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Heft 37 Interviews Lesenswert

“Ein deutsches Dilemma: Ausbildung hat ein schlechtes Image”

Ein deutsches Dilemma: Ausbildung hat ein schlechtes Image

Fachkräftemangel – die deutsche Wirtschaft stöhnt, dass sie kein qualifiziertes Personal findet. Allein in der Krankenpflege wurden 2018 rund 15700 Arbeitsstellen ausgeschrieben, arbeitslos gemeldet waren gerade einmal 2900 Fachkräfte. Abhilfe soll nun das seit 1. März 2020 geltende „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ schaffen. Für den Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Sell nicht der richtige Weg, da diese Arbeitskräfte in ihren Heimatländern fehlen werden. Im Gespräch mit NITRO sagt er weiterhin: Es wird zu wenig ausgebildet und zu wenig bezahlt. Besonders warnt der Sozialwissenschaftler vor einer Erhöhung des Rentenalters auf 70 Jahre – denn das würde besonders die unteren Einkommensschichten hart treffen.

? Was ist dran am Fachkräfte­mangel in Deutschland? Studieren wir zu viel, haben wir keine Lust auf Pflege und Handwerk oder ist der Fachkräftemangel herbeigeredet, um billige Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Deutschland zu holen?

! Meine Antwort ist zwiegespalten. Wenn ich mir die harten Daten anschaue, dann wird deutlich, dass in den Bereichen, in denen angeblich oder tatsächlich Fachkräftemangel herrscht, die Löhne hätten deutlich stärker steigen müssen. Das war aber bisher nur unterdurchschnittlich der Fall, etwa bei den Pflegeberufen. Auf der anderen Seite scheiden aufgrund des Demografie-Effekts jedes Jahr rund 300 000 Menschen mehr aus dem Arbeitsmarkt aus, als nachkommen. Trotzdem ist die Beschäftigung gestiegen. Das hängt mit zwei Effekten zusammen: Dem Verhaltenseffekt und dem Migrationseffekt. Der Migrationseffekt erklärt sich von selbst: Es ist die Zuwanderung. Der zweite Effekt, der Verhaltenseffekt, besteht wiederum aus zwei Bereichen: Einmal kompensiert die steigende Erwerbsbeteiligung der Frauen die altersbedingt wegfallenden Arbeitnehmer. Im Verhaltenseffekt sehen wir, dass die Leute schlichtweg länger arbeiten und nicht mehr mit 60 Jahren in den Vorruhestand gehen, sondern wegen der Rentenreformen tatsächlich immer länger arbeiten. Diese Formen der Kompensation stoßen jetzt aber zunehmend an ihre Grenzen, denn der Demografie-Effekt wird noch größer, weil die Babyboomer in den nächsten zehn Jahren in den ­Ruhestand gehen.

? Die Regierung versucht, dem zu begegnen, deshalb gilt seit dem 1. März dieses Jahres das Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Dies soll qualifizierten ­Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Staaten die Einreise und Akzeptanz ihrer Abschlüsse erleichtern. Zusätzlich sollen Fachkräfte in ihren Heimatländern wie Mexiko, ­Brasilien, Indien oder Vietnam angeworben werden. Ist das der richtige Weg?

! Das ist ein typisch deutsches Dilemma. Aufgrund der demographischen Entwicklung brauchen wir tatsächlich Zuwanderung. Hier wird jedoch eine bestimmte Form von Zuwanderung gefordert: die der Fachkräfte. Man möchte gern Zuwanderung, aber bitteschön eine passgenaue. Aber was hier in Deutschland völlig unterschätzt wird, ist die Sprachproblematik. Deutsch ist eine schwere Sprache, und selbst wenn sie wollen beziehungsweise müssen, weil sie sich erhoffen, sich materiell besserzustellen, scheitern viele Zuwanderer letztendlich an der Sprache und den Sprachanforderungen.

? Nehmen wir mal an, die Zuwanderer schaffen das – wenn man aber Fachkräfte aus Schwellenländern anwirbt, reißt man dann nicht dort eine Lücke ins System?

