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„Lieber 1000 Unterstützer als einen Milliardär“ – Tilo Jung im Interview über den Wandel im Medienkonsum
Foto: Bernd Lammel
Interviews

„Lieber 1000 Unterstützer als einen Milliardär“ – Tilo Jung im Interview über den Wandel im Medienkonsum 

Tilo Jung erreicht mit seinem YouTube-Kanal Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte Millionenklicks. Er ist 35 Jahre alt, Mitglied der Bundespressekonferenz und einer der bekanntesten YouTuber in der politischen Berichterstattung Deutschlands. Ohne jede Berührungsangst interviewt er Bundes- und EU-Politiker, Regierungssprecher, Minister, Staatssekretäre, Parteivorsitzende, Diplomaten, Wissenschaftler und bringt viele mit seinen „naiven“ Fragen in Erklärungsnot. Kompromisslos sendet er, was seine Interviewpartner sagen, und lehnt Autorisierungen grundsätzlich ab. Die, die mit ihm reden, müssen also wissen, worauf sie sich einlassen. Ein Interview mit Tilo Jung und Hans Jessen.

 Vor fast fünf Jahren traf NITRO Tilo Jung schon einmal. Im Coronajahr 2020 haben wir ihn in seinem neuen Studio – einen Steinwurf entfernt von der Bundespressekonferenz – erneut getroffen, um mit ihm und seinem „Mentor“ Hans Jessen über den Medienkonsum im Medienwandel zu sprechen.

 

? Wie ist es dir in den vergangenen fünf Jahren ergangen?

! Tilo Jung: Wir haben uns im Hauptstadtjournalismus weiter „etabliert“, und dabei hat sich wenig verändert: Wir führen immer noch ausführliche, tiefergehende Interviews, begleiten die Bundespressekonferenz und insbesondere die Regierungspressekonferenz und nehmen die Bundesregierung beim Wort, dass sie transparent arbeitet. Und natürlich stellen wir immer noch unbequeme Fragen, damit sich die Zuschauer selbst ein Bild machen können. Im Großen und Ganzen tun wir also das, was wir schon vor fünf Jahren getan haben.

? Nicht so bescheiden. Wir haben dich vor fünf Jahren noch nicht im eigenen Studio getroffen.

! Tilo Jung: Stimmt, wir sind im September in neue Räume gezogen, haben dort nicht nur ein Büro, sondern auch ein kleines Studio. Wir haben es von hier nur zwei Minuten bis zur Bundespressekonferenz und fünf Minuten bis zum Bundestag – also ein sehr guter, zentraler Standort.

? Du arbeitest jetzt im Team, denn du sprichst von „wir“. Wer gehört alles zum Team?

! Tilo Jung: Alexander Theiler, mein bester Freund, mit dem ich Jung & Naiv von Anfang an mache. Hinzugekommen ist Paul, unser Redakteur, der sich um die Interviewpartner kümmert. Und dann gibt es so freie Radikale wie Hans Jessen, der mir immer mit Rat und Tat zur Seite steht, der auch Mitglied der Bundespressekonferenz und mein Mentor ist, auch wenn er das selbst nicht so sieht.

? Vor fünf Jahren sprachen wir darüber, dass ihr weiblicher werden wolltet – hat aber nicht geklappt.

! Tilo Jung: Bevor Paul zu uns kam, hatten wir ausschließlich Redakteurinnen – bis Ende des Jahres sind wir aber wieder komplett männlich. Allerdings sind wir bei der Auswahl unserer Interviewpartner deutlich weiblicher geworden und haben zumindest da unser Ziel – 50 Prozent Frauen als Gäste und 50 Prozent Männer – so gut wie erreicht.

? Du sagtest in einem Mediengespräch: „Ich bin der Medienwandel.“ Kannst du das genauer erklären?

! Tilo Jung: Was wir machen, ist von Beginn an Medienwandel – lange Einzelinterviews führen, die Regierungspressekonferenzen in voller Länge ins Netz stellen – um damit zu belegen, dass YouTube keine Schnipselplattform für Katzenvideos ist, sondern dass dort ernsthafte journalistische Formate laufen können. Insofern sind wir Teil des Wandels. Und weil ich das Gesicht von Jung & Naiv bin, bin auch ich der Medienwandel – so ist die etwas zugespitzte Aussage zu verstehen.

