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Der Welterklärer – MrWissen2Go
Foto: © ZDF/Andreas Hougardy
Aktuell

Der Welterklärer – MrWissen2Go 

Auf seinem YouTube-Kanal präsentiert Mirko Drotschmann alias MrWissen2go Videoclips über ­politische Themen und aktuelle Ereignisse. Mit seiner lockeren Art schafft es der Journalist und Fernsehmoderator, Jugendliche für Themen zu begeistern, die in den Medien und der Schule oft zu trocken oder überhaupt nicht behandelt werden. Er erreicht damit ein Millionenpublikum – knapp 1,2 Millionen Abonnenten haben MrWissen2go abonniert – in Spitzenzeiten werden seine Beiträge mehr als fünf Millionen Mal aufgerufen.

Drotschmann erklärt den Klimawandel, den Nahostkonflikt, die Elektromobilität, wie gefährlich E-Zigaretten sind, wer die AfD wählt oder wie die Fridays-for-Future-Bewegung die Welt retten will. Im Interview mit NITRO spricht MrWissen2go über seinen Weg vom Historiker zum Journalisten und warum politische Bildung über YouTube perfekt funktioniert.

? Mit Anfang 30 haben Sie eine ziemlich beeindruckende Karriere hingelegt. Nach dem Studium der Geschichte und der Kulturwissenschaften absolvierten Sie ein journalistisches Volontariat. Wollten Sie immer Journalist werden?

 ! Ich wollte das schon in der Schulzeit. Damals hatte mich ein Schulfreund dazu überredet, bei der Schülerzeitung mitzuarbeiten. Ich bin tatsächlich hingegangen – und geblieben, weil ich es super spannend fand. Mit einem Freund habe ich den ersten Artikel geschrieben. Es ging um einen Kaffeeautomaten in der Aula, der neu aufgestellt wurde. Wir haben diesen Kaffeeautomaten getestet, zwei Dinge ganz schlecht bewertet und den Testbericht dem Hersteller geschickt. Der hat reagiert und zwei Produkte ausgetauscht. Das war mein Aha-Effekt, denn ich merkte, dass man etwas erreicht, wenn man journalistisch arbeitet. Auch wenn der Artikel sicher nicht brillant war, ist bei der Arbeit für die Schülerzeitung mein Berufswunsch entstanden, Journalist zu werden.

? Sie sind nicht nur Journalist geworden, sondern auch Moderator – Sie haben unter anderem die Kindersendung Logo moderiert. Seit einigen Jahren sind Sie vor allem ein erfolgreicher YouTuber. Wie und wann wurden Sie zu MrWissen2go, der jungen Menschen die Welt erklärt?

 ! Gestartet bin ich mit dem Format im Mai 2012. Die Idee, bei YouTube aktiv zu werden, hatte ich aber schon länger, mir fehlte nur die zündende Idee. Zu dieser Zeit arbeitete ich schon mehr als sechs Jahre als Moderator fürs Radio und war auch schon fürs Fernsehen tätig, hatte also bereits einige Erfahrungen in der Moderation.

? Und was war die zündende Idee? Welches Thema behandelte das erste ­Video, das Sie bei YouTube hochgeladen ­haben?

 ! Da ich nicht sonderlich musikalisch bin und auch kein Talent habe, als Satiriker aufzutreten – übrigens alles Genres, die bei YouTube gut funktionieren – war mir klar, dass ich bei YouTube etwas machen muss, das exakt zu mir passt. Die Idee, jungen Menschen geschichtliche, politische oder gesellschaftliche Dinge zu erklären, kam mir, als ich mit meinem Schwager für die Geschichtsklausur vor seinem Abi lernte. Er hatte alle Zusammenhänge verstanden, die ich ihm erklärte, und ich dachte: Okay, wenn ich es einem Abiturienten plausibel erklären kann, könnte ich es auch vielen anderen Jugendlichen erklären. Nach einigen Recherchen stellte ich fest, dass es keine ähnlichen Formate gibt, und ich begann auf YouTube mit Nachhilfevideos zu geschichtlichen und politischen Themen.

