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“Die menschengemachte globale Erwärmung … eine Verschwörung?”

Die menschengemachte globale Erwärmung … eine Verschwörung?

von Hans D. Baumann

Es gibt eine starke Bewegung gegen Umweltschutz und CO2-Einsparungen, vor allem von rechten und konservativen Kräften. Was steckt hinter deren Leugnung des menschengemachten Klimawandels?

Ist es tatsächlich möglich, dass hinter der Behauptung zehntausender Wissenschaftler, der Mensch sei der Verursacher des Klimawandels, letztlich nur eine gigantische Verschwörung steckt? Ja, das ist möglich. Ist es auch wahrscheinlich? Nein, das ist es nicht. Durchaus möglich ist es hingegen, dass die beiden ersten Sätze oben demnächst irgendwo zitiert werden: Selbst in einem Magazin, das sich hohe Einnahmen verspricht, indem es die allgemeine Klimahysterie zum Hauptthema macht, muss ein Verfasser zugeben: Ist es tatsächlich möglich … Ja! Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und Daten sind ein beliebtes Instrument der Klimawandelleugner.

Es ist nicht Aufgabe dieses Beitrags, die vielen bekannten Fakten zum Klimawandel und seinen Ursachen erneut auszubreiten. Auch Gründe, die diese Fakten in Zweifel ziehen sollen, werden nur exemplarisch benannt. Hier geht es vielmehr um die Frage, wie und warum so viele konservative und rechte Kräfte den menschengemachten Klimawandel zurückweisen und wie man damit umgehen könnte.

Neben dem Leugnen – je nachdem – des Klimawandels überhaupt oder seiner Ursachen, vor allem des CO2-Ausstoßes – ist ein beliebter Angriffspunkt die persönliche Integrität der Wissenschaftler, Institute oder Redaktionen bis hin zu hasserfüllten Beleidigungen von Greta Thunberg.

97 Prozent der im engeren Sinne mit Fragen des Klimawandels befassten Wissenschaftler sind sich aufgrund ihrer Forschungsergebnisse sicher, dass vor allem anthropogenes CO2 für die gemessenen – und erlebbaren – Veränderungen verantwortlich ist. Je stärker ihr Forschungsschwerpunkt mit dem Wandel zu tun hat, desto höher ist ihre Zustimmung. Lediglich ein Promille der wissenschaftlich begutachteten Aufsätze in Fachzeitschriften kommt zu abweichenden Ergebnissen. Aussagen zum Klimawandel sind also keine vage Theorie mehr, sondern gesichertes Wissen. Dass Wissenschaftler dennoch – im Rahmen dieser Gewissheit – Teilaspekte unterschiedlich beurteilen, ist gute Wissenschaftstradition. Klimawandelleugner bauschen diese Detaildifferenzen jedoch zu der Behauptung auf, nicht einmal die Klimawissenschaftler seien sich einig und Aussagen über den Wandel seien eine bloße – noch dazu falsche – Theorie.

Bei einem so überwältigenden Konsens der Klimawissenschaft muss man sich also fragen, welche Interessen und Haltungen dahinterstecken, wenn diese Fakten dennoch geleugnet werden.

Der Philosoph David Hume schrieb bereits 1748, dass außergewöhnliche Behauptungen außergewöhnliche Beweise erfordern. Diese gibt es aber weder in den vielen Artikeln noch in den zahlreichen Videos der Klimaleugner, die sich überall im Web finden. Sie stellen stets dieselben, längst widerlegten Behauptungen auf.

Wer sind die Klimawandel-Leugner?

Alle Untersuchungen zu dieser Frage kommen zu dem Ergebnis, dass Klimawandelleugnung (kurz: Klimaleugnung) stark korreliert mit einem konservativen, ausgeprägt rechten oder evangelikalem Weltbild. Dabei ist zu unterscheiden zwischen ergebnisoffenen Klimaskeptikern (ein Terminus, der dennoch von allen Leugnern gern zur Selbstbezeichnung verwendet wird) und Klimaleugnern. Skepsis ist eine sinnvolle Haltung, die so lange angemessen ist, wie Zweifel an einer bestehenden Hypothese durch Beweise und hohe Plausibilität nicht ausgeräumt werden können. Wie bei jeder Verschwörungstheorie wird Skepsis jedoch zu einem verbohrten Glauben, wenn die Ablehnung des Konsenses der Fachwissenschaft trotz hinreichender Beweise beibehalten wird.

Die Haltung von Konservativen und Rechten zum Klimawandel ist eigentlich, orientiert an ihrem eigenen Weltbild, kaum nachvollziehbar. Denn Bewahrung ist ja eine zentrale konservative Tugend. Auch Begriffe wie Heimat, der deutsche Wald und Ähnliches gehören dazu. Und was die Evangelikalen betrifft: Kaum ein Exeget (Bibelwissenschaftler) dürfte den Satz „Macht euch die Erde untertan!“ übersetzen mit: Macht sie platt und beutet sie aus, bis sie unbewohnbar wird! Dass solche Haltungen hierzulande seltener anzutreffen sind, liegt an der relativ hohen Zustimmung der deutschen Bevölkerung zur anthropogenen Verursachung des Klimawandels („hauptsächlich verursacht“ in Deutschland 49 Prozent, in den USA 40 Prozent; „teilweise verursacht“ hier 36 Prozent und dort 37 Prozent).

