Neustes Heft: Jetzt bestellen!

Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Das perfekte Feindbild? – Politiker und Journalisten!
(c) Bernd Lammel
Feinbild Journalist

Das perfekte Feindbild? – Politiker und Journalisten! 

Hass und Gewalt, die sich gegen Medien richten, sei ein Ausdruck von Überforderung, ist der Psychologe Ahmad Mansour überzeugt. Journalisten würden als Teil des Systems wahrgenommen, die staatliche Propaganda verbreiteten. Auslöser: Zukunftsängste, wie bei der Flüchtlingskrise 2015 oder starke Veränderungen der Lebensumstände, bedingt durch die Maßnahmen während der Corona-Pandemie. Mit NITRO spricht Ahmad Mansour auch über Verschwörungstheoretiker, Haltungsjournalisten, Rechtsradikale und die Gewaltbereitschaft, die in der Gesellschaft vor allem in den politischen Diskursen zugenommen hat.

? Herr Mansour, wir leben in einer Zeit, die viele Menschen beruflich und privat enorm verunsichert, weil sie einschneidende Veränderungen verkraften müssen. Plötzlich teilen Menschen, von denen wir bisher gedacht haben, sie seien kluge Kollegen, nette Nachbarn oder Menschen, die wir als Normalbürger bezeichnen würden, Argumente von Verschwörungstheoretikern, Corona-Leugner, Reichsbürgern und Impfgegnern. Welche Erklärungen haben Sie dafür?

! Bei der Analyse können wir nicht erst mit der Corona-Pandemie beginnen, denn die Wurzeln solcher Phänomene sind sehr viel älter. Verschwörungstheoretiker leben schon immer unter uns, aber sie waren nicht sehr auffällig. Ich erinnere zum Beispiel an den 11. September 2001. Da gab es Menschen, die meinten, dass die Amerikaner selbst in die Twin Towers des World Trade Centers in New York geflogen sind, und auch zur Mondlandung gab es viele Verschwörungstheorien. In Berlin habe ich vor kurzem Leute getroffen, die mir erklärten, die Erde sei eine Scheibe. Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, sind überzeugt, nichts passiere zufällig, es gebe mächtige Gruppen, die im Verborgenen einen geheimen Plan verfolgen und alles Geschehen kontrollierten, die Idee, dass „alles mit allem verknüpft“ sei, und dass Sein und Schein stets auseinanderklaffen: Das ist die Basis jeglicher erfolgreicher Verschwörungsideologie. Verschwörungstheoretiker suchen nach Alternativerklärungen für Dinge, die sie nicht verstehen. Sie sind in Krisen von unserer sehr komplexen Welt überfordert.

? War die Welt nicht immer komplex?

! Komplex schon, aber anders als heute. Bis 1989 hatten wir ein sehr einfaches Freund-Feind-Schema. Wir wussten, die Welt ist geteilt in Kapitalismus und Kommunismus, und jeder wusste, auf welcher Seite er steht. Das Leben war gut strukturiert, und die Menschen fühlten sich sicher. Man arbeitete, um ein Haus zu kaufen, die Kinder machten einen Schulabschluss, eine Ausbildung oder ein Studium. Jeder wusste, man arbeitet bis 65, dann geht man in Rente, und die Rente ist sicher. Dann wurde die Welt globaler, und die Globalisierung und die damit verbundenen Veränderungen machten die Welt komplizierter. Es etablierte sich eine neue Art und Weise miteinander zu kommunizieren. Plötzlich ging es um lebenslanges Lernen. Es änderte sich die Art, wie wir Kinder erziehen, und den Job, den man nach der Ausbildung oder dem Studium findet, üben die wenigsten aus, bis sie in Rente gehen. Auf diese Komplexität reagieren die meisten Menschen mit einem Änderungswillen, auch wenn sie anfangs ein paar Schwierigkeiten haben. Es gibt aber eine kleine Gruppe von Menschen, die ist mit der Komplexität unseres Lebens derart überfordert, dass sie nach alternativen Denkschemata suchen, um Orientierung und Halt zu finden. Solche Ideologien lassen das Individuum einerseits machtlos und hilflos wirken und nehmen ihm Verantwortung ab. Auf der anderen Seite bieten Verschwörungstheorien in Situationen von empfundenem Kontrollverlust Alternativen zur komplexen Realität. Damit wecken sie im scheinbar „Machtlosen“ das Gefühl, exklusiven Zugang zu „unterdrückten“ Informationen zu bekommen. Er kann sich wie ein Rebell oder Querdenker fühlen, der den Erzählungen der „Mainstream“-Medien nicht auf den Leim geht. Ein paradoxer Zustand: Denn tatsächlich sind Unmündigkeit, Uninformiertheit und die Unfähigkeit, sich in komplexer Realität zurechtzufinden, der Nährboden, auf dem Verschwörungsmythen gedeihen.

