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Fernsehen

Linda Zervakis: Willkommen bei der Tagesschau! 

Als Linda Zervakis, die gebürtige Hamburgerin mit griechischen Wurzeln, im Mai 2013 Marc Bator nachfolgte, der die ARD verließ und zum Privatsender SAT.1 wechselte, erklärte Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell dazu: „Mit Linda Zervakis wird die Tagesschau jünger, weiblicher und internationaler. Bei tagesschau24 hat sie bewiesen, dass sie das Zeug dazu hat, das Flaggschiff der deutschen TV-Nachrichten zu präsentieren.“ Hat sie! In NITRO spricht Linda Zervakis über Glaubwürdigkeit, Tagesschau in 100 Sekunden und die Dauer Ihrer Karriere als Tagesschau-Moderatorin.

NITRO: Die Tagesschau als Flaggschiff des deutschen Fernsehens ist für viele Fernsehzuschauer immer noch ein Muss um Punkt 20 Uhr. Wie erklären Sie sich das?

! Die Tagesschau gehört seit mehr als sechzig Jahren zum festen Bestandteil vieler deutscher Haushalte. Ich selber kenne noch die Zeit, als ich Kind war, eingewickelt im Bademantel auf dem Sofa saß, und um 20 Uhr wurde die Tagesschau geguckt. Das ist wie eine Tradition, die sich über die Jahre hinweg etabliert hat – bis heute. Sie ist wie eine Bekannte, die jeden Tag pünktlich um 20 Uhr vorbeischaut.

In 15 Minuten das Wichtigste vom Tage

? Die Tagesschau besitzt außerdem den unangefochtenen Nimbus der Glaubwürdigkeit. Wie ist das zu schaffen?

! Die Tagesschau ist ein unabhängiges Medium, das sich nicht bestechen lässt. Auf sie kann man sich verlassen. Das klingt vielleicht etwas nostalgisch, aber es ist doch schön, dass es seit fast 60 Jahren noch eine Sendung im Fernsehen gibt, bei der man weiß, was man bekommt – 15 Minuten das Wichtigste vom Tage ohne große Schnörkel. Hinzu kommt, dass wir weltweit unsere Korrespondenten haben, die uns unabhängig von Agenturen glaubhaft sagen können, wie die jeweilige Situation vor Ort ist.

? Inwieweit können Sie als Sprecherin oder Moderatorin dazu beitragen?

! Für mich ist das ziemlich einfach, weil ich mich mit dem Produkt identifizieren kann. Wir Sprecher müssen die Nachrichtenphilosophie der Tagesschau nach außen vertreten: Seriosität, Kompetenz, Glaubwürdigkeit, aber auch Modernität und Tempo.

Die Zukunft der Tagesschau liegt bei den Menschen

? Sind Sie lieber die Moderatorin oder die Sprecherin der Tagesschau?

! Da ich die Texte bei der Tagesschau nicht selber schreibe, bin ich die Sprecherin der Tagesschau und kann damit gut leben.

? Der Tagesschau ist es gelungen, sich im Internet stark zu positionieren. Liegt die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im Internet?

! Die Zukunft der Tagesschau liegt bei den Menschen. Wenn wir unseren Auftrag erfüllen wollen, die gesamte Gesellschaft täglich mit Qualitätsnachrichten zu versorgen, müssen wir den Menschen dort Informationen bieten, wo sie die suchen: Im Fernsehen, im Internet oder auf dem Mobiltelefon…

? Inzwischen gibt es auch die Tagesschau in 100 Sekunden. Sind wir inzwischen unfähig, einem Nachrichtensprecher länger als 100 Sekunden zuzuhören oder sind die Nachrichten aus aller Welt inzwischen so schrecklich, dass wir sie nur noch portionsweise ertragen?

! Die Tagesschau in 100 Sekunden ist ein zusätzliches Angebot, das wir unseren Nutzern anbieten – sich überall und jederzeit einen Überblick zu verschaffen, was gerade los ist. Es wäre einfach, wenn das eine Format das andere ablösen würde. Die Zukunft ist viel anstrengender: Wir müssen alle Formate und alle Ausspielwege stark halten. Überall, wo Tagesschau draufsteht, muss auch Tagesschau drin sein.

Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund 

? Wann beginnt der Arbeitstag einer Nachrichtensprecherin?

