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KRIEG UND FRIEDEN
30 Monate im Folterknast im Donbas

Bernd Lammel

Interviews

30 Monate im Folterknast im Donbas 

Ein paar Anführungsstriche bringen dem ukrainischen Journalisten Stanislav Aseyev 2017 zweieinhalb Jahre Haft ein. Das prorussische Regime störte sich bei seinen Reportagen an der Schreibweise „Donezker Volksrepublik“. Was folgt, sind 30 Monate Demütigung, Folter und Einzelhaft, die den Journalisten fast gebrochen hätten. Aber sein Wille, zu überleben, war stärker. Wir trafen den 33-Jährigen zu einem Interview in der ΝITRO-Redaktion in Berlin und sprachen mit ihm über seine bittere Vergangenheit in einem Folterlager und über sein Buch „Heller Weg“, das nach der Adresse des illegalen Gefängnisses benannt ist: Heller Weg 3.

 

?  Stanislav Aseyev, Sie arbeiteten als Journalist in der Ukraine in den von Separatisten besetzen Gebieten im Donbas. Wann wurden Sie verhaftet?

!  Ich arbeitete für Radio Liberty als Autor, und das unter einem Pseudonym, weil ich in der Ostukraine nicht unter meinem Namen als Journalist tätig sein konnte. Am 11. Mai 2017, am Jahrestag der sogenannten Volksrepublik Donezk, hatte ich den redaktionellen Auftrag, eine Geschichte über diesen Jahrestag zu recherchieren und schreiben. Ich filmte im Zentrum von Donezk und wurde auf dem Heimweg auf dem zentralen Platz von einer örtlichen Polizeistreife angehalten. Meine Papiere wurden überprüft, dann führte die Streife einige Telefonate, und wenige Minuten später erschienen Männer in Zivil. Wie sich herausstellte, waren es Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MGB). Sie legten mir Handschellen an, zogen mir einen Sack über den Kopf und brachten mich ins Gebäude des Ministeriums. Ich erfuhr, dass ich bereits seit zweieinhalb Jahren auf der Fahndungsliste stand.

?  Wissen Sie, wie Sie aufgespürt wurden? Könnte Sie jemand denunziert haben?

! Das MGB hat eine spezielle Abteilung, die die Aktivitäten von Journalisten überwacht, und diese Abteilung suchte bereits lange Zeit nach mir. Sobald jemand mit News oder Beiträgen aus dem Donbas in den verbotenen Medien auftaucht, ist er auf dem Radar des MGB, und der beginnt zu suchen. So ist es mir ergangen. Wie es dem MGB gelungen ist, mich zu finden, ist immer noch eine Frage, auf die ich keine Antwort habe, denn ich habe viele Sicherheitsfaktoren beachtet: Ich habe über ein VPN auf das Internet zugegriffen, unter einem Pseudonym geschrieben, und ich war enorm vorsichtig.

? Sie wurden 2017 wegen „Extremismus“ und „Spionage“ zu 15 Jahren Haft verurteilt – unter anderem, weil Sie in Ihren Reportagen aus dem Kriegsgebiet das Wort „Donezker Volksrepublik“ in Anführungszeichen gesetzt hatten, und Sie waren 30 Monate inhaftiert. Wie haben Sie es geschafft, die Haft zu überstehen und zu überleben?

! Die beste Antwort auf die Frage, wie man eine solche Haft überlebt, hat meiner Meinung nach Viktor Frankl gegeben, ein Psychotherapeut, der viele Jahre verschiedene deutsche Konzentrationslager der Nazis überlebte und ein Buch über seine Erfahrungen veröffentlichte. Er schrieb, dass derjenige, der das Warum kennt, auch das Wie überleben wird. Wenn man sich in einer extremen Situation befindet – und ich war 30 Monate in einem Konzentrationslager inhaftiert – braucht man etwas, an dem man sich unter diesen unmenschlichen Bedingungen festhalten kann. Das sind einfache Dinge: die Familie, die Liebe oder einen bestimmten Menschen. Zu meinem Glück hatte ich einen solchen Menschen und konnte mich an an ihm festhalten. Das hat mir geholfen, jeden Tag der Gefangenschaft im Konzentrationslager zu überleben.

? Wie ist es Ihnen in der Haft ergangen? Was mussten Sie erleiden?

