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Digitale Entrechtung
Foto: Bernd Lammel
Digitalisierung

Digitale Entrechtung 

Die Digitalisierung der Gesellschaft ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Die gedruckte Tageszeitung ist auch am Erscheinungstag von gestern, gelesen wird auf dem Tablet oder Smartphone. Herkömmliche Taxis, Straßenbahnen oder Lastwagen werden durch autonom fahrende Fahrzeuge ersetzt. Ihre einstigen Lenker sitzen Zu Hause und warten auf die im Internet bestellte Ware. Bereits heute liegt der Anteil des Lieferverkehrs in großen Innenstädten bei 80 Prozent ­– dem E-Commerce sei Dank. Wird der Mensch überflüssig?

Über die digitale Entwicklung und die Folgen für unsere Gesellschaft hat Steffen Mau das Buch „Das metrische Wir – Über die Quantifizierung des Sozialen“ geschrieben. Darin kommt er zu dem Schluss, dass Schritt für Schritt eine Gesellschaft der Sternchen, Scores, Likes und Listen entsteht, in der alles und jeder ständig vermessen und bewertet wird. Ν sprach mit dem Makrosoziologen über das chinesische Social-Credit-System, über Algorithmen und die soziale Sehnsucht der Menschen.

? Kaum jemand kann vorhersagen, wie unser Leben in zehn Jahren aussehen wird. Wir ahnen aber, dass die Digitalisierung immer weiter in unser Leben eingreift und wir nichts dagegen tun können. Bewegen wir uns auf eine Big-Data-Diktatur zu?

! Diktatur würde ich nicht sagen, denn wir müssen einbeziehen, dass die Art und Weise, wie Digitalisierung funktioniert und sich auswirkt, schon stark vom politischen und sozialen Kontext abhängt. Hier agiert die chinesische Parteiführung anders als die Marktgiganten der Hightech- oder IT-Industrie in den USA und vielleicht auch europäische Länder. Ich sehe diese Entwicklung nicht notwendigerweise nur als einen Prozess, wo wir fremdbestimmt werden. Die meisten von uns beteiligen sich an dieser Datenmaschine, geben freiwillig viele persönliche Daten preis, die sich im Zweifelsfall aber auch gegen uns wenden können, und in unseren Möglichkeiten beschneiden. So entsteht ein immer engeres Datenkorsett, aus dem wir nicht so ohne Weiteres entfliehen können. In diesem Sinne sage ich, es gibt ein digitales Gehäuse der Hörigkeit – um an eine Formulierung von Max Weber anzuschließen. Es ist aber ein Gehäuse, an dem wir selbst mit bauen. Und hier ist der Unterschied zu einer Diktatur, die stärker über Fremdbestimmung von politischen Kräften oder Mächten funktioniert.

Nicht alle Daten sind notwendig, damit ein iPhone funktioniert

? Unser Leben funktioniert heute über Bonussysteme, Gesundheits- und Kreditkarten, Gewinnspiele im Internet und soziale Netzwerke, in denen Menschen freiwillig viel von ihrer Privatsphäre preisgeben. Wer sich dem entziehen wollte, könnte das praktisch nur, indem er im Wald ohne Mobiltelefon und Internetanschluss leben würde. Sind wir auf diese, immer schneller werdende digitale Entwicklung überhaupt vorbereitet? Realisieren wir, was mit unseren Daten geschieht?

! Es ist das grundsätzliche Problem der digitalen Entrechtung, dass wir bereitwillig viele Daten weitergeben, die dann exzessiv vernutzt und vermarktet werden. Wenn wir beispielsweise ein neues iPhone kaufen und es einschalten, werden Zehntausende von Daten weitergereicht. Nicht alle diese Daten sind notwendig, damit ein iPhone funktionsfähig ist. Aber es wird dem Käufer suggeriert, dass es unbedingt notwendig sei. So werden wir Teil oder sogar Komplizen einer großen Datenmaschinerie. Was mit den Daten tatsächlich geschieht, können wir nicht übersehen, und wir können nicht wissen, wer sie wann nutzt, denn sie werden häufig an Dritte und Vierte weiterverkauft. Dies ist das Hauptparadox des digitalen Zeitalters – dass wir zwar an Handlungsmöglichkeiten gewinnen, sich aber zugleich die individuelle Souveränität verringert. Unsere Daten eignen sich andere an, und wir werden in diesem Spiel tendenziell eher schwächer positioniert.

