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“Der Welterklärer – Nichts wird von Jugendlichen so viel konsumiert wie Medien”

Der Welterklärer - Nichts wird von Jugendlichen so viel konsumiert wie Medien

Auf seinem YouTube-Kanal präsentiert Mirko Drotschmann alias MrWissen2go Videoclips über ­politische Themen und aktuelle Ereignisse. Mit seiner lockeren Art schafft es der Journalist und Fernsehmoderator, Jugendliche für Themen zu begeistern, die in den Medien und der Schule oft zu trocken oder überhaupt nicht behandelt werden. Er erreicht damit ein Millionenpublikum – knapp 1,2 Millionen Abonnenten haben MrWissen2go abonniert – in Spitzenzeiten werden seine Beiträge mehr als fünf Millionen Mal aufgerufen.

Drotschmann erklärt den Klimawandel, den Nahostkonflikt, die Elektromobilität, wie gefährlich E-Zigaretten sind, wer die AfD wählt oder wie die Fridays-for-Future-Bewegung die Welt retten will. Im Interview mit NITRO spricht MrWissen2go über seinen Weg vom Historiker zum Journalisten und warum politische Bildung über YouTube perfekt funktioniert.

? Mit Anfang 30 haben Sie eine ziemlich beeindruckende Karriere hingelegt. Nach dem Studium der Geschichte und der Kulturwissenschaften absolvierten Sie ein journalistisches Volontariat. Wollten Sie immer Journalist werden?

 ! Ich wollte das schon in der Schulzeit. Damals hatte mich ein Schulfreund dazu überredet, bei der Schülerzeitung mitzuarbeiten. Ich bin tatsächlich hingegangen – und geblieben, weil ich es super spannend fand. Mit einem Freund habe ich den ersten Artikel geschrieben. Es ging um einen Kaffeeautomaten in der Aula, der neu aufgestellt wurde. Wir haben diesen Kaffeeautomaten getestet, zwei Dinge ganz schlecht bewertet und den Testbericht dem Hersteller geschickt. Der hat reagiert und zwei Produkte ausgetauscht. Das war mein Aha-Effekt, denn ich merkte, dass man etwas erreicht, wenn man journalistisch arbeitet. Auch wenn der Artikel sicher nicht brillant war, ist bei der Arbeit für die Schülerzeitung mein Berufswunsch entstanden, Journalist zu werden.

? Sie sind nicht nur Journalist geworden, sondern auch Moderator – Sie haben unter anderem die Kindersendung Logo moderiert. Seit einigen Jahren sind Sie vor allem ein erfolgreicher YouTuber. Wie und wann wurden Sie zu MrWissen2go, der jungen Menschen die Welt erklärt?

 ! Gestartet bin ich mit dem Format im Mai 2012. Die Idee, bei YouTube aktiv zu werden, hatte ich aber schon länger, mir fehlte nur die zündende Idee. Zu dieser Zeit arbeitete ich schon mehr als sechs Jahre als Moderator fürs Radio und war auch schon fürs Fernsehen tätig, hatte also bereits einige Erfahrungen in der Moderation.

? Und was war die zündende Idee? Welches Thema behandelte das erste ­Video, das Sie bei YouTube hochgeladen ­haben?

 ! Da ich nicht sonderlich musikalisch bin und auch kein Talent habe, als Satiriker aufzutreten – übrigens alles Genres, die bei YouTube gut funktionieren – war mir klar, dass ich bei YouTube etwas machen muss, das exakt zu mir passt. Die Idee, jungen Menschen geschichtliche, politische oder gesellschaftliche Dinge zu erklären, kam mir, als ich mit meinem Schwager für die Geschichtsklausur vor seinem Abi lernte. Er hatte alle Zusammenhänge verstanden, die ich ihm erklärte, und ich dachte: Okay, wenn ich es einem Abiturienten plausibel erklären kann, könnte ich es auch vielen anderen Jugendlichen erklären. Nach einigen Recherchen stellte ich fest, dass es keine ähnlichen Formate gibt, und ich begann auf YouTube mit Nachhilfevideos zu geschichtlichen und politischen Themen.

? Sie erklären Ihren Zuschauern politische Sachverhalte in lockerer Weise sehr plausibel. Besonders erstaunlich ist: Sie schaffen es mit politischen Themen, dass die Zuschauer am Ball bleiben. Mit dem Video zum Konflikt zwischen den USA und dem Iran hatten Sie 681000 Aufrufe, beim Corona-Virus sind es 879000 Aufrufe, die Landtagswahl in Thüringen hatte 479000 Aufrufe. Es gibt aber auch Videos, die eine, drei oder mehr als fünf Millionen Aufrufe haben – zum Beispiel das Video: Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Wie schaffen Sie es, jungen Zuschauern diese schwere politische Kost schmackhaft zu machen?

 ! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich auch junge Menschen für harte politische Themen interessieren. Allerdings brauchen sie häufig etwas mehr Hintergrundinformationen, die ich ihnen in meinen Videos anbiete. Wichtig ist mir, die Videos so zu gestalten, dass man sie auch nach zwei, drei Tagen oder nach zwei, drei Wochen noch anschauen kann, ohne dass sie komplett inaktuell sind. Ich versuche immer, die Sachverhalte zu erklären, sie einzuordnen und die Ereignisse nicht zu trocken und chronistenmäßig darzustellen. Wenn man sich klassische Fernsehnachrichten anschaut, setzen die oftmals sehr viel Wissen voraus. Ich versuche, Hintergrundwissen mit aktuellen Geschehnissen zu verbinden, damit die Zuschauer die Entwicklung verstehen.

? Ihr Konzept scheint aufzugehen, immerhin hat MrWissen2go knapp 1,2 Millionen Abonnenten und damit mehr als Harald Lesch, einem der beliebtesten YouTube-Kanäle im Bereich Wissen und Bildung. Wird YouTube immer mehr zum Bildungskanal für junge Menschen?

! Absolut. Ich arbeite eng mit Harald Lesch zusammen, und meine Firma produziert den Kanal mit ihm. Es gibt einen enormen Bedarf an Wissen und Wissensvermittlung im Netz, aber dieser Bedarf wird noch nicht ansatzweise gestillt. Da hier die Öffentlich-Rechtlichen gefragt sind, haben wir zusammen mit dem ZDF den Kanal mit Harald Lesch entwickelt. Ich denke aber, hier gibt es immer noch viel Potenzial. Wenn wir uns den englischsprachigen Bereich anschauen, sehen wir, dass dort viel mehr geboten wird. Da gibt es einen Wissenschaftsjournalismus, der die Welt erklärt und die aktuellen Entwicklungen über die Nachrichtkanäle transportiert. In den nächsten Jahren werden sich Dokumentationen und Wissensangebote aber mehr und mehr aufs Netz verlagern, und nicht nur junge Menschen, sondern zunehmend auch Menschen über 30 suchen sich ihre Informationen im Netz und erwarten dort natürlich entsprechende Angebote.

? Sie erwähnten den englischsprachigen Raum. Die BBC ist ein gutes Beispiel für sehr gute Dokumentationen. Hat Deutschland im Öffentlich-Rechtlichen Nachholbedarf, wenn man es mit der BBC vergleicht?

 ! Auf jeden Fall. Wobei es inzwischen auch in Deutschland viele Angebote gibt. Nicht nur bei Funk, dem Internetangebot der Öffentlich-Rechtlichen, sondern auch bei Marken wie Terra X, die schon seit einigen Jahren im Netz mit YouTube-Kanälen oder Instagram-Accounts vertreten sind. Aber in Deutschland mahlen die Mühlen langsamer, weil die regulatorischen Vorschriften durch den Rundfunkstaatsvertrag zu beachten sind, die lange Zeit eine schnellere Entwicklung verhindert haben.

? Zu Funk und Terra X kommen wir noch. Zunächst die Frage: Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Themen aus, außer natürlich nach der Aktualität?

 ! Mir geht es vor allem darum: Was wollen die Zuschauer? Deren Wünsche sind für mich zentral. 70 bis 80 Prozent der Themen basieren auf Zuschauervorschlägen, und die decken sich sehr häufig mit der Aktualität. Nehmen wir die Landtagswahl in Thüringen: Da erhielt ich kurz nach dem politischen Erdbeben viele Nachrichten über Twitter oder YouTube beziehungsweise mich erreichen E-Mails mit Themenvorschlägen und Wünschen, und das deckte sich mit der Nachrichtenlage. Es gibt aber auch Themenwünsche, die nichts mit der aktuellen Politik zu tun haben. Gerade habe ich ein Video gedreht, in dem viele Zuschauer wissen wollten: Was wäre, wenn Deutschland noch einen Kaiser hätte?

? Da die Zuschauer nicht wissen, wie Sie arbeiten, erklären Sie doch mal Ihre Arbeitsweise. Wie lange bereiten Sie sich auf einen YouTube-Beitrag vor? Welche Quelle nutzen Sie und wie erfolgt der Fakten-Check?

