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Mauerbau: Billmuthausen – ein geschleiftes Dorf
Foto: Bernd Lammel AnWi_20090718_24
Historie

Mauerbau: Billmuthausen – ein geschleiftes Dorf 

„638 Jahre ernährte das Land die Bewohner von Billmuthausen“ steht auf einer Informationstafel an der Gedenkstätte des in der DDR geschleiften Dorfes. Auf der Vorderseite mahnt ein Text: „Wanderer, der Du vorübergehst, verweile. – Gedenke der jüngsten deutschen Vergangenheit! Hier stand seit 1340 das Dorf Billmuthausen – 1978 zerstört, seine Einwohner vertrieben.“

NITRO begab sich auf Spurensuche und befragte Menschen aus dem ehemaligen Grenzgebiet von Ost und West, wie sie die Jahre kurz vor und die Zeit nach dem Bau der Mauer erlebten.

Text: Bettina Iduna Kieke, Fotos: Bernd Lammel

Frühlingsgrün erstreckt sich über das hügelige Land unterhalb der Anhöhen Tonberg, Mühlenberg und Finkenberg zwischen dem südthüringischen Dorf Bad Colberg und dem bayerischen Dorf Gauerstadt. Der kleine Fluss Rodach schlängelt sich märchengleich durchs Tal. Eine scheinbar kaum berührte malerische Natur bietet sich dem Auge, wenn man aus Richtung Heldburg durchs Pfaffenholz ins Rodach-Tal gelangt. Unweit der Straße erhebt sich inmitten von Wiesen ein weißer viereckiger Turm, dessen Zweck sich einem Unwissenden nicht gleich erschließt. Es ist ein ehemaliger Wachturm, das letzte Überbleibsel der umfangreichen Grenzanlagen der DDR, die hier das fränkische Thüringen vom fränkischen Bayern trennten. Ein Stück weiter des Wegs, auf der anderen Straßenseite, erblickt man ein altes Trafohäuschen mit rotem Dach, so wie sie früher häufig in Dörfern und Stadtrandsiedlungen zu finden waren. Dahinter liegt eine kleine helle Kapelle in einem Geviert, das von einer niedrigen Feldsteinmauer umschlossen wird. Es ist ein alter Friedhof mit nur noch wenigen Gräbern. Eine Siedlung jedoch ist nicht zu sehen.

„Gedenkstätte Billmuthausen“ war bis 1978 ein Dorf in der DDR

Holztische und Bänke laden ein, Platz zu nehmen, um inmitten der schönen Landschaft und des satten Grüns einen Moment der Ruhe und Stille zu genießen. Auf einer Bank nahe der schmalen Straße sitzen ein paar ältere Frauen und halten ein Schwätzchen. Ihre Fahrräder liegen im Gras oder lehnen an einem Baum. Es sind Landfrauen-Freundinnen aus umliegenden Dörfern, die sich regelmäßig an diesem idyllischen Flecken treffen, um sich auszutauschen. Eine von ihnen ist die 75jährige Hannelore Schneyer aus Gauerstadt (Bayern). Für sie hat dieser Ort eine magische Anziehungskraft. Er heißt „Gedenkstätte Billmuthausen“ und war bis 1978 ein Dorf in der DDR. Durch Billmuthausen fuhr sie bis zur Teilung Deutschlands immer, wenn sie zu ihrer Mutter und ihrer Patentante nach Ummerstadt wollte, was später die kleinste Stadt der DDR war.

Nach dem 2. Weltkrieg lebten in Billmuthausen 50 bis 70 Menschen. Es gab ein Gut, etliche Bauerngehöfte, eine Mal- und Schneidmühle und auf dem Friedhof eine kleine spätgotische Kirche, die im Januar 1965 in einer Nacht- und Nebelaktion von DDR-Behörden dem Erdboden gleichgemacht wurde, als der zuständige Pfarrer aus Ummerstadt im Urlaub war.

Spätklassizistisches Gutshaus wurde 1948 abgerissen

Das alte Gut wurde 1834 von Landkammer-Rath Friedrich Ludloff als Familiensitz erworben. Dort fanden bis zu zwanzig Leute Arbeit, erzählt Dieter Ludloff, 87 Jahre alt und Sohn des letzten Gutsbesitzers Hermann Ludloff. Das spätklassizistische Gutshaus und andere zum Gut gehörende Gebäude wurden 1948 auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) abgerissen, die Familie Ludloff enteignet, nach Rügen deportiert und Hermann Ludloff von den sowjetischen Alliierten im KZ Buchenwald ermordet. Das Abrissmaterial der Gutsgebäude diente zum Bau von Häusern für Umsiedler aus Pommern, Ostpreußen, Schlesien und für Neubauern.