? YouTube, Twitter, Facebook, Instagram, die sozialen Medien sind in den letzten fünf Jahren regelrecht explodiert, was den Medienkonsum der User betrifft. Niemand wird bestreiten, dass die sozialen Medien das Leben vieler Menschen bestimmen. Haben die klassischen Medien den Anschluss an diese Entwicklung verloren oder können die Verlagshäuser, die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten diesen Vorsprung aufholen, um ihre Inhalte an die Medienkonsumenten noch zu transportieren?

! Tilo Jung: Ich glaube nicht, dass sie den Anschluss verloren haben, sie sind nur nicht mehr die führenden Player. Das Problem ist eher, dass sie verstehen müssen, dass Medien heute anders funktionieren – nicht am Reißbrett oder bei einer Gremiensitzung, in denen sie irgendwelche Erfolgsformate fordern. Bei den Öffentlich-Rechtlichen hilft nur probieren, probieren, probieren und die Bereitschaft, auch mal jede Menge Scheitern in Kauf zu nehmen.

Ich finde aber, in den vergangenen ein oder zwei Jahren ist ein gewisser Wandel schon sichtbar – nicht im Hauptprogramm, aber bei Formaten, die über funk auf YouTube laufen, haben sie schon Fortschritte gemacht. Klar haben sie riesige Aufholschwierigkeiten, gar keine Frage. Aber wenn man sich die Abozahlen auf Instagram, Twitter oder auch YouTube von der Tagesschau ansieht, da können selbst wir nicht mithalten. Und es wäre auch traurig, wenn’s so wäre!

? Obwohl Mai Thi, MrWissen2go, Eva Schulz und viele andere mit funk über die Ausspielkanäle der öffentlich-rechtlichen Sender laufen. Allerdings ­bekommt funk im Vergleich zum großen Finanztopf, den die Öffentlich-Rechtlichen zu verteilen haben, ein Minimum an Finanzierung, obwohl sie vergleichsweise Millionen Menschen erreichen.

! Hans Jessen: Solange die Tagesschau jeden Abend von zehn Millionen Menschen gesehen wird – und andere Nachrichtensendungen kommen hinzu –, sind sie im täglichen Informationsangebot führend. Und das wird sicher noch ein paar Jahre so bleiben.

? Sie profitieren aber nur davon, weil der Altersdurchschnitt der Zuschauer ­relativ hoch ist.

! Hans Jessen: Natürlich sind das  Zuschauer, die lineares Fernsehen gewohnt sind, und natürlich ist die Frage: Was ist mit der Generation, die jetzt 40 Jahre und jünger ist? Die sind nicht sozialisiert worden mit linearem klassischen Fernsehen, sondern online. Diese Generation – und das weiß man inzwischen auch in den Chefetagen der Öffentlich-Rechtlichen – wird nie in einer Medienwelt zu Hause sein, wo die Glotze um 20 Uhr eingeschaltet wird. Das funktioniert nicht mal, wenn die Tagesschau online läuft. Online und Social Media müssen die Öffentlich-Rechtlichen in ihre Programmplanung aufnehmen – da ist funk heute so etwas wie eine Probebühne. In den mittleren Leitungsebenen und dort, wo Redaktionsverantwortung gefragt ist, arbeiten die Leute, die in fünf oder zehn Jahren Programmdirektoren oder Intendanten sein werden. Das sind zunehmend „Digital Natives“, die dann den Systemwandel verantworten.

Tilo Jung: funk wird heute unter Kolleg*innen häufig als Feigenblatt der Öffentlich-Rechtlichen gesehen, gerade weil funk so krass unterfinanziert ist. Das muss sich ändern. Und ich bin mir sicher, dass sich etwas ändern wird. Ganz ehrlich: Ich möchte aktuell nicht Intendant bei einer ARD-Anstalt sein. Der Großteil der Stammzuschauer ist über 60, fast schon 70 Jahre alt. Die musst du bedienen, und gleichzeitig musst du die Ressourcen so verteilen, dass die Programme zukunftsfähiger werden, dass neue Formate hinzukommen.

? 40 Millionen für funk und acht Milliarden für den „Rest“ ist allerdings eine ­extreme Schieflage.

! Tilo Jung: Stimmt. Das Problem ist bekannt, und ich weiß vom SWR, bei dem Kai Gniffke Intendant ist, dass dort künftig 50 Prozent des Geldes in Innovationen und Neuentwicklungen für junge Leute investiert werden soll. Das ist in Zeiten des Me­dienwandels ein Riesenfortschritt.

? Wäre gut, wenn andere Sender das ähnlich umsetzen würden.

