Jetzt bestellen!

Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo: Alle religiösen Fanatiker sind Gläubige
Medien

Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo: Alle religiösen Fanatiker sind Gläubige 

Mark Twain sagte einmal: „Die geheime Quelle von Humor ist nicht Freude, sondern Sorge. Im Himmel gibt es keinen Humor.“ Viel mehr muss man zur Einleitung dieses Textes von Gérard Biard nicht sagen. Außer, dass er der Chefredakteur der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo ist, im Januar 2015 zwölf seiner Kollegen kaltblütig ermordet wurden und seitdem noch viel mehr Menschen einem religiösen Wahn zum Opfer gefallen sind, der unheilbar scheint.

Von Gerard Biard

Vielen Dank allen, die die Meinungsfreiheit verteidigen. Heutzutage erfordert unsere Arbeit Standhaftigkeit und einen gewissen Mut. Wir leben in einer Demokratie, Meinungsfreiheit müsste deshalb selbstverständlich sein. Aber das ist nicht immer unbedingt der Fall. Natürlich, wir haben das Recht, unsere Regierung zu kritisieren, uns über sie lustig zu machen, sogar auf böse Art und Weise. Wir sind nicht in Thailand, wo das Verbrechen der Majestätsbeleidigung dazu benutzt wird, jeden der protestiert, zu knebeln, wir sind nicht in China, wo die einfache Kritik an einem Verwaltungsbeamten ein Todesurteil besiegeln kann, wir sind nicht in der Türkei, wo das Gefängnis all diejenigen erwartet, die die Allmacht des Pascha-Präsidenten in Frage stellen. Aber wenn zum Beispiel einer unserer Humoristen es wagt, einen türkischen Machthaber anzugreifen, was passiert dann? Ich gebe Ihnen nicht die Antwort, die kennen Sie so gut wie ich …

Das religiöse Denken beherrscht heute alle anderen Denkweisen

Jeden Tag machen die demokratischen Prinzipien dem totalitären Diktat Zugeständnisse. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Realpolitik, die diplomatischen Feigheiten, die verschiedenen politischen Kompromisse, natürlich. Aber es gibt auch noch etwas anderes, bei dem man dachte, dass es längst Vergangenheit sei: die Ehrerbietung, auf der man beharrt, vor allem in Sachen Religion. Auch dann, wenn Religion zum politischen Programm wird. Auch dann, wenn sie der Zugang zum Totalitarismus ist. Auch dann, wenn sie Terrorismus rechtfertigt. Das religiöse Denken beherrscht heute alle anderen Denkweisen.

Machen Sie einen Versuch. Beteiligen Sie sich an einer Debatte über das Göttliche – das ist sehr einfach, solche Debatten gibt es überall, auch in sehr laizistischen Ländern wie Frankreich – und bekennen Sie sich zu Ihrem Glauben, an was auch immer, sagen Sie, dass Sie an die unbefleckte Empfängnis glauben, an die Vorhersagen Nostradamus‘, an die Offenbarungen des Necronomicon, an die Klingonen, an die Korriganen, an die Selbstregulierung des Marktes, an die Rückkehr Elvis‘, an was Sie wollen. Die Reaktion Ihrer Gesprächspartner wird immer gleich sein: Man wird Sie mit Wohlwollen und Interesse betrachten, ohne auch nur den Schatten eines Grinsens. Sagen Sie hingegen, dass Sie an keine Gottheit glauben, und dass für Sie Gott nur eine Behauptung ist, die weit davon entfernt ist, bewiesen zu werden, eine erfundene Konstruktion, die dem Leben Sinn geben soll, ganz oft, um eine mehr als irdische und mehr als ausschließliche Macht auszuüben, dann wird man Sie anschauen, als hätten Sie sich gerade in die Krawatte ihres Nachbarn geschnäuzt. Im Namen des vermeintlichen „Respekts“ wird es immer schwerer zu sagen, dass man nicht an Gott glaubt.

Auf der Werteskala des Denkens hat Tariq Ramadan Voltaire überholt

Die Religion hat sich wieder als eine Naturwissenschaft durchgesetzt, es ist unangebracht, die Existenz Gottes zu leugnen oder sogar in Frage zu stellen. Der, der es wagt, einem Gläubigen zu widersprechen, wird als rüpelhaft und intolerant dargestellt. Auf der Werteskala des Denkens hat Tariq Ramadan Voltaire überholt.