Jetzt bilden der Kirchhof mit einer Gedenkkapelle, das Trafohäuschen, der Rest der Brunnenanlage, der Mahlstein neben der Straße und die zum Brunnen umgestaltete Viehtränke vom einstigen Gut die Gedenkstätte Billmuthausen. Sie wurde am 22. Januar 1992 eingeweiht. Seit seiner Gründung im Juni 1994 kümmert sich der Förderverein Billmuthausen e. V. Hildburghausen um die Anlage und die Geschichte des alten Dorfes.

Die 1950er Jahre in Ost und West – Grenzbetrieb, LPG-Gründung 

Auch Paul Schmidt und seine Frau zieht es oft von ihrem Wohnort Gellershausen (Thüringen) nach Billmuthausen. Gedankenverloren steht Paul Schmidt auf dem Friedhof und zeigt in die Richtung, wo das Haus stand, in dem er mit seinen Eltern und seinem Bruder lebte. „Am 7. Oktober 1957 kamen wir aus der Stadt Brünn aufs Land nach Billmuthausen. Ich war sechs Jahre alt und in der ersten Klasse. Der LPG-Vorsitzende hat uns mit einem LKW Garant hierher gefahren. Mein Vater kam spät aus dem Krieg zurück und war damals in der SED. Er war Maschinenschlosser und hat die MAS, die Maschinenausleihstation, aufgebaut.“ Die Schmidts gehörten zu den Industriearbeitern, die in dem Dorf angesiedelt wurden, um die 1952 gegründete LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) zu unterstützen, die mehr schlecht als recht wirtschaftete.

Das Jahr 1952 war für Billmuthausen in mehrfacher Hinsicht bedeutsam: Am 26. Mai erließ die Regierung der DDR die „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands“ und errichtete die 5-Kilometer-Sperrzone mit dem 500-Meter-Schutzstreifen und dem zehn Meter breiten geharkten Kontrollstreifen, der parallel zur Grenze verlief. Ab sofort waren die Grenzorte in der DDR nur noch mit Passierschein erreichbar, was die persönliche Freiheit der Einwohner und seiner Besucher erheblich einschränkte und die ohnehin kritische Wirtschaftssituation verschlechterte. Innerhalb des 500-Meter-Schutzstreifens waren der Aufenthalt auf Straßen und Feldern, der Verkehr und jegliche Arbeiten außerhalb der Wohnungen lediglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gestattet.

Grenzmaßnahmen mit dem zynischen Namen  „Aktion Ungeziefer“

In der Nähe des 10-Meter-Kontrollstreifens durften die Bauern nur unter Aufsicht der Grenzpolizei arbeiten oder ihre Felsenkeller besuchen, die sie für die Vorratswirtschaft brauchten. Wer außerhalb der Ortschaft arbeitete, musste auf festgelegten Wegen zu seinem Arbeitsplatz fahren.

Gleichzeitig mit den sich verschärfenden Grenzmaßnahmen starteten die politischen Behörden Anfang Juni 1952 die zynisch benannte „Aktion Ungeziefer“, um politisch unliebsame Bewohner aus der Sperrzone zu vertreiben. Deshalb, aber auch wegen der wirtschaftlichen Not, verließen in der Nacht vom 20. Juni sieben der acht Umsiedlerfamilien Billmuthausen mit allem, was sie hatten und fuhren ins westdeutsche Nachbardorf Gauerstadt.

In die Häuser der Geflüchteten zogen auf Betreiben der SED Arbeiterfamilien aus Thüringen, Familien wie die von Paul Schmidt, die nun Bauern wurden: „Alle bekamen sofort eine Kuh und ein Schwein in den Stall, was wir natürlich abarbeiten mussten. Aber so hatten wir wenigstens täglich frische Milch und konnten ein Schwein schlachten. Das war schon was, denn in den Fünfzigern war es noch nicht so rosig mit der Ernährung.“
Trotz der Grenzsituation erinnert sich Paul Schmidt gern an seine Kindheit: „Bis zum 16. Lebensjahr lebte ich in Billmuthausen und fand meine Kindheit schön. Wir stromerten durch den Wald, angelten in der Rodach, spielten auf dem Bolzplatz und halfen auf dem Hof und in der Landwirtschaft mit. Die schönste Zeit war, wo es in Billmuthausen noch das Schullandheim der EOS Hildburghausen (Erweiterte Oberschule, heute Gymnasium) gab.“

