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Heft 1-2021 | FEINDBILD JOURNALIST
Wie die Politik die Mieter verkauft
Montage / Oliver Reblin
Aktuell

Wie die Politik die Mieter verkauft 

Obwohl in Deutschland gebaut wird ohne Ende, die Handwerker mit ihrer Arbeit nicht nachkommen und selbst das Material ausgeht, fehlt überall Wohnraum. Vor allem bezahlbare vier Wände sind begehrt. Luxus ist zu haben, die Sozialwohnung hingegen ist seit Jahrzehnten ein Auslaufmodell. Grund: Der Staat hat sich zurückgezogen und der Immobilienwirtschaft den Markt überlassen. Mit fatalen Folgen.

Wer beruflich in eine Metropolregion ziehen muss, hat in Deutschland ein handfestes Problem: Es ist keine bezahlbare Wohnung zu bekommen. Egal, ob direkt in der Großstadt oder im näheren Umland, die Preisspirale kennt seit Jahren nur eine Richtung – nach oben. Beispiel München: Lag der durchschnittliche Miet-Quadratmeterpreis einer Neubauwohnung 2019 für die Stadt München noch bei 16,66 Euro liegt er 2021 bei 17,18 Euro. Im Landkreis München werden im Durchschnitt 14,78 Euro aufgerufen. Theoretische Zahlen, denn in der Praxis findet man genau: gar nichts! Außer natürlich, man ist bereit und in der Lage, noch über dem Durchschnittspreis zu bezahlen.

Erst im August 2021 berichtete die Süddeutsche Zeitung über den Mietwucher einer Münchner Unternehmerfamilie, die in durchschnittlichen Lagen mehr als 25 Euro pro Quadratmeter verlangte und auch bekam. Einem Studenten soll ein 34-Quadratmeter-Apartment für 950 Euro angeboten worden sein, das sind sage und schreibe 27,94 Euro pro Quadratmeter.

Untere Einkommensschichten und die Mittelschicht können sich dort in seltener Eintracht die Hände reichen – es gibt für sie keine bezahlbaren Wohnungen. Eigentum ist ebenfalls keine Lösung, auch in diesem Segment wird es in der bayerischen Landeshauptstadt kostspielig – 8.822 Euro werden in München pro Quadratmeter aufgerufen. Somit schlägt eine 60-Quadratmeter-Wohnung mit mehr als 500.000 Euro zu Buche.

Reihenhäuser im Umland sind kaum noch für unter einer Million Euro zu haben. Woran liegt das? Warum sind die Mieten und Immobilienpreise nicht nur in München, sondern in allen Großstädten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt oder Stuttgart so hoch? Weil so wenig gebaut wird? Gesagt wird das oft, aber stimmt das? War da nicht etwas mit Immobilienboom? Eben. Den Handwerkern gehen sogar schon die Materialien aus, weil weltweit wie verrückt gebaut wird. Der Wohnungsbau in Deutschland ist im Corona-Jahr 2020 so stark gewachsen wie seit 2001 nicht mehr. 306 376 Einheiten wurden im vergangenen Jahr fertiggestellt, wie das Statistische Bundesamt im Mai 2021 mitteilte. Leider reicht das aber nicht, denn selbst die Zielvorgabe der Bundesregierung wird nicht erreicht: 375 000 Wohnungen sollten es pro Jahr werden. 1,5 Millionen Einheiten hatte man sich für die laufende Legislaturperiode vorgenommen – Ziel verfehlt, denn bis Ende 2021 werden es maximal 1,2 Millionen Wohnungen. Es fehlt somit der Bestand eines ganzen Jahres.

Wie viele von diesen Einheiten für Otto Normalverbraucher überhaupt bezahlbar sind, steht zudem auf einem ganz anderen Blatt. Die nächste Regierung darf es richten. Der Chef der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), Robert Feiger, fordert gar einen „Masterplan Sozialer Wohnungsbau“.

In einer Presseerklärung stellt er fest: „Die Situation auf dem Wohnungsmarkt hat sich für Mieterinnen und Mieter weiter verschlechtert. Für einen Großteil der Menschen, die eine Wohnung suchen, ist es schlichtweg verheerend.“  In Zahlen hat es die Hans-Böckler-Stiftung ausgedrückt: 4,1 Millionen Haushalte in Deutschlands Großstädten müssen mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Miete inklusive Nebenkosten und Heizung ausgeben. Betroffen sind 49 Prozent aller großstädtischen Haushalte mit etwa 6,5 Millionen Menschen. Dabei sind eventuelle Sozialtransfers und Wohngeld bereits berücksichtigt.

Seit 2007 hat sich der Anteil an Sozialwohnungen fast halbiert. Die Gründe dafür liegen in der Politik, die den Wohnungsbau in die Hände der Immobilienwirtschaft gelegt hat. Doch die hat wenig Anreize, in günstige Vier Wände zu investieren, denn dieser Markt wird als unattraktiv wahrgenommen. Lieber investiert man in den Bau von Eigentumswohnungen, die schnell zu gutem Geld gemacht werden können. Wer es sich leisten kann, greift zu, denn auf der Bank gibt es kaum Zinsen, und geliehenes Geld kostet fast nichts. Kurz: Es wird in das sogenannte Betongold investiert. Interessant ist daran, dass dafür ausgerechnet ein ehemaliger Immobilienboom verantwortlich ist. Bis 2007 konnte sich in den USA wundersamerweise jeder ein Eigenheim leisten, es wurde auf Teufel komm raus finanziert. Die damit verbundenen Risiken schmuggelte man in den Kreislauf der internationalen Finanzwirtschaft. Das Ergebnis ist bekannt, als 2008 der Lehman-Brothers-Bank die faulen Kredite um die Ohren flogen und in deren Folge nicht nur diese die Grätsche machte. Kurz darauf löste dies eine weltweite Finanzkrise aus, und die Zinsen sind bis heute auf dem Nullpunkt angelangt.

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