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Heft 23 Medien

“Alle religiösen Fanatiker sind Gläubige”

Alle religiösen Fanatiker sind Gläubige

Übersetzung: Ein Jahr danach – der Mörder ist noch immer auf freiem Fuß.
Mark Twain sagte einmal: „Die geheime Quelle von Humor ist nicht Freude, sondern Sorge. Im Himmel gibt es keinen Humor.“ Viel mehr muss man zur Einleitung dieses Textes von Gérard Biard nicht sagen. Außer, dass er der Chefredakteur der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo ist, im Januar 2015 zwölf seiner Kollegen ermordet wurden und seitdem noch viel mehr Menschen einem religiösen Wahn zum Opfer gefallen sind, der unheilbar scheint.

Vielen Dank allen, die die Meinungsfreiheit verteidigen. Heutzutage erfordert unsere Arbeit Standhaftigkeit und einen gewissen Mut. Wir leben in einer Demokratie, Meinungsfreiheit müsste deshalb selbstverständlich sein. Aber das ist nicht immer unbedingt der Fall. Natürlich, wir haben das Recht, unsere Regierung zu kritisieren, uns über sie lustig zu machen, sogar auf böse Art und Weise. Wir sind nicht in Thailand, wo das Verbrechen der Majestätsbeleidigung dazu benutzt wird, jeden der protestiert, zu knebeln, wir sind nicht in China, wo die einfache Kritik an einem Verwaltungsbeamten ein Todesurteil besiegeln kann, wir sind nicht in der Türkei, wo das Gefängnis all diejenigen erwartet, die die Allmacht des Pascha-Präsidenten in Frage stellen. Aber wenn zum Beispiel einer unserer Humoristen es wagt, einen türkischen Machthaber anzugreifen, was passiert dann? Ich gebe Ihnen nicht die Antwort, die kennen Sie so gut wie ich …
Jeden Tag machen die demokratischen Prinzipien dem totalitären Diktat Zugeständnisse. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Realpolitik, die diplomatischen Feigheiten, die verschiedenen politischen Kompromisse, natürlich. Aber es gibt auch noch etwas anderes, bei dem man dachte, dass es längst Vergangenheit sei: die Ehrerbietung, auf der man beharrt, vor allem in Sachen Religion. Auch dann, wenn Religion zum politischen Programm wird. Auch dann, wenn sie der Zugang zum Totalitarismus ist. Auch dann, wenn sie Terrorismus rechtfertigt. Das religiöse Denken beherrscht heute alle anderen Denkweisen.
Machen Sie einen Versuch. Beteiligen Sie sich an einer Debatte über das Göttliche – das ist sehr einfach, solche Debatten gibt es überall, auch in sehr laizistischen Ländern wie Frankreich – und bekennen Sie sich zu Ihrem Glauben, an was auch immer, sagen Sie, dass Sie an die unbefleckte Empfängnis glauben, an die Vorhersagen Nostradamus‘, an die Offenbarungen des Necronomicon, an die Klingonen, an die Korriganen, an die Selbstregulierung des Marktes, an die Rückkehr Elvis‘, an was Sie wollen. Die Reaktion Ihrer Gesprächspartner wird immer gleich sein: Man wird Sie mit Wohlwollen und Interesse betrachten, ohne auch nur den Schatten eines Grinsens. Sagen Sie hingegen, dass Sie an keine Gottheit glauben, und dass für Sie Gott nur eine Behauptung ist, die weit davon entfernt ist, bewiesen zu werden, eine erfundene Konstruktion, die dem Leben Sinn geben soll, ganz oft, um eine mehr als irdische und mehr als ausschließliche Macht auszuüben, dann wird man Sie anschauen, als hätten Sie sich gerade in die Krawatte ihres Nachbarn geschnäuzt. Im Namen des vermeintlichen „Respekts“ wird es immer schwerer zu sagen, dass man nicht an Gott glaubt.
Die Religion hat sich wieder als eine Naturwissenschaft durchgesetzt, es ist unangebracht, die Existenz Gottes zu leugnen oder sogar in Frage zu stellen. Der, der es wagt, einem Gläubigen zu widersprechen, wird als rüpelhaft und intolerant dargestellt. Auf der Werteskala des Denkens hat Tariq Ramadan Voltaire überholt.
