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Heft 4-2023 | KI und die Zukunft der Arbeit
Auf zur Fleischwende!
(c) Bernd Lammel
Schmeckt's? Gutes Essen - Schlechtes Essen

Auf zur Fleischwende! 

Klima- und Biodiversitätskrise, Höfesterben und unsere Gesundheit hängen eng mit der Frage zusammen, was uns tierische Lebensmittel wert sind. Für die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sind das gute Gründe, mit Nachdruck Veränderungen einzufordern.

In Deutschland leben über elf Mil­lionen Rinder, doch wer über Land fährt, sieht in den meisten Regio­nen mehr Rehe als Rinder in der Landschaft. Ebenfalls praktisch unsichtbar vegetieren hierzulande 21,4 Millionen Schweine und 120 Millionen Hühner, Puten, Enten und Gänse vor sich hin. Von den über 49 Millionen eierlegenden Hühnern (Hennen) lebt immerhin jedes Dritte in Freiland- oder Ökohaltung mit Auslauf, Tendenz steigend.

Ein wichtiger Hebel war dabei die 2004 auf EU-Ebene eingeführte Kennzeichnungspflicht, dank der sich immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher über das Tierleid in Käfigen entrüsteten. Gleichzeitig forderten Höfe mit Freilandhaltung gesetzliche Maßnahmen gegen Käfigeier-Kartons mit Bildern von glücklichen Hühnern im Stroh. Beides zusammen erzielte Erfolg: Seit dem Jahr 2004 sichert die Kennzeichnungspflicht, dass wir heute Käfigeier meiden können. Das hat den Markt umgekrempelt: Inzwischen werden 99 Prozent der Eier aus alternativer Haltung gekauft. Käfigeier verstecken sich allerdings weiterhin in Eiernudeln, Gebäck und Kantinenessen, wo sie nicht gekennzeichnet werden müssen. Fast zehn Jahre später kommt nun die Pflichtkennzeichnung für Schweinefleisch. Weitere Tierarten respektive Fleischsorten sollen folgen. Voraussichtlich ab 2024 gilt bei frischem Schweinefleisch im Kühlregal: Die Label „Stall + Platz“ und „Stall“ sollte man meiden, denn Stall + Platz“ bedeutet nur 12,5 Prozent mehr Platz je Schwein und kaum eine Verbesserung zur Massentierhaltung. Für tierschutzbegeisterte Menschen kommen künftig – wenn überhaupt – nur „Frischluftstall“, besser noch „Auslauf, Weide“ oder „Bio“ in Frage.

Die DUH macht sich seit Jahren bei der „Wir haben es satt“-Demo gemeinsam mit Bäuerinnen und Bauern für den agrarökologischen Wandel stark, vor allem für die Fleischwende. Gespräche mit protestierenden Bäuerinnen und Bauern in den Treckerkorsos vermitteln den Eindruck: Die Betriebe stehen genauso wie die Gesellschaft in den Startlöchern für tiefgreifende Veränderungen. Anders die Ernährungsindustrie und die Funktionäre des Deutschen Bauernverbandes, die zum Teil Posten in dieser Industrie oder politische Funktionen bekleiden. Die Fleischindustrie zum Beispiel profitiert von Übermengen an billigen Rohstoffen wie Hähnchenfleisch und Schweinekotelett. Überproduktion ermöglicht ihnen erst, die Erzeugerpreise zu drücken.

Ungewöhnliche Allianz fordert Fleischabgabe und Kennzeichnung

Anfang 2020 forderten in überraschender Eintracht Bauern- und Umweltverbände mit einem Gutachten des „Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung“, eine Fleischabgabe von rund 40 Cent pro Kilo Fleisch zu erheben, um gezielt jene Bauernhöfe zu fördern, die ihre Ställe tiergerechter umbauen. Mit dem Umbau der Tierhaltung haben allerdings die Schlachthofindustrien wie Tönnies, Westfleisch, Wiesenhof und Co. ein Problem. Wesentlicher Teil ihres Geschäftsmodells sind Fleischexporte. Doch das wichtigste Exportland China will den Fleischkonsum bis 2030 halbieren. China stoppte Importe aus Deutschland nach massenhaften Covid-19-Ausbrüchen bei Beschäftigten an Schlachthöfen. Seit dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest und der Geflügelgrippe exportieren deutsche Schlachthöfe kaum noch nach China. Insgesamt brach der Fleischexport 2017 bis 2022 um 19 Prozent ein. Während einzelne Unternehmen mit vegetarischen Fleisch­ersatzprodukten erfolgreich neue Märkte eroberten, fehlt dem Gros der Fleischindustrie und Molkereikonzerne neue Geschäftsmodelle.

