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Übermedien reden
Foto: Bernd Lammel
Fakten vs. Meinung

Übermedien reden 

Die neue Medienkritik-Website von Stefan Niggemeier und seinem Kompagnon Boris Rosenkranz ist Anfang 2016 gestartet. Ganz wichtig: Website, nicht Blog. Niggemeier und Rosenkranz wollen mit Übermedien.de die Medienkritik zum Fulltimejob machen und verkaufen Abos zu 3,99 Euro pro Monat. Mit NITRO sprach Stefan Niggemeier über zu viel Meinung in den Medien, über seinen Tunnelblick und den Wunsch, von Übermedien gut leben zu können.

? Übermedien – was bedeutet das: Du berichtest über Medien oder Du stehst über Medien?

Übermedien bedeutet: Wir berichten über Medien. Wer möchte, kann da natürlich noch ein bisschen mehr hineininterpretieren. Aber nein, so größenwahnsinnig bin ich dann doch nicht. Wir berichten über Medien, Punkt!

? Wer sind denn wir?

!  Boris Rosenkranz und ich. Wir beide sind Übermedien, wir haben uns das alles ausgedacht. Unser Plan ist natürlich, wenn alles gut läuft, viele Leute bei uns zu beschäftigen.

? Die Zeit nennt Dich den Journalistenflüsterer. Kannst Du mit diesem Titel etwas anfangen?

!  Weiß ich nicht. Ich habe ein bisschen gefremdelt beim Lesen, denn was der Beitrag beschreibt, ist ziemlich das Gegenteil von dem, was wir wollen. Die These des Textes, wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist: Die Einzigen, die sich wirklich für differenzierte Medienkritik interessieren, sind Journalisten und damit auch die Einzigen, die bereit sind, dafür zu zahlen. Ich hoffe, der Autor hat unrecht, denn wir möchten keinen neuen Branchendienst auf den Markt bringen, sondern vor allem Leser, Zuhörer, Zuschauer erreichen, die kritisch mit den Medien umgehen und mehr über Hintergründe erfahren möchten. Ich hoffe, dass sich genug Leute finden, die für diese Informationen Geld ausgeben.

Bildblog war der Beginn von allem

? Pferdeflüsterer sind ja eigentlich dazu da, kranken Tieren zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Als Journalistenflüsterer hieße das, Du müsstest armen geschundenen Journalisten ins Ohr flüstern: Ihr seid eigentlich toll.

! Wenn damit gemeint ist, dass wir Medien kritisieren sollten, um sie dadurch besser zu machen – warum nicht. Ich würde mir dieses Etikett jetzt aber trotzdem sehr ungerne anheften. Das hat so was von Wunderheiler.

? Außerdem liegt Dir das Flüstern ja eh nicht so.

! Im Moment liegt mir das Leise aber mehr als das Laute, denn in den Medien gibt es nichts anderes mehr, und auch die Medienkritik ist total überdreht. Da halte ich mich gerne mal zurück, will nicht noch zusätzlich provozieren.

? Bildblog, Krautreporter, Niggemeier-Blog, jetzt Übermedien: Bist Du einer, der sich immer neu erfindet? Oder willst Du mit neuen Ideen auf die veränderten Zeiten reagieren?

! Ich glaube, beides. Also Bildblog war der Beginn von allem. Nach etwa sechs Jahren hatte ich dann aber das Gefühl: Okay, das reicht, ich habe alles gesagt. An Mats Schönauer, der den Bildblog jetzt macht, kann man das sehr gut beobachten: Der bringt noch eine frische Wut mit. Der schlägt die Bild auf und stöhnt: NEIN! Das kann doch nicht wahr sein! Diese Wut hatte ich nach zehn Jahren nicht mehr, sondern einen richtigen Widerwillen, mich mit diesem Mist zu beschäftigen.

 Krautreporter war für mich der erste Versuch

? Und wie lief es bei den Krautreportern?

! Krautreporter war für mich der erste Versuch, mich mit dieser Idee von Paid Content auseinanderzusetzen. Schon ein halbes Jahr, bevor Sebastian Esser auf mich zu kam, hatte ich überlegt, wie ich mit meinem Blog Geld verdienen kann. Die Krautreporter-Idee gefiel mir auch sehr gut, und ich war bereit, sie gemeinsam mit anderen auszuprobieren. Das hat für mich aber so nicht funktioniert, denn jeder machte sein Ding, es entstand keine redaktionelle Einheit, und die Leser sind daraus auch nicht richtig schlau geworden. Ich habe dabei trotzdem viel gelernt und versuche eben jetzt, mein eigenes Ding zu machen.

