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Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Wohnraum und Landknappheit – ein unauflösbarer Konflikt?
© Bernd Lammel
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Wohnraum und Landknappheit – ein unauflösbarer Konflikt? 

Von Christine Fürst

Wohnraum, vor allem bezahlbarer Wohnraum ist eine knappe Ressource. Dies betrifft vor allem jene Menschen, die in Großstädten oder Metropolregionen leben und arbeiten wollen oder auch müssen. Wohnraum ist gleichzeitig quasi auch ein Grundrecht des Menschen, da er eine wesentliche Grundlage für den wirtschaftlichen und sozialen Erfolg darstellt, wie beispielsweise die aktuelle finnische Politik mit „Housing First“ zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit zeigt. Die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum stellt daher eine hohe soziale Verpflichtung für die kommunale Politik dar. Doch woher den Wohnraum nehmen?

Auch Land ist eine äußerst knappe Ressource, und der Wunsch nach Wohnraum, nach neuen Siedlungsflächen kollidiert daher mit anderen politischen Zielen, insbesondere dem Schutz von Böden vor weiterer Versiegelung durch Siedlungs-, Industrie- und Gewerbe- sowie Verkehrsflächen. Ein unkoordinierter Flächenverbrauch durch die Investition in „Betongold“ hat extrem negative Auswirkungen auf die Umweltqualität, aber auch auf die Sicherheit und die Lebensqualität. Zugebaute und versiegelte Flächen können nicht zur Hochwasserregulierung beitragen und in Hitzesommern die Temperaturen nicht regulieren. Versiegelter Boden kann keinen Kohlenstoff speichern und daher auch nicht zur Klimaregulation beitragen. Ziel der derzeitigen Bundesregierung ist es daher, den Flächenverbrauch bis 2030 auf weniger als 30 ha (zum Vergleich ein Fußballfeld entspricht etwa 0,7 ha) pro Tag zu reduzieren. Pro Jahr sind das aber immer noch knapp 11 000 ha (also umgerechnet etwas mehr als 15 000 Fußballfelder). Bis 2050 soll der Flächenverbrauch sogar auf „Netto-Null“ reduziert werden, das heißt, dass man Flächen nur noch dann versiegelt, wenn umgekehrt andere Flächen entsiegelt werden. Ob dies mit Blick auf die vielen Hürden und Herausforderungen bei der Flächennachnutzung gelingen kann, ist schwer abzuschätzen.

Wenn also das horizontale Wachstum, der Verbrauch von Fläche so dringend reduziert werden muss, gleichzeitig bezahlbarer Wohnraum für viele Menschen schon jetzt nicht verfügbar ist und statistisch die genutzte Wohnfläche/Kopf auch noch stetig steigt (Quelle: Statistisches Bundesamt Destatis: 2020 lag die genutzte Wohnfläche pro Kopf bei 47,4 m²), dann bleibt nur der Weg in die Vertikale. Hochhaussiedlungen, die gerne als Plattenbauten errichtet wurden, um mit Beginn der 1960/1970er Jahre den Wohnraummangel in vielen europäischen Metropolen zu beseitigen, genießen heute nicht unbedingt das beste Image. Gern werden Großwohnsiedlungen, zumal wenn sie von Hochhäusern dominiert sind, als soziale Ghettos betrachtet, in denen nur Randgruppen der Bevölkerung leben (müssen).

Das war nicht immer so. Beispielsweise stellte die „Planstadt“ Neustadt in Halle einen ausgesprochen zukunftsweisenden Entwurf dar: Es wurde Wohnraum für 100 000 Industriearbeiter in der bedeutendsten Industrieregion der ehemaligen DDR geschaffen. Auch Aspekte wie Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs, soziale Angebote vom Kindergarten bis hin zur kleinen Eckkneipe und Mobilität wurden dabei räumlich integriert – ein ausgesprochen modernes Konzept der kurzen Wege und kompakten Siedlungsstrukturen bei gleichzeitig relativ üppig bemessenem Freiraum zwischen den einzelnen Wohnblöcken. Nur wurde dieser Wohnraum mit dem Niedergang der chemischen Industrie nach der Wiedervereinigung Deutschlands nicht mehr in vollem Maß benötigt. Viele strebten auch an, den alten Traum des „Häuschens auf dem Lande mit grünem Garten“ umzusetzen. Was blieb, waren Leerstand und Abbau, wer blieb, waren die, die nicht wegziehen konnten. Und die heute noch einen Teil der Bevölkerung in den alten Großwohnsiedlungen darstellen.

