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Tourismuswissenschaften: Boomendes Stiefkind
Foto © Bernd Lammel
Ausland

Tourismuswissenschaften: Boomendes Stiefkind 

Die Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaft e. V. (DGT) versteht sich als kompetenter Ansprechpartner bei Fachthemen der Tourismuswissenschaft. NITRO sprach mit Prof. Dr. Roland Conrady, seit Dezember 2012 Präsident der DGT, über den Stellenwert des Tourismus und der Tourismuswissenschaft in Deutschland.

? Herr Prof. Conrady, seit Dezember 2012 sind Sie der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft. Die Tourismuswissenschaft existiert als Wortschöpfung erst seit Beginn der 1990er-Jahre, ist immer noch nicht wirklich etabliert und anerkannt. Wie beurteilen Sie das?

Die Tourismuswissenschaft ist eine Querschnittsdisziplin und betrifft viele Fachgebiete, die sich mit dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beschäftigen. In der BWL ist es zum Beispiel die Besonderheit der Unternehmensführung von Touristikunternehmen. Für die Volkswirtschaftslehre stehen ökonomischen Effekte durch den Tourismus im Vordergrund. Die Medizin analysiert, was mit Körper und Geist passiert, wenn ein Mensch reist. In der Soziologie, in der Kulturwissenschaft, in der Geographie – überall beschäftigen sich Mutterdisziplinen mit diesem Thema. Da ist es fast unmöglich, mit einer eigenen Tourismuswissenschaft alle Fachgebiete abzudecken. Vermutlich werden wir das so schnell auch nicht schaffen, und ich glaube, das wäre auch vermessen und realitätsfern, wenn man meint, man könnte aus dem Tourismus eine Wissenschaft machen wie aus der Mathematik, Physik, BWL oder Medizin. Ich wäre schon sehr zufrieden, wenn wir es schaffen würden, uns anspruchsvoll als Forscher und Wissenschaftler mit diesem Phänomen Touristik auseinanderzusetzen. Da klemmt es häufig. Die Tourismusforschung im eigentlichen Sinne gibt es viel zu wenig, denn es werden immer mehr Universitätslehrstühle im Tourismus abgebaut.

Touristikbranche als Boomfaktoren

? Warum ist das so? Nie zuvor sind die Menschen weltweit soviel gereist wie heute.

Da besteht tatsächlich eine große Diskrepanz, wenn man überlegt, dass 2013 eine Milliarde Menschen als internationale Touristen unterwegs waren. Wir verzeichnen ein Wachstum, einfach gigantisch. Der Tourismus wächst weltweit jährlich um etwa fünf Prozent.

? Wie ist das zu erklären?

! Wir sprechen in der Touristikbranche von Boomfaktoren. Das Einkommen der Reiselustigen steigt, die Freizügigkeit und Mobilität, sie verfügen über immer  mehr Freizeit, sind auch noch im Alter fit und neugierig.Außerdem ist es auch eine Prestigefrage. Wer sagen kann, dass er schon die halbe Welt gesehen hat, bekommt dafür Anerkennung. Bei Facebook ist Reisen das Thema Nummer eins. 42 Prozent aller Informationen befassen sich damit. Man redet gerne, man redet viel darüber, setzt sich in Szene.

20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Tourismus

? Steigt mit dem Tourismus auch der Wohlstand der bereisten Länder?

! Für viele Staaten ist es ein erheblicher Anteil an der Wertschöpfung des Landes. Es gibt viele Länder, da werden 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Tourismus erwirtschaftet. In Länder wie den Malediven und auf Mauritius ist er der Wirtschaftsfaktor Nummer eins, wie überall, wo die Wertschöpfung nicht über Rohstoffe, Industrie oder Bildung funktioniert.

? Wenn Sie Gelder bekämen für Forschungsprojekte, welches Gebiet des Tourismus würden Sie denn als Erstes erforschen lassen?

