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“Ein Jahr im ewigen Eis”

Ein Jahr im ewigen Eis

Im September startete der deutsche Forschungseisbrecher zu einer einzigartigen Expedition. Seit Oktober driftet die Polarstern eingefroren durch das Nordpolarmeer. Ein einzigartiges Experiment mit dem Namen „MOSAiC-Expedition“*. Mehr als 600 Wissenschaftler aus 19 Natio­nen werden ein ganzes Jahr lang die Arktis erforschen, und sie überwintern in einer Region, die in der Polarnacht nahezu unerreichbar ist.

Allein die Naturgewalt der Eisdrift bietet der Wissenschaft diese einmalige Chance. Auf einer Eisscholle schlagen sie ihr Forschungscamp auf und verbinden es mit einem kilometerweiten Netz von Messstationen. In keiner Region der Welt zeigt sich der Klimawandel klarer als in der Arktis. Die Forschungsergebnisse der MOSAiC-Expedition werden ein Meilenstein für die Klimaforschung sein. NITRO hat mit dem Expeditionsleiter Prof. Dr. Markus Rex über die Herausforderungen dieser internationalen Expedition gesprochen, wie lange sie vorbereitet wurde und warum die Forschungsergebnisse so wichtig für den globalen Klimawandel sind.

? Markus Rex, Sie sind Wissenschaftler im Alfred-Wegener-Institut, kurz AWI, am Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Die Medien bezeichnen Sie als Atmosphärenforscher oder Atmosphärenphysiker. Welche Bezeichnung ist korrekt?

! Es ist beides korrekt. Ich habe Physik studiert, Meteorologie und Geophysik und ein Diplom in Physik erhalten. Mein Spezialgebiet ist aber schon seit Jahrzehnten die Atmosphärenphysik. Insofern bin ich sowohl Atmosphärenforscher als auch Atmosphärenphysiker.

? Somit genau beschäftigen Sie sich am AWI?

! Ich und die anderen Wissenschaftler am AWI möchten verstehen, wie die polare Atmosphäre im globalen Klimasystem funktio­niert und welche Wechselwirkungen und Einflüsse sie auf das Klima der Welt hat.

? In wie vielen Arktis-Expeditionen haben Sie bisher teilgenommen?

! Ich habe es noch nie gezählt, es müssen aber mehr als 20 Expeditionen in beiden Polarregion und in anderen Teilen der Welt sein, dabei auch auf Borneo, in Nepal und auf der Südseeinsel Palau, aber zum Großteil in den beiden Polarregionen Arktis und Antarktis.

? Sie sind der Leiter der MOSAiC-Expedition, die im September mit dem deutschen Forschungseisbrecher Polarstern in die Arktis aufgebrochen ist. Die Medien bezeichnen die „MOSAiC-Expedition als eines der größten und aufwendigsten Forschungsabenteuer unserer Zeit“. Was macht diese Expedition so einzigartig und spektakulär?

! Zum ersten Mal wird ein Forschungseisbrecher ein ganzes Jahr in direkter Umgebung des Nordpols bleiben – also einschließlich des Winterhalbjahrs. Weil das Eis im Winterhalbjahr so dick ist, dass wir mit unseren Eisbrechern nicht durchbrechen können, sind wir in dieser Jahreszeit bislang immer aus der zentralen Arktis ausgesperrt gewesen. Für die jetzige Expedition direkt am Nordpol mussten wir ein gewaltiges logistisches Konzept entwickeln, bei dem insgesamt fünf Eisbrecher zum Einsatz kommen.

? Wer ist „wir“?

! Das Alfred-Wegener-Institut führt die Expedition mit seinen internationalen Partnern durch, die alle eine hohe Kompetenz in der Polarforschung haben und mit denen wir dieses einzigartige Experiment innerhalb von sieben Jahren vorbereitet haben. Es ist ein internationales Konsortium entstanden, dem 60 Institutionen aus 19 Nationen angehören.

? Wie viele Wissenschaftler begleiten Sie auf der Expedition?

! Etwa 600 Wissenschaftler aus 19 Ländern und mehr als 60 wissenschaftlichen Institutionen (6 x 100 Personen werden sich während der Expedition an Bord abwechseln, Anm. d. Red.). Die MOSAiC Expedition ist nicht nur einmalig, sie ist international aufgestellt und sehr interdisziplinär.

Natürlich sind Länder mit sehr unterschiedlichen geopolitischen Interessen dabei – die USA, Russland, China – und sehr viele der europäischen Länder. Es ist fantastisch zu sehen, wie effizient und freundschaftlich in diesem wissenschaftlichen Projekt gemeinsam an der Lösung der großen Fragen der Menschheit gearbeitet wird.

? Gab es einen Auswahlprozess, wer an der exklusiven Expedition teilnehmen darf?