Ein alterndes Land und neue Bedarfe

Heute stellen sich die Herausforderungen in Großstädten und Metropolregionen noch weitaus vielfältiger und komplexer dar. Nicht nur Wohnraum und Land sind knapp. Dem Klimawandel wollen wir durch weniger Mobilität begegnen, also sollen Menschen vom Land wieder in die Städte ziehen. Ländliche Regionen haben infolge vielfältigster Verwaltungs- und Strukturreformen oft mit einer ausgesprochen ausgedünnten Verkehrs-, Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur zu kämpfen. Nicht nur junge Menschen ziehen deshalb weg, auch ältere Bürger, deren Familien oft weit verstreut leben, bevorzugen die Stadt. Die Gründe sind offensichtlich: die leichtere Erreichbarkeit der Grundversorgung für den täglichen Bedarf, die medizinische Infrastruktur und viele Unterstützungsmöglichkeiten, um lange selbständig in den eigenen vier Wänden zu leben.

Stichwort demographischer Wandel – Deutschland wird alt. Knapp ein Drittel der heutigen Bevölkerung findet sich in den Altersgruppen ab 60 Jahre, knapp 7 Prozent der Menschen in Deutschland sind heute älter als 80 Jahre. Wer alt und gebrechlich ist, kann ein Haus mit Garten ohne Hilfe nicht mehr so einfach in Stand halten, zumal wenn die monetäre Altersversorgung doch nur einem Bruchteil des ehemaligen Einkommens entspricht. Was also tun? Ist das neue „zurück in die Zukunft“ also eher ein „zurück in die Stadt“?

In jedem Fall kommen auf Großstädte oder größeren Kommunen in Metropolregionen nicht nur erhöhte Wohnraumbedarfe zu. Wohnraum und Städtegestaltung bis hin zu Mobilitätsangeboten müssen auch vermehrt an den Bedürfnissen älterer Menschen und damit anders ausgerichtet werden, müssen berücksichtigen, dass nicht nur Mobilitätseinschränkungen, sondern auch Seh- oder Hörbeeinträchtigungen die Wahrnehmung von Lebensqualität im urbanen Raum und die Nutzbarkeit von Raum beeinflussen. Auch müssen sie die gegebenenfalls geringere Kapitalkraft hochaltriger Menschen berücksichtigen, die besonders auf Hilfe angewiesen sind und oft in Arbeitsverhältnissen standen, die keine hohen Alterseinkünfte erwarten lassen. Eine wahre Herkulesaufgabe also, passenden Wohnraum und ein passendes Lebensumfeld zu planen und zu schaffen.

„Platte“ als „vertikales Dorf“ der Zukunft?