! In der wissenschaftlichen Diskussion spricht man hier von der Kettenmigration. Diese kann man gut am Beispiel der osteuropäischen Betreuungskräfte erkennen, die vielfach in Privathaushalten im Einsatz sind und die hier das Pflegesystem aufrechterhalten. Geschätzt haben wir in Deutschland zurzeit etwa 500 000 überwiegend Osteuropäerinnen, die für drei bis maximal sechs Monate in den Haushalten tätig sind. Mir sind aber auch Berichte von Kollegen bekannt, dass dadurch in Polen, Bulgarien oder Rumänien katastrophale Folgewirkungen entstehen. Man spricht von ganzen Familien, die sich selbst überlassen werden. Kinder, die über Monate von irgendwelchen Nachbarn mitversorgt werden, weil die Mutter beispielsweise in der Eifel eine demenzkranke alte Dame betreut. Wir haben zurzeit über 30 000 ausländische Krankenhausärzte in Deutschland, und die größte Anzahl davon kommt aus Osteuropa. Ganze Jahrgänge von Ärzten und Ärztinnen aus Rumänien und Bulgarien gehen nach dem Abschluss sofort nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz. Das heißt, diese armen Länder bilden auf ihre Kosten Mediziner aus, die dann aber in Deutschland eingesetzt werden. Man könnte also sagen, man privatisiert die Gewinne aus der Ausbildung in Deutschland, aber die Kosten werden den armen Ländern aufsozialisiert.

? Ist das Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland nicht möglicherweise auch ein Indiz dafür, dass hier die Gehälter nicht angemessen hoch sind?

! Wir haben folgen Situation: Im vergangenen Jahr sind in Deutschland 450 000 neue sozialversicherungspflichtige Jobs hinzugekommen. Das hört sich erstmal gut an, aber wenn man genauer hinschaut, stellt man schnell fest, dass 57 Prozent dieser neuen Stellen von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit besetzt worden sind. Auf dem ersten Platz stehen hier nicht die Flüchtlinge, an die vielleicht mancher denken mag, sondern die schon erwähnten Osteuropäer. In manchen Branchen, wie dem Hotel- und Gaststättengewerbe, bei den Paketzustellern, aber auch im Lagerwesen, der Verkehrsdienstleitung und in anderen Branchen geht der Ausländeranteil mittlerweile steil gegen 100 Prozent. Natürlich sind die Arbeitgeber scharf auf Erleichterungen bei der Zuwanderung von Arbeitskräften. Dahinter steckt ein einfacher ökonomischer Zusammenhang: Der Preis bildet sich durch ein Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Wenn jetzt aber das Angebot an Arbeitskräften sinkt und gleichzeitig die Nachfrage gleichbleibt oder sogar wächst, weil man mehr Jobs zu besetzen hat, dann müsste nach allen Regeln der Ökonomie der Preis steigen. Der Preis für die Arbeit ist der Lohn, und dem Anstieg kann nur vorgebeugt werden, wenn das Angebot an Arbeitskräften wieder erhöht wird. Denn die Peitsche der hohen Arbeitslosigkeit, die die Arbeitnehmer in ihren Lohnforderungen begrenzt, die ist nicht mehr da. Was macht man also als Arbeitgeber? Man erhöht die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte, um einen Lohndruck nach unten zu produzieren. Weiterhin können Sie mal lebensnah davon ausgehen, dass die Menschen, die durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz zu uns kommen, nicht als Erstes zur IG Metall oder NGG gehen und dort nach ihren Rechten fragen, welche Tarifverträge es gibt oder welche Entlohnung ihnen zusteht. Das wissen die Arbeitgeber natürlich auch. Hinzu kommt, dass Gewerkschaften bei vielen Menschen aus Osteuropa noch immer negative Assoziationen auslösen. Das ist ein alter Reflex aus den ehemaligen Ostblockzeiten. Das ist natürlich eine wunderbare Gemengelage für Arbeitgeber, die dann sagen: „Super, wie kriegen nicht nur Nachschub, sondern die, die da kommen, beschäftigen sich auch nicht mit gewerkschaftlichen Gedanken.“

Lesen Sie das komplette Interview im aktuellen Heft.

Das Interview führte Andrew Weber

Prof. Dr. Stefan Sellist Sozialwissenschaftler und Professor für Volkswirtschafts­lehre, Sozialpolitik und Sozialwissen­-schaften am „Campus Remagen“ der Hochschule Koblenz. 2016 wurde er für sein sozialpolitisches Engagement mit dem „Regine-Hildebrandt-Preis“ ausgezeichnet. 2018 berief man ihn zum Mitglied der „European Academy of Sciences and Arts (EASA)“. Stefan Sell betreibt den sozial­politischen Blog „Aktuelle Sozialpolitik. Informationen, Analysen und Kommentare aus den Tiefen und Untiefen der So­zial­politik“: www.aktuelle-sozialpolitik.de

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