Wir wissen seit Darwin, dass der Mensch nicht von einem Handwerkergott aus Lehm geschaffen wurde. Wir wissen seit Edwin Hubble und dem Beweis des Big Bang, dass das Universum nicht in sechs Tagen, sondern in Milliarden von Jahren erschaffen wurde. Trotzdem respektiert man heutzutage den Gläubigen mehr als den Gelehrten. Wir schreiten immer weiter fort in der Erkenntnis des Lebendigen, jeder Tag bringt uns den Beweis, dass Zweifel und die wissenschaftliche Forschung die sichersten aller Antworten sind, die man dem Ungewissen entgegenhalten kann, aber wir handeln, als wären wir mit unserer Vernunft im Stadium des Höhlenmenschen geblieben, der versucht, das, was er nicht kennt oder was ihm Angst macht, durch eine höhere und allmächtige Kraft zu erklären.

Das Religiöse scheint den Krieg des Denkens gewonnen zu haben

Jede Stunde werden Frauen und Männer auf dem ganzen Planeten massakriert, gefoltert, terrorisiert, gefangen gehalten im Namen von Religionen, die so verschieden wie weithergeholt sind, die sich manchmal gegenseitig um das Recht bekämpfen, sich Dogmen zunutze zu machen, die mindestens lächerlich, schlimmstenfalls kriminell sind, ganz oft beides. Aber es ist der frei Denkende, der sich schämen und der schweigen soll. Es ist der laizistische Demokrat, den man als „Fundamentalisten“ behandelt, als „islamophob“, als „Rassisten“ und der als ungebetener Gast in der Debatte gilt. Das Religiöse scheint den Krieg des Denkens gewonnen zu haben. Der Glaube an Gott ist heute die einzige Meinung, denn es ist eine, die aus Prinzip keiner Kritik unterliegt, keiner Infragestellung. Sogar in extremistischer Form, sogar, wenn sie in Konflikt mit den Gesetzen und den demokratischen Werten steht, wird sie als von Natur aus ehrbar erklärt. Zu sagen, „ich werde dich töten“, ist strafbar, aber zu sagen, „ich werde dich im Namen Gottes töten“, gilt als mildernder Umstand. In einer gefährlichen Mischung aus Angst – die wir in „Respekt“ umbenennen – und intellektueller Faulheit, unterwerfen wir uns dem Schlimmsten, indem wir uns hinter einer Illusion verstecken: der Fanatismus sei nur eine Ausnahme, die die Regel bestätige, dass Religionen Frieden und Liebe predigten. Die Mehrzahl der Gläubigen sind keine religiösen Fanatiker. Aber alle religiösen Fanatiker sind Gläubige, das darf man nicht vergessen. Wenn Religion Politik macht, spricht sie nicht von Liebe, sie spricht von der Eroberung der Macht. Und das stimmt besonders für den Extremismus, der mit Allahs Stempel versehen ist.

Der radikale Islam verfügt über starke Staaten

In einer Demokratie ist der größte Feind der Meinungsfreiheit nicht die Zensur, sondern die Selbstzensur. Unter dem Vorwand, dass der Glaube als universell und von allen geteilt und aus Prinzip ehrbar sei, wenn nicht sogar unantastbar, lähmt uns Religion, wir sind unfähig, ihr gegenüberzutreten, wie man einer anderen totalitären Ideologie entgegentreten würde, sogar dann, wenn sie alle Merkmale einer solchen totalitären Ideologie zeigt, wie das beim Islamismus der Fall ist.

Wir sind uns einig, dass sich auf dem Papier alle religiösen Fundamentalismen gleichen. Aber der heutige radikale Islam weist eine Besonderheit auf, die seine Konkurrenten nicht haben: Er verfügt über starke Staaten, die ihm dienen, die ihn fördern, ihn finanzieren, ihn umsetzen. Staaten, die anerkannt sind, die auf Meeren aus Öl sitzen und einen Sitz bei der UNO haben und die nicht besonders bekannt dafür sind, dass sie an Menschenrechten und an demokratischen Werten hängen würden. Das ändert alles. Diesen Parameter müssten wir aufnehmen, wenn wir über den Islamismus schreiben, zeichnen, nachdenken.