Das Thema IT-Entwicklung steht auf der Prioritätenliste ganz oben. Da ist Deutschland abgeschlagen, hat einen riesigen Nachholbedarf. Die Vernetzung untereinander, die IT-Systeme, E-Business-Themen, Big Data, Cloud, Mobile Technologies, all diese Themen haben eine hohe Relevanz für die Tourismusbranche. Aber wie setzt man sie richtig ein? Diese Fragen sind noch längst nicht beantwortet. Auch nicht, wie Flughäfen gestaltet sein sollten, oder Flugzeuge, die sich für  alternde Bevölkerung eignen. Beim Klimawandel besteht ein enormer Forschungsbedarf. Was passiert, wenn ich in zehn oder zwanzig Jahren in den Alpen nicht mehr überall Ski laufenkann oder wenn Palmen an der Ostsee wachsen? Den Begriff Tourismus allerdings muss man erst einmal definieren, denn er ist ja schwammig. Es gibt ganz viele unterschiedliche Vorstellungen davon, was Tourismus eigentlich ist. Die Reiseveranstalter und die Reisebüros sagen: Wir sind der Tourismus. Andere sagen, dass die Hotellerie und die Destinationen auch dazu gehören. Wieder andere meinen, auch die Luftverkehrsgesellschaften, die Bahn, die Mietwagen muss man dazuzählen. Es gibt also keine allgemeinverbindliche Definition, wo die Grenzen der Branche aufhören.

Für Reisemittler und Reisebüros gibt es den DRV

? Die Tourismusbranche setzt 140 Milliarden Euro im Jahr um und beschäftigt fast drei Millionen Mitarbeiter – da müsste das Wirtschaftsministerium doch sagen: Diese Branche müssen wir fördern und unterstützen. Trotzdem bleibt sie ein Stiefkind. Warum?

Es ist ja nicht so, dass in der Politik gar nichts passiert. Es gab in der letzten Legislaturperiode  immerhin einen Tourismusbeirat. Ob es ihn zukünftig gibt, bleibt abzuwarten.

? Kann sich die DGT, kann sich nicht die gesamte Tourismusbranche dafür stark machen, in der Politik ernst genommen zu werden?

! Leider sprechen wir nicht mit einer Stimme, unter den Verbänden gibt es eine große Vielfalt. Für Reisemittler und Reisebüros gibt es den DRV. Dann gibt es den VIR, Verband Internet-Reisevertrieb für die Internet ‑ Unternehmen. Für die Hotellerie gibt es den EHOG (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e. V.)und den IHA (Internationaler Hotelverband Deutschland). Für die Luftverkehrsgesellschaften gibt es den BDF, Bundesverband der Deutschen Luftverkehrsgesellschaften. Die Kreuzfahrtunternehmer haben einen eigenen Verband, die Mietwagenverleiher  ebenso. Die einen sagen so, die anderen sagen so, teilweise beharken und bekriegen sie sich untereinander. So können sie in der Politik nicht punkten.

? Wäre da nicht ein gemeinsamer Dachverband die Lösung?

! Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung, mit dem Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) gibt es den auch. Aber es bliebe immer noch die Schwierigkeit, einen Verantwortlichen zu finden, der es wirklich schafft, die gesamte Kette zu orchestrieren. Wenn es den gäbe, sähe die Welt anders aus, denn es gibt in manchen Tourismussegmenten ein ausgeprägtes Kirchturmdenken. Jeder Bürgermeister denkt vor allem an seine Stadt, seine Gemeinde, seinen Ort, was total kurzsichtig ist, denn meist ist es die Region, die Leute anlockt. Da muss man lernen, über den Tellerrand hinausguckt und die Maßnahmen zu koordinieren.

Nachhaltigkeit in der Touristik ist ein Riesenthema

? Was kann die Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaft in dieser Hinsicht bewirken?

! Wir sind natürlicherweise am Gesamtbild des Tourismus interessiert, kommunizieren die Wichtigkeit dieser Branche dann auch in Richtung Politik und haben auch sicherlich Fortschritte gemacht.

? An dieser Stelle sei eine Frage zu den Touristen erlaubt. In beliebten Urlaubsregionen wie der Türkei entstehen immer mehr gigantische Hotelanlagen, so groß wie ein Dorf. Dort gibt es von 7 Uhr bis 10 Uhr Frühstück, von 10 Uhr bis 11 Uhr Eis, von 11 Uhr bis 14 Uhr Mittag, von 14 Uhr bis 15 Uhr noch mal Eis, von 15 Uhr bis 17 Uhr Kaffee und ab 18 Uhr bis 22 Uhr Abendessen und das alles zum pauschalen Dumpingpreis. Und wenn sie vom Strand zum Buffet marschieren, pflücken sie noch rechts und links ein paar Zweige und Blumen ab. Sind solche Touristen nicht auch drauf und dran, diese Welt kaputt zu reisen. 