! Hans Jessen: Ich habe eine öffentlich-rechtliche „Vergangenheit“ und kenne ein paar der maßgeblichen Akteure persönlich noch ganz gut. Die Verteilung der Mittel ist im Moment sehr unausgewogen, aber die Leute mit neuen Ideen haben den Fuß in der Tür. Vor allem in der Online-Welt entsteht ein großer Druck, auch die Finanzierung anders zu gewichten. Ein kleines Beispiel: Kontraste, das Politikmagazin vom rbb, war im Ranking und der Quote der Politikmagazine nicht immer Marktführer. Seit zwei Jahren hat die Redaktion einen relativ jungen Redaktionsleiter, der konsequent sagte: „Wir müssen online stärker präsent sein und uns besser verlinken.“ Inzwischen kann „Kontraste“ auch bei Jüngeren punkten. Tilo macht es mit seinen Formaten seit Jahren vor – er ist sozusagen die Avantgarde im Sinne des Wortes, eine Vorhut für das, was in den großen und trägeren Apparaten passieren muss. Er macht den Medien­wandel vor.

? In den sozialen Medien wie YouTube und Facebook tummeln sich aber auch Verschwörungstheoretiker, radikale politische Parteien und Nazis, und die erreichen auf diesem Weg Millionen Menschen, die sich möglicherweise radikalisieren. Ist es der Preis, den wir für die Meinungs- und Pressefreiheit zahlen, dass Radikale unter dem Deckmantel der Demokratie ihre teils menschenverachtenden Inhalten verbreiten können?

! Tilo Jung: Das ist die Konsequenz der sozialen Medien: Alle haben die gleichen Möglichkeiten – vom Tagesschau-Account bis zu Ken Jebsen. Je öfter jemand in seiner Timeline Verschwörungstheoretiker wie Attila Hildmann oder Ken Jebsen anklickt, desto öfter werden diese Accounts zum Beispiel bei Facebook angezeigt, weil sich der Algorithmus merkt, was den Einzelnen interessiert. Diese Entwicklung war absehbar. Und da wir es mit amerikanischen Konzernen zu tun haben, die die absolute Meinungsfreiheit hochhalten, tun die sich mit Einschränkungen in Deutschland entsprechend schwer. Es wäre aber die falsche Reaktion, diese Akteure, die aus ihrer Demokratiefeindlichkeit oft keinen Hehl machen oder die Demokratie falsch verstehen, einfach unter den Teppich zu kehren …

? Man muss es aushalten?

! Tilo Jung: … und man muss sich damit beschäftigen und dagegenhalten. Gleichzeitig können wir froh sein, dass bestimmte politische Strömungen jetzt sichtbar werden. Umfragen haben früher ergeben, dass 25 Prozent der Bevölkerung antisemitische und rassistische Einstellungen haben, was sich vor der AfD aber nie im Wahlverhalten oder in politischen Äußerungen in der Öffentlichkeit zeigte. Dank der sozialen Medien wird das sichtbar, und die, die das anders sehen, müssen dagegenhalten.

Hans Jessen: Hilfreich ist vielleicht auch ein Blick in die mediale Vergangenheit. Als der Buchdruck vor 500 Jahren erfunden wurde, hatten plötzlich alle Zugang zu einer Bibel – die auch noch auf Deutsch publiziert wurde.

Tilo Jung: Ist die Welt untergegangen?

Hans Jessen: Nein. Die Welt ist nicht untergegangen, sondern im Laufe der Jahrhunderte ist wunderbare Literatur entstanden, und alle Menschen konnten Bücher lesen. Was jetzt in den elektronischen Medien passiert, dass jeder, der bis vor 20 Jahren nur Empfänger von Medieninhalten war, plötzlich einen Sender gründen, ein Buch oder eine Zeitschrift verlegen kann, ist auch das Funktionsmuster von Social Media. Jeder kann selber produzieren und senden – das ist der Kerngedanke aller progressiven Medienträume und -theorien, von Bertolt Brecht bis Marshall McLuhan . Die haben immer gesagt: Ein Hauptproblem der Medienkonsumgesellschaft ist die Trennung in Produzenten und Konsumenten. Diese Trennung wurde technisch aufgehoben. Aber das heißt auch: Wer mit dem Medienwandel allen den Zugang ermöglicht, ermöglicht auch Verschwörungstheoretikern und Idioten den Zugang.

? Zurück zu Jung & Naiv. Das Format gibt es seit 2013, seit 2014 berichtet ihr aus der Bundespressekonferenz, und bis vor kurzem habt ihr den Podcast Aufwachen! produziert. Siehst du dich inzwischen als Medienunternehmer?

