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Heft 25 Lesenswert Medien

“Fakes sind keine News!”

Was ist schlimmer: BILD oder der Postillion? Ein Troll oder ein Bot? Hat Till Eulenspiegel Fake News verbreitet? Den Menschen fällt es offenbar zunehmend schwer, zwischen einer seriösen Nachricht und Propaganda zu unterscheiden. Da wird es Zeit für ein kleines „Was ist was?“ und Tipps zum Umgang mit vermeintlichen Falschmeldungen.

900 US-Dollar Honorar pro Tag für einen Text, das ist viel Geld. Dafür muss ein gewissenhafter Journalist lange recherchieren und schreiben. Oder gerade nicht. Zwei kanadische Teenager veröffentlichten im Oktober 2015 einen Artikel, ihr Premierminister Trudeau plane die Legalisierung von Haschisch. Das war erstunken und erlogen, wurde aber gern geklickt. Einen Tag später waren durch Google-Ads 900 Dollar zusammen. Und die Geschichte hat inzwischen über 20 000 Facebook-Likes. Auch von dort kommen Werbeeinnahmen. Immerhin nennen die beiden Jugendlichen ihre Website hotglobalnews.com ganz offen „Satire News & Entertainment“ – jedem Leser kann also klar sein, was er da liest: Satire eben. Keine News.

Andere waren und sind weniger offen: Die New York Times berichtet von einem anderen kanadischen Teenager, der über 20 000 US-Dollar mit Fake News erwirtschaftete. Fünf US-Dollar zahlte er für die Domain, auf der er dann erfundene Geschichten publizierte. Was im US-Wahlkampf besonders gut lief, waren Skandalgeschichten über die Kandidaten Trump und Clinton, die die (negativen) Erwartungen der jeweiligen Gegner bedienten.

So etwas machen nicht nur Kanadier: Jugendliche in der mazedonischen Kleinstadt Veles taten es auch. In der Stadt waren angeblich 140 Fake-News-Seiten angemeldet. Ein Interesse am Wahlkampf oder gar dessen Ausgang hatten die Jugendlichen nicht, sie wollten nur verdienen. Inspirieren ließen sie sich von den Gerüchten auf Facebook. Dann publizierten sie ihre Geschichten, die die Gerüchte bestätigten, auf Websites, die Nachrichtensites nachempfunden waren, und auch auf Facebook. Das Geld kam je nach der Menge der Klicks von Facebook oder durch Google-Ads. Und es kam viel Geld, nicht nur nach mazedonischen Maßstäben.

Derartiges gibt es selbstverständlich auch in Deutschland. Gedruckt unter den Titeln Titanic und Eulenspiegel, im Internet unter Der Postillion („Ehrliche Nachrichten – unabhängig, schnell, seit 1845“), Kürzel dpo. Die Satireseite, die ihren Macher nährt, glänzt schon mal mit Schlagzeilen wie „Mindestlohn steigt um 34 Cent: Neureiche Friseurin weiß gar nicht, wohin mit all dem Geld“ oder, nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz: „Von der Leyen erleichtert, dass jetzt niemand Deutschlands Kriegsbeteiligungen hinterfragt“. In diesem Beitrag der Satz „Immerhin, so von der Leyen, hätte man doch wirklich einmal fragen können, wie das zusammenpasst, sehr viele Flüchtlinge aufzunehmen und sich gleichzeitig durch eine Kriegsbeteiligung ins Fadenkreuz des IS zu begeben“. So etwas läse man gern auch mal in „seriösen Medien“, dort ist dergleichen aber rar gesät.

Seit das Gerücht in der Welt ist, solche Nachrichten hätten das Potenzial, Wahl­ergebnisse zu beeinflussen, sind Fake News auch ein Thema für die Politik geworden. Der Wahlkampf in Deutschland beginnt ja gerade.

Ob Fake-News-Seiten tatsächlich so wirkmächtig sind, ist zumindest nicht bewiesen. Zwei US-amerikanische Forscher haben es gerade untersucht und bestreiten es. Sie schreiben, soziale Medien seien wichtig als politische Informationsquelle, aber nicht dominant. 14 Prozent der Amerikaner hätten soziale Medien als ihre „wichtigste“ Quelle vor den Wahlen genannt. Und sie kommen zu der Einschätzung, wenn Fake News die Wahlen beeinflusst hätten, müsse jeder Fake-News-Artikel die Wirksamkeit von 36 Fernsehwerbungen haben. Das ist nicht wirklich wahrscheinlich.

Dennoch sieht nach einem Pressebericht der Bundeswahlleiter die Gefahr durch Fake News: „Die Bürger und die Medien müssen in diesem Wahlkampf besonders sensibel auf Nachrichten reagieren. Sie müssen wissen, dass es Versuche gibt, sie zu manipulieren.“ Sie müssten „durch noch sorgfältigere Prüfungen falsche von richtigen Informationen unterscheiden“.

Einige Bundesländer haben gefordert, schärfer gegen Falschmeldungen im Internet vorzugehen, für deren Verbreitung sogenannte Social Bots eingesetzt werden. Der Bundesrat verlangt die Bestrafung der Betreiber solcher Bot-Netze. Es gab eine Expertenanhörung im Bundestag. Parteien fordern die Regulierung und Löschung von Fake News – was letztlich Zensur wäre.

Tatsächlich hat das amerikanische Webportal Buzzfeed gerade herausgefunden, dass viele Nachrichten über Angela Merkel in den sozialen Netzen gefälscht sind. Die meistgeteilten stammten oftmals aus rechtsextremen oder verschwörungstheoretischen Quellen.

Als Beispiel wird die mit einem Bild illustrierte „Nachricht“ genannt, Merkel habe ein Selfie mit einem der Attentäter von Brüssel gemacht. Ein Facebook-Post dazu wurde mehr als 32 000 Mal gesehen. Die Recherche der Deutschen Welle, die den wahren Kontext des Bildes offenlegte, kam gerade einmal auf 13 000 Interaktionen.

Die Aufregung und die Unsicherheit sind also groß. Aber worüber eigentlich – Fake News, was ist das? Was ist denn eigentlich gemeint?

Zunächst ist das Wort ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, so wie George Orwells Sätze „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“ – bezeichnenderweise heißt das in seinem Werk „1984“ Newspeak.

Fakes sind keine News. Nachrichten sind keine Fakes. Jedenfalls ist das der Anspruch. Entweder – oder!

Um ein paar Begriffe zu klären (sehr ausführlich hat das Markus Reuter auf netzpolitik.org gemacht):

News: Das sind die brandaktuellen, wichtigen, gut recherchierten, solide mit Hintergrundinformationen versehenen, in den Kontext eingeordneten und neutral dargebotenen Nachrichten, die von ausgebildeten Journalisten in etablierten, soliden Medien verbreitet werden. Ausschließlich das sind News.

Etwas weniger schwülstig und profaner formuliert: News sind, woran etablierte Medien Geld verdienen. Sonst nix. Bezeichnenderweise stimmen viele etablierte Medien nur zu gern in die Unkenrufe über Fake News mit ein.

Fake News:

(…)

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