Boulevard ist Meinungsfreiheit
Heft 22

Boulevard ist Meinungsfreiheit

Als der ehemalige Bild-Chefredakteur Peter Boenisch 2003 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland bekam, hatte ich die heikle, aber passabel bezahlte Aufgabe, die Rede zu schreiben, die die verleihende Ministerin hielt. Für mich persönlich war das eine ­Gelegenheit zu einer späten, aber überfälligen Annäherung an einen Mann, der in meiner Ideenwelt einmal das absolute Böse verkörpert hatte.

Ich gehöre der Generation an, deren Blick auf Boulevardzeitungen früh von Günter Wallraff und Heinrich Böll geprägt wurde. Der Nobelpreisträger Böll hatte Boenisch in den späten Sechzigerjahren nicht nur wegen der scharf antilinken Haltung der Bild-Zeitung sondern auch wegen Schlagzeilen wie „Der Mond ist jetzt ein Ami“ als „Platitüdenkrieger“ abgekanzelt.

An der Schlagzeile zur ersten Landung auf dem Mond im Juli 1969 konnte ich 34 Jahre später nichts Anstößiges mehr entdecken. Aber Wallraffs Bild-Buch und sein tollkühnes Eindringen als mit falschem Namen getarnter Agent in die hannoversche Lokalredaktion der Bild wirkten 2003 immer noch nach. Zumindest als ein Beispiel dafür, was Journalismus alles ist. Ich kann mich heute noch erinnern, wo und wann ich 1977 im Radio die Nachricht gehört hatte, dass Wallraff sich inkognito bei Bild hatte anwerben lassen – so wie andere noch genau wissen, was sie taten, als Kennedy ermordet wurde oder als die Flugzeuge ins World Trade Center flogen. Und ich kann sagen, dass ich damals elektrisierte Genugtuung empfand.

Dabei hatte die Bild-Zeitung in meiner Sozialisation als Leser eine wichtige Rolle gespielt. In den frühen Siebzigerjahren, als ich in der fünften und sechsten Klasse des Gymnasiums war, kaufte ich sie mir jeden Morgen vor der Schule in einem Tabakwarenladen im Braunschweiger Magniviertel. Die alleinige Lektüre meines Heimatblatts genügte mir nicht mehr, aber die großen Qualitätszeitungen lagen noch jenseits meines kindlichen Horizonts. Der Händler war begeistert und schenkte mir eines Tages den Spiegel. Das Heft habe ich dann wochenlang abgearbeitet, ein Artikel pro Tag, aber die Lektüre der Bild hatte mich vorbereitet auf das Magazin, dessen boulevardeskes Flair nur etwas besser kaschiert war.

Ich bin ein Beispiel für die Einstiegsfunktion, die Boulevardmedien haben. In Ländern ohne große Boulevardzeitungen wie Frankreich oder Spanien wird traditionell weniger Zeitung gelesen. Nicht nur, weil dort keine Massenblätter mit Millionenauflagen die Statistiken verbessern. Sondern auch, weil viele Menschen nie eine Chance hatten, sich von den einfach gestrickten Produkten zu etwas höherstirnigen Medien vorzuarbeiten. Doch selbst, wenn sie ihr Leben lang nur eine Boulevardzeitung lesen würden, wäre das besser als gar keine Zeitung. Denn wer sich eine Welt ohne Boulevardmedien wünscht, will eine Welt, in der der einfacher gestrickte Teil der Bürger von vielen Informationen ausgeschlossen wäre.

Während ich mich für die Rede mit Boe­nischs Leben beschäftigte, wurde mir klar, dass Boulevardzeitungen auch noch aus anderen Gründen für Demokratien unerlässlich sind. Nicht umsonst wurden sie in Ländern wie England und den USA erfunden, die für ein Land wie Deutschland Vorbilder im Frei-Sein ebenso wie in puncto Zeitungsqualität sind. Diktaturen halten sich allenfalls Boulevardsimulationen wie B.Z. am Abend in der DDR. Doch das Interesse an der schmutzigen Wäsche der Privilegierten – zu denen in Zwangssystemen immer auch Schauspieler und Künstler, also die Objekte des Klatschjournalismus, gehören – verträgt sich nicht mit der Paranoia autoritärer Regime. Nach dem Ende des Kommunismus schossen in Osteuropa überall Boulevardzeitungen aus dem Boden. Oft waren sie kurzlebig. Häufig war das, was drinstand, nicht schön. Aber Meinungsfreiheit ist ohne sie nicht zu haben.

Boulevardzeitungen sind auf eine ruppige Weise egalitär. Es schien in den Sechzigerjahren keine zwei Phänomene zu geben, die weniger miteinander gemein hatten als Boenischs Bild und die politischen Bewegungen, die man heute unter dem Kürzel 1968 summiert. „Springer hat mitgeschossen“ hieß es nach dem Attentat auf Rudi Dutschke. Doch die Achtundsechziger und Bild waren zwei Seiten desselben gesellschaftlichen Trends. Die Honoratiorenwelt der frühen Nachkriegszeit wurde infrage gestellt. Bis dahin hatte eine relativ kleine Kaste das Monopol auf die Deutung der Dinge gehabt. Im Zweifelsfalle entschied sie, ihre Schäfchen von bestimmten Informationen und Erklärungsmodellen fernzuhalten. Das wurde nun schwieriger.
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