? In Ihrem Buch spielt unter anderem das neue Social-Credit-System der Chinesen eine Rolle. China möchte ab 2020 ein verpflichtendes Bewertungssystem für alle Bürger einführen. Wie soll das funktionieren?

! Das Social-Credit-System basiert auf Datensammlungen großer chinesischen Internetfirmen und wurde unter anderem vom Plattformunternehmen Alibaba* mitentwickelt. Die Idee ist, sämtliche verfügbaren Onlinedaten von Personen, aber auch Offlinedaten, also Daten von Behörden, Gerichten, Vermietern, Vorgesetzten und Lehrern, einzuspeisen und dann über einen Algorithmus zu einem einheitlichen Score zusammenzuführen.

Falsch-positiv-Raten – also falschen Bewertungen

? So entsteht in Zukunft ein gläserner Mensch?

! Die die einzelnen Aspekte tatsächlich gewichtet werden, wissen wir noch nicht. Bekannt ist aber, dass alles, was eine Person in sozialen Netzwerken oder auf einer Internetplattform postet, zum Beispiel etwas politisch nicht Korrektes, bewertet wird, und die Person muss für solche Meinungsäußerungen mit Punktabzug rechnen. Geht ein Mann Windeln kaufen, wird er als treusorgender Familienvater bewertet, und das ist gut für seinen Score. Wer bei Rot die Straße überquert, bekommt Punktabzug. Das Ganze wird kombiniert mit neuen biometrischen Verfahren, zum Beispiel der Gesichtserkennung im öffentlichen Raum, sodass im Prinzip alle alltäglichen Handlungen auf das „Wertigkeitskonto“ einzahlen können – alles wird gespeichert und dann zu positiven oder negativen Kontostandveränderungen führen. Verbunden wird dieses System mit ganz handfesten Lebenschancen: Zugang zum Arbeitsmarkt, zum Wohnungsmarkt, zu Konsummöglichkeiten oder zu Reisemöglichkeiten.

? Welche Begründung, außer totaler Kontrolle, kann es für ein solches System geben?

Die chinesische Regierung möchte eine Mentalität der Ehrlichkeit herstellen. Es soll künftig „gerechter“ und transparenter zugehen in China. Das trifft alle, denn auch Funktionäre werden vom Social-Credit-System erfasst. Die Disziplinierungseffekte, wenn sich der Staat oder alle gegenseitig über die Scores informieren können, werden immens sein.

? Das wird freiwillig akzeptiert, und niemand demonstriert dagegen?

!  Sehr viele Chinesen finden das wunderbar. Warum? China hat ein Korruptionsproblem, und es gibt extrem viel Misstrauen zwischen den Bürgern und innerhalb der hoch dynamisierten und entfesselten Wirtschaft. Die Menschen glauben, sie könnten mit derartigen Technologien die soziale Kontrolle zurückgewinnen, und trauen einem so totalitären System wie dem Social Credit Score die Problemlösung zu.

? Das ist naiv und gefährlich zugleich.

Natürlich, denn wir wissen heute, dass solche Systeme zwar vermeintlich objektiv agieren, aber Menschen durchaus falsch eingruppiert beziehungsweise klassifiziert werden können. Man redet von Falsch-positiv-Raten, also falschen Bewertungen, gegen die man sich schwerlich wehren kann und die einem Nachteile zumuten. Diese Verfahren sind oftmals nicht so treffsicher, wie sie vorgeben.

? Auf dem persönlichen Punktekonto könnten auch sexuelle Neigungen gespeichert werden, welche Zeitung man liest und welche politische Einstellung jemand hat?

Exakt. Es ist ein Instrument der Disziplinierung. China möchte damit offenbar erreichen, dass sich affirmativ verhaltende, opportunistische und auf gesellschaftliche Ziele hin konditionierte Individuen entwickeln, die nicht von der Staatslinie abweichen, die keine kritischen Fragen stellen, die nicht einmal mehr persönliche Geheimnisse haben.

Es gibt Daten-Brooker, die über sehr große Datenmengen verfügen

? Das ist eine grauenvolle Vorstellung.

