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Das Überlegenheitsgefühl des Westens
Hass. Terror. Ignoranz.

Das Überlegenheitsgefühl des Westens 

Der deutsch-syrische Journalist Aktham Suliman kündigte im Jahr 2012 nach zehn Jahren aus ­Protest ­gegen zunehmend tendenziöse Berichterstattung seinen Job als Berliner Büroleiter des arabischen ­Nachrichtensenders Al Jazeera. Suliman studierte Publizistik, Politologie und Islamwissenschaft und lebt als freier Autor in Berlin. 2017 ist sein Buch „Krieg und Chaos in Nahost – eine arabische Sicht“ ­erschienen, das einen anderen Blick auf die Konflikte im Nahen Osten wirft. Mit NITRO  hat er über den deutschen ­Journalismus und punktuelle und parteiische Berichterstattung aus dem Nahen Osten und Syrien und den „Experten-Journalismus“ gesprochen.

? Aktham Suliman. Sie sind Syrer, haben lange für den bekanntesten arabischen Nachrichtensender aus Katar gearbeitet und werden als „Nahostexperte“ bezeichnet. Wie beurteilen Sie die Berichterstattung in den deutschen Qualitätsmedien über den Krieg in Syrien?

!  Wenn ich es freundlich formuliere, nicht ausreichend, über Strecken einseitig und immer missverständlich. Die Medien berichteten und berichten weiterhin punktuell und wecken Emotionen und Eindrücke, aber fundierte Geschichten bekommen die Leser beziehungsweise Zuschauer oder Zuhörer nicht geboten. Es handelt sich allerdings nicht um eine deutsche Spezialität, sondern um eine allgemeine Medienkrise.

Meldung raus, fertig. Wer fragt hinterher nach einer Diskrepanz?

? Haben Sie für Ihre Einschätzung ein Beispiel?

!   Ein gutes Beispiel ist der Fall der Stadt und der Provinz Idlib im Nordwestsyrien, die vermeintliche „letzte Rebellen-Hochburg“ des Landes. Im vergangenen Sommer meldete die Presse, in Idlib gäbe es 40 000 gemäßigte Kämpfer und 10 000 al-Kaida-Kämpfer. Anfang des Jahres schrieben die deutschen Medien – die arabischen und internationalen Medien gleichermaßen –, die al-Nusra-Front, der Ableger von al-Kaida in Syrien, hätte die Kontrolle über diese Provinz „übernommen“. Es fragte sich von den Journalisten aber offensichtlich niemand, wie es sein kann, dass 10 000 al-Kaida-Kämpfer 40 000 gemäßigte Kämpfer besiegt haben können? Für mich ist offensichtlich: Irgendetwas an der Geschichte hat nicht gestimmt. Da die Medien aber punktuell berichten, müssen sie nichts mehr rechtfertigen – Meldung raus, fertig. Wer fragt da hinterher nach einer Diskrepanz von 30 000 Kämpfern? Für mich ist das eine punktuelle Berichterstattung.

?   Es wird nur punktuell berichtet?

!   Ja, mit dem Ergebnis, dass die Rezipienten hinterher genauso schlau sind wie vorher. Es wird aber vor allem ohne ausreichendes Hintergrundwissen berichtet. Keine Ahnung zu haben, ist inzwischen kein Schimpfwort mehr, es ist fast schon eine Voraussetzung – Hauptsache es wird emotional berichtet.

? Sie meinen, Journalisten haben wenig Ahnung, wovon sie berichten?

!  Sie kennen sich natürlich im System aus, in dem sie arbeiten – journalistisch, politisch, ideologisch, aber immer mit dem Blick nach innen. Ich frage mich oft bei Berichten über den Nahen Osten: Sind es bösartige Fehler oder ist es einfach nur Ignoranz und Unkenntnis? Journalisten in Deutschland und dem Westen fühlen sich zugehörig zu einem System namens Demokratie, zu dem Bürgerrechte, Menschenrechte und Pressefreiheit gehören. Das ist schön und gut. Journalisten sollten sich aber klarmachen – Politiker natürlich auch – dass auch die westlichen Demokratien in ihrem System gefangen sind. Man muss verstehen, dass nicht überall auf der Welt die Schlachten ausgetragen werden, die man hier für wichtig hält. Es spielen bei den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten viele andere Faktoren eine Rolle, die von außen sehr schwer einzuschätzen und zu überblicken sind. Dort verläuft die Linie oft zwischen Traditionalisten und Modernisten – beide sind übrigens keine waschechten Demokraten. Das kann oder will man im Westen nicht verstehen. Doch so zu tun, als wäre man gut informiert, obwohl man wenig Ahnung hat, ist für die Berichterstattung fatal.

