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Traumländer und Wunschziele auf der ITB in Berlin
Foto © Bernd Lammel
Ausland

Traumländer und Wunschziele auf der ITB in Berlin 

Die Messe Berlin ist eines der erfolgreichsten Wirtschaftsunternehmen Berlins, das schwarze Zahlen schreibt und der Hauptstadt Jahr für Jahr viele Millionen in die Kassen spült. Die Grüne Woche (IGW), die Internationale Funkausstellung (IFA) und die weltgrößte Tourismusmesse ITB Berlin sind Besuchermagnete, die Hunderttausende aufs Messegelände neben dem Berliner Funkturm locken.  NITRO sprach mit Emanuel Höger, seit 2016 Kommunikationschef der Messe Berlin, über die Komplexität des Messewesens, die Konkurrenz im Messegeschäft und die ITB, deren Partnerland in diesem Jahr Mecklenburg-Vorpommern ist.

Knapp 180 000 Besucher informieren sich jedes Jahr auf der ITB Berlin bei Ausstellern aus 180 Ländern über ihre nächsten Urlaubsziele.

? Sie sind seit zwei Jahren Kommunikationschef und Pressechef der Messe Berlin. Die Messe hat sich zu einem profitablen Berliner Wirtschaftsunternehmen entwickelt. Wenn Sie auf die vergangenen zwei Jahre zurückblicken, was waren Ihre größten Herausforderungen?

!Die größte Herausforderung war, die ganze Komplexität des Messewesens und die Kommunikation im Messebereich in ihren vielen Dimensionen nachzuvollziehen. Die 20 Mitarbeiter der Pressestelle betreuen jedes Jahr zwischen 25 000 und 30 000 Journalisten, deshalb muss die Pressestelle klar strukturiert sein. Die Kommunikation eines Messeunternehmens unterscheidet sich von anderen Unternehmen darin, dass wir von BtoB-Geschäftsbeziehungen bis hin zu Consumer-Themen alles machen – die Grüne Woche, die IFA, die InnoTrans und die ITB Berlinals führende Tourismusmesse der Welt.

Foto: Bernd Lammel

Berlin hat 60 Millionen Euro mehr direkte Steuereinnahmen pro Jahr

? Die Messe Berlin zählt zu den zehn umsatz- und wachstumsstärksten Messen weltweit. Sie betreuen jedes Jahr 30 000 Journalisten aus dem In- und Ausland. Die ITB Berlin als weltweit führende Tourismusmesse, die InnoTrans und die Internationale Funkausstellung locken tausende Aussteller nach Berlin und machen die Messe Berlin zu einem Erfolgs-Unternehmen des Landes Berlin. Wieviel spült die Messe Berlin dem Land Berlin jedes Jahr in die Kassen?

! Mit der Stadtrendite und der Umwegrendite sind es 1,7 Milliarden Euro. Eine Studie, die wir mit der Investitionsbank Berlin gemacht haben, hat ergeben: Das Land Berlin hat 60 Millionen Euro mehr direkte Steuereinnahmen pro Jahr durch die Messe Berlin. Wir sind ein profitables Unternehmen.

? Sie schreiben schwarze Zahlen?

Ja.

? Wer erfolgreich ist, muss erfolgreich bleiben. Die Messe Berlin muss demnach Jahr für Jahr wachsen. Wie wollen Sie das perspektivisch realisieren?

!Natürlich ist es schwer, Wachstum aus sich selbst heraus immer neu zu generieren, und wir haben in den letzten zehn Jahren einen sehr starken Wachstumspfad zurückgelegt. Aber ein einziger Wachstumspfad ist nicht ausreichend, deshalb ist die Aufgabenstellung, weitere Pfade auszubauen. Wir sind deshalb mit diversen Messen im Ausland aktiv – mit der ITB zum Beispiel 2017 zum ersten Mal in China. Das möchten wir weiter ausbauen, und auch am Standort Berlin wollen wir natürlich weiter wachsen.

Der Markt für Kongresse wächst

? Wie?

Die Messe ist sehr gut gebucht, wir gehören zu den am besten gebuchten Messen in Deutschland. Um zu wachsen, müssen wir das Messegelände noch besser auslasten, deshalb sind wir immer an neuen Veranstaltungen und Formaten interessiert. Im Moment ist der Trend, dass der Markt für Kongresse wächst. Viele Messen haben einen Kongressteil oder Kongresse einen Messeteil. Aktuell bauen wir mit dem HUB27 eine multifunktionale Halle mit knapp 10.000m² Grundfläche, die im Frühjahr 2019 fertiggestellt wird

? Seit mehr als 52 Jahren gibt es die ITBin Berlin. Sie fand 1966 zum ersten Mal statt, und auch in diesem Jahr präsentieren sich auf der ITB wieder über 180 Länder. Wie lange vorher wird ein Partnerland ausgewählt?

! Das ist sehr unterschiedlich. Es können fünf oder mehr Jahre Vorlaufzeit sein, manchmal sind es nur ein oder zwei Jahre. Wenn ein Land zu einem bestimmten Anlass – zum Beispiel zum Jahrestag einer Staatsgründung, einem anderen Jubiläum oder zur Eröffnung eines neuen Naturparks ein neues Tourismuskonzept vorstellen möchte, kann die Bewerbung schon mal fünf Jahre vorher bei uns eingehen, damit ausreichend Zeit für die Vorbereitung und die Verhandlungen bleibt und das Land und wir Planungssicherheit haben.

Am Ende entscheidet das nachhaltigste Messe-Konzept

? Gibt es bestimmte Auswahlkriterien?