Auch die Suche nach Orientierung und klaren Regeln führt zu einem Schwarz-Weiß-Denken und ermuntert zum Widerstand gegen die, die nicht erkennen wollen, wie sie manipuliert werden.

? Könnte man sagen, dass Menschen, die anfällig für Verschwörungstheorien sind, sich bisher in einem strukturierteren Rahmen bewegt haben und dass dieser Rahmen durch die Corona-Pandemie zerbrochen ist und sie nun orientierungslos sind?

! Sie nehmen das Weltbild von Verschwörungstheoretikern an, und das schafft eine Bindung und eine Erklärung für ihre Überforderung und ihr Leid. Sie meinen, andere „Mächte“ haben die Verantwortung für die Welt, wie sie heute ist, und ich bin deren „Opfer“, aber zugleich bin ich auserwählt, weil ich das erkannt habe.

? Laut einer Umfrage der Uni Bielefeld fühlen sich immer mehr Journalisten in der Ausübung ihres Jobs von Verschwörungstheoretikern, Corona-Leugnern und Querdenkern bedroht. Es gibt nicht nur verbale körperliche Angriffe auf Demonstrationen, sondern vor allem Hass und Hetze im Netz. Warum richtet sich die Wut dieser Menschen immer öfter und ganz massiv gegen Medienvertreter?

! Auch dieses Phänomen hat nicht erst mit Corona begonnen. Ich erinnere an Rufe wie Lügenpresse und Staatspresse während der Flüchtlingskrise. Die Berichterstattung, besonders der öffentlich-rechtlichen Sender, wurde nach dem Motto angezweifelt, es wird nicht die Wahrheit berichtet, denn die Wahrheit ist anders. Und das hat damit zu tun, dass in den letzten Jahren auch Fehler gemacht wurden. Das sind die Vermeidung von Themen, der Haltungsjournalismus und die berechtigte Angst, mit bestimmten Themen Öl ins Feuer zu gießen. Hinzu kommt, dass es heute Alternativangebote in den sozialen Medien gibt. Wenn zum Beispiel ein rechtsradikaler Politiker auf der politically incorrect-Seite über bestimmte Ereignisse informiert und ich dort eine ganz andere Realität präsentiert bekomme als bei ARD, ZDF oder RTL. Menschen, die die Orientierung und dadurch das Vertrauen verloren haben, die von Zukunftsängsten geplagt sind, glauben der „Lügenpresse“ nicht mehr. Sie fühlen sich manipuliert von ARD und ZDF, der FAZ, Zeit, der Süddeutschen, denn sie nehmen deren Berichterstattung als nicht ausgewogen wahr und fühlen sich falsch informiert. Kurz gesagt: Qualitätsjournalismus darf und kann ihr dichotomes Weltbild nicht bestätigen – und das macht sie wütend.

? Es wird auf die Formel Regierungspresse gleich Lügenpresse reduziert?