? Sie erklären Ihren Zuschauern politische Sachverhalte in lockerer Weise sehr plausibel. Besonders erstaunlich ist: Sie schaffen es mit politischen Themen, dass die Zuschauer am Ball bleiben. Mit dem Video zum Konflikt zwischen den USA und dem Iran hatten Sie 681000 Aufrufe, beim Corona-Virus sind es 879000 Aufrufe, die Landtagswahl in Thüringen hatte 479000 Aufrufe. Es gibt aber auch Videos, die eine, drei oder mehr als fünf Millionen Aufrufe haben – zum Beispiel das Video: Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Wie schaffen Sie es, jungen Zuschauern diese schwere politische Kost schmackhaft zu machen?

 ! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich auch junge Menschen für harte politische Themen interessieren. Allerdings brauchen sie häufig etwas mehr Hintergrundinformationen, die ich ihnen in meinen Videos anbiete. Wichtig ist mir, die Videos so zu gestalten, dass man sie auch nach zwei, drei Tagen oder nach zwei, drei Wochen noch anschauen kann, ohne dass sie komplett inaktuell sind. Ich versuche immer, die Sachverhalte zu erklären, sie einzuordnen und die Ereignisse nicht zu trocken und chronistenmäßig darzustellen. Wenn man sich klassische Fernsehnachrichten anschaut, setzen die oftmals sehr viel Wissen voraus. Ich versuche, Hintergrundwissen mit aktuellen Geschehnissen zu verbinden, damit die Zuschauer die Entwicklung verstehen.

Ein enormen Bedarf an Wissen und Wissensvermittlung im Netz

? Ihr Konzept scheint aufzugehen, immerhin hat MrWissen2go knapp 1,2 Millionen Abonnenten und damit mehr als Harald Lesch, einem der beliebtesten YouTube-Kanäle im Bereich Wissen und Bildung. Wird YouTube immer mehr zum Bildungskanal für junge Menschen?

! Absolut. Ich arbeite eng mit Harald Lesch zusammen, und meine Firma produziert den Kanal mit ihm. Es gibt einen enormen Bedarf an Wissen und Wissensvermittlung im Netz, aber dieser Bedarf wird noch nicht ansatzweise gestillt. Da hier die Öffentlich-Rechtlichen gefragt sind, haben wir zusammen mit dem ZDF den Kanal mit Harald Lesch entwickelt. Ich denke aber, hier gibt es immer noch viel Potenzial. Wenn wir uns den englischsprachigen Bereich anschauen, sehen wir, dass dort viel mehr geboten wird. Da gibt es einen Wissenschaftsjournalismus, der die Welt erklärt und die aktuellen Entwicklungen über die Nachrichtkanäle transportiert. In den nächsten Jahren werden sich Dokumentationen und Wissensangebote aber mehr und mehr aufs Netz verlagern, und nicht nur junge Menschen, sondern zunehmend auch Menschen über 30 suchen sich ihre Informationen im Netz und erwarten dort natürlich entsprechende Angebote.

? Sie erwähnten den englischsprachigen Raum. Die BBC ist ein gutes Beispiel für sehr gute Dokumentationen. Hat Deutschland im Öffentlich-Rechtlichen Nachholbedarf, wenn man es mit der BBC vergleicht?

 ! Auf jeden Fall. Wobei es inzwischen auch in Deutschland viele Angebote gibt. Nicht nur bei Funk, dem Internetangebot der Öffentlich-Rechtlichen, sondern auch bei Marken wie Terra X, die schon seit einigen Jahren im Netz mit YouTube-Kanälen oder Instagram-Accounts vertreten sind. Aber in Deutschland mahlen die Mühlen langsamer, weil die regulatorischen Vorschriften durch den Rundfunkstaatsvertrag zu beachten sind, die lange Zeit eine schnellere Entwicklung verhindert haben.

70 bis 80 Prozent der Themen basieren auf Zuschauervorschlägen

? Zu Funk und Terra X kommen wir noch. Zunächst die Frage: Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Themen aus, außer natürlich nach der Aktualität?