? Im Januar ging Übermedien an den Start. Wie ist es denn angelaufen?

! Ganz gut, aber für Statistiken ist es noch zu früh. Auf jeden Fall steigt die Zahl der Abonnenten, es gibt eine Reihe von Beiträgen, die eine hohe Aufmerksamkeit erzielen und uns bekannt machen.

? Wie viel kostet ein Abo?

!  3,99 Euro im Monat, und es ist jederzeit kündbar. Wir legen großen Wert darauf, dass die Nutzer nur angenehme Erfahrungen mit uns machen und nicht Verträge abschließen, aus denen sie nicht so einfach wieder herauskommen.

? Übermedien gibt ja im Moment noch vor allem über sich selbst Auskunft. Das Gespräch, das Du mit Giovanni di Lorenzo geführt hast, feiert MEEDIA als Glanzstück bei Übermedien, als großes Meta-Meta-Interview über Medienkritik im Allgemeinen und Niggemeier im Speziellen. Geht’s auch eine Nummer kleiner?

! Im Moment scheinen wir alle ein bisschen zwischen den Stühlen zu sitzen. Mir geht es jedenfalls so, denn die harsche Kritik an allen Medien halte ich für derart übertrieben, dass ich an manchen Stellen auch eher zum Medienverteidiger als zum Medienkritiker tendiere.

Wir brauchen mehr denn je eine nüchterne Betrachtung der Fakten

? Wer sind denn Deiner Meinung nach zu scharfe Kritiker?

Tichy in „Tichys Einblick“ oder Wolfgang Herles zum Beispiel. Natürlich gibt es wirklich viel zu kritisieren bei der ARDund dem ZDF, aber zurzeit heißt es ja nur noch: „Alles wird vorgegeben“, „Es gibt Denkverbote“, „Es gab schriftliche Anweisungen“.  Ich finde diese Kritik an den Medien übertrieben, behalte aber nichtsdestotrotz meinen kritischen Blick auf die aktuelle  Berichterstattung. Viel schlimmer finde ich diese Facebook-Welt, wo sich Leute aus drei Quellen zusammensuchen,  was ihre eigene Meinung bestätigt. Da konfrontiert einen das Fernsehen noch viel mehr mit Tatsachen, die nicht ins eigene Weltbild passen, mit denen man sich aber auseinandersetzen muss.

? Bist du der Meinung, wir haben im Journalismus zu viele Meinungen und zu wenig Fakten? 

! Ja, und ich glaube, es gibt auch zu viele gefühlte Fakten. Wir glauben zu wissen, wie irgendwas ist. Aber wer weiß es denn wirklich? Mir scheint, es gibt derzeit gar keine Übereinstimmung mehr darüber, was überhaupt passiert.

? Augstein und Tichy sind ja ein Paradebeispiel dafür…

! Oder schauen wir uns mal die ganze Aufregung um die AfD an, die ernsthaft über den Schießbefehl an der Grenze nachdenkt: Ich kann nachvollziehen, dass die Leute sich darüber empören. Aber, ehrlich gesagt, finde ich die Leute angenehmer, die sagen: Wir dröseln jetzt mal ganz in Ruhe die Rechtslage auseinander, und schauen, ob überhaupt geschossen werden darf. Ich glaube, wir brauchen mehr denn je eine nüchterne Betrachtung der Fakten, gerade, was die AfD betrifft. Die FAZhat in letzter Zeit in diesem Punkt gut und besonnen argumentiert.

Übermedien will versuchen, den Blick zu weiten

?  In den letzten Wochen ist ja einiges über dich geschrieben worden. Bisher sei Medienkritik dein Thema gewesen, jetzt wollt ihr mit Übermedienaber auch die positiven Seiten des Lebens beleuchten. Kommst du da nicht in die gefährliche Nähe von PR?

Das wollen wir auf keinen Fall. Wir wollen nur mehr thematisieren, wenn wir auf tollen Journalismus stoßen. Es gibt ja beispielsweise nicht nur Schrott im Fernsehen. Bisher haben mir Leute wie Giovanni di Lorenzo vorgeworfen, dass ich einen Tunnelblick habe und nur das Misslungene sehe. Ehrlich  gesagt, ist da was dran. Wer meinen Blog gelesen und sich daran orientiert hat, konnte sich nur eine Meinung bilden über die Medien in Deutschland: Alles nur furchtbar! Ich glaube zwar, dass Übermedien kritisch sein wird, was ich auch normal finde, weil es halt Journalismus ist. Aber wir wollen versuchen, den Blick zu weiten.