Der egozentrischer Blick des Westens

? Sie sprechen von einem Überlegenheitsgefühl des Westens?

!  Ein latentes! Es war in der Menschheitsgeschichte niemals zufällig, wer wem angeblich „etwas Gutes“ tut. Es herrscht im Westen ein latentes Überlegenheitsgefühl, eine Arroganz, dass die eigene Ideologie, die eigene Lebensweise die richtige ist und für alle Menschen gelten soll. Es gibt tatsächlich Politiker und Journalisten, die glauben, dass irgendwelche Terroristen westliche Länder angreifen wegen ihres Gesellschaftsmodells. Ich kenne keinen Terroristen, der eine Doktorarbeit zu Gesellschaftsmodellen geschrieben hatte und sich dann auf den Weg zu einem Attentat gemacht hat. Das ist ein egozentrischer Blick des Westens und dahinter verbirgt sich die Botschaft: Wir können anderen helfen, wir können ihnen etwas beibringen, wir sind die Herrscher der Welt. Es ist das Gefühl, das „Richtige“ zu tun – auch wenn Soldaten in die Welt geschickt ­werden, denn sie bekämpfen ja den Terror. Die Aufgabe von Journalisten ist aber, ALLES kritisch zu hinterfragen, auch wenn es sich um das vermeintlich „Gute“ handelt – vor allem dann.

? Wenn Journalisten, wie Sie sagen, wenig Ahnung haben und Zusammenhänge nicht erkennen – wie soll der Medienkonsument Ereignisse verstehen? Etwa ob es sich in Syrien tatsächlich um einen Bürgerkrieg oder vielleicht um einen Stellvertreterkrieg handelt?

!   Nicht nur beim Syrien-Thema haben Journalisten die Aufgabe, Sachverhalte und Ereignisse zusammenzufassen, aufzubereiten und zu verbreiten – möglichst objektiv, neutral und nach einem Faktencheck. Journalisten sind aber keine Experten. Wir als Rezipienten verwechseln das ebenso oft wie die Journalisten selbst. Viele von ihnen unterliegen nach der Vorbereitung einer Sendung oder eines Beitrags dem Irrtum, sie seien Experten auf dem Gebiet geworden. Die Konsumenten ihrerseits wissen nicht, dass sich Journalisten oft nur ein paar Stunden oder Tage mit einem Thema befassen, während ein Wissenschaftler jahrelang an einem Thema forscht, um als Experte auf einem bestimmten Gebiet zu gelten. Diese falsche Annahme der Medienkonsumenten bezüglich der „Experten-Journalisten“, gepaart mit einem sehr selbstbewussten Auftreten letzterer, erweckt den Eindruck, die Journalisten wüssten genau Bescheid. Oder haben Sie schon mal erlebt, dass ein Journalist, der live auf Sendung ist, von sich sagt: Sorry, ich habe keine Ahnung? Ich habe einmal eine Al-Jazzera-Moderatorin korrigiert, als sie mich live interviewte und dabei falsche Zahlen anführte. Ich wollte sie lediglich darauf aufmerksam machen, dass es aktuellere Zahlen gibt. Nach der Sendung rief mich die Redaktion an und bat darum, dass ich beim nächsten Mal, wenn ich live interviewt werde, nicht mehr korrigieren solle. Es würde das Bild einer schlechten Vorbereitung vermitteln.

Gott sei Dank gibt es bei uns solche Kriege und Krisen nicht

? Kommen wir zu den Rezipienten. Beschäftigen sich diese tatsächlich mit der Lage in Syrien, in Venezuela oder in der Ukraine oder sind sie froh, dass sie die Häppchen der Journalisten als Leichtkost aufbereitet bekommen?