Nur noch mit Passierschein zu Besuch ins Elternhaus

Das Schullandheim wurde 1958 im ehemaligen Verwalterhaus des Gutes eingerichtet und im August 1961 wieder geschlossen. Es brachte Jugendliche und Leben in das abgeschiedene Dorf. Vormittags lernten die Schüler. Nachmittags halfen sie in der LPG, der nach der Flucht der Umsiedlerfamilien Arbeitskräfte fehlten oder sie „wurden als Waldarbeiter direkt am 10-Meter-Streifen beschäftigt“. [1]. Nach der 10. Klasse begann Paul Schmidt in Heldburg eine Lehre als Landmaschinen- und Traktorenschlosser und kam nur noch zu Besuch in sein Elternhaus. Dafür musste er jedes Mal einen Passierschein beantragen.

Auch Gerhard Altmann ist in Billmuthausen aufgewachsen. „Ich wurde 1950 in Billmuthausen geboren und in der kleinen Kirche getauft.“ Seinen Vorfahren gehörte die Mühle. Sie lag etwas abseits vom Dorf direkt am Waldrand und war vom benachbarten Bayern nur durch den Mühlenberg getrennt. „Die Mühle hatte ein Mahl- und ein Schleifwerk“, erzählt er. „Wir hatten bis Anfang der 1950er Jahre ein eigenes Backhaus, eine eigene Wasser- und Stromversorgung und waren nicht abhängig vom Gut. Solange die Grenze offen war, lief die Mühle sehr gut. Wir hatten bis Rodach in Bayern hinauf Aufträge. Dann kam die Grenzziehung, und mit der Grenzziehung wurde das Wehr zerstört, so dass wir keinen Strom mehr erzeugen konnten. Arbeit und Autonomie waren damit weg. Die Großeltern kauften für viel Geld Bodenreformland zurück, das jahrelang abbezahlt werden musste. Nun verlegten wir uns hauptsächlich auf die Landwirtschaft. Die LPG war der einzige Arbeitgeber im Ort.“

1961 zog der „Sozialistische Frühling“ in Billmuthausen ein

Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in Billmuthausen wurde 1953 als LPG Typ III gegründet. Das bedeutete, die Bauern brachten ihr Vieh, ihre Böden und landwirtschaftliches Gerät unentgeltlich für die Gemeinschaftswirtschaft ein und konnten für die private Nutzung nur wenig eigenes Land behalten, meistens Flächen, die auf Grund ihrer Lage oder Größe nicht maschinell bearbeitet werden konnten. Der Großvater von Gerhard Altmann, Hugo Oppel und drei andere Bauern verweigerten den Beitritt. 1961 zog der „Sozialistische Frühling“[2]in Billmuthausen ein. Jetzt musste wurde auch der letzte Einzelbauer LPG-Mitglied werden.

Die 1950er Jahre sind auch für das Ehepaar Hannelore und Herbert Schneyer in Gauerstadt, dem westdeutschen Nachbarort von Billmuthausen, trotz des beginnenden Nachkriegsaufschwungs nicht nur rosig. Schneyers leben schon immer in diesem Dorf und erinnern sich noch gut an diese Zeit, besonders an die Einschnitte, die die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen für ihre Arbeit und für ihre Familie nach sich zog.

Der Müller aus Billmuthausen hatte Kunden in Bayern, die wegblieben

Herbert Schneyer ist gelernter Zimmermann. Wie der Müller aus Billmuthausen Kunden in Bayern hatte, so hatte auch der Zimmermann aus Bayern Auftraggeber und Holzlieferanten in Thüringen, die mit der Teilung wegblieben. Die Arbeit wurde weniger, aber die Lohnhöhe orientierte sich plötzlich an Ortsklasse drei, der untersten Vergütungsstufe. „Zehn Kilometer weiter in Coburg hatten sie Ortsklasse zwei und in Nürnberg die eins. Dort hätte ich als Zimmermann bedeutend mehr verdienen können als mit der gleichen Arbeit hier – und alles nur wegen der Grenze!“ Die Erinnerung daran macht den fast 80jährigen mit den wachen Augen wütend.
Besonders quälend empfanden Schneyers, dass die Grenze nicht nur eine Region mit ihren historischen Beziehungen und gemeinsamen Traditionen trennte, sondern auch ihre Familie. So stammen Großvater, Mutter und Tante von Hannelore Schneyer aus Ummerstadt, das nun in der DDR lag. Auch Cousin und Cousine lebten in Thüringen. Bis 1961 konnte man sich zwar mit Einschränkungen noch ab zu sehen, aber ab da war für mehr als zehn Jahre Schluss.