! Ganz genau. Die Informationen derer, die nicht als Lügen- oder Staatspresse angesehen werden, die auf Facebook-Seiten, auf Twitter verbreitet werden oder sich an der eigenen Pinnwand finden, werden als glaubwürdiger betrachtet. Ein Beispiel: An einer Pinnwand findet sich eine Information zu einer Vergewaltigung in Hamburg. Weder in den überregionalen Zeitungen, noch bei ARD oder ZDF wird über diese Vergewaltigung berichtet …

? … sofort wird vermutet, da soll etwas „vertuscht“ werden?

! Richtig. Und warum? Weil diese Menschen nicht realisieren, dass das, was sie auf ihrer Pinnwand finden, nicht DIE Realität abbildet, sondern nur einen Ausschnitt der Realität. Da sorgen Algorithmen dafür, dass Themen und Informationen aufgrund der eigenen Interessen, aufgrund der Menschen, mit denen man „befreundet“ ist, angeboten werden. Das führt dazu, dass sich diese Menschen darin bestätigt fühlen, dass „die“ professionelle Presse „falsch“ berichtet.

? Diese Menschen fühlen sich mani­puliert?

! Richtig. Die sozialen Medien spielen dabei eine ganz entscheidende Rolle. Auch wenn es Verschwörungstheorien schon immer gab, bekamen die Menschen ihre Informationen noch vor 30 Jahren nur aus dem Fernsehen – meist von ARD und ZDF, aus den Tageszeitungen und den Nachrichtenmagazinen (Anm. der. Red.: SAT1 und RTL wurden erst 1984 gegründet). Damals gab es kaum Alternativen, um sich umfassend zu informieren. Die heutigen „Alternativen“ arbeiten oft nicht nach journalistischen Standards, und wir können in diesem „neuen Journalismus“ eine Mischung aus Aktivismus, Algorithmen, selektive Wahrnehmung und amateurhaftem Journalismus beobachten.

? Sie meinen eine Mischung aus Kommentaren und Berichterstattung?

! Ja, das trifft leider auch auf die professionellen Qualitätsmedien zu. Ich nehme immer häufiger wahr, dass manche Journalisten einfach nicht mehr neutral berichten, sondern ihre Haltung zu einem Ereignis in die Berichterstattung mit einfließen lassen. Die Berichterstattung bekommt dadurch einen Beigeschmack, und das macht viele Menschen wütend – mich auch.

? Wir sprechen hier vom Meinungsjournalismus?

! Genau. Ich würde es sogar als Aktivismus bezeichnen, wenn einige Journalisten das Gefühl haben, sie müssen gewisse Werte in Deutschland schützen und könnten das tun, indem sie ihre persönliche Meinung in den Vordergrund stellen oder in die neutrale Berichterstattung einbinden. Aber das ist sehr schädlich für den ehrlichen, den seriösen Journalismus. Natürlich spielt auch die Schnelligkeit der Informationsverbreitung, mit der der Journalismus heute zu tun hat, eine große Rolle. Denn das Monopol auf die Erstmeldung oder wie schnell Informationen heute verbreitet werden, haben die klassischen Medien längst nicht mehr. Und um es mit Hanns Joachim Friedrichs zu formulieren: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache, dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

? Die Qualitätsmedien bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Twitter rechts und Facebook rechts und Twitter links und Facebook links, und sie müssen eine Strategie finden, um den Lesern, Hörern oder Zuschauern eine gut recherchierte Information zu präsentieren. Eine sehr komplexe Aufgabe.

! Stimmt, aber die klassischen Medien haben auf diese neuen Medien bisher keine Antwort gefunden. Ein Beispiel: Wenn heute über eine Straftat berichtet wird, wird in vielen Reaktionen erst darüber diskutiert, ob die Herkunft des Täters genannt werden darf. Ich meine, wo die Herkunft des Täters beim Tatmotiv eine Rolle spielt, muss sie natürlich erwähnt werden.

? Was heißt?

