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Heft 34 Interviews Lesenswert

“Nutzen statt besitzen”

Nutzen statt besitzen

Wie wird sich der Verkehr in den kommenden Jahren entwickeln? Mobilitätsforscher Andreas Knie ist sich sicher, dass sich viel bewegen muss: Deutlich weniger Individualverkehr, Abbau ­steuerlicher ­Förderungen etwa für Dienstwagen oder von Dieselkraftstoff. Von den derzeit wirkenden Politikern ­erwartet er zu dem Thema jedoch wenig. Verkehrsminister Andreas Scheuer etwa hält er für „ein Sprachrohr der Automobilindustrie“. Νhat mit dem Wissenschaftler über veraltete Technologien, das Personenbeförderungsgesetz und Alternativen für Autos mit Verbrennungsmotoren gesprochen.

? Sie sind Sozialwissenschaftler am WZB und Professor für Soziologie an der TU Berlin. In den Medien werden Sie als Mobilitätsforscher bezeichnet. Worum genau geht es im Forschungsgebiet Mobilität?

!  Ich beschäftige mich, vereinfacht gesagt, mit der Frage, wie Menschen von A nach B kommen und und ob das symptomatisch für die soziale Entwicklung ist. Welche Verbindung gibt es zwischen der räumlichen Mobilität und sozialen Mobilität, wie kann eine Gesellschaft zukünftig durchlässiger werden.

?  Blicken wir zunächst noch einmal zurück ins vergangene Jahrhundert, als Autos begannen, die Straßen zu beherrschen. Damals waren Automobile noch kein Massenphänomen, sondern ein reines Statussymbol. Wie kam es dazu, dass Autos die Menschen nicht nur mobiler machten – sondern sie schrittweise immer mehr beherrschen, wie das heute der Fall ist?

!  Die Menschen wurden ja nicht erst mit dem Auto mobil. Denken Sie zum Beispiel an die Völkerwanderung oder an die Schifffahrt – seit hunderten Jahren überqueren Schiffe die Ozeane, und auch mit Pferden konnten die Menschen größere Distanzen überwinden. Dann kam die wunderbare Erfindung des Automobils, ein selbstfahrendes Gerät, das um 1900 sehr populär wurde und den Menschen eine enorme Unabhängigkeit brachte.

?  Damals aber noch nicht in Deutschland.

!  Stimmt. Das Auto hat sich zuerst in den USA rasant entwickelt. Viele Menschen hatten sehr schnell sehr viele Autos – nicht nur die reichen Amerikaner, ein Auto konnten sich auch normale Angestellte leisten. In Europa begann die Automobilität zuerst in Italien, Spanien und England – Deutschland war zu dieser Zeit kein Autoland, in Deutschland waren Eisenbahnen und Motorräder populär. Das Auto wurde in den 1930er-Jahren von den Nationalsozialisten als großes Prestigeprojekt ausgerufen, obwohl die nicht im Verdacht standen, den Amerikanern nachzueifern. Die Nationalsozialisten unterstützten den individuellen Transport in Verbindung mit dem Traum: „Eigenes Heim und eigenes Auto – durch unsere Politik wird das möglich.“ Sie haben damit begonnen, Autobahnen zu bauen und die Steuergesetzgebung fürs Auto und die Straßenverkehrsordnung zu etablieren. Nach dem Krieg wurde dieses Projekt in den 1950er- und 1960er-Jahren und ganz spürbar in den 1970er-Jahren nahtlos fortgesetzt und Deutschland entwickelte sich ebenfalls zu einem Auto-Land. Wohin das geführt hat, können wir heute erleben.

? Betrachten wir die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre. In den Städten und Ballungszentren hat sich die Situation dramatisch verändert. Verstopfte Straßen, Parkplatzmangel, Feinstaubprobleme, Megastaus auf Autobahnen. Trotzdem wollen viele Menschen das Auto nicht abschaffen. Können Sie sich erklären, warum die Menschen so uneinsichtig sind, wenn es ums Auto geht?

!  Daran hat die Politik einen großen Anteil. Nehmen wir das Beispiel Berlin. Hier wurden nach dem Krieg jede Menge Straßen gebaut, und es werden immer noch Autobahnen gebaut, damit Autos möglichst viel Platz haben. Auch die Steuergesetzgebung ist darauf aufgebaut, dass die Menschen Auto fahren sollen – besonders Dieselfahrzeuge. Die werden immer noch subventioniert – der Dieselpreis jedes Jahr mit acht Milliarden Euro! Die Politik und der Staat sagen immer noch: „Bitte, liebes Volk, fahre Auto, wir ermöglichen dir alles.“

?  Sie meinen, dass jeder, der kein Auto fährt, ökonomisch im Nachteil ist?

Lesen Sie das ganze Interview im aktuellen Heft.

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