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Kriegsfotografin Ursula Meissner: „Die Kamera ist mein Schutzschild“!
Ausland

Kriegsfotografin Ursula Meissner: „Die Kamera ist mein Schutzschild“! 

Ursula Meissner arbeitete seit Anfang der 1980er Jahre als Produktionsassistentin beim ZDF und ab 1984 im ZDF-Studio Südostasien in Singapur. Danach absolvierte sie eine Ausbildung zur Fotojournalistin. Ihre erste Reportage waren Fotos über die Belagerung von Sarajevoim August 1992. Seitdem ließ sie die Kriegsberichterstattung nicht mehr los. Als freie Fotojournalistin war sie in vielen Kriegs- und Krisengebiete dieser Welt im Einsatz. Als Berichterstatterin für die UN und das Internationale Rote Kreuz berichtete sie aus Bosnien, dem Kosovo, Ruanda, Sierra Leone, Mexiko, Angola, Mosambik, Nigeria, Somalia und Afghanistan, das sie mehr als 25 Mal bereiste. NITRO sprach mit Ursula Meissner über ihren gefährlichen Job als Kriegsfotografin, über Bilder von Tod und Gewalt und den Kampf um Aufträge.

NITRO: Kriegsberichterstatterin oder Kriegsfotografin, als was bezeichnen Sie sich selbst?

Ursula Meissner: Als Kriegs- und Krisenfotografin, denn ich arbeite nicht nur in Kriegs-,sondern auch in Krisengebieten wie zum Beispiel nach Naturkatastrophen wie dem Tsunami in Thailand. Aber Kriegsfotografin trifft es auch.

Mit 25 Jahren zum ersten Mal an einer Frontlinie

? Sie sind 51 Jahre alt und fotografieren seit 25 Jahren in Kriegsgebieten.Wie ist es dazu gekommen?

Abgesehen davon, dass die Fotografie meine Leidenschaft ist, bemerkte ich bei meiner ersten Fotoreportage, dass ich in gefährlichen Situationen ruhig und besonnen reagiere, einen klaren Kopf behalte und versuche, der Angst keinen Platz zu geben.

? Wo waren Sie das erste Mal in einem Kriegsgebiet unterwegs?

In Afghanistan. Ich war damals 25 Jahre alt und zum ersten Mal an einer Frontlinie, zu der uns afghanische Freiheitskämpfer brachten. Ich erlebte als naive Blondine in einer rosa Bluse, was Krieg bedeutet. Die Erde bebte, mir zitterten die Knie und ich dachte, ich würde da nie lebend wieder rauskommen.

? Wann und wo waren Sie zum ersten Mal als freie Fotografin in einem Kriegsgebiet?

Im August 1992 inSarajevo. Ich bin auf eigene Faust dorthin geflogen. Mich kannte ja damals niemand,und einer jungen Fotografin ohne Erfahrung gibt keine Redaktion einen so schwierigen Auftrag. Ich hatte aber Glück, dass ich durch meine Arbeit beim Fernsehen vor Ort viele Kollegen kannte.

Sarajevo war Grundstein für meine Arbeit als Kriegsfotografin

! Wie sah es in Sarajevo aus? 

Ich sah nur zerbombte Häuser und Straßen. Die Menschen kamen nach wochenlangem Beschuss aus dem Dunkel ihrer Keller, in denen sie sich versteckt hatten. Ich sah Mütter mit Neugeborenen, die zum ersten Mal Tageslicht sahen,und verängstigte Menschen, die nach Wochen der Entbehrung Lebensmittel erhielten. Meine erste Reportage wurde in verschiedenen Tageszeitungen gedruckt. Das war der Grundstein für meine Arbeit als Kriegsfotografin. Während der vier Kriegsjahre von 1992 bis 1996 fotografierte ich dann immer wieder in Bosnien.

? Dann aber für feste Auftraggeber…

!  Ja. Ich fand schnell feste Abnehmer, besonders Tageszeitungsredaktionen wie das Hamburger Abendblatt kauften meine Fotos. Später habe ich dann auch für Frauenmagazine, DIE ZEIT und für GEO gearbeitet.

Ich habe Leid und Grauen, Zerstörung und Tod gesehen

? Wie fühlten Sie sich, als Sie nach Ihrem ersten Einsatz in einem Kriegsgebiet wieder nach Hause kamen?

Mein erster Gedanke war: Nie wieder! Ich wollte keinen Krieg mehr so hautnah erleben.

?  Und trotzdem waren Sie inzwischen in Kriegsgebieten auf der ganzen Welt. Wie halten Sie dieses schrecklich Leid und die permanente Gefahr aus?