! Natürlich. An einer so einzigartigen Expedition wollten natürlich viele Forscher teilnehmen. Wir konnten uns weltweit die besten Wissenschaftler für die jeweiligen Disziplinen aussuchen, deshalb konnten wir weltweit das beste Team an erstklassigen Polarforschern zusammenstellen.

? Wer hatte eigentlich die Idee für die Expedition?

! Die Idee hatte vor fast zehn Jahren Klaus Dethloff, mein Vorgänger in der Leitung der Atmosphärenforschung am Alfred-Wegener-Institut. Zunächst war die Idee nur ein Traum. Wir haben diese „Traum-Idee“ am Institut aufgenommen, Stück für Stück und konsequent weiterentwickelt und sie mit unseren internationalen Partnern diskutiert. Ein Jahr Inspiriert wurden wir vom norwegischen Polarforscher Fridtjof Nansen, der schon vor 125 Jahren die erste und bis heute wegweisende Expedition in diese Eisdrift unternommen hat. Nansen hat damals eine Pionierleistung vollbracht, denn niemand vor ihm ist so weit im Norden gewesen. Dies machen wir nun erstmals mit einem modernen Forschungseisbrecher nach.

? Klingt nach einer Expedition, die eine starke Finanzierung braucht.

! Ohne eine gesicherte Finanzierung ist ein solches Projekt nicht umsetzbar, und wir haben viele Jahre und viel Energie darauf verwendet, die Finanzierung von vielen Partnern zusammen zu bekommen. Zumal sehr schnell klar war, dass sich eine Expedition in dieser Größenordnung mit einem einzelnen Schiff gar nicht realisieren lässt. Die logistischen Herausforderungen, die wir in der Polarforschung in diesem Bereich im Winter haben, sind so enorm, dass sich viele Partnerländer an Logistik und Finanzierung beteiligen müssen, das kann ein Land alleine nicht realisieren. Deutschland hat hierbei aber eine Führungsrolle übernommen, und das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert einen großen Anteil der Expedition.

? Neben der zeitaufwendigen Sicherung der Finanzierung mussten Sie die Expedition auch logistisch vorbereiten. Wie bereitet man eine Expedition der Superlative vor, die so noch nicht stattgefunden hat?

! Wir haben zunächst ein umfangreiches Logistikkonzept entwickelt und uns die Frage gestellt: Welche Eisbrecher können unserem zentralen Forschungsschiff, der Polarstern, helfen, eine solche Expedition überhaupt möglich zu machen? Außerdem musste ein exakter logistischer Ablaufplan erstellt werden – welcher Eisbrecher bringt uns wo und wann neuen Nachschub, welcher Ablauf ist mit den unterschiedlichen Fähigkeiten der beteiligten Eisbrecher am sichersten realisierbar?

? Nun sind Sie im September von Norwegen aus in die Arktis gestartet …

! Genau. Wir sind im September gestartet, weil die Meereisschicht im Herbst am dünnsten ist und wir sie noch durchbrechen können. Im Oktober werden wir uns dann fest einfrieren lassen.

? Wo genau sind Sie in der Arktis vom Rest der Welt isoliert?

Wir driften eingeschlossen in das Eis über die Polarkalotte – mit der natürlichen Drift des Meereises von Sibirien über den Nordpol in den atlantischen Sektor der Arktis hinein. Einen Teil der Zeit werden wir uns im direkten Polbereich nördlich des 87. Breitengrades befinden. Das ist so weit im Norden, dass wir kaum noch Polarlichter sehen.

? Reicht der Treibstoff, den Sie an Bord haben, für ein ganzes Jahr im Eis?

! Nein. Die Bunkerkapazität des Eisbrechers reicht nicht, um ausreichend Treibstoff mitzunehmen. Doch nur mit genügend Treibstoff können wir das Schiff ein ganzes Jahr lang betreiben, heizen und Strom erzeugen für unser umfangreiches wissenschaftliches Equipment. Wir sind auf Unterstützung durch unsere Partnereisbrecher angewiesen.

? Treibstoff in die zentrale Arktis zu liefern ist sicher nicht ganz einfach …

! Wir benötigen die Unterstützung von weiteren Eisbrechern. Es beteiligen sich an der Versorgung der Expedition fünf der besten Eisbrecher der Welt – verteilt über ein Jahr. Die gesamte Flotte muss auf der Nordkalotte choreografiert werden, um uns jeweils zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit Treibstoff zu versorgen. Eine ambitionierte logistische Herausforderung, bei der alles wie bei Zahnrädern ineinandergreifen muss. Und fast ein halbes Jahr lang wird das Eis so dick sein, dass niemand zu uns vorstoßen kann.

? Welche Temperaturen herrschen in der Arktis im Winterhalbjahr?

! Temperaturen von minus 40 oder bis zu minus 45 Grad, und zum Teil toben gewaltige Stürme in der Zentralarktis. Unter solch schwierigen Wetterbedingungen können Forschungen nicht ganz einfach durchgeführt werden.

Lesen Sie das ganze Interview im aktuellen Heft.

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