Es gibt kein festgelegtes Prozedere, jedes Land kann sich bei uns bewerben – national oder international. Die Länder reichen eine Bewerbung ein, und am Ende entscheidet das nachhaltigste Messe-Konzept, wer den Zuschlag erhält, Partnerland der ITB zu werden.

? Welches ist das Partnerland der ITB Berlin 2018?

! In diesem Jahr ist Mecklenburg-Vorpommern das Partnerland der ITB.

? Warum ist die Wahl 2018 auf Mecklenburg-Vorpommern gefallen?

! Mecklenburg-Vorpommern setzt sehr stark auf nachhaltigen Tourismus, und ein ganzjähriges Engagement für Nachhaltigkeit ist für die ITB Berlin schon längst selbstverständlich–  sowohl ökologisch als auch sozial. Dazu hat die Bewerbung von Mecklenburg-Vorpommern sehr gut gepasst.

Zusammenarbeit mit Mecklenburg-Vorpommern komplett CO2-neutral

? Was hat Sie am Konzept von Mecklenburg-Vorpommern überzeugt?

! In Mecklenburg-Vorpommern können die Urlauber ihren Aufenthalt CO2-neutral gestalten. Möglich ist dies mithilfe der sogenannten Waldaktie. Die kann man erwerben und damit werden für zehn Euro jeweils fünf Quadratmeter Mischwald gepflanzt. Im Oktober fand in Göhren-Lebbin an der Mecklenburgischen Seenplatte eine öffentliche Baumpflanzung statt, bei der die ITB Waldaktien-Inhaberin geworden ist. Um noch einmal zu unterstreichen, wie wichtig es ist, dass der CO2-Ausstoß verringert wird, gibt es auf der Eröffnungsveranstaltung der ITB eine Premiere. Zum ersten Mal seit Bestehen der Messe Berlin wird die Eröffnungsfeier 2018 in Zusammenarbeit mit Mecklenburg-Vorpommern komplett CO2-neutral gestaltet werden.

? Die ITB expandiert weltweit. In Shanghai gibt es inzwischen ein Pendant zu Berlin. Machen Sie sich damit keine Konkurrenz im eigenen Marktsegment?

! Im Gegenteil, wir sichern damit den Markt. Es ist doch besser, wir bieten unsere eigene Reisemesse in China an, bevor es ein Konkurrent tut.Schon lange hat sich die ITB als internationale Marke etabliert. Mit ihren Leitmessen ist sie in Berlin und Singapur in den stärksten Wachstumsmärkten präsent und gilt in der touristischen Fachwelt als Trendsetter. Genau das transportieren wir auch nach China.

Tradition allein ist kein Geschäftsmodell

? Sie setzen auf Synergieeffekte?

! Genau. Wir sehen darin keine Kannibalisierung, sondern exportieren auch andere Messen.

? Welche?

!  Es gibt inzwischen die CE China als Ableger der IFA, und auch die Fruit Logistica findet inzwischen in Asien statt. Allerdings sind wir nicht die einzigen, die Messen exportieren, denn unsere Mitbewerber schlafen keinesfalls.

? Die Messe Berlin ist sehr erfolgreich, muss sich aber gegen ihre Mitbewerber an den Messestandorten Frankfurt, München und Hannover durchsetzen. Das Argument, dass Berlin eine lange Tradition hat, hilft im Wettbewerb der Messen sicher nur bedingt. Worauf setzen Sie?   

! Traditionsveranstaltungen wie die Grüne Woche oder die ITB Berlin haben natürlich einen Wert. Aber Tradition allein ist kein Geschäftsmodell, damit überzeugen Sie die Geschäftspartner auf Dauer nicht. Das Verhältnis zu anderen Messegesellschaften ist freundschaftlich, aber natürlich stehen wir in Konkurrenz, denn das Messegeschäft ist hart. Jede Messegesellschaft versucht Marktanteile zu gewinnen – wir natürlich auch. Die Verträge mit Messen laufen in der Regel zwei bis drei Jahre, dann werden sie meist neu aufgelegt. Das heißt, wir müssen Vertragspartner immer wieder überzeugen, dass der Standort Berlin genau der richtige für ihre Themen ist. Das Messegeschäft ist sehr volatil. Es gibt Messen, die ein paar Jahre sehr groß sind und dann plötzlich vom Markt verschwinden. Ein Beispiel ist die Bread and Butter. Die war ein Highlight in Berlin, viel beachtet und sehr erfolgreich und dann innerhalb eines Jahres verschwunden.

Preis-Leistungs-Verhältnis ist in Berlin attraktiv

? Berlin ist hip und angesagt, ein Touristenmagnet. Ist dieser Sog, nach Berlin zu kommen, auch bei den Ausstellern groß?

! Berlin zieht natürlich unheimlich, nicht nur im Messewesen, sondern auch im Kongresswesen und da vielleicht noch stärker. Berlin ist eine attraktive Stadt, das Messegelände ist innerstädtisch leicht und schnell erreichbar. Vom Südeingang sind die Besucher in fünzehn Minuten an der Friedrichstraße. Das ist perfekt.

? Der Standort ist ein großer Vorteil.

! Absolut – und die Hotellandschaft in Berlin ebenfalls. 75 bis 80 Prozent der Hotelbetten sind ja erst nach dem Mauerfall entstanden, und das bedeutet, sie sind relativ modern. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis ist in Berlin im Gegensatz zu anderen deutschen Städten und im internationalen Vergleich mit Paris, London oder New York sehr attraktiv.

? Wo machen Sie in diesem Jahr Urlaub?

! Ich werde in diesem Jahr in Mecklenburg-Vorpommern auf Usedom Urlaub machen. Die Ostsee steht schon länger auf der Liste meiner Urlaubsziele, und in diesem Jahr sind Meer, Strand und hoffentlich Sonne angesagt.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel

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