!  Das Aushalten vor Ort ist einfacher als das Aushalten zu Hause. In einem Kriegsgebiet muss ich funktionieren. Ich halte meine Kamera vor das Auge und muss schnell denken, schnell planen und schnell auslösen. Um verarbeiten zu können, was ich an Leid und Grauen, Zerstörung und Tod gesehen und im Foto festgehalten habe, muss ich darüber reden.

?  Mit wem sprechen Sie über Ihre Erlebnisse?

!  Ich spreche vor allem mit meinem Mann darüber. Er war lange Auslandskorrespondent und kennt solche Gefühlslagen aus eigener Erfahrung. Mit Freunden ist das schwierig, denn sie haben noch nie einen Krieg aus nächster Nähe erlebt. Ich spreche aber auch mit Kollegen, die schon in Kriegs- oder Krisenländern waren.

Ohne Auftrag bekommt man keine Visa oder andere Genehmigungen

?  Wann wissen Sie, dass Sie das Erlebte verarbeitet haben?

Wenn ich darüber sprechen kann, ohne zu weinen, bin ich auf einem guten Weg.

NITRO: Können Sie nachts ruhig schlafen?

Ursula Meissner: Nicht immer. Ich träume sehr viel, aber zum Glück weiß ich am Morgen oft nicht mehr, was.

? Wie finanzieren Sie Ihre Reisen?

!  Jede Reise muss durch Aufträge finanziert sein. Ich versuche in der Regel,zwei oder drei Aufträge zu bekommen, damit ich ein Grundbudget habe, denn Kriegsberichterstattung ist inzwischen verdammt teuer.

? War es früher nicht so teuer?

!  Nein. Durch die Kollegen, die für private Sender unterwegs sind, bekommen die Helfer vor Ort viel mehr Geld für ihre Informationen und ihre Hilfe. Außerdem hängt der Preis auch davon ab, ob in dem Gebiet gerade Kriegshandlungen stattfinden. Wenn ich früher von Jordanien in den Irak gefahren bin, hat eine Fahrt mit einem ortskundigen Führer 70 Dollar gekostet. Während des Krieges stieg der Preis auf 500 Dollar für eine Fahrt.

? Könnten Sie auch ohne Redaktionsauftrag in ein Kriegsgebiet reisen?

Nein. Ohne Auftrag bekomme ich keine Visa oder andere Genehmigungen, die ich vor Ort brauche. Wenn ich zum Beispiel mit der Bundeswehr nach Afghanistan fliegen will, muss ich nachweisen, welche Redaktionen mich beauftragt haben. Vor Ort lassen sich sogar Rebellen oder Stammesführer oft nicht interviewen oder fotografieren, wenn man nicht sagen kann, für wen man arbeitet.

Für die UN und für das Internationale Rote Kreuz gearbeitet

? Wird auch die Einreise verweigert?

!  Natürlich passiert das. Zum Beispiel während des Kriegs in Gaza im letzten Jahr. Erst haben die Israelis niemanden in den Gaza-Streifen einreisen lassen, und als ich die Genehmigung der Israelis endlich hatte, hat die Hamas mir die Einreise verweigert. Die hattensich plötzlich überlegt, dass sie eigene Regeln aufstellen wollen – und zwar unabhängig von denen der Palästinenser vor Ort. Pech gehabt. Ich kam nicht nach Gaza und das war für mich als freie Fotografin eine Katastrophe. Ich bin ja nicht fest angestellt und werde nur bezahlt, wenn ich Fotos liefern kann. Ich suchte also den Kontakt zur lokalen Presse und bat um Hilfe. Schließlich kam ich über einen der Tunnel, die die Palästinenser illegal nutzen, von Gaza nach Israel (nicht von Israel nach Gaza?) und konnte so meinen Auftrag erfüllen.

? Wie kommen Sie mit den Stammesführern vor Ort ins Gespräch?

Ich habe früher sehr oft für die UN und für das Internationale Rote Kreuz gearbeitet und dadurch viele von ihnen kennengelernt. Und dann gibt es immer wieder Zufälle. Im Sudan fotografierte ich zum Beispiel in einem riesigen Flüchtlingslager. Plötzlich kam einer von 70 „Bürgermeistern“ in diesem Flüchtlingscamp auf mich zu und sagte: „Die Dschandschawid (bewaffnete Miliz in der Region Darfur im westlichen Sudan, d. Red.) sind im nächsten Dorf und treffen dort Condoleezza Rice (2005 bis 2009 Außenministerin der USA, d. Red.).“ Ich glaubte das nicht, aber er bestand darauf, die Information sei richtig. Er bot mir an, ich könne mit ihm in das Dorf fahren, aber ich war vorsichtig. Es hätte ein Hinterhalt sein können, den man nicht überlebt. Mein Übersetzer sprach mit dem Mann und sagte mir, wir könnten ihm vertrauen. Wir sind mit ihm losgefahren, aber als wir ankamen, flog der Helikopter mit Condoleezza Rice gerade ab. Das war schade, aber ich hatte trotzdem Glück, denn ich konnte die Dschandschawid mit ihren nagelneuen Waffen fotografieren.

