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Heft 33 Interviews Medien Politik

“Das Überlegenheitsgefühl des Westens”

Das Überlegenheitsgefühl des Westens

Der deutsch-syrische Journalist Aktham Suliman kündigte im Jahr 2012 nach zehn Jahren aus ­Protest ­gegen zunehmend tendenziöse Berichterstattung seinen Job als Berliner Büroleiter des arabischen ­Nachrichtensenders Al Jazeera. Suliman studierte Publizistik, Politologie und Islamwissenschaft und lebt als freier Autor in Berlin. 2017 ist sein Buch „Krieg und Chaos in Nahost – eine arabische Sicht“ ­erschienen, das einen anderen Blick auf die Konflikte im Nahen Osten wirft. Mit NITRO  hat er über den deutschen ­Journalismus und punktuelle und parteiische Berichterstattung aus dem Nahen Osten und Syrien und den „Experten-Journalismus“ gesprochen.

? Aktham Suliman. Sie sind Syrer, haben lange für den bekanntesten arabischen Nachrichtensender aus Katar gearbeitet und werden als „Nahostexperte“ bezeichnet. Wie beurteilen Sie die Berichterstattung in den deutschen Qualitätsmedien über den Krieg in Syrien?

!  Wenn ich es freundlich formuliere, nicht ausreichend, über Strecken einseitig und immer missverständlich. Die Medien berichteten und berichten weiterhin punktuell und wecken Emotionen und Eindrücke, aber fundierte Geschichten bekommen die Leser beziehungsweise Zuschauer oder Zuhörer nicht geboten. Es handelt sich allerdings nicht um eine deutsche Spezialität, sondern um eine allgemeine Medienkrise.

? Haben Sie für Ihre Einschätzung ein Beispiel?

!   Ein gutes Beispiel ist der Fall der Stadt und der Provinz Idlib im Nordwestsyrien, die vermeintliche „letzte Rebellen-Hochburg“ des Landes. Im vergangenen Sommer meldete die Presse, in Idlib gäbe es 40 000 gemäßigte Kämpfer und 10 000 al-Kaida-Kämpfer. Anfang des Jahres schrieben die deutschen Medien – die arabischen und internationalen Medien gleichermaßen –, die al-Nusra-Front, der Ableger von al-Kaida in Syrien, hätte die Kontrolle über diese Provinz „übernommen“. Es fragte sich von den Journalisten aber offensichtlich niemand, wie es sein kann, dass 10 000 al-Kaida-Kämpfer 40 000 gemäßigte Kämpfer besiegt haben können? Für mich ist offensichtlich: Irgendetwas an der Geschichte hat nicht gestimmt. Da die Medien aber punktuell berichten, müssen sie nichts mehr rechtfertigen – Meldung raus, fertig. Wer fragt da hinterher nach einer Diskrepanz von 30 000 Kämpfern? Für mich ist das eine punktuelle Berichterstattung.

?   Es wird nur punktuell berichtet?

!   Ja, mit dem Ergebnis, dass die Rezipienten hinterher genauso schlau sind wie vorher. Es wird aber vor allem ohne ausreichendes Hintergrundwissen berichtet. Keine Ahnung zu haben, ist inzwischen kein Schimpfwort mehr, es ist fast schon eine Voraussetzung – Hauptsache es wird emotional berichtet.

? Sie meinen, Journalisten haben wenig Ahnung, wovon sie berichten?

!  Sie kennen sich natürlich im System aus, in dem sie arbeiten – journalistisch, politisch, ideologisch, aber immer mit dem Blick nach innen. Ich frage mich oft bei Berichten über den Nahen Osten: Sind es bösartige Fehler oder ist es einfach nur Ignoranz und Unkenntnis? Journalisten in Deutschland und dem Westen fühlen sich zugehörig zu einem System namens Demokratie, zu dem Bürgerrechte, Menschenrechte und Pressefreiheit gehören. Das ist schön und gut. Journalisten sollten sich aber klarmachen – Politiker natürlich auch – dass auch die westlichen Demokratien in ihrem System gefangen sind. Man muss verstehen, dass nicht überall auf der Welt die Schlachten ausgetragen werden, die man hier für wichtig hält. Es spielen bei den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten viele andere Faktoren eine Rolle, die von außen sehr schwer einzuschätzen und zu überblicken sind. Dort verläuft die Linie oft zwischen Traditionalisten und Modernisten – beide sind übrigens keine waschechten Demokraten. Das kann oder will man im Westen nicht verstehen. Doch so zu tun, als wäre man gut informiert, obwohl man wenig Ahnung hat, ist für die Berichterstattung fatal.

? Sie sprechen von einem Überlegenheitsgefühl des Westens?