Zurück zur ungeliebten „Platte“? Ein neues „Altersghetto“ sollte diese natürlich nicht werden. Dennoch bieten die kompakten Siedlungsstrukturen, die standardisierten Wohneinheiten und die für Siedlungsstrukturen in der Stadt oft überdurchschnittliche Ausstattung mit (Grün-)Raum im Umfeld attraktive Gestaltungsmöglichkeiten für ein neues Leben älterer Menschen in der Stadt. In dem Vorhaben „Zusammenleben 4.0“ vernetzt die Wohnungsbaugenossenschaft „Ha-Neuer Wohnen“ unterschiedlichste Partner aus der Forschung und Planung, um gemeinsam ein „Modellquartier“ für die Zukunft des Wohnens von rund 4 000 Menschen in Halle-Neustadt zu schaffen. Es ist ein spannendes Experiment, das sowohl Technologieinnovationen nutzt, um das tägliche Leben älterer Menschen zu unterstützen, ihnen mehr Sicherheit und im Zweifelsfall eine schnelle medizinische Versorgung bereitzustellen und gleichzeitig Aspekte der sozialen Unterstützung und Vernetzung aus der Struktur der Großwohnsiedlung heraus entwickelt. Dennoch gibt es noch Hemmnisse und Barrieren. Hochtechnologisierte Lösungen, um beispielsweise das Leben in den eigenen vier Wänden zu vereinfachen und ein Gesundheitsmonitoring zu ermöglichen, stoßen nicht immer auf Gegenliebe und Vertrauen. Auch muss der Umgang mit technischen Innovationen oder digitalen Kommunikationsangeboten erst einmal erlernt werden. Wichtig sind daher Begleitmaßnahmen, die in einer Beispielwohnung zeigen, wie sich das „Zukunftswohnen“ anfühlen kann, die ein Begegnungs- und Gesundheitszentrum beinhalten, um Technologiekompetenzen zu fördern, aber auch soziale Netzwerke, die aktiv durch eine Wohnraumvergabe durch die Genossenschaft begleitet werden, die zum Ziel hat, Altersgruppen zu durchmischen und Nachbarschaftshilfe zu ermöglichen und damit das „Konzept Dorf“ quasi in die Vertikale zu übertragen.

Doch wie sieht es mit der wahrgenommenen Lebensqualität im Modellquartier aus? Wie sollte die Umgebung gestaltet werden, um aus dem Modell ein Vorbild für die Stadtplanung der Zukunft zu entwickeln und unversiegelten Freiraum mit den Bedürfnissen der Bewohner in Übereinstimmung zu bringen. Bisherige Studien haben beispielsweise Bewegungsmuster im Raum erfasst und können dadurch zeigen, welche Wege oder Flächen in dem Großwohngebiet bevorzugt genutzt werden. Auch aus Befragungen ergeben sich Hinweise, was sich die „alten“ Bewohner im neuen Modellquartier wünschen. Mehr Bäume und Schatten, aber doch übersichtlich, „halbprivate Rückzugsräume“ und doch soziale Eingebundenheit, Wege zur Bewegung, aber doch auch leichte Zugänglichkeit mit Stock und Rollator. Allerdings ist es schwer, solche einmal geäußerten Vorstellungen in der Fläche sinnvoll zu verorten und umzusetzen, da sich die Äußerungen, Präferenzen und Wahrnehmungen nicht so einfach in „Planungssprache“ übertragen lassen. Ein virtuelles Labor ist daher an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Aufbau, mit dem audiovisuelle Szenarien der Wohnumgebung „erlebbar“ gemacht werden und wo mittels verschiedener Körperinformationen wie zum Beispiel der Herzschlagvariabilität oder der Augenbewegung auch unterschwellig wahrgenommene „Stresssituationen“ oder „Wohlfühlräume“ erkannt werden können. Etwa durch eine angepasste Grünraumgestaltung, Zuwegung oder das Vermeiden von zu abrupten Übergängen der Geräuschkulisse, die es gestalterisch aufzufangen gilt. Auch Mobilitätseinschränkungen werden in der Versuchsaufstellung berücksichtigt, und perspektivisch soll das Experiment durch Augmented-Reality-Ansätze vom Labor in die Realität übertragen werden. Sicherlich ist hier noch viel an Forschung, um Lebensqualität aus Sicht einer älteren Bevölkerung quantitativ zu erfassen. Und auch die Einrichtung eines Reallabors ist geplant, um zu erforschen, wie sich die Einstellung gegenüber Technologien, die Wahrnehmung von Lebensraumqualität verändern, welche Ansprüche beispielsweise alteingesessene und neue ältere Städter an ihr Leben im urbanen Raum stellen.

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