?  Kritik wird aber eher gelesen als positive Berichterstattung. 

! Nein. Ich merke das, wenn ich auf Twitter ein Hörspiel oder einen Film oder ein Buch empfehle – das kommt an bei den Leuten. Oder wenn Peter Breuer für uns über Zeitschriften schreibt, die er gut findet.

Die Zeit hat über dich geschrieben: „Nachdem sich Journalisten jetzt jahrelang von Niggemeier heimgesucht gefühlt haben, können sie jetzt dafür bezahlen, dass er ihre Eitelkeiten bedient.“ Das ist schon ziemlich harter Tobak, oder?

Dazu kann ich nur sagen: Wir machen Medienkritik und sind nicht Teil eines Verlags und haben deswegen auch keine blinden Flecken und keine Berührungsängste. Wir kritisieren und loben so, wie wir es für richtig halten –und völlig unabhängig!

? Wen beobachtest du denn im Moment in den Medien mit Wohlwollen?

Wohlwollen ist ein großes Wort.

Focus Online ist eine große Verwurstungsmaschine

? Oder mit Sachlichkeit.

Ich habe ein ganz zwiespältiges Verhältnis zur Zeit. Ich finde die Art, wie Die Zeit sich verkauft, schrecklich. Ich finde ganz viele Dinge in der Zeit merkwürdig. Ich finde aber jede Woche so viele gute Geschichten, so tolle Recherchen, so kluge Gedanken darin, dass ich sie immer wieder lese. Ich habe wirklich das Gefühl, darin steckt echt ein Pfund guter Journalismus.

? Und wo siehst du Probleme?

Focus Onlinesehe ich mit großer Sorge.

? Warum?

Weil die eigentlich noch blinder als Bild den Klicks hinterherlaufen. Ich habe bei Focus Online wirklich das Gefühl, denen ist alles egal, solange es geklickt wird. Ich glaube, selbst Bild hat da ein anderes Selbstverständnis. Ich will jetzt gar nicht Bild verteidigen, aber ich denke, dass Bild im Zweifel die Dinge wirklich recherchiert oder sich eigene Gedanken zum jeweiligen Thema macht.   Bei Focus Online ist es nur eine große Verwurstungsmaschine: Aus all dem, was alle anderen machen, das rauszusuchen und es so zu präsentieren, dass es besinnungslos Klick macht.

Am Marketing arbeiten und die Werbetrommel rühren

? Wo siehst du dich in einem Jahr mit Übermedien? Im Tessin?

Nein. Ich bin letztens schon mal gefragt worden, ob ich nicht glaube, dass Leute mir vorwerfen, dass ich jetzt nur noch Geld verdienen will. Übermedien ist nicht der Weg, reich zu werden. Aber toll wäre es natürlich tatsächlich, wenn wir ein paar tausend Abonnenten gewinnen könnten und damit die Möglichkeit hätten, ein paar Leute zu beschäftigen. Mit einem stabilen Etat könnten wir uns auch mal eine Recherche oder eine Reise leisten,     mit der eigenen Kamera irgendwohin gehen und ganz besondere Dinge machen. Das wäre das Tollste, ja.

? Du bist jetzt Unternehmer und Journalist. Schlagen da zwei Herzen in deiner Brust?

!  Ja, aber ich glaube, ich bin viel zu sehr Journalist. Ich bin mit Sascha Lobo befreundet, der mich immer wieder drängt: Ihr müsst jetzt aber mal an eurem Marketing arbeiten und die Werbetrommel rühren. Ich weiß, dass er Recht hat, und denke dann trotzdem zuerst an Inhalte. Ich bin eigentlich kein Unternehmer. Im Moment ist es Learning by Doing und Trial and Error.

?  Habt ihr denn so viel auf der hohen Kante, dass ihr euch Zeit nehmen könnt?

Nein, aber wir brauchen ja auch nicht viel.  Erst mal müssen wir die Miete fürs Büro bezahlen können. Für die Kamera und Technik haben wir auch ein bisschen Geld ausgegeben und sind da in Vorleistung gegangen, aber ehrlich gesagt kostet das ja alles viel weniger als früher – ich glaube, das kriegen wir hin.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel-Lammel

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