Vor allem istes ein fundamentales Aufbrechen der Trennung zwischen Öffentlichem und Privatem, weil die Menschen keine Privatsphäre mehr haben werden. Jeder von uns hinterlässt digitale Lebensspuren im Netz. Wenn jeder Schritt überwacht werden kann, jeder Kontakt, jede Kaufentscheidung, jedes Suchverhalten im Internet aufgezeichnet, registriert und potentiell bewertet wird, dann schrumpfen die Möglichkeiten, sich unabhängig von dieser Art von Bewertungssystem zu verhalten. Es stünde China eine sehr fundamentale, wenn nicht gar revolutionäre gesellschaftliche Umwälzung bevor. Und ich vermute, dass China nicht das einzige Land bleiben wird. Wenn das chinesische Social Credit Score funktioniert, wird es bei bei den Autokraten dieser Welt mit Sicherheit auch Begehrlichkeiten wecken.

? In Nordkorea wird das möglicherweise nicht so schnell gehen, weil die Menschen keinen Zugang zum Internet haben. Halten Sie das in Deutschland, in Europa, in westlichen Demokratien für denkbar?

In westlichen Demokratien existiert kein so starkes politisches Paradigma, sondern hier sind es Vermarktungsprozesse. Das heißt, wir werden ununterbrochen klassifiziert und bewertet, und unsere Daten werden weiterverarbeitet. Es gibt sehr große Daten-Brooker, die über große Datenmengen verfügen. Das betrifft auch die Verknüpfung von On- und Offlinedaten, die von kommerziellen Unternehmen weiterverwertet werden. So kann man erfahren, was für ein Konsumtyp jemand ist und welche Lebensgewohnheiten und sozialen Präferenzen er hat. Es existiert eine Marktkomponente, und mit exakten Informationen kann man Kunden zielgenauer ansprechen. Sie werden als Individuen adressierbar und durch Märkte und Marktakteure manipulierbar. Hier geht es nicht wie in China um die Erzeugung politisch opportunen Verhaltens, sondern um die Ausnutzung von Marktmöglichkeiten. Es könnte sogar zu einem Auseinanderfallen von bislang einheitlichen Preissystemen kommen.

? Können Sie das genauer erklären?

!  Bislang zahlen alle denselben oder einen ähnlichen Preis für dasselbe Produkt, für ein Buch, ein Brot oder ein Kleidungsstück. Wenn die Händler die Präferenzen der Kunden kennen und deren Reaktion auf Preisveränderungen, dann könnten sie dieses Wissen zur Steigerung ihrer Gewinnchancen ausnutzen und Preise stärker individualisieren. Es kommt nämlich auf die individuelle Elastizität oder Reaktionsweise auf Preise an. Es wäre eine sehr fundamentale Veränderung der Marktordnung, so würde der Verbraucher zum gläsernen Kunden werden, denen Anbieter den Preis abverlangen werden, den zu zahlen sie bereit sind.

Totalprotokollierung des individuellen Lebens

? Besonders problematisch wird es beim Gesundheitssystem, wenn Krankenkassen ihre Mitglieder danach aussuchen, wie gesund sie sind. Wenn für die Gesundheit nur noch wirtschaftliche Aspekte gelten, wäre das ethisch kaum vertretbar. Kann man das unterbinden?

Kaum. Natürlich gibt es in Deutschland eine staatliche Regulierung beim Zugang zur Krankenversicherung. Aber es gibt auch Druck vonseiten der Krankenkassen, zum Teil auch der Versicherten selbst, dass es individualisierte Tarife geben sollte. Warum? Weil Menschen, die sportlich, gesund und jung sind, nicht so gern in ein Risikokollektiv eingruppiert werden möchten, wo viele kranke, bewegungsfaule und ältere Versicherte sind, die höhere Kosten verursachen. Und natürlich haben die Versicherungen ein großes Interesse daran, ihre Mitglieder zu aktivem, gesundem und sportlichem Verhalten anzuregen, denn das spart Kosten.

? Was auf den ersten Blick nicht negativ wirkt. Im Gegenteil.

!  Es ist nicht negativ – einerseits. Aber damit ist verbunden, dass Versicherte ein Fitnessarmband tragen, dass alle ihre Schritte aufgezeichnet werden, dass diese Daten weitergegeben und verarbeitet werden und dass eine Totalprotokollierung des individuellen Lebens stattfindet. Dem kann auch niemand entkommen, wenn er die Versicherung wechselt, weil die nächste Versicherung auf diese Daten zurückgreift und ganz genau weiß, ob Sie eine aktive oder inaktive Persönlichkeit sind.

?  Es ist noch nicht lange her, da war die Zeit eine wichtige Währung. Der Spruch war: Zeit ist Geld. Lösen die Daten die Zeit als neue Währung ab?