Der Schwarzhandel blühte rechts und links der „Grünen Grenze“.

Trotz der Demarkationslinie gab es in den Fünfzigern noch einen regen Austausch von Waren zwischen hüben und drüben. Der Schwarzhandel blühte rechts und links der „Grünen Grenze“. „Gehandelt wurde alles“ erinnert sich Herbert Schneyer, „egal ob einer Nägel oder ein Pferd brauchte.“ Das war allerdings nicht ungefährlich. Hannelore Schneyer sagt: „Die Leute bei uns haben Angst gehabt.Da war schon so ein komisches Gefühl, weil wir halt direkt in der Nähe waren und nie wussten, ob ein Grenzpolizist schießen würde, wenn wir der Demarkationslinie zu nahe kamen oder uns über die „Grüne Grenze“ schlichen.“ Herbert Schneyer bekräftig das: „Ich habe mal aus dem Wald bei uns Meterholz bekommen und wollte nachschauen, wo sich das befindet. Der Wald lag zwar im Westen, aber dicht an der Grenze, und damals gab es noch keinen Grenzzaun. Auf dem Weg zu dem Platz, wo ich das Holz vermutete, überquerte ich eine Brücke. Da tauchte plötzlich ein Vopo (Volkspolizei der DDR) mit seinem Motorrad auf, dem eine Maschinenpistole vor der Brust hing. Ich war sehr erschrocken und ging vorsichtshalber in Deckung.“

1962 – Billmuthausen wird abgenabelt und „Kornblumen“ blühen

Die 1950er Jahre des sozialistischen Aufbruchs waren vorbei, aber der Fluchtdrang gen Westen ungebrochen. Besonders die jungen Menschen verließen die DDR in Scharen. „Allein am 9. August 1961 melden sich fast 2000 Übersiedler bei den Behörden der Bundesrepublik“ schreibt Norbert Klaus Fuchs in seinem Buch „Billmuthausen“.[3]Der Staat musste handeln.
Mit dem Bau der Mauer in Berlin am 13. August 1961 verschärfte sich die Situation in Billmuthausen erneut. Jetzt ging es der DDR darum, die Grenze mit weiteren militärischen Mitteln gänzlich undurchlässig zu machen. Doch zuvor fiel der Startschuss „Aktion Kornblume“, ein Deckname, hinter dem sich erneut behördlich veranlasste Umsiedlungen verbargen, die dem Grenzausbau vorausgingen.

In Billmuthausen wurden am 3. Oktober 1961 in aller Frühe zwei Familien unangekündigt aus ihren Häusern geholt. Grenzpolizisten überwachten ihren Abtransport. „Eine Familie wurde nach Auerbach im Vogtland und die andere in die Nähe von Weißenfels umgesiedelt“, erzählt Paul Schmidt, der sich noch deutlich an diesen Tag erinnert: „Wir Kinder sind morgens wie immer mit den Rädern gemeinsam zur Schule nach Ummerstadt gefahren. „Auf dem Weg dorthin wunderten wir uns, weil etwas weiter vor dem Dorf auffällig viele Lastkraftwagen standen.“

Mühlstein in Billmuthausen Foto: Bernd Lammel

Ab 1962 begann der Grenzausbau mit Minensperren

Kurz nach Unterrichtsbeginn ließ der Schuldirektor alle Klassen zum Appell antreten und verkündete, welche Schüler aus verschiedenen Grenzorten weg müssten aus der Region. Paul Schmidt war entsetzt, denn darunter war auch Georg Großkunze, sein bester Freund. Der Appell war noch nicht zu Ende, da schwang er sich auf sein Rad, um nach Billmuthausen zurück zu rasen. Er war so aufgeregt, dass er seine Schultasche im Klassenraum vergaß. Im Dorf angekommen, sah er die Autos, die am frühen Morgen die Straßenränder vor Billmuthausen gesäumt hatten. Nun standen sie bei Großkunzes im Gehöft und rundherum.