 ! Mir geht es vor allem darum: Was wollen die Zuschauer? Deren Wünsche sind für mich zentral. 70 bis 80 Prozent der Themen basieren auf Zuschauervorschlägen, und die decken sich sehr häufig mit der Aktualität. Nehmen wir die Landtagswahl in Thüringen: Da erhielt ich kurz nach dem politischen Erdbeben viele Nachrichten über Twitter oder YouTube beziehungsweise mich erreichen E-Mails mit Themenvorschlägen und Wünschen, und das deckte sich mit der Nachrichtenlage. Es gibt aber auch Themenwünsche, die nichts mit der aktuellen Politik zu tun haben. Gerade habe ich ein Video gedreht, in dem viele Zuschauer wissen wollten: Was wäre, wenn Deutschland noch einen Kaiser hätte?

? Da die Zuschauer nicht wissen, wie Sie arbeiten, erklären Sie doch mal Ihre Arbeitsweise. Wie lange bereiten Sie sich auf einen YouTube-Beitrag vor? Welche Quelle nutzen Sie und wie erfolgt der Fakten-Check?

! Das hängt immer vom Thema ab. Wenn es um Historisches geht, ist die Quellensituation meist gut, denn ich kann Bibliotheken nutzen. Bei aktuellen Themen sind die Recherchewege ähnlich wie im journalistischen Alltag. Ich nutze Nachrichtenagenturen und andere Medien, recherchiere in Pressearchiven, kontaktiere auch mal ­Experten, Professoren an Unis, Augenzeugen oder Kollegen, die sich mit dem Thema befassen, um das es geht. Ich recherchierte auch vor Ort oder wühle mich durch Archive. Meine Arbeit unterscheidet sich also nicht von der journalistischen Arbeit anderer Formate.

? Wie lange brauchen Sie, um einen Beitrag ins Netz zu stellen?

! Bei aktuellen Ereignissen passiert das innerhalb weniger Stunden. Dann schneide ich die Videos selbst, was ich ansonsten nicht mehr oft mache. Aber in der Regel dauert ein Skript ein bis zwei Tage, bis es abgedreht ist. Danach geht es an die Bearbeitung – den Schnitt und die Grafiken – auch das kann zwei, drei Tage dauern. Anschließend muss der Beitrag verschlagwortet und sämtliche Metadaten müssen eingetragen werden. Alles zusammengerechnet, kann ein Beitrag fünf bis sechs Tage dauern, bis er sendereif ist.

Reportage-Rubrik MrWissen2go Exklusiv

? Sie arbeiten mit Kamera, Beleuchter, Schnitt- und Tonmann? Aus wie vielen Personen besteht Ihr Team?

! Die technische Seite ist sehr schlank. Der Dreh läuft komplett autark ab. Ich stehe alleine vor einem Greenscreen, bediene alles selbst, stecke mir selbst das Mikrofon an, setze das Licht und drücke auf „Record“ bei der Kamera – bei den regulären Videos auf dem Kanal. Für die grafische Bearbeitung arbeite ich mit einer Agentur zusammen. Da arbeitet mal einer, mal zwei, mal drei, je nach Aufwand beim Schnitt und der Animation. Den Inhalt und die Skripte erstelle ich komplett alleine. Es gibt eine Rubrik auf meinem Kanal, die heißt MrWissen2go Exklusiv. Das ist eine Reportage-Rubrik, die auch einen investigativen Ansatz hat. Da ist dann auch eine Redakteurin im Einsatz, die ausschließlich für dieses Projekt arbeitet und die von einer Teilzeitkraft unterstützt wird. Die recherchieren einmal im Monat ein Video, das auch mit Kameraleuten vor Ort, mit Interviews und anderen Dingen umgesetzt wird. Aber die regulären Videos mache ich inhaltlich komplett alleine.

? Seit einiger Zeit werden politische Themen bei YouTube nicht mehr so optimal ausgespielt. Sehen Sie darin eine Gefahr, dass junge Menschen mit politischen Themen nicht mehr so gut erreichbar sind?

