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Heft 29 Interviews

“Digitale Entrechtung”

Digitale Entrechtung

Die Digitalisierung der Gesellschaft ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Die gedruckte Tageszeitung ist auch am Erscheinungstag von gestern, gelesen wird auf dem Tablet oder Smartphone. Herkömmliche Taxis, Straßenbahnen oder Lastwagen werden durch autonom fahrende Fahrzeuge ersetzt. Ihre einstigen Lenker sitzen Zu Hause und warten auf die im Internet bestellte Ware. Bereits heute liegt der Anteil des Lieferverkehrs in großen Innenstädten bei 80 Prozent ­– dem E-Commerce sei Dank. Wird der Mensch überflüssig?

 

Über die digitale Entwicklung und die Folgen für unsere Gesellschaft hat Steffen Mau das Buch „Das metrische Wir – Über die Quantifizierung des Sozialen“ geschrieben. Darin kommt er zu dem Schluss, dass Schritt für Schritt eine Gesellschaft der Sternchen, Scores, Likes und Listen entsteht, in der alles und jeder ständig vermessen und bewertet wird. Ν sprach mit dem Makrosoziologen über das chinesische Social-Credit-System, über Algorithmen und die soziale Sehnsucht der Menschen.

? Kaum jemand kann vorhersagen, wie unser Leben in zehn Jahren aussehen wird. Wir ahnen aber, dass die Digitalisierung immer weiter in unser Leben eingreift und wir nichts dagegen tun können. Bewegen wir uns auf eine Big-Data-Diktatur zu?

! Diktatur würde ich nicht sagen, denn wir müssen einbeziehen, dass die Art und Weise, wie Digitalisierung funktioniert und sich auswirkt, schon stark vom politischen und sozialen Kontext abhängt. Hier agiert die chinesische Parteiführung anders als die Marktgiganten der Hightech- oder IT-Industrie in den USA und vielleicht auch europäische Länder. Ich sehe diese Entwicklung nicht notwendigerweise nur als einen Prozess, wo wir fremdbestimmt werden. Die meisten von uns beteiligen sich an dieser Datenmaschine, geben freiwillig viele persönliche Daten preis, die sich im Zweifelsfall aber auch gegen uns wenden können, und in unseren Möglichkeiten beschneiden. So entsteht ein immer engeres Datenkorsett, aus dem wir nicht so ohne Weiteres entfliehen können. In diesem Sinne sage ich, es gibt ein digitales Gehäuse der Hörigkeit – um an eine Formulierung von Max Weber anzuschließen. Es ist aber ein Gehäuse, an dem wir selbst mit bauen. Und hier ist der Unterschied zu einer Diktatur, die stärker über Fremdbestimmung von politischen Kräften oder Mächten funktioniert.

? Unser Leben funktioniert heute über Bonussysteme, Gesundheits- und Kreditkarten, Gewinnspiele im Internet und soziale Netzwerke, in denen Menschen freiwillig viel von ihrer Privatsphäre preisgeben. Wer sich dem entziehen wollte, könnte das praktisch nur, indem er im Wald ohne Mobiltelefon und Internetanschluss leben würde. Sind wir auf diese, immer schneller werdende digitale Entwicklung überhaupt vorbereitet? Realisieren wir, was mit unseren Daten geschieht?

! Es ist das grundsätzliche Problem der digitalen Entrechtung, dass wir bereitwillig viele Daten weitergeben, die dann exzessiv vernutzt und vermarktet werden. Wenn wir beispielsweise ein neues iPhone kaufen und es einschalten, werden Zehntausende von Daten weitergereicht. Nicht alle diese Daten sind notwendig, damit ein iPhone funktionsfähig ist. Aber es wird dem Käufer suggeriert, dass es unbedingt notwendig sei. So werden wir Teil oder sogar Komplizen einer großen Datenmaschinerie. Was mit den Daten tatsächlich geschieht, können wir nicht übersehen, und wir können nicht wissen, wer sie wann nutzt, denn sie werden häufig an Dritte und Vierte weiterverkauft. Dies ist das Hauptparadox des digitalen Zeitalters – dass wir zwar an Handlungsmöglichkeiten gewinnen, sich aber zugleich die individuelle Souveränität verringert. Unsere Daten eignen sich andere an, und wir werden in diesem Spiel tendenziell eher schwächer positioniert.

? In Ihrem Buch spielt unter anderem das neue Social-Credit-System der Chinesen eine Rolle. China möchte ab 2020 ein verpflichtendes Bewertungssystem für alle Bürger einführen. Wie soll das funktionieren?

! Das Social-Credit-System basiert auf Datensammlungen großer chinesischen Internetfirmen und wurde unter anderem vom Plattformunternehmen Alibaba* mitentwickelt. Die Idee ist, sämtliche verfügbaren Onlinedaten von Personen, aber auch Offlinedaten, also Daten von Behörden, Gerichten, Vermietern, Vorgesetzten und Lehrern, einzuspeisen und dann über einen Algorithmus zu einem einheitlichen Score zusammenzuführen.

? So entsteht in Zukunft ein gläserner Mensch?

! Die die einzelnen Aspekte tatsächlich gewichtet werden, wissen wir noch nicht. Bekannt ist aber, dass alles, was eine Person in sozialen Netzwerken oder auf einer Internetplattform postet, zum Beispiel etwas politisch nicht Korrektes, bewertet wird, und die Person muss für solche Meinungsäußerungen mit Punktabzug rechnen. Geht ein Mann Windeln kaufen, wird er als treusorgender Familienvater bewertet, und das ist gut für seinen Score. Wer bei Rot die Straße überquert, bekommt Punktabzug. Das Ganze wird kombiniert mit neuen biometrischen Verfahren, zum Beispiel der Gesichtserkennung im öffentlichen Raum, sodass im Prinzip alle alltäglichen Handlungen auf das „Wertigkeitskonto“ einzahlen können – alles wird gespeichert und dann zu positiven oder negativen Kontostandveränderungen führen. Verbunden wird dieses System mit ganz handfesten Lebenschancen: Zugang zum Arbeitsmarkt, zum Wohnungsmarkt, zu Konsummöglichkeiten oder zu Reisemöglichkeiten.

Das ganze Interview finden Sie im aktuellen Heft von NITRO.

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