! Da ich nicht jeden Tag die 20-Uhr-Ausgabe spreche, habe ich auch jeden Tag eine andere Anfangszeit. Wenn ich die 20-Uhr-Ausgabe spreche, komme ich um 18 Uhr, wenn ich zur Frühschicht im Moma antreten muss, bin ich schon um 4.30 Uhr im Sender. Ab und zu gibt es auch Nachtschichten, bei denen ich um 22.30 Uhr anfange, aber mein Körper hat sich an den flexiblen Schlafrhythmus ganz gut gewöhnt.

? Wie schwer ist es als Mutter eines Sohnes, alles unter einen Hut zu bekommen?

! Ich muss schon ziemlich viel organisieren. Schwierig ist es meistens nur, wenn das Kind krank wird, weil das den ganzen Plan über den Haufen wirft. Man muss ständig eine Notlösung parat haben.

? Am Anfang Ihrer Tagesschau-Karriere fanden Sie es seltsam, dass immer wieder zur Sprache kam, dass Sie die erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund sind. Warum?

! Ich habe mich gewundert, weil meine griechischen Wurzeln bis dahin nie wirklich ein Thema waren. Weder in der Schule noch in der Arbeitswelt. Ich war Linda und fertig.

Das Wort „Vorbild“ ist für mich viel zu groß

? Sie sagten in einem Interview, dass Sie nicht als Vorbild für eine gelungene Integration und den damit verbundenen sozialen Aufstieg gelten wollen, sondern eher ein Beispiel dafür sind, dass es klappen kann, wenn man seine Chancen nutzt. Welche waren das?

! Für das Thema Integration kann man nicht nur die Politik verantwortlich machen, sondern muss auch selbst einen Beitrag dazu leisten. Meine Eltern haben sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir uns an das deutsche Leben anpassen, quasi die Regeln in Deutschland beachten. Das Gleiche hätten sie in Griechenland von Zugezogenen auch erwartet. Auf meinem Lebensweg bin ich immer wieder Menschen begegnet, die mir ihre Hilfe anboten und mich mit offenen Armen empfingen. Ich bin froh, dass ich diese Zeichen gesehen und wahrgenommen habe. Ich war offen für die Hilfe und habe sie gerne angenommen. Das Wort „Vorbild“ ist für mich viel zu groß. Ich möchte nicht so eine schwere Last mit mir herumtragen.

? Sehen Sie für sich eine Aufgabe darin, im aktuellen griechisch-deutschen Verhältnis zu vermitteln?

! Da ich keine Politikerin bin, ist das wohl eher schwierig. Ich kann den Menschen hin und wieder einen kleinen Einblick gewähren, warum sich der Ärger bei den Griechen so geballt anfühlt. Und als Mensch mit beiden Staatsbürgerschaften würde ich es natürlich begrüßen, wenn der europäische Gedanke einer Staatengemeinschaft die Oberhand gewinnt.

? Jan Hofer spricht seit vierzig Jahren die Nachrichten der Tagesschau und ist seit 1. Oktober 2004 ihr Chefsprecher. Schwebt Ihnen eine ähnliche Karriere vor?

! Ich bin kein Mensch, der große Zukunftspläne macht, weil ich ja noch nicht einmal weiß, was ich morgen erleben werde. Von daher, lassen wir uns überraschen.

 

Das Gespräch führten Bettina Schellong-Lammel und Heide-Ulrike Wendt

 

Kasten:

Nach dem Abitur 1994 begann Linda Zervakis ein Praktikum in der Werbeagentur BBDO, bei der sie anschließend als Texterin arbeitete.Später war sie als Volontärin und Redakteurin bei verschiedenen Hörfunk- und Fernsehproduktionsfirmen tätig.

2001 wechselte sie zum NDR. Zunächst als Nachrichtensprecherin und Redakteurin beim Hörfunkprogramm N-JOY, ab 2004 auch vor der Kamera als Nachrichtensprecherin und Reporterin für das Schleswig-Holstein-Magazinund die Sendung Schleswig-Holstein 18 Uhr. Seit 2006 moderiert sie die Tagesschau-Nachrichten auf tagesschau24.

Ab Februar 2009 vertrat Zervakis Gabi Bauer und Ingo Zamperoni im Nachtmagazin; im Februar 2010 wurde sie dann Sprecherin der Tagesschau.Von Juli bis September 2011 war Zervakis außerdem im Nachmittagsprogramm von 1 Livezusammen mit Simon Beeck als Urlaubsvertretung zu hören.

Sei dem 17. Mai 2013 ist Linda Zervakis Sprecherin der Tagesschau-Hauptausgabe.

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