! Grundsätzlich bin ich mit vielem nicht einverstanden, was in den sozialen Netzwerken und auch bei YouTube passiert. Ich würde das nicht uneingeschränkt loben wollen. Im Gegenteil. Aber es ist natürlich eine Grundsatzentscheidung, an der ich nichts ändern kann. Wir haben keine andere Wahl, als das zu akzeptieren, wenn wir unsere Zielgruppen mit unseren Inhalten erreichen wollen.

? Was heißt?

! Wir müssen mit den Spielregeln leben, uns an den Algorithmus anpassen und diesen sehr genau beobachten. Ich sehe es sehr kritisch, wenn eine Plattform wie YouTube sagt: Wir wollen möglichst werbefreundliche Inhalte, und werbeunfreundliche Inhalte möchten wir nicht so gern. Werbeunfreundliche Inhalte sind zum Beispiel Krieg, Terror und andere politische Nachrichtenthemen. Es ist ein Eingriff in die Berichterstattung, der aus meiner Sicht kritisch zu bewerten ist. Ich versuche, Schlupflöcher und Tricks zu finden, wie ich solche Sperren umgehen kann. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Ich hoffe aber, dass YouTube wieder davon abkommt, Heile-Welt-Themen oder Lifestyle-Themen nach vorn zu setzen. Klar ist aber, dass sich mit einem Video über den Konflikt zwischen USA und Iran auf YouTube – wenn man es monetarisiert – natürlich weniger Geld verdienen lässt als mit einem Video über die neuesten Sneakers von Nike.

Der größte Fehler ist eine belehrende Berichterstattung

? Die klassischen Medien, also die Verlagshäuser und Rundfunkanstalten, beklagen zunehmend, dass sich junge Menschen angeblich kaum noch für Politik interessieren. Sie beweisen mit Ihren Zugriffszahlen, dass das nicht zutrifft. Junge Menschen holen sich Information nur auf anderem Wege als durch eine ­Tageszeitung oder eine Nachrichtensendung. Was müssten die klassischen Medien ändern, um junge Menschen zu erreichen? 

! Indem sie unterwegs sind, wo die jungen Menschen unterwegs sind, und nicht erwarten, dass sie zu einem kommen. Das ist eine Haltung, die aus der alten Medienzeit kommt. Heute läuft es anderes: Man muss zu den jungen Zuschauern und Lesern gehen und sich dort bewegen, wo sie sich bewegen. Es ist aber auch nicht damit getan, zu sagen: Machen wir halt mal was bei YouTube. So erreicht mal die junge Zielgruppe nicht. Dafür braucht man auch Snapchat und muss auch Instagram in seine Überlegungen einbeziehen. Der größte Fehler ist eine belehrende Berichterstattung. Wichtig ist es, Hintergründe zu erklären, Sachverhalte einzuordnen und so das Wissen zu vermitteln. Jugendliche sind im Übrigen sehr sensibel, was Objektivität und Neutralität angeht, und sie achten sehr darauf, dass die Dinge möglichst wertfrei übermittelt werden.

? Als MrWissen2go erklären Sie jungen Menschen die Welt. Eigentlich wäre die politische und wissenschaftliche Bildung die Aufgabe von deutschen Schulen. Ist die Wissensvermittlung an Schulen zu theoretisch oder nicht mehr zeitgemäß? Was müsste sich zum Beispiel bei den Schulfächern ändern?