Es gibt eine weitere Tatsache, welche die Klimaleugnung durch Rechte schwer verständlich macht: ihr zentrales Thema des „Bevölkerungsaustauschs“. Zunehmend sind die Ursachen für Migration lokale Auswirkungen des Klimawandels. In absehbarer Zeit dürften wegen versiegender Flüsse, Versteppung, steigender Meeresspiegel und anderem mehr die Zahlen der Migranten so steigen, dass ihre gegenwärtige Menge sich dagegen wie ein Familienausflug ausnimmt. Wer das verhindern will, müsste eigentlich alles Erdenkliche dafür tun, die sich abzeichnende Klimakatastrophe zu verhindern. Tatsächlich stimmen aber entsprechende Parteien in nationalen Parlamenten oder in der Europäischen Union gegen nahezu alle Klimaschutzmaßnahmen. Bemerkenswerterweise schrieb kürzlich sogar David Eckert, der Vorsitzende der AfD-Nachwuchsorganisation: „Wir fordern die Mandats- und Funktionsträger unserer Partei dazu auf, von der schwer nachvollziehbaren Aussage Abstand zu nehmen, der Mensch würde das Klima nicht beeinflussen“.

Hintergründe der Leugnung des ­anthropogenen Klimawandels

Auch wenn bei der Gründung der Grünen in Deutschland 1979 ein rechtsextremes Mitglied wie Baldur Springmann – damals auf Platz 4 der Liste – dabei war, sind die Unterstützer der Umweltbewegung tendenziell immer eher links gewesen. Damit sehen Rechte sie und ihre Ziele als Bedrohung. Seit dem Erstarken der Umweltbewegung ist zudem der Kommunismus in Russland und Osteuropa als Feindbild unbrauchbar geworden. Die Angst vor einem starken Staat (die natürlich vor allem die Finanziers der Klimaleugner aus der Kohle- und Erdölindustrie haben) mündet dann in Fantasien einer „grünen Diktatur“.

Die Rolle dieser Unterstützer ist dabei von zentraler Bedeutung. Sie lassen Think Tanks, Institute und angebliche Bürgerinitiativen gründen, finanzieren öffentlich auftretende Personen mit (irgendeinem) wissenschaftlichen Hintergrund, am besten mit Doktor- oder Professorentitel, aber in der Regel ohne eigene Forschungen zum Thema oder gar begutachtete Artikel in anerkannten Fachzeitschriften.

Es ist dieselbe Vorgehensweise wie etwa bereits im Falle der Tabakindustrie („Rauchen ist nicht ungesund“). Das Perfide daran ist, dass interne Unterlagen bekannt geworden sind, die bei solchen Kampagnen belegen, dass die tatsächliche Bedrohung den Akteuren schon lange bekannt war und die Leugnung wider besseres Wissen geschah. Dennoch sind ihre Maßnahmen noch immer sehr erfolgreich.

Eine beliebte Strategie besteht darin, wenn Fakten nicht länger geleugnet werden können (Rauchen und seine gesundheitlichen Folgen, Zunahme von gefährlichen Folgen des Klimawandels), von der generellen Zurückweisung zur pseudosachlichen Diskussion überzugehen: Klimawandel gibt es zwar, aber seine Verursachung durch anthropogenes CO2 ist lediglich eine Theorie neben anderen. Aus Gründen der Fairness und ausgewogenen Berichterstattung wird dann gefordert, bei Meldungen über den Klimawandel Alternativmodelle gleichberechtigt zu berücksichtigen (in Deutschland exemplarisch in „Die Welt“.)

Doch wie sollte das gehen, wenn etwa Hypothesen wie Zunahme der Sonnenaktivität oder Änderung der Erdumlaufbahn als Verursacher, um nur zwei zu nennen, von der Wissenschaft längst widerlegt sind? Mit dem gleichen Recht könnten die Anhänger der Flat-Earth-Theorie fordern, ihre Sicht fair und ausgewogen in entsprechenden Beiträgen vorzustellen. In den USA haben es die Anhänger des Kreationismus auf diese Weise geschafft, dass ihre Mythen den Kindern in Schulbüchern gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie vermittelt werden müssen.

Man braucht derzeit nur die zahllosen Leserbriefe zum Thema CO2-Steuer zu lesen, die überwiegend nicht von rechtsextremen Autoren stammen dürften, in denen behauptet wird, diese sei nur ein Instrument, um dem Bürger das Geld aus der Tasche zu ziehen, um zu erkennen, wie wirkungsvoll solche Verunsicherungskampagnen sind und welch tiefe Ängste vorhanden sind, den eigenen Lebensstil umweltverträglicher zu gestalten.

Lesen Sie den ganzen Artikel in der aktuellen Ausgabe.

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