? Haben Sie bei Ihren Einsätzen in den Kriegsgebieten keine Angst?

Doch, denn eigentlich bin ich kein Mensch, der Abenteuer sucht. Ohne Angst kann man in diesem Beruf außerdem nur schwer überleben. Ich bin aber inzwischen erfahren und kann mich auf Situationen gut einstellen. Wenn mir jemand, den ich nicht kenne, zum Beispiel anbietet, mich zu einem Stammesführer zu bringen, dann hinterfrage ich dieses Angebot immer genau. Es sei denn, es ist ein Führer, den ich bezahle. Der achtet schon darauf, dass wir beide überleben. Ich kann mich mittlerweile auf mein Bauchgefühl verlassen und spüre, wann das Risiko zu groß ist.

Ich versuche das Vertrauen der Menschen zu gewinnen

?  Wie kommen Sie mit den Menschen ins Gespräch, die im Krieg traumatisiert wurden oder ihre Familie verloren?

!  Zu Beginn eines Krieges ist es immer einfacher. Da hoffen die Menschen noch, dass die Journalisten ihnen helfen können. Wenn der Krieg aber länger dauert, wenn es nur noch ums Überleben geht, dann werden die Journalisten vor allem von ihnen beschimpft: Ihr berichtet zwar über unser Leid, aber es ändert sich nichts.

? Wie entstehen trotzdem Kontakte?

Durch Empathie. Ich gehe auf die Menschen zu und versuche, ihr Vertrauen zu gewinnen. Wenn ich sie schließlich mit der Kamera eine Weile begleiten darf, dann vergessen die Menschen meist sehr schnell, dass ich da bin. In solchen Momenten bekomme ich die besten Bilder, kann die Realität einfangen, unverfälscht und viel zu oft brutal.

? Sind Sie immer allein unterwegs oder reisen Sie auch mit der Bundeswehr oder einer anderen Armee als embedded journalist?

Ich reise am liebsten unabhängig von Armeen, denn die Kriegsberichterstattung ist embedded schwieriger und auch gefährlich.

Im Irakkrieg mit Kriegsfotografin Anja Niedringhaus unterwegs

? Weshalb?

!  Ist man als Journalist mit einer Armee unterwegs, sieht man oft nur, was die Befehlshaber zeigen wollen. Mit Soldaten unterwegs zu sein, kann gefährlich werden, denn auf Soldaten wird eher geschossen als auf Journalisten. Andererseits bekommt man embedded auch Fotos aus der Frontlinie. Im Irakkrieg war die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus zum Beispiel mit Amerikanern embedded unterwegs. Sie begleitete die amerikanischen Soldaten bei ihrem Häuserkampf und im Regierungspalast. Ihre großartigen Fotos gingen um die Welt. Als sie im letzten Jahr embedded in Afghanistan unterwegs war, verlor sie ihr Leben.

?  Helfen sich die Kriegsberichterstatter untereinander?

!  Nicht mehr sowie vor 25 Jahren, als ich als Kriegsfotografin zu arbeiten begann. Heute bleiben viele für sich, weil der Druck, ein außergewöhnliches Foto oder die einmalige Geschichte zu bekommen, sehr viel größer ist. Nur solche Geschichten lassen sich gut verkaufen. Die Situation ist durch die Flut an Bildern, die täglich in den Redaktionen ankommen, sehr viel schwieriger geworden. Der Druck erhöht sich außerdem, weil die Zeitungen und Magazine immer weniger Mittel zur Verfügung haben. Früher waren auch weniger Kollegen vor Ort.

Rebellen beim Schuss oder beim Kampf fotografieren

?  In Afghanistan sind Sie dem berühmten Kriegsfotografen James Nachtwey begegnet.

!  Ja, er stand plötzlich im weißen Hemd neben mir, uns gegenüber Panzer, und hat in aller Ruhe das Licht gemessen. James Nachtwey sagte einmal über sich, dass er Rebellen beim Schuss oder beim Kampf fotografieren will. Ich würde mich nie einem kämpfenden Soldaten anschließen, um ein solches Foto zu bekommen. James Nachtwey stellt seinen Ehrgeiz über die Angst und gilt zu Recht als bedeutendster Vertreter der Kriegsfotografie.