! Tilo Jung: Nein. Ich bin ein Politikjournalist, der verschiedene Formate anbietet. Die meiste Zeit widmen wir den Interviews und den Regierungspressekonferenzen. Aber Medienunternehmer – nein, wir sind ja hier nicht kapitalistisch und wollen es auch nicht sein. Wir sind nicht profitorientiert aufgestellt.

? Trotzdem habt ihr euch im Team zusammengeschlossen und ein Unternehmen gestartet.

! Tilo Jung: Ich sehe es eher so, dass wir mediale Handwerker mit eigener Werkstatt sind. Oder wollen wir die FAZ übernehmen?

Hans Jessen: Wenn sie günstig zu haben ist, warum nicht?

Tilo Jung: Also diese Einschränkung würde ich machen: Wenn die FAZ zum Verkauf stünde …

? Als du in der Bundespressekonferenz gestartet bist, gab es eine sichtbare Diskrepanz zwischen den sogenannten Qualitätsmedien und dir. Es gab „Edelfedern“, die haben dich als respektlos, penetrant, hartnäckig und unverschämt bezeichnet.

! Tilo Jung: Das sind alles tolle Komplimente, und sie treffen zu.

? Hat sich das inzwischen geändert?

! Tilo Jung: Ich bin mir sicher, dass sich das bei einigen geändert hat, aber ich weiß auch, dass neue Kritiker hinzugekommen sind. Grundsätzlich haben aber viele verstanden, dass wir im Hauptstadtbetrieb gar nicht so zerstörerisch sind, sondern neue Gedanken einbringen und Themen setzen, die eher nützlich sind.

? Soll das heißen, dass inzwischen auch die Qualitätsmedien respektlose oder kritische Fragen stellen?

! Tilo Jung: Selten. Die meisten aus den alten Medien machen weiter wie bisher. Wie sagt man noch mal? Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr …

Hans Jessen: Ich nehme es so wahr, dass Tilo für einige etablierte Medien eine Lernprovokation ist. Manchmal kommt bei der dritten Nachfrage ein überraschend deutlicher O-Ton von der Regierungsbank, und der taucht dann in den Nachrichtensendungen auf. Das ist das Resultat einer nicht zu höflichen, sondern beharrlich-provozierenden Fragestellung. Diese – ich nenne sie mal „Lerneffekte“ – sind zwar keine Revolution, aber vielleicht schon eine kleine Reform in der Bundespressekonferenz.

? Wie kommst du inzwischen mit Regierungssprecher Seibert klar?

! Tilo Jung: Unverändert.

Hans Jessen: Ich denke, es ist eine Mischung zwischen „Pain in the Ass“ und Anerkennung. Seibert ist gelernter Journalist, und er kennt die journalistischen Kriterien noch.

? Und das merkt man woran?

! Hans Jessen: An seinen Antworten. Es gibt immer wieder Situationen, wo er so tut, als sei ihm Tilo Jung mit dem nackten Hintern ins Gesicht gesprungen und verdiene dafür nur tiefste Verachtung. Es gibt aber auch Situationen, in denen Seibert merkt: Hier hat Tilo einen richtigen, auch für ihn relevanten Punkt erkannt. Und dann gibt er, bei allem Überdruss und Ärger über Tilo Jung, doch eine inhaltliche Antwort. Das Verhältnis zwischen Jung und Seibert könnte man als ein Verhältnis von Oberströmung und verschiedenen Unterströmungen bezeichnen.

Tilo Jung: Ich freue mich jedenfalls auf das letzte Jahr mit Seibert (A.d.R. Nach der Bundestagswahl 2021 wird es mit einem neuen Kanzler einen neuen Regierungssprecher geben).

? Das Konzept von Jung & Naiv – also Politiker, Wissenschaftler oder Umweltschützer, die relevant für bestimmte Themen sind, zu interviewen, ist seit fast acht Jahren sehr erfolgreich. Wie viele Interviews hast du seit 2013 geführt?

! Tilo Jung: 480 Folgen, und wenn ich den Podcast mitzähle, müssten es etwa 600 sein.

? Hat sich das Konzept, naive Fragen zu stellen, verändert – sind deine Fragen noch naiv?

! Tilo Jung: Ja. Aber etwas anders naiv.

? Wie?

