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Pri-or PhotoHouse in Tel Aviv
Foto © Bernd Lammel
Ausland

Pri-or PhotoHouse in Tel Aviv 

Touristen, die durch die Tchernichovski Street nahe des Camel Marktes und der berühmten Allenby Street in Tel Aviv bummeln, in Straßencafés einkehren oder in orientalischen Lädchen nach einem Souvenier suchen, kommen irgendwann am Pri-or PhotoHouse vorbei, ohne zu ahnen, welcher kulturhistorische Schatz sich hinter den Schaufenstern befindet. 

Bei Fotografen und Kennern historischer Fotos ist das Pri-or PhotoHouse in der Tchernichovski Street Nr. 5 allerdings weit über die Grenzen Israels bekannt. Die legendäre Institution der Fotografie liegt nahe der historischen Altstadt von Yaffa, unweit vom Mittelmeerstrand Tel Avivs. Rudi Weissenstein (1910-1992), ein aus Nordböhmen eingewanderter Fotograf, hat sie 1936 gegründet. Mit über einer Million Negativen hat Weissenstein das größte private Bildarchiv Israels geschaffen. Damit wurde er zu einem der bedeutendsten Chronisten seines Landes. Sein Enkel Ben Peter (siehe Foto oben) führt das Fotogeschäft heute in dritter Generation und bewahrt das Erbe seines Großvaters, der Israel ausschließlich schwarz-weiß fotografierte, mit Herzblut und Hingabe.

Rudi Weissenstein kam 1936 als Einwanderer nach Palästina

Als Shimon Rudolph „Rudi“ Weissenstein 1936 von Europa als Einwanderer nach Palästina kam, hatte er einen Presseausweis, eine Kamera und ein paar Münzen in der Tasche. Er hatte aber auch jede Menge Enthusiasmus und Engagement. Vom ersten Tag an hielt er in Israel mit einer Rolleiflex, später mit einer Leica, das alltägliche Leben in Bildern fest. In einem Interview sagt er einmal: “Mein Bilderarchiv wuchs täglich, denn ich fotografierte jeden Tag und zwar alles und jeden, der mir vor die Linse kam“. Die im Laufe von Jahrzehnten entstandenen Schwarz-Weiß-Fotos bestechen durch Detailreichtum, vor allem aber sind sie unwiederbringliche und einzigartige Zeitdokumente. 

Rudi Weissenstein war im Jahr der Staatsgründung Israels 38 Jahre alt. Der Chronist wurde durch seine Fotos von der Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948 weltberühmt, denn er war der einzige zugelassene Fotograf bei der Ansprache von Ben Gurion. 

Weil seine Fotos so einzigartig sind, wurden sie oft mit den Aufnahmen des berühmten Magnum-Fotografen Henri Cartier Bresson verglichen. Dessen 1952 aufgestellte Theorie der Fotografie – des „entscheidenden Augenblicks“ – trifft auch auf Weissensteins Bilder zu. Der Vergleich seiner Fotos mit denen von Bresson weckte auch das Interesse des französischen Impressionisten Mark Chagall. Er wollte sich von „der einzigartigen Normalität des Fotokünstlers“ überzeugen. Chagall reiste deshalb 1951 zur Ausstellungseröffnung von Weissensteins Fotos über die Staatsgründung Israels nach Tel Aviv.

  • Foto © Bernd Lammel - Telef.: +49 (172) 311 4885 - DEU /

Alle Fotos © Bernd Lammel

Exklusive Fotos entstanden zwischen den 1930er- und 1970er-Jahren

Im Laufe von 65 Jahren – bis zu seinem Tod im Jahr 1992 – hat Rudi Weissensteins Fotoarchiv eine enorme Fülle an unterschiedlichen Motiven von Persönlichkeiten und Ereignissen erreicht. Die meisten seiner Aufnahmen sind exklusiv und einzigartig und entstanden zwischen den 1930er- und 1970er-Jahren. Sie zeigen die Ankunft jüdischer Einwanderer im gelobten Land, den Aufbau von Kibbuzim oder Fischer mit ihren Boten am Mittelmeer. Er hielt Wüstenlandschaften oder die berühmte Bauhausarchitektur von Tel Aviv ebenso im Bild fest wie den Tag, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Seine Fotos zeigen Demonstrationen zum 1. Mai, Wäscherinnen und Familien mit Kindern, Beduinen, Militär-Paraden und Szenen aus dem Alltag der Menschen von Israel. Im Zentrum seines fotografischen Schaffens stand aber immer „sein Tel Aviv“, die erste israelische Stadt, die ihm besonders am Herzen lag

Rudi Weissenstein fotografierte mehr als vierzig Jahre das „Israel Philharmonic Orchestra“. Er porträtierte den Staatsgründer Ben Gurion, die Ministerpräsidentin Israels, Golda Meir, den General und Politiker Ariel Sharon und war als Berichterstatter für die Vereinten Nationen tätig.

Tänzerin Miriam ist Markenzeichen des Pri-or PhotoHouse

Eine ganz besonderes oder sogar die größte Leidenschaft entwickelte Rudi Weissenstein aber immer dann, wenn er seine Frau Miriam fotografierte. Sie war eine wundervolle grazile Tänzerin mit dunklen Locken und einem charismatisch offenen Gesicht. Das berühmteste Foto von ihr ist heute Markenzeichen des Pri-or PhotoHouse. Es zeigt Miriam als 27-Jährige bei einem kraftvollen Sprung in die Luft. Das Foto ist Zeugnis einer enormen Körperbeherrschung der Tänzerin und des fotografischen Könnens des Fotografen, den Auslöser exakt im richtigen Moment zu drücken. 

Als Rudi Weissenstein 1992 starb, hinterließ er den historischen Fotoschatz seiner Frau Miriam, die dieses Erbe gemeinsam mit ihrem Enkel Ben Peter akribisch und mit großer Hingabe verwaltete. Miriam hatte immer Sorge, dass ihr Tel Aviv, das auf den alten Schwarz-Weiß-Fotos von Rudi Weissenstein in großer Vielfalt, vor allem aber authentisch zu sehen ist, allmählich verschwindet.  

Diese Sorge war nicht  unbegründet, denn das Pri-or PhotoHouse (hebräisch: «Zalmania») der Weissensteins mit dem berühmten Schaufenster in der Allenby Street, musste 2011 einem Neubau weichen und in die Tchernichovski Street Nr. 5 umziehen.

Kurz zuvor setzte die Regisseurin Tamar Tal der damals 96-jährigen Miriam Weissenstein, dem fotografischen Lebenswerk ihres Mannes und ihrem Enkel Ben ein filmisches Denkmal. Sensibel beschreibt sie in der Dokumentation die Umbrüche der Jahrzehnte, die Konflikte der Generationen und den Kampf um das Weiterbestehen des einmaligen historischen Erbes von Rudi Weissenstein. 

Bettina Schellong-Lammel

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