?  Sieht man den Krieg durch den Sucher anders?

!  Nein. Ich sehe im Sucher alles bewusst. Aber die Kamera ist mein Schutzschild. Ich würde niemals ohne Kamera in ein Kriegsgebiet fahren, sie ist meine Legitimation.

?  Was war die gefährlichste Situation, in die Sie geraten sind?

!  Ich wurde im November 2001 gekidnappt.

? Wo?

! Am Khyber-Pass zwischen Pakistan und Afghanistan.

Die Kidnapper durchstöberten vor der Hütte mein Gepäck

?  Wie ist das passiert?

! Im Jahr 2001 war die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan noch offen. Ich war mit drei Begleitern unterwegs, die mich nach Kabul bringen sollten. Nachdem wir die pakistanische Grenze überquert hatten, trafen wir am Khyber-Pass auf bewaffnete Gangster, die uns trennten. Sie verbanden mir die Augen und brachten mich in eine Hütte, die sie mit einem Eisenriegel verschlossen. Wenn ich an dieses Geräusch denke, bekomme ich heute noch eine Gänsehaut. Die Kidnapper durchstöberten vor der Hütte mein Gepäck, aber ich hatte ja nur meine Kamera dabei, und mit der konnten sie nichts anfangen. Nach ein paar Stunden rief ich durch die Tür: „I want to talk to you.“ Weil die drei kein Englisch sprachen, holten sie einen afghanischen Studenten, der etwas englisch sprach. Er sagte: „They want money.“ Ich erklärte, dass ich hier kein Geld habe, aber wenn sie mich nach Dschalalabad bringen, würde ich ihnen Geld geben.

? Und darauf ließen sie sich ein?

Ja. Auf der Fahrt vom Khyber-Pass nach Dschalalabad bin ich vor Angst viele Tode gestorben. Ich wusste, dass auf diesem Weg schon viele Journalisten umgekommen sind, und auch mein Leben stand auf der Kippe. In Dschalalabad fuhren wir in ein Büro, das ich kannte. Es war meine Rettung. Ich habe den Mitarbeitern mit dem Finger vor dem Mund signalisiert, dass die Situation gefährlich ist, und die sahen ja auch, dass die drei Männer schwer bewaffnet waren. Dann habe ich so unauffällig wie möglich aus meiner Westentasche das Geld genommen und es den drei Kidnappern gegeben.

Ein Kidnapper wollte ein  Erinnerungsfoto mit mir machen

? Sie hatten das Geld bei sich? Wurden Sie in der Hütte nicht durchsucht?

Nein, nur mein Gepäck.

? Wie viel haben Sie den Kidnappern gegeben?

Sie wollten 1000 Dollar, aber ich habe sie auf 800 Dollar runtergehandelt.

? Und dann sind sie gegangen? 

Nicht sofort. Einer holte ein Passbild aus seiner Jacke und fragte, ob ich so ein Foto von ihm machen und in sein Dorf bringen könnte. Auch ein Erinnerungsfoto wollten sie: Wir vier –friedlich vor der Kamera vereint. Dieses Bild ist der Beleg dafür, dass die überhaupt kein Unrechtsbewusstsein hatten.

? Wie fühlten Sie sich danach?

! Ich war traumatisiert und brauchte eine Weile, um das Erlebnis zu verarbeiten.

Für diesen Job muss man körperlich sehr, sehr fit sein

? Wie oft waren Sie denn schon an dem Punkt, wo Sie sich fragten: Bin ich bereit, noch einmal in ein Kriegsgebiet zu fahren?

! Als ich vor zwei Jahren aus Libyen kam, dachte ich darüber nach. Ich werde nicht jünger und für diesen Job muss man körperlich sehr, sehr fit sein. Oft gibt es den ganzen Tag nichts zu essen, es gibt keine Toiletten, man muss schnell laufen können. Aber wenn ich dann die Nachrichten verfolge, ist der Wunsch wieder da, loszufahren und zu fotografieren. Durch den IS ist die Welt für mich allerdings kleiner geworden. Ich habe keine große Organisation hinter mir und auch keine große Fernsehanstalt, für die Geld keine Rolle spielt. Ich hätte die Kontakte nicht und auch nicht die Sicherheit, dort wieder rauszukommen. Jetzt nach Syrien zu reisen, um zu fotografieren, wäre vielleicht mein Todesurteil.

? Was planen Sie als nächstes?

!  Ich will in Jordanien das größte Flüchtlingslager der Welt fotografieren. Und ich will nach Gaza, um aufzuzeigen, wie es dort weitergeht.

Das Interview führte Bettina Schellong-Lammel-Lammel

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