! Es gibt inzwischen einige Schulen, die zeitgemäß sind, aber es gibt eben auch noch zu viele, die sich an ein Curriculum halten, das bereits vor 20 Jahren veraltet war. Ich denke, ein großes Problem ist, dass die Bildungspläne zu voll sind und zu wenig Raum für aktuelle Themen lassen. Wenn so etwas passiert wie in Thüringen, bin ich mir ziemlich sicher, dass es nur an sehr wenigen Schulen überhaupt besprochen wird. Zum einen, weil die Lehrer einfach nicht wissen, wo sie das unterbringen sollen. Aber vielleicht fehlen ihnen auch die nötigen Kompetenzen. Hinzu kommt, dass die Bildungspläne, was die Schulfächer betritt, überarbeitet werden sollten. Wichtig wären Schulfächer wie Medienkompetenz. Wie ordnet man Quellen im Internet ein? Wie kann man prüfen, ob man einer Quelle vertrauen kann? Wie gehe ich mit meinen Daten im Netz um? Was machen die großen Plattformen im Hintergrund mit meinen Daten? Es könnte auch Fächern geben, die sich mit der gesunden Ernährung, ­Lebensmittelkunde oder dem Steuersystem beziehungsweise der Steuererklärung beschäftigen. Man könnte auch alles zusammen in einem Fach Lebenskunde bündeln. Im Zusammenhang mit dem Medienkonsum von jungen Menschen könnten jede Menge Themen zusammengebracht werden, denn nichts wird von Jugendlichen so viel konsumiert wie Medien. Dass es dazu im Jahr 2020 noch kein Schulfach gibt, ist eigentlich ein Skandal. 

 

? Sie sind in der politischen Aufklärung sehr stark engagiert, haben die Europawahl oder die Landtagswahl in Thüringen thematisiert, und über radikale Parteien aufgeklärt. Werden Sie mit Hass-Mails konfrontiert, wenn Sie zum Beispiel über die AfD berichten oder über Verschwörungstheoretiker oder über die Identitären?

! Hassmails bekommt man auf jeden Fall, wenn man über solche Themen spricht, zum Beispiel wenn es um die AfD geht. Aber nicht nur von denen, die die AfD unterstützen – ich bekomme auch regelmäßig Mails mit dem Tenor: Du verharmlost diese Partei, du bist daran schuld, dass der Faschismus in Deutschland wiederauflebt. Mir wurde auch schon vorgeworfen, ich sei ein Zentrist.

„Ein Journalist soll sagen, was ist.“

? Was soll das sein?

! So werden Leute bezeichnet, die zu neutral sind und es nicht wagen, Stellung zu beziehen. Ich finde, Rudolf Augstein hatte recht, als er sagte: „Ein Journalist soll sagen, was ist.“ Ich meine, ein Journalist sollte keine Wertung vornehmen und keinen erzieherischen Ansatz haben, sondern seinem Publikum die Möglichkeit geben, selber zu entscheiden, was es denkt.

? Es ist aber nicht so, dass Sie unerträglichen Beschimpfungen ausgesetzt sind?

! Ich habe auch schon Morddrohungen erhalten und bekomme sie regelmäßig. Allerdings nicht in dem Ausmaß, wie das bei einigen Kollegen der Fall ist, die sich tagtäglich Anfeindungen aussetzen müssen und zum Teil in Hotels wohnen müssen, weil sie nicht mehr nach Hause gehen können. Das ist bei mir nicht der Fall, aber solche Dinge sind eigentlich untragbar in einem demokratischen Rechtsstaat.

? Ihr Format MrWissen2go ist jetzt ein funk-Format, dem gemeinsamen Jugend­programm von ARD und ZDF. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

! Ganz simpel – ich wurde angesprochen, ob ich dabei sein will. Das war für mich eine ganz besondere Sache, weil es mir die Möglichkeit gibt, meinen Kanal werbefrei zu halten, unabhängig zu sein und ihn auch finanziell tragbar zu gestalten. Das war vorher nicht der Fall. Ich habe den Kanal viele Jahre als Verlustgeschäft betrieben – wenn man es betriebswirtschaftlich sehen würde. Deshalb musste ich gar nicht lange nachdenken, als ich gefragt wurde: Willst du dabei sein? Inzwischen sind es mehr als 80 Kanäle, die bei funk gebündelt werden, und die haben fast alle eine Bildungs- und Wissensanspruch. Gerade die journalistischen Formate erfreuen sich großer Beliebtheit, ob es jetzt Reportageformate sind, Erklärformate wie bei mir oder wissenschaftliche Formate. Das ist ein gutes Zeichen. 

Angebote journalistischer Formaten bei YouTube werden steigen

? Politische Bildung und Wissenschaft zu vermitteln, ist Ihr Anspruch, und Sie sind seit diesem Jahr Teil des Terra-X-Teams im ZDF? Wie kam es dazu?