!  Ich denke schon. Ich verstehe Daten als eine Art von symbolischem Kapital, eine Art Reputationskapital. Von uns allen gibt es inzwischen sehr viele Daten, die uns umfassend beschreiben, und diese Daten werden in vielen Situationen immer wieder neu genutzt. Ein Beispiel: Die meisten amerikanischen Unternehmen sammeln bei Neurekrutierungen von Mitarbeitern auch Informationen aus den sozialen Medien über die Kandidaten. Welchen sozialen Netzwerken und welchen Freundschaftsnetzwerken gehören sie an? Wie intensiv ist ihre Reisetätigkeit, was posten oder liken sie? Klingt harmlos, doch über solche Informationen kann man herausfinden, ob es sich um eine vertrauenswürdige und ehrliche Arbeitnehmerpersönlichkeit handelt. Hinzu kommt, dass über neue Formen von Datenanalysen sogar Prognosen über das individuelle Wahlverhalten möglich sind. Aus gerade einmal 70 Likes, die ein User in den sozialen Medien hinterlässt, lassen sich gute Vorhersagen über seine Persönlichkeit ableiten, etwa seine politischen Präferenzen. Mit über 150 Likes in den sozialen Medien ist eine Person algorithmisch mitunter besser einzuschätzen als dies der eigene Freundeskreis, die Eltern, der Partner oder die Partnerin könnten. Mit den heutigen digitalen Möglichkeiten werden Personen aber zugleich in einen digitalen Korridor der Berechenbarkeit einmauert, aus dem es schwer ist, auszubrechen.

Informationsmöglichkeiten und die geschaffene Transparenz

? Sie sprechen in Ihrem Buch vom Menschen als Datenmatrix. Das hört sich immer noch an wie aus einem Science-Fiction-Film. Gibt es auch etwas Positives an der Digitalisierung?

! Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein Gegner oder Kritiker der Digitalisierung, und es gibt natürlich auch viele positive Aspekte.

? Zum Beispiel?

Zum Beispiel die Möglichkeit, auf Gesundheitsdaten zurückzugreifen, die den wissenschaftlichen Fortschritt im Hinblick auf Zusammenhänge zwischen Medikation, Bewegung, Therapien und tatsächlichen Resultaten voranbringen können – die sind wichtig und ungeheuer weitreichend. Die Gewinne der Informationsmöglichkeiten und die geschaffene Transparenz sind positiv. Doch die Art und Weise, wie die Digitalisierung gesellschaftlich durchgesetzt wird, ungesteuert, von einigen Marktmonopolisten und mit der zunehmenden Intransparenz derer, die uns transparent machen – das ist problematisch in einer Demokratie. Ich spreche von Benennungsmacht, also von den Möglichkeiten weniger Unternehmen, über die Konstruktion von Daten und Algorithmen gesellschaftlich zentrale Klassifikations- und Bewertungsprozesse durchzusetzen. Diese Benennungsmacht lag früher beim Staat und ist sehr stark privatisiert worden. Zu diesem Problem kommt die digitale Entrechtung der Bürger, die keine Verfügung und kein Wissen über die Nutzung ihrer Daten mehr haben.

? In Zukunft könnten durch Algorithmen und Software Textschnipsel zu Nachrichten zusammengesetzt werden, und das soll so perfekt funktionieren, dass der Leser es nicht merkt. Werden Journalisten durch die Digitalisierung überflüssig?

!  Im Bereich der Sportberichterstattung gibt es eine solche Software schon. Dabei werden die Spiele über Spielzüge, Ballwechsel und die Spieler, die auf dem Feld sind, technisch erfasst. Und dann können aus vielen hundert Millionen Textbausteinen, die man aus allen eingelesenen Sportreportagen gesammelt hat, die Sportnachrichten zusammengesetzt werden. Für den Leser soll nicht mehr identifizierbar sein, ob die Nachricht von einem Schreibroboter geschrieben wurde oder von einem Sportjournalisten aus Fleisch und Blut. Im Sportbereich gibt es natürlich viele sich wiederholende Paraphrasen, und vielleicht ist die Kreativität des Textes ein wenig eingeschränkt. Aber es ist denkbar, dass sich das auch in anderen Bereichen etabliert. Ich kann nur hoffen, dass die Software beim wissenschaftlichen Schreiben oder bei guten journalistischen Texten nicht zur Anwendung kommt und meine Bücher in Zukunft nicht von Algorithmen geschrieben werden.

? Für Verleger und andere Medienbetriebe könnte das interessant werden, denn die Personalkosten sind ein großer Posten. Die Frage ist, möchte man eine solche Entwicklung?