! Die ersten anderthalb Monate verbrachte ich im Keller des Ministeriums für Staatssicherheit in einer 2 mal 4,5 Meter großen Zelle. Es war sehr dunkel, feucht und kalt. Dann wurde ich in eine Isolierzelle ins Konzentrationslager „Isolation“ gebracht. Das Lager „Isolation“ liegt in einer ehemaligen Isolierfabrik, daher der Name. Nach der Einnahme von Donezk im Jahr 2014 wurde diese Anlage zu einem Stützpunkt der Special Operations Forces (SOF) umgebaut. Es gibt in der Anlage auf der einen Seite Panzer, gepanzerte Transporter, Minen und Munition. Auf der anderen Seite wurden die Verwaltungsgebäude und die Keller zu Gefängnissen umgebaut.

Die Haftbedingungen waren dramatisch. Rund um die Uhr brennt das Licht, alles ist videoüberacht, auch die Keller. Wenn sich die Gefangenen außerhalb der Zelle bewegen müssen, weil sie zum Verhör gebracht werden, erfolgt dies immer mit Taschen oder Säcken über dem Kopf. Wird die Zellentür geöffnet, müssen sich die Gefangenen ebenfalls einen Sack über den Kopf ziehen, sich zur Wand drehen, die Hände auf den Rücken legen und warten, bis die Tür wieder geschlossen wird – das läuft rund um die Uhr. Die Gefangenen werden mit Elektroschocks gefoltert, geschlagen, mit gespreizten Beinen und Armen an eine Wand gestellt und gezwungen, mehrere Tage lang dort zu stehen. Es ist eine ständige Abfolge der Zerstörung des Individuums, sowohl physisch als auch psychisch.

? Gab es Streiks oder Widerstand der Gefangenen?

! Mit Ausnahme meines Hungerstreiks gab es keine Streiks. Die Besonderheiten der „Isolation“ sind so, dass man mit seinen Feinden in einer Zelle sitzt. Die Hälfte der Gefangenen sind Militärangehörige. Es handelt sich dabei um Kämpfer, die ebenfalls wegen Spionage inhaftiert wurden. Diese Strategie gibt es, um sicherzustellen, dass innerhalb der Zellen kein Widerstand entsteht. Sie können ja keinen Widerstand mit Gefangen organisieren, die gegen Ihren eigenen Staat, die Ukraine, gekämpft haben. Mein Versuch, in Hungerstreik zu treten, um meine Verlegung in ein klassisches Gefängnis zu fordern, endete nach fünf Tagen.

? Wie wurden Sie dazu bewegt, den Hungerstreik abzubrechen?

! Ich wurde nicht durch Schläge oder Folter zum Essen gezwungen, sondern durch die Warnung, dass alle anderen Gefangenen der Zelle erst dann wieder etwas zu essen bekommen, wenn ich wieder essen würde. Es waren elf Mitgefangene in meiner Zelle, und ich konnte eine solche Verantwortung nicht tragen.

? Wann und warum wurden Sie nach 30 Monaten entlassen?

! Ich wurde im Rahmen eines Gefangenen-Austauschs am 29. Dezember 2019 entlassen. Es handelte sich um einen Austausch von militärischen und zivilen Gefangenen auf staatlicher Ebene.

? Wie haben Sie es geschafft, nach Ihrer Entlassung weiter als Journalist zu arbeiten?

! Ich bin eine Geisel meiner Geschichte geworden. Den ersten Teil meines Buches hatte ich bereits in Gefangenschaft geschrieben. Ich notierte meine Erlebnisse auf einem Blatt Papier und nahm es mit in die Freiheit. Nach meiner Entlassung musste ich das Buch sehr schnell fertigschreiben, denn die Erinnerungen waren noch frisch, und ich wollte der Welt sagen, was dort geschah. Als das Buch veröffentlicht wurde, nahm ich jede Gelegenheit wahr, es zu präsentieren und darüber zu sprechen. Es stellte sich nämlich heraus, dass selbst in der Ukraine fast niemand etwas von diesem Konzentrationslager „Isolation“ wusste, vom Westen ganz zu schweigen. Als das Buch dann ins Englische übersetzt war, wurden internationale Menschenrechtsorganisationen aufmerksam, und inzwischen ist es auch in deutscher Sprache erschienen. Ich habe seitdem hunderte Interviews weltweit gegeben, denn ich empfinde es als meine Verantwortung gegenüber Menschen, die immer noch in „Isolation“ inhaftiert sind, auch wenn ich mich psychisch sehr müde fühle.

Lesen Sie das komplette Interview im aktuellen Heft.

Das Interview führte die ukrainische ­Journalistin Olha Shanta-Hladun, die vor dem Krieg in der Ukraine nach ­Deutschland flüchtete.

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