!  Ich glaube nicht, dass eine breite Mehrheit der Bürger oder gar der Politiker in Deutschland morgens aufsteht und sich fragt: Was ist in der Ostukraine los? Was ist im Nahen Osten passiert? Was wäre das Richtige im Fall Venezuela? Die Wenigsten wollen und können es genau wissen, aber sie möchten trotzdem das Gefühl haben, informiert zu sein, Bescheid zu wissen. Schließlich ist es bequem zu sagen: Gott sei Dank gibt es bei uns solche Kriege und Krisen nicht. Gott sei Dank können wir ruhig schlafen. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob man im Westen tatsächlich ruhig schlafen sollte, denn bei einer schlechten und oberflächlichen Berichterstattung, also wenn ein eigentlich nichtinformierter Journalist so tut, als ob er einen nichtinformierten Konsumenten informiert, sind am Ende alle nach wie vor uninformiert, aber mit dem guten Gefühl, sehr wohl informiert zu sein – gerade für Politiker und Entscheidungsträger eine ungünstige Ausgangssituation.

? Heute ziehen sich die Menschen bei Facebook und vielen anderen Plattformen Infos und News. In seiner Blase lebend pickt sich jeder dabei die Informationen heraus, die er versteht bzw. die seinem Weltbild entsprechen, und macht daraus seine eigenen.

! Das ist richtig. Es ist postmodern. Es gibt nicht mehr die eine Wahrheit. Es gibt nur noch unsere jeweilige Wahrheit. Man glaubt nicht, was man sieht, sondern man sieht, was man glaubt bzw. glauben will.

Ich erzähle dazu eine Episode aus meiner Zeit bei Al-Jazeera: 2003 wurden die zwei Söhne Saddam Husseins und ein Enkelkind von den Amerikanern während einer Schlacht erschossen. Ich hatte damals eine irakische Sekretärin, und als ich am Tag nach diesem Ereignis ins Büro kam, sagte sie zu mir: „Haben Sie das gestern gesehen, die Schlacht mit den Söhnen von Saddam?“ Ich sagte: „Ja, habe ich“. Ich wollte es nicht kommentieren, weil ich nicht wusste, wo sie steht. Ist sie traurig oder glücklich darüber? „Eine ganz große Schlacht“, sagte sie weiter. Ich: „Ja, ja.“ Sie: „Die Amerikaner haben seine Söhne und das Enkelkind umgebracht.“ Ich: „Ja, habe ich mitbekommen“. Ich wollte ihr keine Informationen zu meinem Standpunkt verraten. Dann sagte sie schließlich: „Siehst du, die ganze Familie besteht aus Mördern, sogar die Kinder kämpfen.“ Da wusste ich, sie ist gegen Saddam Hussein. Sie hätte aber das gleiche Ereignis folgendermaßen positiv kommentieren können: „Die ganze Familie besteht aus Helden“.

Ich bin Publizist, Politologe und Islamwissenschaftler

? Exakte Information zu bekomme, ist oft nicht so einfach …

Genau. Es kommt auch darauf an, wie man Informationen interpretiert. In der Berichterstattung vieler Medien des Westens wurde es begrüßt, dass die Söhne Saddam Husseins getötet wurden. Doch bei aller Kritik an Saddam und seinen Söhnen, einen rechtsstaatlichen Prozess bekamen sie nicht, und sie wurden von einer Besatzungsmacht getötet.

? Das Global Media Journal hat Ihr Buch „Krieg und Chaos im Nahen Osten: Eine arabische Sicht“ besprochen und bezeichnet Sie als Chronisten. Stimmen Sie zu?

! Ich habe vorhin kritisiert, dass Journalisten oft versuchen, allwissend zu wirken, und ich muss Selbstkritik üben, wenn durch das Buch das Gefühl entstehen sollte, hier beansprucht einer die Wahrheit. Zu meiner Verteidigung kann ich vorbringen, dass ich Publizist, Politologe und Islamwissenschaftler bin und erst dann Journalist. Ich bin aber auch Araber und Syrer. Ein syrischer Autor sagte einmal: Es gibt kein vollkommenes Verbrechen, außer in unserer Region geboren zu werden. Das gab mir zu denken, und ich wollte darüber schreiben. Ich war schließlich nicht nur als Journalist an vielen Schauplätzen – vom Irakkrieg und der Revolution in Ägypten, sondern ich bin auch Analytiker, der versucht, aus all dem etwas abzuleiten. Dieser Mix aus Journalisten-, Experten- und Betroffenen-Sicht mündete in einer Art Chronik. Es war die Absicht, etwas Reichhaltiges und Vielfältiges zu schreiben, ohne eine plakativ klare Linie.

? Warum das?