! Für Terra X arbeite ich mit meiner Firma schon eine ganze Weile zusammen. In einer der Redaktionssitzungen kam irgendwann die Sprache auf mich, und es gab Überlegungen, ob man nicht Dinge, die wir im Netz machen, auch im Fernsehen umzusetzen. Terra X ist in meinen Augen absolut die Champions League, was Wissensvermittlung angeht. Dass ich diese Sendung jetzt ab und zu moderieren darf, ist für mich ein Ritterschlag. Es gibt mir die Chance, eine breite Bevölkerungsgruppe mit historischen Themen anzusprechen. 

? Wann läuft die erste Sendung mit ­Ihnen?

! Die erste Sendung wird am letzten Sonntag im März ausgestrahlt. Gedreht haben wir schon im vergangenen Jahr. Es werden drei Sendungen bei Terra X laufen: „Hexenverfolgung“, „Mittelalter“ und „Das alte Ägypten“. 

? Terra X ist eine Sendung, die wirklich viele Zuschauer im ZDF erreicht, und damit ist sie in Zeiten schwindender Einschaltquoten eine gute Ausnahme. Im ZDF gibt es eine andere Zielgruppe als bei MrWissen2go. Ist das für Sie eine besondere Herausforderung?

! Ich finde es spannend, verschiedene Altersgruppen anzusprechen – bei YouTube eher die Jüngeren, im Fernsehen eher die Älteren. 

? Schauen wir zum Schluss in die Zukunft. Wie sehen Sie die politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Bildung in zehn Jahren auf Ihrem YouTube-Kanal? Werden Sie die Welt immer noch als MrWissen2go erklären?

! Ich würde mich freuen, wenn es so wäre, bin aber auch gespannt, ob die Formate, die wir momentan bedienen, dann überhaupt noch funktionieren. Ich bin sicher, da wird sich in den nächsten Jahren viel bewegen. Das Angebot an journalistischen Formaten bei YouTube und auf anderen sozialen Plattformen wird sicher noch viel größer sein, weil die Nachfrage steigt. Denn immer mehr Menschen, die heute nicht im typischen YouTube-Alter sind, werden die Plattform nutzen, um sich zu informieren. 

? Wir wissen nicht, ob es in zehn Jahren überhaupt noch Fernsehen gibt. YouTube und andere Ausspielkanäle im Netz wird es aber auf jeden Fall noch geben? 

! Fernsehen wird es in zehn Jahren sicher auch noch geben, aber es wird sich inhaltlich verändern. Schon jetzt planen die Sender, die Inhalte zukünftig primär fürs Netz zu produzieren, zusätzlich kommen diese auch noch ins Fernsehen. Das Fernsehen wird dann ein weiterer Ausspielweg, wie früher das Netz die Zweitausspielmöglichkeit war. Es wird sich einfach umkehren. Wenn wir uns überlegen, was wir vor fünf Jahren nicht für möglich gehalten hätten, was heute möglich ist, dann können wir auf jeden Fall gespannt sein.  

Das Interview führte 
Bettina Schellong-Lammel

Mirko Drotschmannstudierte Geschichte und Kulturwissenschaft in Karlsruhe und absolvierte ein journalistisches Volontariat beim Südwestrundfunk. Er arbeitete vor und hinter der Kamera für ARD und ZDF, von 2014 bis 2017 unter anderem als Reporter und Moderator für die ZDF-Sendereihe „logo!“. Bekannt geworden ist er vor allem als „MrWissen2go“ auf seinem eigenen YouTube-Kanal, mit dem er 2012 an den Start ging. Seither erklärt Mirko Drotschmann Woche für Woche historische, gesellschaftliche und politische Themen und begeistert eine ständig wachsende Fangemeinde im Internet. Inzwischen hat sein Kanal über 1,1 Millionen Abonnenten. Im Online-Medienangebot „funk“ von ARD und ZDF ist Drotschmann als „MrWissen2go – Geschichte“ ebenso fest verankert wie mit „#jahr100“ auf dem YouTube-Kanal der ZDF-Marke ‚„Terra X“.

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