! Das heißt, wenn der kulturelle Hintergrund, die Religion, die Erziehung einen Menschen dazu bringt, die eigene Tochter zu ermorden, weil sie einen „ungläubigen“ Freund hat, dann ist die Herkunft für das Tatmotiv absolut relevant. Wenn die Leser, Zuschauer oder Zuhörer diese Information nicht bekommen, dann ist die Meldung nicht vollständig, und das führt die Berichterstattung unter Umständen in eine ganz andere Richtung. Wenn in den öffentlich-rechtlichen Sendern oder in den klassischen Printmedien nicht berichtet wird, dass ein türkischer oder arabischer Mann seine Frau oder Tochter ermordet hat, diese Information in den sozialen Medien aber schon Stunden zuvor viral geht, dann verlieren die Qualitätsmedien ihre Glaubwürdigkeit. Alles, was in den sozialen Medien einer solche Meldung dann noch „hinzugefügt“ wird, führt zu mehr Fake News, und dem seriösen Journalismus wird immer weniger geglaubt …

? … selbst, wenn es später eine Berichterstattung gibt, die den Fake News wiederspricht.

! Richtig. Es gibt aber noch einen weiteren Punkt, den ich sehr problematisch finde. Journalisten, die ihre Haltung zu einem Ereignis oder zu einer Entwicklung am Morgen klar und deutlich auf Twitter verkünden und sich später in einem „objektiven“ Interview oder einer Berichterstattung ganz „neutral“ oder sogar gegensätzlich äußern. Das führt ebenfalls dazu, dass das Vertrauen in die traditionellen Medien schwindet.

? … und es spielt Verschwörungstheoretikern, Corona-Leugnern, Impfgegnern und Rechtsradikalen in die Hände.

! Stimmt, aber nicht alle, die ein Problem mit den Corona-Maßnahmen haben, sind auch Verschwörungstheoretiker, Covid-Idioten oder Corona-Leugner. Es gibt eine zunehmende Anzahl von Menschen, die die Maßnahmen und Einschränkungen der Bundesregierung nicht gutheißt. Zum Beispiel finde auch ich es problematisch, dass die Schulen so lange geschlossen bleiben. Ich bin Psychologe, und ich sehe in meiner Arbeit tagtäglich, was das mit Kindern macht. Es gibt Kinder, die seit Beginn der Corona-Pandemie zehn Kilo zugenommen haben. Es gibt Familien, die in kleinen Wohnungen leben und die damit klarkommen müssen, dass die Kinder zu Hause sind und sie im Homeoffice arbeiten. Viele Kinder langweilen sich fünf, sechs, sieben Stunden pro Tag, spielen mit dem Smartphone oder sitzen vor dem Fernseher. Darauf brauchen wir eine Antwort. Aber diese Debatten finden nur sehr polarisierend statt, weil nur in Zero-Corona- und Megalockdown-Befürworter oder in Covidioten eingeteilt wird. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Menschen, die mit gewissen Maßnahmen Probleme haben und zwischen Verschwörungstheoretikern, die nicht mal glauben, dass es Corona gibt und deshalb ohne Maske rumlaufen wollen. Aber diese Differenzierung findet kaum statt, und das führt dazu, dass sich auch Menschen mit einer bisher vernünftigen, aber kritischen Meinung radikalisieren können.

? Was sich im Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust gegenüber Journalisten äußert. Beängstigend ist, dass die Hemmschwelle gesunken ist und Journalisten als „Feinde“ ausgemacht werden. Das äußert sich nicht nur in verbalen und körperlichen Attacken auf Demonstrationen, sondern zunehmend mit Hass und Hetze im Netz.

! Vor allem im Netz. Die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft hat zugenommen, vor allem in den politischen Diskursen. Als ich nach Deutschland kam, stand vielleicht nur Salman Rushdie wegen seiner Meinung unter Personenschutz. Inzwischen ist das LKA Berlin überfordert mit dem Schutz von Einzelpersonen. Ich bin eine davon. Die Hemmungslosigkeit von Hass und Hetze, die im Netz stattfindet, ist die Vorstufe von Gewalt, die irgendwann auch offline stattfinden kann.

Lesen Sie das ganze Interview im aktuellen Heft.

Ähnliche Beiträge