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Heft 1-2022 | NACHHALTIGKEIT
Wir denken europäisch
© Bernd Lammel
Fernsehen

Wir denken europäisch 

Seit 2006 ist Carolin Ollivier bei arte in Straßburg, 2014 wird sie Redaktionsleiterin des arte-Journals. Im Interview macht sie deutlich, dass sie nicht mehr zwischen deutschen oder französischen Themen abwägt, sondern längst eine europäische Perspektive eingenommen hat. Und die 48-Jährige hat ein ungewöhnliches Problem: Sie braucht mehr Männerstimmen im Sender …

? Carolin Ollivier, arte wird in diesem Jahr 30 Jahre alt, Sie arbeiten seit 15 Jahren in verschiedenen Positionen bei arte, und seit 2014 sind Sie Redaktionsleiterin des arte-Journals. Wie sind Sie vor 15 Jahren zu arte gekommen?

! Ich arbeitete vor 15 Jahren in Deutschland bei der AVE-Fernsehproduktionsgesellschaft und hatte dort die Gelegenheit, ganz unterschiedliche Fernsehformate kennenzulernen – einige davon waren Zulieferformate für arte. Als mein Mann, er ist Franzose, nach Straßburg versetzt wurde, bewarb ich mich bei arte, wurde zunächst Pigiste (freie Mitarbeiterin) und hatte später das Glück, eine freie Stelle zu bekommen.

? Wie sind Sie Redaktionsleiterin des arte-Journals geworden?

! Es ging step by step. Ich war zunächst Redakteurin, Reporterin, habe in der Planung gearbeitet, war Moderation und Korrespondentin in Brüssel. So habe ich arte von vorne und hinten, oben und unten kennengelernt, und das war die Basis, von der ich noch immer profitiere. Ich weiß genau, wo welche Stärken, Zwänge, Grenzen und Möglichkeiten bestehen, kann die verschiedenen Positionen und Interessen nachvollziehen, und das hilft mir als Redaktionsleiterin, ein interessantes Programm zu machen, aber auch Türen zu öffnen, Lösungen zu finden und Konflikte zu entschärfen.

? Sie verstehen, wie arte funktioniert …

! Absolut. Es ist außerdem von Vorteil, dass ich mir den Blick von außen bewahrt habe, weil ich Erfahrungen bei anderen Redaktionen, anderen Sendungen, anderen Sendern außerhalb von arte hatte und andere Sichtweisen kennengelernt habe. Das ist wichtig, um sich immer wieder glücklich zu schätzen, weil arte ein besonderer Sender ist.

? Für wie viele Mitarbeiter sind Sie verantwortlich?

! Es sind etwa 80 Mitarbeiter. Dazu gehören sowohl Journalisten als auch Übersetzer, Dokumentaristen, Moderatoren und die Kollegen aus dem Web-Editing und außerdem arbeiten Freie für arte.

? Wie ist der Anteil Männer-Frauen?

! Etwa 50 Prozent Frauen und Männer.

? Das ist mehr als in den meisten Sendern und Redaktionen.

! Ja, das ist sehr positiv. Besonders, wenn ich mir die ganz junge Generation ansehe, sind es mehrheitlich Frauen. Inzwischen denke ich manchmal, es wäre gut, wenn wir noch ein paar mehr junge Männer hätten. Dabei denke ich vor allem an die Stimmen, die Texte einsprechen, und da brauchen wir im Moment vor allem Zuwachs an Männerstimmen, da gibt es fast einen Mangel.

? Wie viele Ressorts hat die Redaktion von arte-Journal?

! Wir haben kein klares Ressortsystem in dem Sinne, dass wir in Politik, Wirtschaft oder Kultur unterteilen. Bei uns funktioniert es so: Ein Kollege ist für die Kulturkoordination zuständig, aber jeder Journalist bietet für jeden Themenbereich Geschichten an. Also jeder Journalist kann sowohl Kulturreportagen als auch Politik-, Gesellschafts- oder Wirtschaftsreportagen machen. Das hat praktische Gründe in der Effektivität, und es macht inhaltlich Sinn. Nehmen wir das Beispiel Kultur: Die bewegt sich bei uns zwischen Kultur und Gesellschaft im culture-société, denn die Kultur ist für mich ein Teil der Gesellschaft und soll kein abgegrenzter Bereich sein. Ich bevorzuge Themen, die auch davon handeln, welche Rolle die Kunst in der Gesellschaft spielt, wie Künstler leben. Oder es können wirtschaftliche Themen sein. Wie sieht es zum Beispiel für die Kinos wirtschaftlich aus? In Frankreich gab es eine große Welle von protestierenden Kulturschaffenden, die auf ihre sozialen Bedingungen aufmerksam gemacht haben, und wir haben darüber berichtet. All das kann man nicht trennen, und ich finde, dass die Kollegen vieles im Blick und auf dem Schirm haben sollten.

? Von der Redaktion des arte-Journal und seiner Redaktionsleiterin kennen die meisten wenig. Wie sieht Ihr Tag aus?

! Als Erstens schalte ich morgens das Radio ein – zuerst Deutschlandfunk, dann France Info. Sobald ich in der Redaktion am Schreibtisch sitze, schaue ich in die Nachrichtenagenturen und klicke mich durch diverse europäische Medien und Soziale Netzwerke. So bekomme ich einen ersten Überblick über die Themenlage. Und dann geht es weiter mit einer ersten Telefonkonferenz mit den festen Korrespondentenbüros in Paris, Berlin, Brüssel und dem Chef vom Dienst. Anschließend erstellen wir anhand der Themenlagen einen Conducteur – einen Ablauf mit Themen, die wir gerne behandeln wollen, und legen die Reihenfolge fest. Danach gibt es ein erstes Grobkonstrukt. Diese Themen-Vorschläge tragen wir in die erste Redaktionskonferenz und diskutieren sie mit der Redaktion. Die besteht zu 50 Prozent aus französischen und deutschen Kollegen, die auch noch einmal ihre Perspektive einbringen. Anschließend bekommt jeder Journalist sein Thema zugeteilt und beginnt mit der Recherche.

Sobald das auf die Schiene gesetzt ist, beginnt für mich der andere Teil des Tages. Gerade stehen wir vor großen Reformen in der Redaktion, wir verstärken unsere Präsenz im Internet und in den Sozialen Netzwerken, kreieren neuen Formate. Außerdem beschäftige ich mich mit der langfristigeren Planung von Themen und Sondersendungen, zum Beispiel zu den Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Dann gibt es große und kleine Fragen des Workflows, der Produktion, in Straßbourg oder auch in den Korrespondentenbüros. Auch Management gehört dazu, denn ich bin ja nicht nur für den Inhalt, sondern auch für die Mitarbeiter verantwortlich. Das Schönste daran ist, dass ich nie den gleichen Alltag habe. Jeder Tag sieht total anders aus, und ich finde es immer wieder großartig, wenn ich sehe, wie Deutsche und Franzosen zusammenarbeiten und ein gemeinsames Programm machen.

Lesen Sie das ganze Interview in der aktuellen Ausgabe.

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