Steffen Mau: Historisch betrachtet hat mit den Rationalisierungsprozessen und der Globalisierung bereits eine Verlagerung von Produktion stattgefunden, obwohl lange die Meinung vorherrschte, dass die kognitiv anspruchsvollen Mittelschichtstätigkeiten sehr schwer zu verlagern sind, weil sie an spezifische Personen gebunden und räumlich und zeitlich fixiert sind. Jetzt haben wir eine neue Stufe erreicht. Die Globalisierung und die Digitalisierung gehen eine Allianz ein. Das hat zur Folge, dass viele Mittelschichtstätigkeiten entweder abwandern oder durch Big-Data-Technologien und Algorithmen substituiert werden können. Große Wissenschaftsverlage verlagern viele Arbeitsschritte nach Indien, und die Autoren bekommen die Druckfahnen von dort zugeschickt.

Standardisierung, Daten und Algorithmen

? Wo führt das hin?

Im nächsten Schritt wird eine Software und eine Computertechnologie eingesetzt, und auch die Sprachkorrektur und sogar Teile des Lektorats könnten künftig automatisiert werden. Vielleicht wird es im journalistischen Bereich nicht die gesamte die Breite treffen, aber bestimmte sprachlich einfache und sehr auf Berichterstattung zugeschnittene Arten von journalistischer Produktion tangiert ein solcher Digitalisierungsfortschritt sicher.

? Ist die Quintessenz, dass der Mensch überflüssig wird?

! Das könnte man so radikalisieren. Es besteht die Möglichkeit, dass Berufsgruppen unter Druck geraten, bei denen wir bisher davon ausgegangen sind, dass sie kognitiv auf eine Art und Weise organisiert sind, die eine einfache Verdrängung durch Maschinen nicht zulässt. Es wäre aber vorstellbar, dass auch neue und hochkreative Tätigkeitsfelder entstehen, und man den Computern alle Tätigkeiten mit Routineelementen, die auf Standardisierung beruhen, überlässt.

? Wo sehen Sie die digitalisierte Gesellschaft in zehn Jahren?

Neben dem Negativszenario gibt es auch ein etwas helleres Szenario. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch zu einer Wiederaufwertung des Human Touch kommt, als Gegenbewegung und Reaktion auf die auf Standardisierung, Daten und Algorithmen basierenden gesellschaftlichen Veränderungen. Wir sehen das schon jetzt in manchen Bereichen – zum Beispiel die Achtsamkeitsbewegung, die Sicht auf die Ganzheitlichkeit von Menschen und das Interesse an sozialen Kontakten.

Menschen entwickeln immer wieder Leidenschaften für Dinge außerhalb des digitalen Universums, weil beispielsweise affektive Beziehungen ein knappes Gut darstellen, das sie hoch bewerten und gewichten. Es könnte zum Beispiel sein, dass Menschen wieder größeren Wert darauf legen, in einem Hotel oder im Flugzeug nicht von einer Maschine eingecheckt zu werden, sondern von einem Mitarbeiter, der real ist und ein nicht vorformatiertes Gespräch führen kann.

?  Ohne soziale Kontakte würden wir Menschen verkümmern?

Ja. Obwohl die jetzige Generation als Digital Natives aufwächst, denke ich, dass die soziale Sehnsucht nach Echtheit und Unmittelbarkeit immer noch besteht. Untersuchungen zeigen, dass viele Menschen, obwohl sie enorm viele digitale Kontakte haben, sich einsam fühlen.

? Eine sehr problematische Entwicklung.

! Die Frage ist, ob heutzutage die sozialen Fähigkeiten und Neigungen zum Eingehen von bedeutsamen sozialen Beziehungen so entwickeln können, wie das die Generationen davor konnten. Oder ob das nicht schon im Sozialisationsprozess mit den Logiken der sozialen Medien und der digitalen Welt ein Stück verloren gegangen ist. Quasi als individuelle Anlage und Fähigkeit, sich auf eine bestimmte Art und Weise sozial einzubinden. Diese Frage kann man heute allerdings noch nicht beantworten.

 

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel

 

*Die Alibaba Group Holding Limited ist ein Unternehmen aus Hangzhou (China). Es wurde 1999 gegründet, betreibt die Plattform Alibaba.com sowie das Online-Auktionshaus Taobao und ist nach eigenen Angaben die größte IT-Firmengruppe Chinas.

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