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Meisterfotograf Sergej Borisov: Bohéme und Perestroika
Fotografie

Meisterfotograf Sergej Borisov: Bohéme und Perestroika 

Mit fast 100 Ausstellungen in den letzten 24 Jahren ist er der berühmteste russische Fotograf der Gegenwart. Sergej Borisov lichtete in den 1980er Jahren die russische alternative Künstlerszene ab. In seinem legendären „Studio 50A“ in Moskau arbeiteten, schliefen und trafen sich die von den Verbänden ausgeschlossenen Künstler der ganzen Sowjetunion, denen er mit analoger Schwarz-Weiß-Fotografie ein grandioses Denkmal setzte. NITRO sprach mit ihm über Zensur, die Welt des Untergrunds und sein heutiges Schaffen.

? Ihre Fotografien sind seit Jahrzehnten von einem ganz speziellen Stil geprägt. Wie schafft man diese Kontinuität bei einem so gravierenden Systemwechsel, wie er in Russland stattgefunden hat?

! Als in unserem Land die Zeit der Stagnation war, die Generalsekretäre der KPdSU aber ständig wechselten, hatte ich mir angewöhnt, die Mächtigen nicht weiter zu beachten. Für mich existierte nur die Welt des Showbusiness, um mein Geld zu verdienen und die Welt des Untergrundes für meine Seele. Meine ersten Fotografien stellte ich in privaten Räumen in der „Malaja Grusinskaja“ (1) aus.In denMedien durfte nicht über meine Ausstellungen berichtet werden. Dennoch waren sie unglaublich beliebt. Die Leute versammelten sich schon nachts vor dem Eingang, machten sich ein wärmendes Feuer und diskutierten miteinander, nur um am nächsten Tag als erste die Ausstellung sehen zu können.

? Wie konnten Sie denn in diesen schwierigen Zeiten der Zensur entkommen?

! Ich entwarf ja offiziell Plakate und Albumcover für Melodia (2), die ich aber ständig überarbeiten musste, weil die Zensur glaubte, darin einen versteckten Protest gefunden zu haben. Das Publikum wiederum erwartete von mir natürlich genau diesen Protest. Auch wenn es mir auf den Plakaten äußerst selten gelang, ihn gut getarnt unterzubringen, so glückte mir das bei meinen Ausstellungen umso mehr. In der Sowjetunion war das Veröffentlichen einer Fotografie, auf der eine Persönlichkeit der Alternativen Szene abgebildet war, eine deutliche Provokation.

? Die Staatsmacht ahndete so etwas normalerweise mit Repressalien. Wie war das bei Ihnen?

! Als ich 1978 die Tochter eines belgischen Diplomaten heiratete, wurde ich ein wenig zur unantastbaren Person. Ich musste mich nicht fürchten, wegen einer politisch unkorrekten Aufnahme oder eines unreifen Ausspruchs verhaftet zu werden.

Ich zeigte das kulturelle Milieu Russlands

? Sie haben sich in der Folge immer mehr dem nonkonformistischen Teil (3) ihres Schaffens gewidmet. 1988 stellten Sie sogar erstmals in Paris aus…

! Während der Perestroika fing die internationale Presse an, sich für meine Arbeiten aus dem Untergrund zu interessieren, was mich ermutigte, vor allem dort weiter zu fotografieren. Da die Nachfrage daran nicht nachließ, begann ich zu ahnen, dass meine Fotografien mehr als nur einen momentanen Wert haben. Ich zeigte das kulturelle Milieu Russlands, das bis dahin nur in den Kellerlöchern der Großstadt stattgefunden hatte. Die ausländischen Korrespondenten standen bei mir Schlange, weil sie von der Fotoagentur TASS zwar schöne Bilder von Gorbatschow und seiner Frau Raissa bekamen, aber viel mehr auf der Suche nach dem waren, was in der Sowjetunion an Neuem entstand.

? Welche Ziele und Träume hatten Sie während dieser Zeit?

