Seine Undercover-Recherchen sind legendär – und sein Markenzeichen. Seit sechs Jahrzehnten deckt Günter Wallraff gesellschaftliche Missstände und Skandale auf. Auch mit 83 Jahren ist er noch mit großer Energie unterwegs, um Ausbeutung, Niedriglöhne und skandalöse Arbeitsbedingungen in Unternehmen aufzudecken und öffentlich zu machen.
Einer seiner größten Erfolge: Vor 40 Jahren erschien „Ganz unten“, in dem er die katastrophalen Arbeitsbedingungen türkischer Leiharbeiter bei Thyssen beschreibt, denn er arbeitete zwei Jahre verdeckt im Konzern als Türke Ali. Das Buch wurde mit mehr als fünf Millionen Exemplaren zum meistverkauften Buch in Deutschland und in fast 40 Sprachen übersetzt. Für Generationen von Journalistinnen und Journalisten ist Wallraff nicht nur in Deutschland ein Vorbild. Schon vor 38 Jahren setzte Schweden dem Undercover-Reporter ein sprachliches Denkmal: In dem skandinavischen Land spricht man bei investigativen Recherchen von „wallraffa“ (wallraffen).
In den vergangenen 20 Jahren führten wir sieben Interviews mit dem Vollblutjournalisten und trafen ihn im November 2025 für unsere 100. Ausgabe zum Gespräch. Denn wer wäre für unser Titelthema „Ist die vierte Gewalt am Ende?“ besser geeignet als Günter Wallraff, der immer wieder beweist, dass der Journalismus (noch) lebt?
? Herr Wallraff, vor 40 Jahren haben Sie mit „Ganz unten“ ein Buch veröffentlicht, das die Republik erschütterte. Es deckte Missstände auf, die viele lieber verdrängt hätten. Wie viele dieser Probleme – Ausbeutung, Diskriminierung, prekäre Arbeit – bestehen Ihrer Meinung nach heute noch?
! Für „Ganz unten“, das 1985 erschien, war ich zweieinhalb Jahre in der Rolle des türkischen Arbeiters Ali unterwegs. Bevor ich bei Thyssen undercover in den Giftstäuben arbeitete, lief ich einen Marathon in zwei Stunden fünfzig Minuten. Danach war ich froh, noch eine halbe Stunde am Stück laufen zu können. Von den Kollegen, die diesen Arbeitsbedingungen über Jahre ausgesetzt waren, sind inzwischen die meisten verstorben, sie wurden höchstens sechzig Jahre alt.
Als Reaktion auf das Buch gab es aufseiten der Bevölkerung großes Entsetzen über die Ausbeutung und die Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern im Thyssen-Konzern und eine überwältigende Solidarisierung. Auf der anderen Seite standen die Konzerne, die diese dokumentierten Zustände bestritten und versuchten, mit zahlreichen Prozessen den Vertrieb des Buches zu verhindern – vergeblich. Vom Arbeits- und Sozialminister (SPD) wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, intern die „Ali-Gruppe“ genannt, ein mobiles Einsatzkommando, das die Konzerne fortan kontrollierte und haftbar machte.
Ein Leben für die Wahrheit und Stimme der Ausgebeuteten
? Was genau hieß das?
! Dadurch konnte das Leiharbeits-Unwesen eingedämmt werden: Konzerne, die Leiharbeiter beschäftigen, waren seitdem für deren Sicherheit und Gesundheit verantwortlich. Leiharbeiter mussten zuvor die schlimmsten Arbeiten ohne Staubmasken und Schutzhelme zu Billigstlöhnen verrichten. An allem wurde gespart. Es war ein Verschleiß von Menschen, die Doppelschichten schufteten und jederzeit abrufbar und verfügbar sein mussten.
Firmen, in denen diese menschenunwürdigen Ausbeutungspraktiken vorherrschten, konnten sich fortan nicht mehr aus der Verantwortung stehlen und sich herausreden, dass die Leiharbeitsfirmen – oder korrekter Menschenhändler – für die Zustände verantwortlich wären. Den Arbeitern wurden nun endlich Staubmasken und Schutzhelme zur Verfügung gestellt, Festanstellungen wurden durchgesetzt, und Dutzende Sicherheitsingenieure mussten eingestellt werden.
Zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung wählten die Leser der WAZ, damals die größte Zeitung in NRW, Ali zum Mann des Jahres 1985 – noch vor Michail Gorbatschow. Mir wäre es allerdings lieber gewesen, Gorbatschow hätte die Auszeichnung erhalten. Ich habe ihn und sein Handeln sehr geschätzt, weil er versuchte, das Blockdenken zu überwinden.
„Ganz unten“ damals – und heute
? Um noch einmal zur Einstiegsfrage zurückzukommen: Wie viel von diesen Problemen – Ausbeutung, Diskriminierung, prekäre Arbeit –, die Sie vor 40 Jahren erlebt haben, gibt es Ihrer Meinung nach heute noch?
! Es hat sich verlagert und ist stellenweise sogar schlimmer geworden als zu der Zeit, als ich als Ali gearbeitet habe.
? Schlimmer als vor 40 Jahren?
! Es kommt immer wieder zu Todesfällen unter Fremdarbeitern. Zum Beispiel der bis heute nicht aufgeklärte Tod des 26-jährigen Leiharbeiters Refat Süleyman, dessen Leiche auf dem Gelände des Stahlwerks von Thyssenkrupp im Schlamm eines Schlacke-Beckens gefunden wurde.
Arbeiter aus Osteuropa, aus Rumänien, Bulgarien, aber auch aus Syrien oder Afrika kommen als Arbeitsmigranten nach Deutschland und müssen hier unter prekären Bedingungen arbeiten. Etwa Paketfahrer großer Konzerne, die über Subunternehmen 12 bis 14 Stunden Pakete ausliefern müssen. Oder zum Beispiel Arbeiter in den Fleischfabriken oder Erntehelfer in der Landwirtschaft. Fast ausschließlich sind es Migranten, die unter üblen Bedingungen im Akkord schuften und dann noch in unwürdigen Unterkünften hausen müssen. Auch bei Versandhändlern, hier insbesondere Amazon, in der Gebäudereinigungsbranche oder in der Systemgastronomie gibt es immensen Arbeitsdruck und Ausbeutung – wie zum Beispiel bei Burger King.
Vor zehn Jahren haben wir mit „Team Wallraff“ bei Burger King ekelerregende hygienische Zustände und elende Arbeitsbedingungen aufgedeckt. Die Verantwortlichen gelobten Besserung und baten sogar öffentlich um Entschuldigung. Burger King trennte sich von dem schlimmsten Franchisenehmer und beendete die Zusammenarbeit mit dem berüchtigten Arbeitgeber-Rechtsanwalt (besser Unrechtsanwalt) Naujoks. Mich erreichen immer wieder Insiderinformationen über unhaltbare Zustände und miserable Arbeitsbedingungen, zum Beispiel bei Amazon, GLS, Hermes oder Ryanair, sodass wir dort wiederholt undercover recherchiert haben.
Arbeitsunrecht, gerade im Niedriglohnbereich, in dem eine systematische Entrechtung stattfindet, wird von den Medien nur punktuell aufgegriffen, und auch die Politik interessiert sich nicht wirklich für diese Menschen. In Deutschland entwickelt sich die Klassengesellschaft zunehmend fast zu einer Kastengesellschaft, in der Zugänge zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe immer stärker von sozialer Herkunft bestimmt sind. Ein Satz aus der Frühzeit des Kapitalismus ist inzwischen wieder hochaktuell: „Weil du arm bist, musst du früher sterben!“ Laut Statistik liegt die Lebenserwartung in der unteren Einkommensgruppe etwa zehn Jahre unter denen mit hohem Einkommen. Zudem verrotten alte Menschen insbesondere in profitorientierten privaten Pflegeheimen, sie haben so gut wie keine Lobby.
Ein System auf Kosten der Schwächsten
? Sie haben in den vergangen 60 Jahren in vielen Undercover-Rollen gearbeitet, um Missstände aufzudecken. Wie viele Rollen waren es, und welche war die schwerste Rolle, neben Ali?