„Alles war umstellt“, erinnert sich Paul Schmidt. „Damit die Ausweisung der betroffenen Familien schnell und reibungslos über die Bühne gehen konnte, hatten sie viele Beschäftigte aus dem Kreisamt als Möbelträger mitgebracht, die das Zeug der Nachbarn zusammenpackten und auf die Autos luden. Es war furchtbar“.

Ab 1962 begann der Grenzausbau mit Minensperren und zweiteiligem Metallgitterzaun ‑ auch in Billmuthausen. „Plötzlich wurde der Wald abgeholzt. Wir mussten auch einen Teil unseres Waldes abgeben“, sagt Gerhard Altmann.

Industriearbeiter wurden teilweise in Billmuthausen einquartiert

Der Grenzausbau sollte zügig vonstatten gehen. Um aber „die Postendichte“ der Grenzgruppen nicht zu verringern, verpflichteten die zuständigen Organe für die Rodungsarbeiten außer Forstarbeitern auch die ehemaligen Waldeigentümer selber, Bauern aus grenznahen Orten und Arbeiter aus den Thüringer Industriebetrieben. [4]Die Industriearbeiter wurden teilweise in Billmuthausen einquartiert.Paul Schmidt: „Bei uns kampierten für einige Wochen zwei Industriearbeiter aus Salzwedel, die für den Grenzbau arbeiteten. Sie wurden auch von uns beköstigt. Ob meine Eltern dafür Geld bekamen, weiß ich nicht.“

Durch die Rodungen fielen Berge von Zweigen und Ästen an, die beseitigt werden sollten. „Im Dorf standen Fässer voller Magnesiumspäne, die als Brandbeschleuniger dienten“, so Gerhard Altmann, „damit wurde das Reisig der gerodeten Bäume verbrannt. Die Magnesiumspäne haben wir als Kinder aus Spaß angezündet. Das hat mächtig gekracht und gelodert.“
In jener Zeit, 1963, kurz bevor die Grenze hinter Billmuthausen endgültig dicht gemacht wurde, bewegte noch ein anderes Ereignis die Dorfbewohner: die Flucht einer Familie nach Gauerstadt. Es waren Nachbarn von Altmanns. Am Vorabend ihrer Flucht versammelte sich die Jugend wie so häufig auf dem Dorfplatz zum Schwatz, und auch die Kinder dieser Familie waren mit dabei.

„Aber am Morgen waren sie nicht mehr da“, erzählt Gerhard Altmann. „Ihr Haus stand leer. Das war die letzteFamilie, die nach dem Westen ging und noch durchkam. Danach wurden die Minenfelder angelegt.“

„Ab 62 war ja alles dicht, und wir konnten rein gar nichts gegen diese Grenze tun“

Auch Schneyers in Gauerstadt hörten, wenn an der Grenze Minen explodierten und fühlten sich machtlos. Hannelore Schneyer: „Ab 62 war ja alles dicht, und wir konnten rein gar nichts gegen diese Grenze tun. Das war für uns ein Gefühl, als hätten wir ein Brett vor dem Kopf.“

Eine neue Grenzordnung, die ab 1963 galt, isolierte die Orte in der 500-Meter-Sperrzone weiter. Im Laufe der Jahre lernten die Menschen in Billmuthausen, mit der Grenze zu leben, auch wenn das nicht einfach war. „Wir waren weggesperrt“, so Gerhard Altmann. Es gab nur eine Zufahrtsstraße. Zwar gab es in Billmuthausen einen kleinen Konsum, aber nur für das Nötigste. Wer mehr als Brot, Butter und Waschmittel brauchte, musste in die Kreisstadt Hildburghausen fahren.

Die Einwohner Billmuthausens fühlten sich nicht nur zunehmend abgeriegelt, sondern auch zunehmend beobachtet, was nicht nur an den beiden Grenztürmen lag, von denen man die Grenzer weit ins Land sahen.

„Jeder war vorsichtig und musste das auch sein. „Wenn die Verwandten am Grenzzaun standen, trauten wir uns nicht, dorthin zu winken.Wir waren so überwacht, dass wir nicht mal mehr unsere Häuser abschließen mussten. Da traute sich kein Fremder rein.“

Es sollte auch niemand mehr Westsender sehen, und man versuchte deshalb, deren Frequenz zu blockieren. „ Das ließen sie dann aber doch bleiben, weil dadurch überhaupt kein Fernsehempfang mehr möglich gewesen wäre, denn die DDR-Programme konnten wir nicht empfangen“, erzählt Gerhard Altmann.