Wir wissen seit Darwin, dass der Mensch nicht von einem Handwerkergott aus Lehm geschaffen wurde. Wir wissen seit Edwin Hubble und dem Beweis des Big Bang, dass das Universum nicht in sechs Tagen, sondern in Milliarden von Jahren erschaffen wurde. Trotzdem respektiert man heutzutage den Gläubigen mehr als den Gelehrten. Wir schreiten immer weiter fort in der Erkenntnis des Lebendigen, jeder Tag bringt uns den Beweis, dass Zweifel und die wissenschaftliche Forschung die sichersten aller Antworten sind, die man dem Ungewissen entgegenhalten kann, aber wir handeln, als wären wir mit unserer Vernunft im Stadium des Höhlenmenschen geblieben, der versucht, das, was er nicht kennt oder was ihm Angst macht, durch eine höhere und allmächtige Kraft zu erklären.
Jede Stunde werden Frauen und Männer auf dem ganzen Planeten massakriert, gefoltert, terrorisiert, gefangen gehalten im Namen von Religionen, die so verschieden wie weithergeholt sind, die sich manchmal gegenseitig um das Recht bekämpfen, sich Dogmen zunutze zu machen, die mindestens lächerlich, schlimmstenfalls 
kriminell sind, ganz oft beides. Aber es ist der frei Denkende, der sich schämen und der schweigen soll. Es ist der laizistische Demokrat, den man als „Fundamentalisten“ behandelt, als „islamophob“, als „Rassisten“ und der als ungebetener Gast in der Debatte gilt. Das Religiöse scheint den Krieg des Denkens gewonnen zu haben. Der Glaube an Gott ist heute die einzige Meinung, denn es ist eine, die aus Prinzip keiner Kritik unterliegt, keiner Infragestellung. Sogar in extremistischer Form, sogar, wenn sie in Konflikt mit den Gesetzen und den demokratischen Werten steht, wird sie als von Natur aus ehrbar erklärt. Zu sagen, „ich werde dich töten“, ist strafbar, aber zu sagen, „ich werde dich im Namen Gottes töten“, gilt als mildernder Umstand. In einer gefährlichen Mischung aus Angst – die wir in „Respekt“ umbenennen – und intellektueller Faulheit, unterwerfen wir uns dem Schlimmsten, indem wir uns hinter einer Illusion verstecken: der Fana­tismus sei nur eine Ausnahme, die die Regel bestätige, dass Religionen Frieden und Liebe predigten. Die Mehrzahl der Gläubigen sind keine religiösen Fanatiker. Aber alle religiösen Fanatiker sind Gläubige, das darf man nicht vergessen. Wenn Religion Politik macht, spricht sie nicht von Liebe, sie spricht von der Eroberung der Macht. Und das stimmt besonders für den Extremismus, der mit Allahs Stempel versehen ist.
In einer Demokratie ist der größte Feind der Meinungsfreiheit nicht die Zensur, sondern die Selbstzensur. Unter dem Vorwand, dass der Glaube als universell und von allen geteilt und aus Prinzip ehrbar sei, wenn nicht sogar unantastbar, lähmt uns Religion, wir sind unfähig, ihr gegenüberzutreten, wie man einer anderen totalitären Ideologie entgegentreten würde, sogar dann, wenn sie alle Merkmale einer solchen totalitären Ideologie zeigt, wie das beim Islamismus der Fall ist.
Wir sind uns einig, dass sich auf dem Papier alle religiösen Fundamentalismen gleichen. Aber der heutige radikale Islam weist eine Besonderheit auf, die seine Konkurrenten nicht haben: ....weiterlesen in der Printausgabe (Der vollständige Artikel wird freigeschaltet, wenn die nächste Printausgabe erscheint)


Im Mai war Gérard Biard zu einer Veranstaltung der Berliner Landespressekonferenz eingeladen. Weil Biard wegen eines Sportunfalls nicht nach Berlin kommen konnte, wurde dieser Text vom stellvertretenden Chefredakteur verlesen.

 

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