! Ich hasse Bücher, die sich mit einem Satz zusammenfassen lassen, das Thema vom Autor aber dann auf über 300 Seiten ausgebreitet wird. Außerdem bin ich Araber und komme zwar irgendwann zum Punkt, nicht aber ohne auf dem Weg dorthin unzählige Anekdoten loszuwerden – „Tausendundeine Nacht“ lässt grüßen.

„Destabilisierung des Landes“ als Verwendungszweck

? In einem Interview mit Telepolis zu Ihrem Buch sagten Sie: „Die Menschen im Nahen Osten wissen, dass die Geschichte von der ‚zivilisierten Welt‘ gegen den bösen IS nur eine heuchlerische Schwarz-Weiß-Malerei ist.“ Das ist eine radikale Aussage. Worauf beziehen Sie das?

! Keiner konnte mir je die Bezeichnung „zivilisierte Welt“ definieren. Ich kenne nur Menschen, die ihre jeweilige Welt und sich selbst als zivilisiert bezeichnen. Oder haben Sie schon mal einen Barbaren getroffen, der sich als Barbar bezeichnet hat? Absurderweise tauchen der IS und ähnliche „barbarische“ Organisationen genau dort auf, wo die „Zivilisierten“ ihren Finger im Spiel haben, wo der Westen seine Kriege führt. Wo entstanden die erste al-Kaida-Organisation, die ersten Formen des islamistischen Dschihad und das, was heute in den Medien als islamistischer Terrorismus bezeichnet wird? Das war in Afghanistan beim vom Westen unterstützten Kampf gegen die Sowjets. Wann gab es den direkten Vorläufer des IS? Das war im Irak nach dem US-Einmarsch 2003. Al-Kaida ist damals, wenn man das bildhaft beschreiben will, mit den amerikanischen Panzern in den Irak einmarschiert. Natürlich gab es keine explizite Waffenlieferung oder Überweisungsträger mit „al-Kaida e.V.“ als Empfänger und „Destabilisierung des Landes“ als Verwendungszweck. Die Waffen und das Geld wurden, aus den mit dem Westen befreundeten Golfstaaten kommend, in Kisten und Koffern an der türkisch-syrischen Grenze übergeben – wenn wir beim Beispiel Syrien bleiben wollen. Es ist doch naiv zu glauben, man hätte „gemäßigte Rebellen“ im Kampf um Demokratie unterstützt. Die gleichen „gemäßigten Rebellen“ können sich nach der Waffen- bzw. Geldübergabe einen schwarzen Anzug anziehen und eine schwarze Flagge hissen. Wer will das kontrollieren? Etwa die „kritischen“ westlichen Journalisten?

Journalisten sind Dienstleister für Nachrichten

? Wenn Journalisten keinen fundierten Informationen mehr liefern können – wohin führt das?

Suliman: Die Schieflage ist da und die Orientierung fehlt.Ignoranz gibt es bei Journalisten, bei Politikern, überall. Wer Journalisten oder den im Moment praktizierten Journalismus kritisiert, wird als Anhänger von Fake News oder als von außen gesteuert bezeichnet. Das ist eine sehr ernste Situation. Journalisten sollten sich darüber klarwerden, dass sie Dienstleister sind, die Nachrichten liefern. Jeder Klempner oder Automechaniker darf kritisiert werden, wenn er nicht ordentlich arbeitet. Journalisten nicht. Die nehmen Kritik und Kritiker nicht ernst nach dem Motto: Wir machen keine Fehler. Ich glaube, dass die Branche nicht mal nach dem Skandal beim Spiegel mit den erfundenen Reportagen wirklich nachhaltig selbstkritisch über sich nachdenkt. Aber wer weiß, vielleicht werden wir ja noch positiv überrascht.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel

Autorenkasten:

Aktham Suliman ist 1970 in Damaskus geboren, hat sich als deutsch-syrischer Nahostexperte und Journalist einen Namen gemacht. Er zog im Jahr 1989 nach Deutschland und studierte Publizistik, Politologie und Islamwissenschaft an der FU-Berlin. Von 1998 bis 2002 arbeitete er als freier Mitarbeiter für das arabische Programm der Deutschen Welle. Ab 2002 bis 2012 war er Deutschland-Korrespondent des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera und als solcher zu vielen Talkshows eingeladen und prägendes Gesicht des Senders in Deutschland.

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