Macht soll künftig die Gewerkschaft haben, die die meisten Mitglieder stellt. Wie wollen Sie dieses Gesetz verhindern?

! Sollten wir als Berufsgewerkschaft tatsächlich eingeschränkt werden, ziehen wir gemeinsam mit anderen Berufsgewerkschaften wie dem Marburger Bund, der Pilotenvereinigung Cockpit oder der GDL vor das Bundesverfassungsgericht.

Durch die Medienkrise sind viele Journalisten mittlerweile ohne Beruf

? Wenn das Gesetz zur Tarifeinheit realisiert wird, könnte der DJV seinen Status als Gewerkschaft verlieren und wäre nur noch ein Berufsverband. Was würde das für den DJV bedeuten?

! Der DJV ist und bleibt  Gewerkschaft. Wir haben dann ja immer noch in vielen Betrieben die Mehrheit und sind damit tonangebend. Wir haben mit Verdi, der DJU, eine Tarifgemeinschaft. Aktuell hat sich auch Verdi gegen das Gesetzesvorhaben ausgesprochen, so dass wir davon ausgehen können, dass sie  weiter Bestand hat. Es wäre einfach mühsam, herauszufinden, wo die DJU in Verdi Tarifverhandlungen führt und wo wir das tun, das wäre sehr kompliziert und nervig, für Verdi genauso wie für uns.

? Das könnte für viele Journalisten ein Grund sein, zu Verdi mit 2,06 Millionen Mitgliedern zu wechseln. Wie viele Mitglieder hat eigentlich der DJV aktuell?

! Wir sind jetzt bei ungefähr 36.000. Da Verdi das gleiche Problem hat wie wir: Warum sollten die Mitglieder wechseln? Auch Verdi verspricht sich keinen Nutzen von der Tarifeinheit. Die DJU in Verdi ist zudem deutlich kleiner als wir.

? Zu Beginn der 2000er-Jahre waren es mehr als 40000. Wo sind die geblieben?

! Durch die Medienkrise sind natürlich viele Journalisten mittlerweile ohne Beruf und der Stellenabbau ist überall zu spüren.

Journalisten müssen Politik und Wirtschaft auf die Finger schauen

? Kann man dem journalistischen Nachwuchs angesichts dieser düsteren Aussichten überhaupt noch empfehlen, in die Welt der Medien einzusteigen?

! Wer als Journalist arbeiten will und seine seine Berufung darin sieht, wird auch weiterhin seinen Weg gehen. Wer es wirklich will und eine gute Ausbildung hat, für den hat der Beruf auch heute noch so einiges zu bieten, was es in keinem anderen Beruf gibt. Journalisten müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf die Finger schauen und  Missstände aufdecken. Bei angemessener Bezahlung ist und bleibt dieser Beruf empfehlenswert.

? Kommen wir zum Schluss auf die Überalterung des DJV zu sprechen. Bereits auf dem Verbandstag in Hannover im vergangenen Jahr forderte der Fachausschuss Junge, dass künftig 20 Prozent aller Delegierten unter 40 Jahre alt sein sollen. Doch der Antrag verfehlte die nötige Zweidrittelmehrheit. In Weimar stand das Thema mit gleich drei Anträgen erneut auf dem Programm, denn von den 269 Delegierten waren nur 25 unter 40. Ist diese Zahl nicht auch für Sie erschütternd?

! Wir wollen natürlich, dass sich junge Leute aktiv in den DJV einbringen. Das darf aber keine Muss-Bestimmung sein. Es wurde allerdings eine Absichtserklärung, die das selbe Ziel hat, verabschiedet.

Berlin ist wichtig als Standort für den DJV, weil hier die Bundeshauptstadt ist

? Bei unserem letzten Interview im Jahre 2005 sagten Sie: „Berlin ist der Medienstandort.“

! Richtig. Berlin ist deshalb auch so wichtig als Standort für den DJV, weil hier die Bundeshauptstadt ist.

?  Bereits 1997 gab es den Verbandstagsbeschluss, dass der Bundesverband komplett nach Berlin umzieht. Wäre das nicht 25 Jahre nach dem Fall der Mauer tatsächlich ein wichtiges Signal, am Sitz der Regierung präsent zu sein?

! Wir sind in Berlin präsent. Wir haben hier unsere Hauptstadtgeschäftsstelle und sind verbandsrechtlich eingetragen. Unser Justitiar und die Pressestelle sind ständig vor Ort. Unser Hauptgeschäftsführer ist wöchentlich in der Hauptstadt, ich habe hier mein Büro. Außerdem ist dieser Beschluss bereits revidiert worden. Wir besitzen in Bonn eine eigene Immobilie und können deshalb die Ausgaben dafür niedrig halten. Wir werden alleine aus finanziellen Gründen überlegen, ob der Umzug nach Berlin zu realisieren ist.

 

Das Interview führten Bettina Schellong-Lammel und Heide-Ulrike Wendt

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