Die DUH setzt sich für den Umbau der Tierhaltung und damit für die Abgabe auf Fleisch ein. Alte Marktweisheit: Steigt der Preis, sinkt der Konsum. Die seit langem relativ niedrigen Preise für Fleisch in Deutschland führen zu einem viel zu hohen Fleischkonsum von jährlich 52 Kilogramm pro Person. Die günstigen Preise führen auch dazu, dass Fleischprodukte ungegessen in der Tonne landen. Von den Fleischwaren, die nie auf einen Teller gelangen, wird zwar der Großteil in Schlachthöfen und im Handel verschwendet, aber eben auch elf Prozent EU-weit in den Privathaushalten. Die Hälfte davon wäre vermeidbar. Wertschätzung und Preissignale spielen hier eine wichtige Rolle.

Dicke Luft aus den Ställen

Die DUH kämpft dafür, frische Luft und den Klimaschutz in die Ställe zu bringen. Auch hier spielt die Haltungsform eine große Rolle: Aus Schweineställen etwa treten weniger klimaschädliche Gase und Ammoniak aus, wenn die Tiere genug Platz bekommen, um eine „WG-Toilette“ einzurichten, die abseits des Fressbereichs liegen muss. Ist der Stall zu klein, kann die Raumtrennung nicht gelingen, und die ganze Stallfläche stinkt nach Ammoniak. Ammoniak und die mit ihm in der Luft gebildeten Feinstaubpartikel gefährden die menschliche Gesundheit ebenso wie die Atemwege der Stalltiere, und sie schädigen Ökosysteme. Bei fachgerechter Weidehaltung produzieren Rinder weniger Schadstoffe als in engen Ställen. Das Methan aus der Verdauung von Weidetieren wird teils kompensiert, weil das Dauerweiden Kohlenstoff-Senken bildet.

Die Tierhaltung ist mit 76 Prozent für den klimaschädlichen Methanausstoß verantwortlich und mit 70 Prozent Hauptverursacher von Ammoniak-Emissionen. Mit mehr Tierschutz und einem Moratorium gegen neue gewerbliche Großställe ergibt sich eine einfache Rechnung: Mehr Platz je Tier bedeutet weniger Tiere in Summe – in Verbindung mit besseren Haltungsbedingungen entstehen folglich weniger Klimagase und Luftschadstoffe.

Die Deutsche Umwelthilfe setzt sich zugleich für kostendeckende Erzeugerpreise ein. Bauernhöfe brauchen ein Auskommen – trotz des verringerten, aber dafür hochwertigeren Outputs. Eine Quelle für die Umbaufinanzierung ist die Abgabe auf tierische Produkte, gebunden an konkrete Reduktions- und Umbaumaßnahmen auf Höfen und in Ställen. Damit hätte das Ausspielen von Umwelt- und Tierschutz gegen die Interessen der Landwirtinnen und Landwirte ein Ende. Das wird Tönnies, Wiesenhof und Co. nicht gefallen, für lebendige ländliche Regionen mit bäuerlichen Betrieben, für die Heilung überdüngter Ökosysteme und des belasteten Trinkwassers ist es aber notwendig.

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Die Zahlen und Fakten in diesem Beitrag wurden von der Deutschen Umwelthilfe zusammengetragen und zuerst im Magazin DUHWelt veröffentlicht.

Von Reinhild Benning / Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), gegründet 1975, engagiert sich im Umwelt- und Naturschutz, im Verbraucherschutz sowie auf den Gebieten der regenerativen Quellen, der Energieversorgung, der Ressourcenschonung und der nachhaltigen Mobilität. Die DUH tritt als Verbraucherschutzorganisation für die Rechte der ­Bürger in Sachen Umwelt-, Klima- und Naturschutz ein. 1998 entstand unter ­Mitwirkung der DUH die internationale Umweltstiftung Global Nature Fund (GNF), die sich als internationale Stiftung um den Erhalt von Wasser-Ökosystemen ­bemüht. Seit 2004 ist die DUH ein klageberechtigter Verbraucherschutzverband und seit 2008 eine klageberechtigte ­Vereinigung nach dem Umwelt-Rechts­behelfsgesetz.

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