! Ich habe die Rollen nicht gezählt. Eine meiner ersten Industriereportagen war „Am Fließband“ bei Ford – dort hatte mein Vater in der Lackhölle seine Gesundheit ruiniert, weil es damals dort so gut wie keinen Gesundheitsschutz gab. Meine größte Schmutzrolle war aber die des Redakteurs bei der Bild-Zeitung, wo ich die systematischen Fälschungspraktiken und Rufmordkampagnen des Hauses erlebte und dokumentierte. Etwa das sogenannte Witwenschütteln, mit dem Bild-Reporter Hinterbliebenen eines Mordopfers private Fotos abnötigten, indem sie wahrheitswidrig behaupteten: „Wir haben auch Fotos Ihres Kindes (oder Mannes) aus dem Leichenschauhaus, und das sieht dann gar nicht so gut aus.“ In solchen Fällen suchte ich Hinterbliebene heimlich auf und klärte sie auf, keinesfalls private Fotos herauszugeben.[1]
? In Zeiten von Leiharbeit, Niedriglohn und Plattformökonomie – wie sähe „Ganz unten“ aus, würden Sie es heute schreiben?
! Ich würde Rollen annehmen, in denen Arbeiter ausgebeutet oder wie Untermenschen behandelt werden. Rollen von Flüchtlingen und Arbeitsmigranten, die ganz aktuell (und nicht nur von der AfD) nicht mehr als Menschen in Not wahrgenommen, sondern als Schmarotzer und Bedrohung dämonisiert werden.
Ich plante bereits in den 1990er-Jahren, in der Rolle eines Schwarzen einen Bootsflüchtling aus Westafrika auf seiner Atlantik-Überfahrt auf die Kanarischen Inseln zu begleiten, um mich den Gefahren auszusetzen, die die Menschen auf sich nehmen, um Krieg und Armut zu entkommen.
? Warum ist aus diesem Plan nichts geworden?
! Die Kontaktleute in Westafrika, die die Recherche mit mir vorbereiteten, waren plötzlich nicht mehr erreichbar. Ich hätte in meiner Rolle nie einen Schlepper gefunden, den ich hätte einweihen können. Viele von den Menschen, die es in seeuntauglichen Booten versuchen, kommen nicht an. Kurz danach hatten meine Frau und ich ein schicksalhaftes Erlebnis. Auf Lanzarote sprach uns ein 17-jähriger Bootsflüchtling von der Elfenbeinküste an. Wir nahmen ihn bei uns auf, und er gehörte zur Familie. Später wurde ich dann sein Trauzeuge.
Der investigative Reporter als Schutzschild der Demokratie
? Vor einigen Jahren haben Sie in der Rolle eines Obdachlosen einige Zeit auf der Straße gelebt. Wie fühlt man sich als Mensch ohne Dach über dem Kopf in einem der reichsten Länder der Welt? Und welches Medienecho hatte diese Reportage?
! Anfang der 1960er-Jahre trampte ich monatelang durch Obdachlosenasyle Skandinaviens. Das waren existenzielle Erfahrungen, sie schärften meinen Blick für die Verhältnisse „ganz unten“ in der Gesellschaft. Für meine Reportage „Unter Null“ lebte ich 2008 als Obdachloser in der kältesten Jahreszeit in Asylen und einige Nächte, bei minus 15 Grad bin ich fast erfroren, auf der Straße. Angefangen habe ich Heiligabend in Köln, danach Silvester in Frankfurt. Die allerschlimmsten Erfahrungen habe ich in Hannover in einem Bunker aus dem letzten Krieg gemacht: Total verdreckt, Ungeziefer, keine Türen vor den Toiletten, und nachts wurden wir dort eingeschlossen. Viele der Bewohner standen unter Drogen. Man wurde bedroht und lebte in ständiger Angst.
? Gab es Berichterstattung in den Medien zu Ihrem Selbstversuch als Obdachloser?
! Die Reportage wurde in der Zeit abgedruckt und im ZDF gesendet. Auch wegen des Drucks durch die Berichterstattung wurde der Bunker dann geschlossen und eine menschenwürdigere Einrichtung geschaffen. Dort kümmert sich seitdem das Johanniter-Hilfswerk um die Obdachlosen. Veröffentlichungen können also durchaus positive Veränderungen bewirken!
? Für viele junge Journalisten sind Sie ein Vorbild. Welche Haltung und welcher Mut sind heute wichtig, um gesellschaftliche Missstände aufzudecken?