1968 ‑ Ein Gerücht wird Wahrheit

In den 60er Jahre machten in Billmuthausen Gerüchte die Runde, dass das ganze Dorf ausgesiedelt werden solle. Noch glaubten die Billmuthäuser nicht daran. Doch eines Tages tauchte der Vorsitzende vom Rat des Kreises höchstpersönlich in Billmuthausen auf. Paul Schmidt: „Dann gab es eine Versammlung, auf der der Vorsitzende der Kreisleitung die Aussiedlungspläne kundtat. Da war was los. Alle regten sich auf. Meine Eltern haben mir oft von den Versammlungen mit der Kreisleitung erzählt. Geplant war das, so die offizielle Lesart der Behörden, weil wir so nah am Klassenfeind waren und das eine Gefahr für die Bürger am Ort sei.Das war das Hauptargument.“ Das zweite Argument betraf die Versorgungssituation der Billmuthäuser. Es sei zu aufwändig, den kleinen Konsum, wegen der paar Stücken Butter und einiger Brote, regelmäßig zu beliefern. Paul Schmidt: „Aber wir wussten natürlich, worum es denen in Wirklichkeit ging. Die Behörden hatten nur Angst, dass trotz aller Abriegelung und Bewachung noch einer durch den Zaun macht. Die wollten hundertprozentige Sicherheit haben.Deshalb versuchten sie uns damals den Umzug mit allen Mitteln schmackhaft zu machen.“

In den 1970ern ‑ in Billmuthausen gehen die Lichter aus

1972 wurde die „Todeszone“ mit Selbstschussanlagen ausgerüstet. Erneut verschärften die Behörden die Grenzordnung und schränkten die Zuzugsmöglichkeiten weiter ein. Das trifft auch Gerhard Altmann. Nach seiner Lehre als Schlosser und seinem Dienst bei der Nationalen Volksarmee der DDR will Gerhard Altmann 1971 nach Billmuthausen zurückkehren. Doch das wird ihm verwehrt. Dafür begannen die Grenzgruppen, dass Mühlengrundstück durch den Bau eines Signalzauns völlig vom Dorf abzutrennen. „Nach 18 Uhr durfte niemand mehr unser Grundstück betreten. Direkt hinter dem Haus waren die Selbstschussanlagen.“ so Gerhard Altmann. Ein nächster Schock trifft die Familie Altmann, als sie 1973 als eine der ersten im Dorf den behördlichen Bescheid erhalten, Billmuthausen verlassen zu müssen. Die politische Entscheidung des Rates des Kreises Hildburghausen ist unumstößlich: Billmuthausen soll gänzlich leer gezogen und dem Erdboden gleichgemacht werden. Gerhard Altmann: „Wir hatten keine Wahl, aber wir hatten nie damit gerechnet, dass sie wirklich ernst machen. Wir wollten nicht gehen, aber man drohte uns nach dem Motto: ‚Bist du nicht willig, brauch ich Gewalt’, denn das Grenzgesetz erlaubte das. Die Verhandlungen vor dem Auszug begannen.“

Die zuständigen Behörden boten der Mutter von Gerhard Altmann, seinem Bruder und seiner Großmutter Albine Oppel drei Wohnungen in anderen Orten an. „Zwei davon waren praktisch unbewohnbar “, sagt Gerhard Altmann. Schließlich zog seine Mutter in eine 50-Quadratmeter-Neubauwohnung nach Suhl. Fast der gesamte Hausrat und Besitz der Familie Altmann/Oppel wurde hinter ihrer alten Mühle aufgeschichtet und verbrannt, denn die neue Wohnung war zu klein. Die Trümmer des zerstörten Hauses wurden in den stillgelegten Mühlgraben geschoben und im Laufe der Jahre von neuem Grün überwuchert.