! Tilo Jung: Früher war es naiv, wirklich beim Urschleim anzusetzen und sich jedes Fremdwort und jeden Satz erklären zu lassen. Das hat sich natürlich weiterentwickelt. Heute lasse ich die Gäste erst mal über ihre Biografie sprechen und stelle meine politischen, grundsätzlichen Fragen im Anschluss. Das hat den Vorteil, dass sich dann keiner mehr eine andere Legende „zurechtlegen“ kann, denn keiner lügt über seine eigene Biografie – außer vielleicht Andreas Kalbitz. So entsteht zunächst eine Wohlfühlatmosphäre für den Interviewten, und das Gespräch wird unverkrampfter.

? Ist es immer noch so, dass du alle deine Interviewpartner duzt, und sind alle damit einverstanden?

! Tilo Jung: Ja, absolut! Jeder Gast muss sich an die Regeln halten.

? Ist sich jeder wirklich darüber im Klaren, dass alles tatsächlich eins zu eins gesendet wird? Oder dürfen sie das Interview vorher „autorisieren“ nach dem Motto: Sagen Sie einfach, was Ihnen nicht gefällt?

! Tilo Jung: Das Prinzip ist: Wir schneiden nichts raus. Das gab es von Anfang an, und daran haben und werden wir nichts ändern. Es ist ein deutsches Phänomen, dass Interviews redigiert und autorisiert werden. Während meiner Highschool-Zeit in Amerika hatte ich auch Journalismus im Lehrstoff. Ich habe meine Lehrerin irgendwann mal gefragt „Ist das in Amerika auch so, dass Interviews autorisiert werden?“ Sie meinte: „No. It’s a German thing.“

? Seit unserem letzten Interview bist auch du fünf Jahre älter geworden, und natürlich sind auch deine User älter geworden. Kennst du deren Altersdurchschnitt heute?

! Tilo Jung: YouTube sagt uns, unsere Hauptzielgruppe sind 25- bis 35-Jährige bzw. 18- bis 35-Jährige. Ich bin jetzt 35 und kann das nur anhand der Kommentare und der Leute einschätzen, die zu unseren Liveveranstaltungen kommen. Es gibt immer noch Leute, die von Anfang an dabei sind, aber es kommen immer wieder neue dazu, und es springen auch User ab.

? Wie viele Klicks generierst du mit den YouTube-Videos pro Monat?

! Tilo Jung: Das schwankt von Interviewgast und Themengebiet zwischen drei und vier Millionen Views pro Monat. Aber das ist uns egal. Wir machen politische Berichterstattung nicht wegen der Views. Wenn es unsere Priorität wäre, damit auf YouTube Geld zu verdienen, würde ich meine Gästeauswahl für die Interviews und meine Fragen in der Bundespressekonferenz ganz anders gewichten. Ich verstehe Journalismus aber nicht so, dass man den Leuten gibt, was sie hören und sehen wollen, sondern ich biete an, was sie lesen oder hören sollten. Das sind manchmal ganz unbeliebte Themen, die kaum jemanden interessieren, aber ich mache sie trotzdem, weil ich überzeugt bin, dass es die Menschen interessieren sollte.

? Du verfolgst als Journalist eine klare politische Agenda?

! Tilo Jung: Nein, ich habe eine klare politische Haltung zum Beispiel in Sachen Wirtschaftssystem oder dem Klimawandel. Gerade als junger Mensch, der auf dieser Welt noch 50 Jahre leben wird und hofft, dass seine Kinder und Kindeskinder noch ein angenehmes Leben haben werden, formuliere ich meine Fragen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und konfrontiere Interviewpartner dann mit der wissenschaftlichen Realität.

? Bist du im Netz auch Hass und Hetze ausgesetzt?

! Tilo Jung: Na klar. Von den Schwurblern des rechten Randes immer wieder. Irgendwann gewöhnt man sich daran und lässt sich ein dickes Fell wachsen. Was die von rechts außen kommentieren, ist mir mittlerweile völlig egal.

? Vor fünf Jahren hast du die Frage, wen du gerne mal interviewen möchtest, beantwortet mit: Merkel, Obama, Putin – und zwar alle drei zusammen. Mit keinem der drei hat es geklappt. Welche Personen sind jetzt auf deiner Wunschliste?

! Tilo Jung: Immer noch dieselben und immer noch zusammen.

? Könnt ihr von eurer Arbeit immer noch gut leben? Gibt es noch ausreichend Unterstützer?

! Tilo Jung: Ja. Wir werden weiterhin durch unsere Zuschauer und Zuschauerinnen finanziert und müssen nicht auf die Klicks schauen – das sichert uns die Unabhängigkeit, die wir brauchen. Ich persönlich bin lieber von 1 000 anonymen Unterstützern „abhängig“ als von einem Milliardär.

Das Interview führte 
Bettina Schellong-Lammel

 

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