!  Ein latentes! Es war in der Menschheitsgeschichte niemals zufällig, wer wem angeblich „etwas Gutes“ tut. Es herrscht im Westen ein latentes Überlegenheitsgefühl, eine Arroganz, dass die eigene Ideologie, die eigene Lebensweise die richtige ist und für alle Menschen gelten soll. Es gibt tatsächlich Politiker und Journalisten, die glauben, dass irgendwelche Terroristen westliche Länder angreifen wegen ihres Gesellschaftsmodells. Ich kenne keinen Terroristen, der eine Doktorarbeit zu Gesellschaftsmodellen geschrieben hatte und sich dann auf den Weg zu einem Attentat gemacht hat. Das ist ein egozentrischer Blick des Westens und dahinter verbirgt sich die Botschaft: Wir können anderen helfen, wir können ihnen etwas beibringen, wir sind die Herrscher der Welt. Es ist das Gefühl, das „Richtige“ zu tun – auch wenn Soldaten in die Welt geschickt ­werden, denn sie bekämpfen ja den Terror. Die Aufgabe von Journalisten ist aber, ALLES kritisch zu hinterfragen, auch wenn es sich um das vermeintlich „Gute“ handelt – vor allem dann.

? Wenn Journalisten, wie Sie sagen, wenig Ahnung haben und Zusammenhänge nicht erkennen – wie soll der Medienkonsument Ereignisse verstehen? Etwa ob es sich in Syrien tatsächlich um einen Bürgerkrieg oder vielleicht um einen Stellvertreterkrieg handelt?

!   Nicht nur beim Syrien-Thema haben Journalisten die Aufgabe, Sachverhalte und Ereignisse zusammenzufassen, aufzubereiten und zu verbreiten – möglichst objektiv, neutral und nach einem Faktencheck. Journalisten sind aber keine Experten. Wir als Rezipienten verwechseln das ebenso oft wie die Journalisten selbst. Viele von ihnen unterliegen nach der Vorbereitung einer Sendung oder eines Beitrags dem Irrtum, sie seien Experten auf dem Gebiet geworden. Die Konsumenten ihrerseits wissen nicht, dass sich Journalisten oft nur ein paar Stunden oder Tage mit einem Thema befassen, während ein Wissenschaftler jahrelang an einem Thema forscht, um als Experte auf einem bestimmten Gebiet zu gelten. Diese falsche Annahme der Medienkonsumenten bezüglich der „Experten-Journalisten“, gepaart mit einem sehr selbstbewussten Auftreten letzterer, erweckt den Eindruck, die Journalisten wüssten genau Bescheid. Oder haben Sie schon mal erlebt, dass ein Journalist, der live auf Sendung ist, von sich sagt: Sorry, ich habe keine Ahnung? Ich habe einmal eine Al-Jazzera-Moderatorin korrigiert, als sie mich live interviewte und dabei falsche Zahlen anführte. Ich wollte sie lediglich darauf aufmerksam machen, dass es aktuellere Zahlen gibt. Nach der Sendung rief mich die Redaktion an und bat darum, dass ich beim nächsten Mal, wenn ich live interviewt werde, nicht mehr korrigieren solle. Es würde das Bild einer schlechten Vorbereitung vermitteln.

? Kommen wir zu den Rezipienten. Beschäftigen sich diese tatsächlich mit der Lage in Syrien, in Venezuela oder in der Ukraine oder sind sie froh, dass sie die Häppchen der Journalisten als Leichtkost aufbereitet bekommen?

!  Ich glaube nicht, dass eine breite Mehrheit der Bürger oder gar der Politiker in Deutschland morgens aufsteht und sich fragt: Was ist in der Ostukraine los? Was ist im Nahen Osten passiert? Was wäre das Richtige im Fall Venezuela? Die Wenigsten wollen und können es genau wissen, aber sie möchten trotzdem das Gefühl haben, informiert zu sein, Bescheid zu wissen. Schließlich ist es bequem zu sagen: Gott sei Dank gibt es bei uns solche Kriege und Krisen nicht. Gott sei Dank können wir ruhig schlafen. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob man im Westen tatsächlich ruhig schlafen sollte, denn bei einer schlechten und oberflächlichen Berichterstattung, also wenn ein eigentlich nichtinformierter Journalist so tut, als ob er einen nichtinformierten Konsumenten informiert, sind am Ende alle nach wie vor uninformiert, aber mit dem guten Gefühl, sehr wohl informiert zu sein – gerade für Politiker und Entscheidungsträger eine ungünstige Ausgangssituation.

Lesen Sie das gesamte Interview in unserer aktuellen Ausgabe.

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