Nach dem Umzug wurden Altmanns von der DDR „entschädigt“ besser gesagt, abgespeist

Gerhard Altmann: „Während der Aussiedlung ist meine Großmutter schwer erkrankt. Sie konnte nicht verwinden, dass sie Haus und Heimat verlieren musste und starb in der Umzugsphase. Sie ist der letzte Mensch, der auf dem Billmuthäuser Friedhof beigesetzt wurde, und wir setzen durch, dass wir zwei Mal im Jahr dorthin durften, um ihr Grab zu pflegen.“

Susi Altmann, die Mutter von Gerhard, die immer nur auf dem Land gelebt hatte, erhielt in Suhl einen Arbeitsplatz in der Galvanisation des Simson Werks und später in einer Kaufhalle. Ihren jüngeren Sohn, den Bruder von Gerhard Altmann, zog sie allein groß. Er war damals noch im Kindergartenalter. Gerhard Altmann: „Meine Mutter verdiente nur noch 200 bis 300 Mark, weil sie nun als ungelernt galt. In der Landwirtschaft hatte sie das Fünffache und mehr bekommen.

Nach dem Umzug wurden Altmanns von der DDR für die erzwungene Aufgabe ihres ehemaligen Grundstücks entschädigt, besser abgespeist: „Aber das war so wenig Geld“, Gerhard Altmann winkt ab, „davon hätte man sich nicht einmal eine Garage bauen können.“

Die Eltern von Paul Schmidt erhielten erst 1976 die Aufforderung, aus Billmuthausen wegzuziehen. Sie kamen in Ummerstadt unter, wo sie ein Haus kauften. „Meine Mutter kam aus der Landwirtschaft und wollte weiterhin Hühner und Gänse halten und einen größeren Garten am Haus.“ Für die Abrissarbeiten im Dorf setzte man die Zivilverteidigung ein. Das Haus seiner Eltern hat Paul Schmidt selber mit weggerissen.Paul Schmidt: „Das tat schon weh. Aber in unserem alten Haus waren gute Fachwerkbalken, die konnten wir im neuen Haus verbauen. Wir waren froh, dass mein Vater wenigsten das noch regeln konnte.“

Nach 1972 ‑ Keine schönen Besuche im Osten

Während zwischen 1972 und 1978 alles daran gesetzt wurde, die DDR-Grenze hermetisch abzuschließen, gab es ab 1972 erste Reiseerleichterungen zwischen hüben und drüben, von denen auch Familie Schneyer profitierte. Es waren keine schönen Besuche im Osten, erzählen Schneyers, aber sie hätten es ein paar Mal gewagt. Der Ort des Grenzübergangs war vorgeschrieben und dadurch die Reise mit großen Umwegen verbunden. Vier, fünf Kontrollen musste man über sich ergehen lassen. Das halbe Auto wäre zerlegt worden und sogar die Sitze wurden immer ausgebaut. Alle Papiere, Geschenke, Gepäckstücke und das Geld wurden bei jeder Grenzüberquerung kontrolliert. „Einmal“, so Hannelore Schneyer, „hat mir meine Cousine aus dem Osten zwei Tassen und zwei Unterteller geschenkt, eingepackt in ein kleines Päckchen. Wir fuhren mit dem Bus zurück. Nach den Kontrollen in Eisfeld kam so ein junger Schnösel und fragte mich, was in dem Päckchen sei. Ich antwortete, das sei ein Geschenk und ich wisse nicht, was darin sei. Aber er könne das Päckchen gerne aufmachen, nachschauen und sogar behalten, wenn er will. Ich wollte in diesem Moment überhaupt nichts mehr. Ich wollte nur wieder meine Freiheit im Westen.“

1978 – Prämien für die Wüstung Billmuthausen

Zwischen 1973 und 1978 wurde Billmuthausen schrittweise leer gezogen und völlig zerstört, damit auch nicht der kleinste Unterschlupf für Fluchtwillige bleibt. Die letzen Bewohner Billmuthausens mussten ihr Dorf am 1. September 1978 verlassen. Drei Monate später verkündete der Abteilungsleiter Inneres vom Rat des Kreises Hildburghausen den erfolgreichen Vollzug der „Grenzmaßnahme Billmuthausen“. Die Meliorationsgenossenschaft des Kreises Hildburghausen war anschließend dafür zuständig, einen „naturnahen Zustand“ auf dem Gebiet des ehemaligen Dorfes herzustellen [5]. Als Dank sagte der Rat des Kreises der Genossenschaft zu, dass sie anschließend einen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche übernehmen dürfe.[6]Billmuthausen war nun eine Wüstung, ein verlassener Ort, und die Räumteams erhielten Prämien.