Rassismus, soziale Diskriminierung, ökonomische Risse

Stattdessen haben wir uns durch die islamistische Propaganda täuschen lassen, die es geschafft hat, uns davon zu überzeugen, dass ihre Ideologie zu kritisieren bedeutet, alle Muslime zu kritisieren, was konsequenterweise rassistisch ist. Weil er sich auf eine Religion beruft, hat es der totalitäre Islamismus geschafft, uns seine Vision der sozialen und politischen Organisation aufzuzwingen. Er hat uns gesagt, dass Muslime Gläubige sind, und dass sie zuerst Gläubige sind, bevor sie Bürger sind. Und wir haben es als vollendete Tatsache akzeptiert. Auch für die Bevölkerung muslimischer Herkunft, die in unserem Land lebt. Es stimmt, dass es auch bequemer ist: Ein religiöses Recht zuzugestehen ist einfacher als ein politisches oder soziales Recht zuzugestehen. Der Rassismus, die soziale Diskriminierung, die ökonomischen Risse, die Ablehnung sind Realitäten, die angeprangert und bekämpft werden müssen. Aber sie werden nicht durch Religion bekämpft werden, die Frauen und Männern niemals mehr Rechte verliehen hat, die im Gegenteil immer versucht hat, ihnen welche zu entziehen. Es ist skandalös, dass ein Teil der Linken und der Linksradikalen sich stärker dafür eingesetzt hat, dass muslimische Frauen eine Burka tragen dürfen, als dafür, dass sie einen angemessenen Lohn bekommen und den Platz, der ihnen in der Gesellschaft zusteht. Er [dieser Teil der Linken und Linksradikalen, A.d.Ü.] hat, aus wahlpolitischem Kalkül, die Verwechslung aufrechterhalten zwischen einem religiösen Recht, das sich auf Untergebenheit gründet, und einem sozialen Recht, das auf Emanzipation abzielt … Schlimmer noch, er hat sich absichtlich entschieden, die Millionen Frauen auf der ganzen Welt zu verachten, die unter der permanenten Bedrohung leben, beleidigt, geschlagen, eingesperrt zu werden, wenn sie die „Keuschheit“ und die „Anständigkeit“ nicht akzeptieren, die ihnen die totalitären Religiösen aufzwingen wollen. Es reicht nicht „bring back our girls“ auf Twitter zu schreiben. Man muss den Mut haben, ihren Entführer beim Namen zu nennen. Und ihr Entführer, das ist Gott.

Menschenrechte im Iran, in Saudi-Arabien, in Afghanistan werden mit den Füßen getreten

Wenn wir nicht wollen, dass unsere Meinungsfreiheit und ganz allgemein unsere Freiheiten immer stärker angegriffen werden, dann müssen wir uns Gottes entledigen, wenn wir über Politik reden. Und wenn er sich in der politischen Debatte einnistet, müssen wir ihn wie jede andere politische Kraft betrachten. Wir müssen in der Lage sein, ihn zu kritisieren, ihn anzugreifen, ihn sogar zu beleidigen. Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, dass die Gesetze, die Menschenrechte im Iran, in Saudi-Arabien, in Katar, in Afghanistan mit den Füßen treten, religiöse Gesetze sind. Wir müssen uns daran erinnern, dass die Journalisten von Cumhuriyet im Namen eines religiösen Gesetzes zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurden, dass der IS, al-Quaida oder Boko Haram im Namen Gottes massakrieren, vergewaltigen und foltern.

Charlie Hebdo ist eine laizistische, fröhliche und atheistische Zeitschrift. Gott hat dort seinen Platz nur mit einer Feder am Hintern, für den Mythos, oder mit Händen voller Blut für alle Massaker, die in seinem Namen und zu seiner Ehre begangen wurden. Es heißt, dass wir „intolerant“ seien. Das ist möglich. Aber was fanatische Religiöse Millionen Menschen auf der ganzen Welt antun – kann man das tolerieren?


Im Mai war Gérard Biard zu einer Veranstaltung der Berliner Landespressekonferenz eingeladen. Weil Biard wegen eines Sportunfalls nicht nach Berlin kommen konnte, wurde dieser Text vom stellvertretenden Chefredakteur verlesen.

  • Übersetzung Lea Berger: Ein Jahr danach – der Mörder ist noch immer auf freiem Fuß

Ähnliche Beiträge