! Das hängt immer vom Thema ab. Wenn es um Historisches geht, ist die Quellensituation meist gut, denn ich kann Bibliotheken nutzen. Bei aktuellen Themen sind die Recherchewege ähnlich wie im journalistischen Alltag. Ich nutze Nachrichtenagenturen und andere Medien, recherchiere in Pressearchiven, kontaktiere auch mal ­Experten, Professoren an Unis, Augenzeugen oder Kollegen, die sich mit dem Thema befassen, um das es geht. Ich recherchierte auch vor Ort oder wühle mich durch Archive. Meine Arbeit unterscheidet sich also nicht von der journalistischen Arbeit anderer Formate.

? Wie lange brauchen Sie, um einen Beitrag ins Netz zu stellen?

! Bei aktuellen Ereignissen passiert das innerhalb weniger Stunden. Dann schneide ich die Videos selbst, was ich ansonsten nicht mehr oft mache. Aber in der Regel dauert ein Skript ein bis zwei Tage, bis es abgedreht ist. Danach geht es an die Bearbeitung – den Schnitt und die Grafiken – auch das kann zwei, drei Tage dauern. Anschließend muss der Beitrag verschlagwortet und sämtliche Metadaten müssen eingetragen werden. Alles zusammengerechnet, kann ein Beitrag fünf bis sechs Tage dauern, bis er sendereif ist.

? Sie arbeiten mit Kamera, Beleuchter, Schnitt- und Tonmann? Aus wie vielen Personen besteht Ihr Team?

! Die technische Seite ist sehr schlank. Der Dreh läuft komplett autark ab. Ich stehe alleine vor einem Greenscreen, bediene alles selbst, stecke mir selbst das Mikrofon an, setze das Licht und drücke auf „Record“ bei der Kamera – bei den regulären Videos auf dem Kanal. Für die grafische Bearbeitung arbeite ich mit einer Agentur zusammen. Da arbeitet mal einer, mal zwei, mal drei, je nach Aufwand beim Schnitt und der Animation. Den Inhalt und die Skripte erstelle ich komplett alleine. Es gibt eine Rubrik auf meinem Kanal, die heißt MrWissen2go Exklusiv. Das ist eine Reportage-Rubrik, die auch einen investigativen Ansatz hat. Da ist dann auch eine Redakteurin im Einsatz, die ausschließlich für dieses Projekt arbeitet und die von einer Teilzeitkraft unterstützt wird. Die recherchieren einmal im Monat ein Video, das auch mit Kameraleuten vor Ort, mit Interviews und anderen Dingen umgesetzt wird. Aber die regulären Videos mache ich inhaltlich komplett alleine.

? Seit einiger Zeit werden politische Themen bei YouTube nicht mehr so optimal ausgespielt. Sehen Sie darin eine Gefahr, dass junge Menschen mit politischen Themen nicht mehr so gut erreichbar sind?

! Grundsätzlich bin ich mit vielem nicht einverstanden, was in den sozialen Netzwerken und auch bei YouTube passiert. Ich würde das nicht uneingeschränkt loben wollen. Im Gegenteil. Aber es ist natürlich eine Grundsatzentscheidung, an der ich nichts ändern kann. Wir haben keine andere Wahl, als das zu akzeptieren, wenn wir unsere Zielgruppen mit unseren Inhalten erreichen wollen.

Lesen Sie das komplette Interview im aktuellen Heft.

Das Interview führte 
Bettina Schellong-Lammel

Mirko Drotschmannstudierte Geschichte und Kulturwissenschaft in Karlsruhe und absolvierte ein journalistisches Volontariat beim Südwestrundfunk. Er arbeitete vor und hinter der Kamera für ARD und ZDF, von 2014 bis 2017 unter anderem als Reporter und Moderator für die ZDF-Sendereihe „logo!“. Bekannt geworden ist er vor allem als „MrWissen2go“ auf seinem eigenen YouTube-Kanal, mit dem er 2012 an den Start ging. Seither erklärt Mirko Drotschmann Woche für Woche historische, gesellschaftliche und politische Themen und begeistert eine ständig wachsende Fangemeinde im Internet. Inzwischen hat sein Kanal über 1,1 Millionen Abonnenten. Im Online-Medienangebot „funk“ von ARD und ZDF ist Drotschmann als „MrWissen2go – Geschichte“ ebenso fest verankert wie mit „#jahr100“ auf dem YouTube-Kanal der ZDF-Marke ‚„Terra X“.

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