! Zu Beginn der Perestroika fragte mich ein Korrespondent der Zeitung «Le Monde», was ich mir eigentlich wünsche. Ich antwortete: Break Dance auf dem Roten Platz. Alle haben bei diesem Scherz herzlich gelacht. Fünf Jahre später war es kein Scherz mehr. Als im August 1991 die Panzer durch Moskau dröhnten, bin auch ich auf die Barrikaden gegangen. Leider zwang mich das, was danach kam, noch tiefer in den Keller meiner Werkstatt zurück. Seit dieser Zeit sehe ich die Welt so, wie ich sie gerne sehen möchte. Nur manchmal spiegeln meine Arbeiten die Realität wider.

Der Wert der Kunst wird nur an Geld gemessen, an viel Geld

? Wie hat sich das Interesse an Ihren Arbeiten in den letzten zwanzig Jahren geändert?

! In den 1990er Jahren konnten westliche Fotografen endlich selbst fotografieren, wie sich das neue Russland entwickelte. Aber der Fokus verschob sich schnell auf Tschetschenien und die Kriminellen in unserem Land. Ich arbeitete zu der Zeit an einem Projekt, dem ich den Titel „Russische Schönheiten“ gab. Als ich meinem Galeristen in der Schweiz davon erzählte, riet der mir ab: „Russische Schönheiten“ wären ein Synonym für „Prostituierte“. Die Geschichte hat eben viele Ironien.

? Ihre Bilder werden von Museen erworben und auf allen führenden Auktionen der Welt verkauft. Hat sich dadurch ihre Existenzgrundlage verändert?

! Ich arbeitete am Anfang meiner Karriere in einer genossenschaftlichen Organisation. Da verdiente ich ganz gut. Dann begann ich, die Musiker und Sterne des sowjetischen Showbusiness abzulichten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion steigerte sich das Niveau meines Verdienstes noch einmal wesentlich. Materiell geht es mir also sehr gut. Aber der soziale Status eines Kulturschaffenden wurde in unserem Land schnell herabgesetzt. Der Wert der Kunst wird nur an Geld gemessen, an viel Geld.

Ausstellungen über den Moskauer Untergrund

? Ist die Fotografie im heutigen Russland als eigenständige Kunstform anerkannt und geachtet?

! Das ist schwer zu sagen. In Moskau und Sankt Petersburg gibt es viele, die die Fotografie als Kunstform anerkennen und respektieren. Mittlerweile gibt es auch russische Sammler, die meine Fotografien erwerben. Auf der anderen Seite nutzen die Kulturfunktionäre die Fotografie wegen ihres dokumentarischen Charakters. So veranstalten Museen und Fotozentren oft Retrospektiven und Personalausstellungen verstorbener Persönlichkeiten. Leider ist es in Mode gekommen, anstelle der Fotoabzüge immer mehr Computer-Prints auszustellen. Das Gros der Bevölkerung aber versteht unter Fotografie nur die Bilder, die sie selbst mit ihrem Handy machen.

? An welchen Projekten arbeiten Sie gegenwärtig?

! Ich bereite gerade zwei große Ausstellungen vor – eine über den Moskauer Untergrund für das Museum für Gegenwartskunst in Perm. In der zweiten Ausstellung, die in einem bekannten internationalen Museum stattfinden wird, geht es ebenfalls um Moskau, aber weil ich ein wenig abergläubisch bin, will ich den Namen des Museums jetzt noch nicht nennen.

? Welche Zukunftsaussichten haben junge Fotografen in Russland?

! Ähnliche wie junge Fotografen im restlichen Europa. Die meisten von ihnen werden Hochzeiten und Beerdigungen fotografieren, und nur ein bis zwei werden berühmt – die sind dann das Auge einer Generation.

Das Interview führte Bernd Lammel

Mitarbeit: Natascha Küter

(1) Malaja Grusinskaja Uliza: Straßenname in Moskau

(2) Melodia: sowjetische Plattenfirma

(3) Russische Nonkonformisten: Künstler, die von 1953 bis 1986 als Gegenbewegung zum Sozialistischen Realismus in Literatur, bildender Kunst und Musik in der Sowjetunion wirkten

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