! Da wir in einer ziemlich individualisierten, teilweise zersplitterten Gesellschaft leben, wäre es erst einmal wichtig, wenn junge Menschen quer durch alle Schichten wieder ein gesellschaftliches Pflichtjahr leisten müssten. Das würde die bestehende Klassen- oder fast schon Kastengesellschaft in Deutschland wohl etwas aufmischen. Privilegien, etwa durch das Elternhaus und Studium, könnte man so erstmal hinter sich lassen und sich der Realität unvoreingenommen aussetzen, zum Beispiel in Fabriken, im Pflegebereich, in Kindergärten oder in Behinderteneinrichtungen. Wer sich jenseits des Verlautbarungsjournalismus engagieren will, sollte auch mit Herausforderungen der sozialen Arbeit vertraut sein. Denn es braucht nicht nur Mut und Durchhaltevermögen, sondern auch Sensibilität und Empathie, um sich ganz auf die Sache einzulassen und Menschen in ihren Nöten richtig wahrzunehmen. Wenn junge Journalisten diese Seiten des Lebens kennenlernen, können sie anschließend einfühlsamer und glaubhafter recherchieren und aufklären – denn Öffentlichkeit ist der Sauerstoff unserer Demokratie.
? Sie unterstützen junge Journalisten und stärken so die vierte Gewalt …
! … meine Stiftung unterstützt seit Jahrzehnten junge Journalisten, die investigativ arbeiten wollen, mit Stipendien. Wer bereit ist, über mehrere Monate eine neue Identität oder Rolle anzunehmen, um so gravierende Missstände offenzulegen, kann sich bei mir melden.
Die vierte Gewalt im Stresstest
? Sie hinterfragen seit über sechs Jahrzehnten Machtstrukturen und Missstände. Wenn Sie auf die aktuelle politische Lage in Deutschland und Europa blicken – welche Rolle spielt die vierte Gewalt heute noch als Kontrollinstanz?
! Wir können von Glück reden, dass wir (wie lange noch?!) in einer Demokratie leben. Aber wir schlittern in ein Zeitalter, in dem allein das Recht des Stärkeren gelten soll und gnadenlos durchgesetzt wird. Auf der einen Seite Donald Trump, auf der anderen Seite Wladimir Putin und in dessen Rücken Xi Jinping. Hierzulande macht die rechtsradikale AfD den Rassismus wieder gesellschaftsfähig, selbst bei jüngeren Generationen, und träumt von großer Führungsmacht.
Unabhängiger Journalismus ist Aufklärung, Offenlegen und Sichtbarmachen dieser Strukturen. Ein Journalist, der den Aufklärungswillen nicht auch als inneren Antrieb empfindet, dem fehlt etwas. Ich habe mehrere Tageszeitungen und Wochenzeitschriften abonniert und finde Tag für Tag herausragend recherchierte und geschriebene Texte. Aber diese Vielfalt und auch die Qualität sind durch den Auflagenschwund und den rückläufigen Anzeigenmarkt stark gefährdet. Selbst die anspruchsvollen Medien neigen dazu, den Topmeldungen der Agenturen und den Mainstream-News hinterherzuhecheln. Für kurze Zeit beherrscht dann nur noch ein Thema den öffentlichen Diskurs, das ebenso plötzlich wieder in der Versenkung verschwindet, und zwar ohne dass es genügend analysiert oder gar durchschaut worden wäre. Die vierte Gewalt darf sich nicht von Populismus, Lobbyismus oder von der Politik instrumentalisieren lassen.
? Das wäre eigentlich der perfekte Schlusssatz, aber ich habe noch eine persönliche Frage: Wären Sie heute – mit 83 Jahren – noch einmal bereit, undercover zu gehen?
! Könnte ich? Sollte ich? Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, müsste ich! Altersmäßig wäre ich für die Rolle in einem der katastrophalen Pflegeheime geradezu prädestiniert, solange ich noch im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte bin, denn das sind oft bloße „Verwahrlosungsanstalten“[2]. Es könnte meine ultimative Rolle werden.
[1]
Siehe „Der Aufmacher“ von 1977, „Zeugen der Anklage“ von 1979 und „Bild-Störung“ von 1981
[2]
Siehe Alloheim-Reportage vom 16.10.2025 („Team Wallraff“)
Bettina Schellong-Lammel
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