Nach der Wende – Epilog

Altmanns hatten keine Hoffnung,jemals nach Billmuthausen zurück zu kehren, aber sie erhofften sich von der Demokratie Wiedergutmachung. Gerhard Altmann: „Das wurde 1995 abschlägig beschiedenDie Ungerechtigkeiten, die uns wiederfuhren, wurden nicht anerkannt und vergolten.“ Das Schreiben beruft sich auf das „Gesetz über die Aufhebung rechtsstaatswidriger Verwaltungsentscheidungen im Beitrittsgebiet und die daran anknüpfenden Folgeansprüche“ (VWRehaG) und teilt mit: „Als Zwangsausiedlungsmaßnahme im Sinne von § 1.Abs. 3, VWRehaG gilt nur eine Zwangsausiedlung aus dem Grenzgebiet der früheren DDR auf der Grundlage der Verordnung und der Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands vom 26.5.1952 oder auf der Grundlage der Verordnung über Aufenthaltsbeschränkungen vom 24.8.1961. Ihre Umsiedlung aus Billmuthausen im Jahre 1973 ist danach keine solche Zwangsaussiedlungsmaßnahme im Sinne vom Paragraph 1/Abs. 3 VWWReahG. Ihre Umsiedlung wurde notwendig, weil Ihr Grundbesitz in unmittelbarer Grenznähe lag und aus Grenzsicherungsgründen auf der Grundlage des Verteidigungsgesetzes der DDR beschlossen worden ist, alle Gebäude des Ortes abzureißen. … Das VWRehaG ist jedoch nur immer dann anwendbar, wenn es sich um eine hoheitliche Maßnahme zur Regelung eines Einzelfalls handelte, in Ihrem Fall waren aber sämtliche Einwohner von Billmuthausen in gleicher Weise betroffen.“

„Für uns hat dieses Stück Erde einen rein ideellen Wert“

Ernüchtert und enttäuscht kaufte Mutter Altmann 2005 das Grundstück, auf dem die Mühle stand, zum Bodenrichtpreis zurück. „Das mussten wir, weil wir als entschädigt galten“, erklärt Gerhard Altmann den Rückkauf. Doch ein neues Haus kann auf diesem wilden Wiesenstück nicht gebaut werden, da Billmuthausen kein Ort und das Gebiet kein Bauland mehr ist. „Für uns hat dieses Stück Erde einen rein ideellen Wert“, schließt Gerhard Altmann mit der Vergangenheit ab.

Die Mutter von Paul Schmidt erlebte die Wende nicht mehr. Sie starb im Februar 1989. Sein Vater starb nur ein Jahr später und blieb bis in den Tod mit seinem Schicksal und den Machtspielen der SED unversöhnt. „Als ich nach der Wende endlich nach Billmuthausen kam, gab es dort nichts mehr, doch die Erinnerungen waren sofort wieder da“, erzählt Paul Schmidt. „Wenn man dort ist, denkt man, hier stand das Wohnhaus, hier war der Stall. Sie war einfach schön diese Kindheit.Aber verarbeiten kann man das bis heute nicht.“

 

 

Kontakt:

Förderverein Gedenkstätte Billmuthausen e. V.
Dr. Rüdiger Stengel
Telefon: 09561-33391

Literatur:

Abbildung des Covers
Norbert Klaus Fuchs: Billmuthausen – Das verurteilte Dorf
2010, Greifenverlag zu Rudolstadt & Berlin, ISBN 978—86939-004-8
12,90 Euro
Der Autor schrieb das Buch 1990 und ergänzte es 2009 für die Neuauflage.

Abbildung des Covers

Daniel Zuber: Billmuthausen, Leitenhausen und Erlebach – die geschleiften Dörfer im Heldburger Unterland 1945 -1987
2009, Herausgeber: Förderverein Gedenkstätte Billmuthausen e. V. Hildburghausen

Quellen:

[1]Daniel Zuber, Billmuthausen, Leitenhausen und Erlebach – die geschleiften Dörfer im Heldburger Unterland 1945 -1987, S. 78

[2].„Sozialistischer Frühling“ – verschleiernder Ausdruck für Zwangskollektivierung, der erstmals am 20 März 1960 in der Zeitung Neues Deutschland auftauchte

[3]Norbert Klaus Kunz, Billmuthausen – Das verurteilte Dorf, 2010, S. 165

[4]vergl. Zuber, ebenda, S. 99

[5]Zuber, ebenda, S. 164

[6]Zuber, ebenda, S. 165

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