! Die Nachhaltigkeit in der Touristik ist ein Riesenthema.

? Erforschen Sie das an Ihrer Hochschule?

! Was soll ich sagen. Die Tourismusbranche ist ein Riese, die Tourismusforschung ein Zwerg.

Hotellerie, Reiseveranstalter, Luftverkehr, Kreuzfahrten

? Mit welchem Abschluss verlassen die Studenten nach erfolgreichem Studium die Fachhochschule in Worms? Dürfen die sich dann Tourismuswissenschaftler nennen?

! In den ersten Semestern belegen die Studenten betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Grundlagenveranstaltungen wie Marketing, Personalinvestitionen, Finanzierung, Organisationstheorie, Finanzen, Rechnungswesen. Darauf folgen die Spezifika der Tourismusbranche: Hotellerie, Reiseveranstalter, Reisevermittler, Eventmanagement, Messewesen, Luftverkehr, Kreuzfahrten. Danach besitzen sie eine betriebswirtschaftliche Grundlagenausbildung sowie Anwendungs- und Branchenkenntnisse der Tourismusbranche. Wir sagen immer, bei uns studiert man eine anwendungsbezogene BWL.

? Und wo findet man dann hinterher Arbeit?

! Bei Reiseveranstaltern, Reisemittlern, Destinationen und allen anderen Segmenten der Tourismusbranche.

? Welchen Stellenwert hat der sanfte Tourismus?

! Das ganze Thema Sustainability, Nachhaltigkeit, Corporate Social Responsibility hat eine stark wachsende Relevanz. Das kann man wunderbar ablesen an der ITB. Ich bin ja für den ITB-Kongress verantwortlich. Da haben wir seit mittlerweile fünf Jahren einen CSR-Day, der kontinuierliche Wachstumsraten verzeichnet. Trotzdem ist es immer noch ein Nischenthema. Der Tourist, der beispielsweise in die beschriebene gigantische Hotelanlage reist, hat mit Sustainability gar nichts am Hut.. Der will nur Spaß und den billig. Sicher hat daran auch unsere Branche einen Teil Schuld, denn sie kommuniziert das Thema unzureichend. Dabei gibt es schon jetzt eine Siegelflut zu diesem Thema.

Kein NC beim Studium Tourismuswissenschaft

? Was ist eine Siegelflut?

! Da gibt es allein 60 Siegel für Nachhaltigkeit. Was ist das Ergebnis? Der Konsument blickt nicht mehr durch!

? Welchen Stellenwert hat denn der Tourismus in anderen europäischen Ländern?

! Man merkt an der Professionalität im Umgang mit Themen sehr deutlich, wenn Länder einen hohen Anteil ihrer Bruttowertschöpfung mit Tourismus verdienen. Dazu gehören unter anderem Österreich und die Schweiz.

? Hat das auch auf der universitären Ebene einen anderen Stellenwert als in Deutschland?

! Zum Teil schon, aber in Deutschland haben wir insgesamt doch ein sehr ordentliches Ausbildungsniveau.

? Gibt es einen NC beim Studium Tourismuswissenschaft?

! Wir haben zum Glück eine relativ kommode Bewerberlage. Der Faktor ist ungefähr 1:5 bis 1:10, also Studienplätze im Verhältnis zu Bewerbern. Das ist eine Situation, mit der man sehr glücklich sein kann. Wir können auswählen, und deshalb liegt der NC bei  etwa 2,0, und damit ist sichergestellt, dass fähige Studenten bei uns lernen.

? Wäre es denn für Sie auch ein Forschungsthema zu fragen, ob die Reiserei die Menschheit wirklich klüger, toleranter  macht?

Zunächst mal wissen wir, dass Menschen aus dem Urlaub erstmal nicht klüger, sondern dümmer zurückkommen.

? Warum?

! Weil ein menschliches Gehirn, das über drei Wochen nicht trainiert wird, den Intelligenzquotienten signifikant abbaut.

? Da ist es ja gut, dass wir uns mit Ihnen vor unserem Urlaub getroffen haben. Unsere letzte Frage: Was würden Sie sich in der Zukunft für Ihr Wissenschaftsgebiet Tourismus wünschen?

! Mehr Wahrnehmung, mehr Anerkennung, mehr Qualität.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel 

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